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Sport und Zucht zugleich

Viele Züchter wollen lieber Hengste einsetzen, die sich bereits im Sport bewährt haben. Doch wie sieht das Management eines Deckhengstes aus, der auch auf Turnieren vorgestellt wird – und wann ist die Doppelbelastung aus Zucht und Sport zu groß? Wir durften bei Jens Hoffrogge von der Hengststation Hoffrogge und Ludwig Stassen vom Gestüt Bönniger einen Blick hinter die Kulissen werfen.

Jens Hoffrogge, selbst in der Vielseitigkeit hocherfolgreich, unterscheidet bei der Doppelbelastung durch Sport und Zucht folgendermaßen: „Den Hengst während der Decksaison in einer Jungpferdeprüfung wie einer Dressur- oder Springpferde L vorzustellen, ist meiner Meinung nach kein Problem. Das lässt sich gut vereinbaren. In diesem Fall muss man es nur so organisieren, dass die Hengste morgens früh abgesamt werden und danach zum Turnier fahren.”

Je älter der Hengst und je fortgeschrittener in der Ausbildung, desto aufwendiger ist allerdings die Turnierplanung: „Gerade die Vielseitigkeitspferde, die in den höheren Klassen starten und mehrere Tage auf Übernachtungsturnieren unterwegs sind, stehen den Züchtern dann drei, vier Tage nicht zur Verfügung. Hier gibt es sehr unterschiedliche Reaktionen seitens der Züchter. Einige sind froh, dass die Hengste im Sport zu sehen sind, andere wollen eher, dass die Hengste immer zur Verfügung stehen”, erklärt Jens Hoffrogge das Dilemma, mit dem viele Hengsthalter zu kämpfen haben. „Bei Turnieren, die über mehrere Tage gehen, muss man dann zur Not mit TG-Samen arbeiten.”

Vorsicht vor der Doppelbelastung

Auch die körperliche Belastung beim Deckakt sei nicht zu unterschätzen: „Wenn das Pferd ausgewachsen ist, und fünf- oder sechsjährig Jungpferdeprüfungen bestreitet, stellt der Sprung auf das Phantom oder die Stute keine große zusätzliche Belastung dar. Doch bei ganz jungen Hengsten, die gerade erst dreijährig sind, und noch mitten in ihrer körperlichen Entwicklung stecken, bedeutet der Deckakt durchaus eine körperliche Belastung. In diesem Fall muss sich das Decken und der Turniereinsatz sowie das Training die Waage halten. Das ist eine Managementsache, die durch den Hengsthalter und den Reiter stattfinden muss, damit das junge Pferd nicht zu viel arbeitet, wenn es deckt.“

Den Deckhengst auch im Sport einzusetzen, sei aber grundsätzlich immer eine schmale Gratwanderung: „Wenn der Hengst auf das Phantom springt oder sogar im Natursprung deckt, werden der Rücken und die Knie deutlich beansprucht und das ganze Gewicht auf die Hinterhand verlagert. Bei den Vielseitigkeitspferden, die in den höheren Klassen starten, entsteht dadurch ein Konflikt, weil diese durch die langen Galoppstrecken die Knie ohnehin sehr beanspruchen. Das ist also nochmal eine zusätzliche Belastung. Hier muss man durch geschicktes Management dennoch versuchen, Regenerationszeiten für das Pferd zu schaffen.“

Jens Hoffrogge konnte 2020 den siebenjährigen Kros in Gahlen bereits in der schweren Klasse platzieren.
Foto: Hengststation Hoffrogge

Das gleiche gilt auch für andere Sparten der Reiterei: „Wenn ein Dressurpferd Piaffe und Passage absolviert, werden die Knie ebenfalls stark belastet, außerdem auch das Iliosakralgelenk und die Sprunggelenke. Einige halten das besser aus als andere, was aber auch immer von der körperlichen Konstitution des Hengstes und dem Management abhängt. Im internationalen Grand Prix Sport, sei es Dressur, Vielseitigkeit oder Springen, wird das Management eines zeitgleichen Einsatzes in Zucht und Sport immer schwieriger”, so Hoffrogge. Einen Deckhengst öffentlich vorzustellen setzt Besitzer und Reiter daher gleichermaßen unter Druck. „Man sollte einen Hengst nur zeigen, wenn er wirklich gut ist. Eine Stute oder ein Wallach darf immer mal einen Fehler machen, ein Deckhengst wird selbst auf einem kleinen, ländlichen Turnier hinsichtlich seiner möglichen Vererbung bewertet. Daher lässt man einen Deckhengst im Zweifel lieber zuhause.”

