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Der Huf im Fokus

Pferde sind Lauftiere, um dem gerecht werden zu können wurden sie von der Natur mit vier Hufen ausgestattet, deren Mechanismus viel mehr Einfluss auf den gesamten Körper hat als viele Reiter annehmen. Deshalb ist es immens wichtig, die Hufe regelmäßig in den Fokus der Aufmerksamkeit zu stellen.

Der Huf ist ein miteinander verbundenes System aus Blutgefäßen, Bändern, zusammenhängendem Gewebe, Knochen, Horn und weiteren Elementen. Dieses System wirkt von außen betrachtet ziemlich simpel, die Funktionsweise ist aber sehr komplex. „Der Huf ist ein biologisches System, welches uns sehr viel über die Gesundheit unseres Pferdes sagen kann. Das liegt daran, dass die Hufe auf äußere und innere Einflüsse reagieren und man an ihrer Reaktion sehr gute Rückschlüsse auf viele Dinge ziehen kann“, erklärt die staatlich geprüfte Hufbeschlagschmiedin Aletia Reilingh. Deshalb empfiehlt sie jedem Pferdehalter die Hufe seines Vierbeiners stets im Blick zu haben. Denn auch wenn der Huf grundsätzlich gleich aufgebaut ist, ist jedes Pferd immer individuell zu betrachten. „Veränderungen an der Stellung der Hufe oder an der Hufqualität sollten dem Pferdebesitzer möglichst früh auffallen“, erklärt die erfahrene Schmiedin weiter. Denn je eher diese entsprechend eingeordnet werden können, desto besser kann man dem Pferd helfen. Die Expertin erklärt, dass Probleme mit den Hufen nicht nur Probleme am Ende der Pferdebeine bedeuten. Die Hufgesundheit wirkt sich auf den gesamten Pferdekörper aus und beeinflusst nicht nur die Leistungsfähigkeit, sondern auch das allgemeine Wohlbefinden des Vierbeiners. „Ein gesunder Huf unterstützt das Pferd insgesamt gesund zu bleiben. Andersherum lassen sich viele Krankheiten des Organismus gut an den Hufen erkennen. Hier sieht man dann die Symptome, obwohl die Ursache ganz woanders im Körper zu finden ist“, erläutert Reilingh weiter.

Eine Sache der Stellung

Der erste Blick bei der Betrachtung der Hufe sollte auf die Stellung gerichtet werden. „Dabei darf man nie vergessen, dass es zwar immer ein Idealbild gibt, dass die Realität aber in der Regel etwas anders aussieht“, erläutert die Expertin, die damit deutlich machen will, dass es wichtig ist, bei Problemen oder Unsicherheiten immer den Rat eines kompetenten Hufschmieds oder Tierarztes einzuholen. Denn ob eine Abweichung von den Idealmaßen tatsächlich zu Problemen führt oder es sich nur um eine Art Schönheitsfehler handelt können die Experten dem Besitzer im Einzelfall am besten erklären. „Und trotzdem ist es einfach sehr wichtig, dass die Pferdebesitzer und Reiter wissen, wie ein Huf idealerweise aussehen sollte“, fügt Reilingh hinzu. Der ideale Huf kann durch seine Symmetrie, die bei der Bewegung und im Stehen entstehenden Kräfte optimal ausgleichen. Studien zeigen, welch immense Kräfte auf die Pferdebeine und die Hufe in Bewegung wirken, deshalb ist es wichtig die Stellung der Hufe immer so nah wie möglich in Richtung Optimum zu korrigieren. Auf glattem, geraden Boden sollte der Kronrand von vorne und von der Seite betrachtet parallel zum Boden sein, ohne Wellen und Ausbuchtungen zu zeigen. Die Seitenwände sollten von vorne betrachtet den gleichen Winkel und die gleiche Länge haben. Von der Seite betrachtet sollten die Vorder- und Rückseite des Hufs den gleichen Winkel haben. Im Idealfall bilden sie eine Linie mit dem Vorderfußwurzelgelenk. Die Rückseite des Hufs ist ebenmäßig und parallel zum Boden.

Regelmäßige Hufbearbeitung durch einen Experten ist für die Gesunderhaltung unabdingbar.