Zu der körperlichen Belastung gesellt sich außerdem auch die psychische Belastung: „Natürlich gibt es Deckhengste, die hengstiger sind als andere. Und es gibt auch manche Pferde, die eine Doppelbelastung aus Sport und Zucht nicht vertragen. Wir haben mit unseren Hengsten da aber zum Glück kaum Probleme”, erklärt der Hengsthalter. Damit der Hengst das Deckgeschäft nicht mit dem Training verwechselt, gibt es viele Herangehensweisen: „Einige Hengststationen versuchen zu vermeiden, dass der Reiter den Hengst beim Deckakt an der Hand hat, damit der Hengst das nicht verknüpft. Das hat uns aber noch nie Probleme bereitet, sodass wir hier keine so strikte Trennung vornehmen. Man merkt allerdings schon, wenn man einen Hengst in Richtung Station und Deckraum führt, dass er etwas nervös wird. Wenn die Hengste dagegen gesattelt werden, wissen sie, dass Training angesagt ist.”

Trotzdem kann es sein, dass manche Hengste auf einem Turnier etwas zu sehr aufdrehen: „Wenn die Deckhengste zuvor auf mehreren Hengstschauen gezeigt wurden, kann es sein, dass sie auf dem Turnier danach erstmal etwas unter Spannung stehen und es schwierig wird, eine Dressuraufgabe in Bestform zu absolvieren”, erklärt der Vielseitigkeitsreiter.

Stuten mit doppelter Karriere

Ist es bei Hengsten eine Managementsache, wie man Zucht und Sport vereinbaren kann, sieht es bei Zuchtstuten schon ganz anders aus. Noch bis vor ein paar Jahren waren Zuchtstuten nur in seltenen Fällen im Sport zu sehen. Seit einigen Jahren erfreut sich jedoch der Embryonentransfer immer größerer Beliebtheit, bei dem Nachkommen von im Sport erfolgreichen Stuten durch eine Trägerstute ausgetragen werden. „Es gibt viele, die diese Doppelbelastung für die Stuten problematisch finden, doch wir haben auch schon einige Stuten zwecks Embryonentransfer gespült und hatten nie Probleme damit. Man muss einfach schauen, dass man es nicht übertreibt. Wenn man es ein oder zwei Mal im Jahr macht, geht das gut. Aber acht Embryonen pro Jahr zu spülen, bringt eine Stute sicherlich sehr durcheinander”, findet Hoffrogge. „Der Embryo wird ungefähr am siebten Tag ausgespült, da merken die Stuten noch nicht, dass sie tragend sind. Was die Stute sehr viel mehr beeinträchtigt, sind die hormonellen Behandlungen, da man am liebsten drei oder vier Eizellen haben möchte. Dieses hormonelle Anspritzen bringt die Stuten auf jeden Fall deutlich mehr durcheinander als das eigentliche Spülen.”

Im Natursprung decken und im Sport glänzen

Gerade wenn nur Kinder oder Jugendliche die Deckhengste auf dem Turnier vorstellen, müssen das Management des Hengsthalters und das Interieur des Hengstes stimmen. Ludwig Stassen, Inhaber des Gestüts Bönniger, das seit den 60er Jahren für seine ausdrucksstarken Dressurponys bekannt ist, erklärt seine Philosophie: „Wir haben unsere Hengste bisher immer im Sport gehen lassen, damit sie Werbung für sich und ihre Nachkommen machen können.”

Der zeitliche Ablauf in Hinblick auf den Deckeinsatz wird auf dem Gestüt Bönniger wie folgt gehandhabt: „Aus Sicht des Hengstes sind das Deckgeschäft und der Turniereinsatz keine Doppelbelastung, sondern die Stute stellt für den Hengst eher eine Motivation dar. Bei uns findet der Deckeinsatz daher immer nach dem Training oder nach dem Turnier statt. Würde man den Hengst vorher decken lassen, kann er so motiviert sein, dass er auf dem Turnier die nächste Stute sucht. Da dies sehr anstrengend bis gefährlich sein kann, wollen wir das natürlich vermeiden. Die Hengste reißen dann den Kopf hoch und drücken den Rücken weg, um nach anderen Stuten zu gucken. Dann hätte das Kind im Sattel ein Problem”, erklärt Ludwig Stassen.

Gleiche Rituale, gleicher Ort

Neben dem Zeitpunkt besteht das Gestüt Bönniger auf gleichbleibende Abläufe: „Für uns ist es wichtig, dass es immer die gleiche Person ist, die den Hengst beim Deckakt hält. Auch die Umstände und die Abläufe auf dem Gestüt müssen immer gleich sein. Nur so gelingt es dem Hengst, das Deckgeschäft und die Arbeit unter dem Sattel zu trennen. Bei uns können die Hengste das sehr gut auseinanderhalten. Solange sie nur bei uns zuhause unter den gleichen Bedingungen decken, gibt es keine assoziativen Fehlverknüpfungen”, erklärt der Hengsthalter. „Es kann jedoch schon einmal schwierig werden, wenn der Hengst nur ganz wenige Bedeckungen hat. Wenn die Hengste regelmäßig decken, sind sie einfacher zu händeln. Es gehört bei ihnen dann einfach zum Tagesablauf dazu.”