Durch seine Arbeit sorgt der Hufschmied dafür, dass der frisch bearbeitete Huf perfekt ausbalanciert ist. „In einem Zeitraum zwischen vier und sechs Wochen kommen die Hufe durch das Hornwachstum wieder aus der Balance“ erklärt Aletia Reilingh. Deshalb ist es wichtig, dass der Hufschmied idealerweise alle sechs Wochen zur Hufbearbeitung kommt. „Viele Pferdebesitzer unterschätzen die auf die Pferdebeine wirkenden Kräfte“, weiß die Expertin aus der Erfahrung zu berichten. Denn jeder Zentimeter, den der Huf über die perfekte Balance hinaus wächst, sorgt dafür, dass ungefähr 50 Kilogramm Belastung hinzukommen. Dies haben Studien in England gezeigt. Die Sehnen und Bänder werden hierdurch weit mehr belastet als nötig. Hierdurch kann die Gesundheit des Pferdes erheblich beeinträchtig werden. „Wenn man den richtigen Zeitpunkt zur Hufbearbeitung überschreitet, ist man immer einen Schritt hinterher“, mahnt die Expertin penibel auf einen sinnvollen Bearbeitungsrhythmus zu achten. Wenn der Huf durch eine entsprechende Bearbeitung in der perfekten Balance ist, kann er hohe Beanspruchungen aushalten und sorgt dafür, dass der Pferdekörper die an ihn gestellten Anforderungen überhaupt erfüllen kann. Deshalb muss dem Huf bereits im Fohlenalter eine entsprechende Aufmerksamkeit zugestanden werden. Denn die Expertin weiß: „Je jünger das Pferd ist, desto besser können Probleme und Fehlstellungen behoben werden. Ab einem bestimmten Alter können wir leider nicht mehr von einer Korrektur, sondern nur noch von einer Ausbesserung sprechen.“ Deshalb ist es wichtig, dass auch Jungpferde alle sechs bis acht Wochen beim Schmied vorgestellt werden. Und das auch dann, wenn sie vermeintlich gute Hufe haben. Darüber hinaus empfiehlt sie bei Reitpferden das Team rund um den Vierbeiner durchaus in Kontakt miteinander zu bringen. Denn oft wirken sich Dysbalancen im Körper negativ auf die Stellung der Hufe aus. Oder aber eine Fehlstellung führt dazu, dass der Körper an anderen Stellen ebenfalls aus der Balance kommt oder sogar Blockaden entwickelt werden. „Der Physiotherapeut oder Osteopath kann noch so intensiv versuchen gewisse Blockaden zu lösen, wenn ein eklatanter Stellungsfehler der Hufe das Pferd dazu bringt diesen mit seinem Körper auszugleichen. Andersherum kommt der Schmied an seine Grenzen, wenn es irgendwo anders im Pferdekörper nachhaltig hakt“, berichtet Reilingh. Nur die Zusammenarbeit verschiedener Experten kann hier zu dauerhaftem Erfolg führen. Und auch der Austausch mit dem Tierarzt kann von großer Bedeutung sein. Denn wenn Probleme bei einem Pferd auftauchen, sollte man nie das große Ganze aus dem Blick verlieren.

Gesunder Huf, gesünderes Pferd

Doch nicht nur die Stellung der Hufe wirkt sich auf den restlichen Pferdekörper aus. Auch die allgemeine Qualität der Hufe ist für die Gesundheit des Vierbeiners von großer Bedeutung. „Ein gesunder Strahl zum Beispiel ist viel wichtiger, als die meisten Menschen denken“, erläutert die Expertin. Sie ermahnt dazu das Thema Hufpflege nicht nur aus optischen Gründen anzugehen. „Immer wieder stelle ich fest, dass Bakterien im Huf viel zu wenig Beachtung geschenkt wird“, berichtet die Hufschmiedin aus ihrem Arbeitsalltag. Die wichtigsten Punkte, um einen Huf gesund zu erhalten, sind die Haltungsbedingungen, die Hufbearbeitung und –pflege, sowie die Fütterung.

Reines auskratzen reicht in der Regel nicht aus, deshalb sollte die Sohle regelmäßig mit einer Bürste gereinigt werden.