Auf dem Gestüt Bönniger besinnt man sich schon seit Jahren zurück zur Natur und lässt die Hengste im Natursprung decken – auch wenn es aus wirtschaftlicher Sicht erträglicher wäre, die Hengste absamen zu lassen. „In der Natur gibt es seither eine Selektion, die sich bewährt hat. ‘Survival of the fittest’ nennen wir es, weil nur das beste Spermium zum Ziel kommt. Das ist ausschließlich im Natursprung gegeben. Wir versuchen mit dem Natursprung das zu simulieren, was in der Evolution über Jahrmillionen entstanden ist.”

Dornik B auf Equitana: Dornik B vom Gestüt Bönniger war das erfolgreichste Sportpony der Welt und ein herausragender Vererber. Er verstarb 2020 im Alter von 29 Jahren.
Foto: Michael Brandel

Dabei hat Ludwig Stassen auch andere Methoden ausprobiert: „Vor 22 Jahren habe ich auch Stuten mit TG-Samen bedecken lassen, als sich diese Methode immer mehr verbreitet hat. Doch ich war sehr unzufrieden mit der Qualität, denn bei gleicher Anpaarung war das Ergebnis im Natursprung immer deutlich besser. Zudem muss man den Eisprung der Stute beim Einsatz von TG-Samen immer genau treffen, da der Samen nur bis zu sechs Stunden vital ist.”

Daher hieß es auf dem Gestüt Bönniger schnell ‘back to the roots’ und die Ponyhengste deckten wieder im Natursprung: „Da wir hauptsächlich für den Eigenbedarf züchten, damit die Ponys nachher im Sport gehen, bin ich darauf angewiesen, dass das Zuchtprodukt das bestmögliche ist, was diese Anpaarung hergibt. Darum lassen wir nur im Natursprung decken – und bieten auch nur das den anderen Züchtern an.”

Da der Deckhengst stets nur auf der Station eingesetzt wird, muss man als Züchter seine Stute also zu Ludwig Stassen bringen: „Es kommen so auch nur Stuten zu uns, die körperlich fit und verladefromm sind. Auch das ist schon eine gewisse Form der Selektion”, gibt der Hengsthalter schmunzelnd zu. „Dadurch, dass der Natursprung wirtschaftlich nicht so bedeutend ist, muss ich nicht so viele Kompromisse eingehen. Ich zeige meine Hengste trotzdem normal auf den Hengstschauen und biete den Züchtern diese Möglichkeit an, aber ich muss niemandem hinterherlaufen, da wir selbst unser größter Abnehmer sind.”

Der Sport hat Vorrang

Nicht nur auf dem Turnier, sondern auch zuhause werden die Hengste des Gestüts Bönniger zu 90 Prozent von Kindern geritten: „Wenn ein Hengst mit einem Kind am Bundeschampionat teilnehmen soll, muss er die richtige Arbeitseinstellung mitbringen. Er darf nicht im Vorfeld von einem erwachsenen Profi in Form gepresst werden. Das könnte ein Kind auf dem Turnier niemals nachreiten.” Doch die Reiter wechseln in der Ponyszene häufig, da die Kinder schnell zu groß werden. Daher führten Dornik und Deinhard B, die beiden Aushängeschilder des Gestüt Bönnigers, viele verschiedene Kinder zu Medaillen und Titeln auf Bundeschampionaten und Europameisterschaften: „Dass bei Dornik die Reiter oft gewechselt haben, konnten wir so nur machen, weil er immer bei uns geblieben ist und vom gleichen Trainer betreut wurde. Die Heimat, der ganze Tagesablauf und die Rituale blieben gleich. Für ihn hat sich also wirklich nur der Reiter geändert, der Hauptteil des Tages blieb davon unberührt.”

Esther Stassen stellte Dornik B selbst und natürlich auch seine Nachkommen erfolgreich auf Turnieren vor.
Foto: Gestüt Bönniger

Daher werden die Hengste des Gestüts Bönniger auch weiterhin auf den Dressurplätzen für Begeisterung sorgen und sollen Vorbild für die Partnerschaft zwischen Pferd und Reiter sein: „Für einen Hengsthalter ist das Management eines Deckhengstes, der auf Turnieren vorgestellt wird, etwas komplizierter, doch nur der Hengst, der sich auch auf dem Turnier beweist, wird sich in der Zucht langfristig durchsetzen“, ist sich Ludwig Stassen weiter sicher.

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