Ohne Eisen sollte man eine klare weiße Linie erkennen können. Diese sollte nicht von Bakterien, die sich durch schwarze oder braune Stellen zeigen können, durchbrochen werden. Die Hufwand sollte rundherum gleichmäßig sein und der Strahl darf weder zu weich noch zu fest sein. „Das Thema Strahlfäule ist bei vielen Pferden ein großes Problem. Es darf nicht auf die leichte Schulter genommen werden, da es die gesamte Gesundheit des Pferdes nachhaltig schädigen kann“, mahnt die Hufschmiedin zu frühzeitigem handeln. In der Reiterszene gibt es für die Behandlung von Strahlfäule fast so viele Theorien wie es Pferderassen auf der Welt gibt. Aletia Reilingh empfiehlt die Vorgehensweise mit dem Hufschmied abzusprechen, da der Behandlungsweg individuell auf jede Situation angepasst werden sollte, um schnellstmöglich das gewünschte Ergebnis zu erreichen. Im Idealfall sorgt man bereits präventiv dafür, dass Strahlfäule gar nicht erst entsteht. „Amoniak ist pures Gift für die Hufe“, weiß Reilingh zu berichten. Eine möglichst saubere Box und guter Boden auf Paddock und Weide sind deshalb unabdingbar. „Besonders sehr matschige Paddocks bieten oft einen perfekten Nährboden für Bakterien, die den Strahl dann angreifen“, erklärt die Fachfrau. Sie weiß auch, dass bei der Pferdehaltung keine Laborbedingungen geschaffen werden können. Deshalb ist es wichtig, die bestehende Situation so gut es geht zu händeln und dort, wo es geht zu optimieren. Dringen zu viele Bakterien in den Huf ein, können eine hohle Wand oder Abszesse entstehen. „An diesem Punkt angekommen, bedeutet dies meist für die Pferde ein unangenehmer Leidensweg“, berichtet die Hufschmiedin aus ihrem Alltag. Bei sehr guten Bedingungen und einer guten Hornqualität ist auch Aletia Reilingh durchaus ein Freund davon, die Pferde barhuf gehen zu lassen. „Man muss sich aber immer darüber im Klaren sein, dass ein Eisen vielen Problemen entgegenwirken kann. Wir können damit nicht nur Stellungsfehler korrigieren, sondern auch den Huf vor verschiedenen Umwelteinflüssen schützen“, berichtet sie weiter. Bei vielen Pferden ist ein spezieller Beschlag die einzige Chance die Hufgesundheit überhaupt wiederherzustellen. Wenn der Strahl nicht gesund ist, kann der Hufballen beispielsweise zu tief kommen und „fällt“ dann durch das Eisen. Durch eine Einlage im Eisen wird Druck auf den Strahl ausgeübt und der Mechanismus fängt wieder an zu arbeiten. Die Blutzirkulation wird angeregt und der Huf beginnt zu heilen. In einem solchen Fall reicht ein normales Eisen nicht aus. Dies gilt auch bei besonders schwerer Form von Strahlfäule. „Ab einem bestimmten Zeitpunkt reicht es nicht mehr, die Strahlfäule ein oder zwei Mal täglich zu behandeln. In einem solchen Fall wird dann unter einer Platte ein Polster angebracht, um den Huf zu schützen. Außerdem kann darunter ein entsprechendes Medikament oder eine besonders nachhaltige Pflege angebracht werden, die dann längerfristig auf den Huf einwirken kann. „Im Idealfall lässt man es gar nicht erst bis zu diesem Punkt kommen, aber manchmal kann man solche Probleme nicht verhindern“, schildert Reilingh. Bei schwerwiegenden Deformationen oder wenn ein großer Teil des Hufes aufgrund einer Erkrankung wie zum Beispiel Hufkrebs oder Hufrehe entfernt werden muss, nutzt die Expertin das System von Formahoof. Hierdurch kann sie je nach Bedarf mit oder ohne Hufeisen eine Art Prothese am Huf anbringen. Darunter kann der Huf dann in Ruhe heilen.

Gute Pflege als Prävention

Damit es gar nicht erst so weit kommt, sollte der täglichen Hufpflege neben den möglichst guten Haltungsbedingungen eine große Rolle zukommen. Dabei ist es immens wichtig, den Huf sowohl von außen, als auch von innen gründlich zu reinigen. „Und mit gründlich meine ich auch wirklich gründlich. Viel zu wenig Menschen verwenden nur schnell mal den Hufkratzer und sind dann mit der Hufpflege schon fertig“, erzählt Reilingh von ihren Beobachtungen in vielen Reitställen. Sie empfiehlt den Huf gründlich mit einem Hufauskratzer und einer Bürste zu reinigen. Dabei darf ruhig eine harte Bürste verwendet werden, um den Schmutz wirklich gründlich entfernen zu können. Die Expertin empfiehlt beim Putzen mit dem Säubern der Hufe zu beginnen. So haben die Hufe, wenn die Pferde aus der Box kommen Zeit zum „atmen“, bevor es in den Reithallensand oder ins Gelände geht. Kommen die Pferde von der Weide, dem Paddock oder vom Ausreiten muss unbedingt kontrolliert werden, ob sich irgendwo im Huf Steine festgesetzt haben. Denn der kleinste Kiesel kann bereits zu einem Hufgeschwür führen. Einen kleinen Tipp hat Reilingh aber parat, wenn die Trainingseinheit auf dem Reitplatz oder in der Reithalle stattgefunden hat, oder das Pferd zuvor auf gutem Naturboden gelaufen ist: „Der Sand oder der Naturboden müssen nicht unbedingt aus dem Huf entfernt werden, bevor es zurück in die Box geht.“ Denn Beides kann einen natürlichen Schutz gegen Ammoniak darstellen. Und auch der leichte Druck der so auf Strahl und Sohle ausgeübt wird kann dem Hufmechanismus guttun und ihn anregen.

Je nach Hornqualität sollten unterschiedliche Pflegeprodukte angewendet werden.

Auf die Frage wie viel Huffett oder Huföl verwendet werden sollte antwortet Aletia Reilingh ganz klar: „Es kommt darauf an!“ Denn auch hierbei gilt: Die individuelle Situation des Pferdes muss genau betrachtet werden. Sie rät davon ab, Huffett oder Huföl nur zu verwenden, weil es hübsch aussieht. „Wichtig ist es, ein Produkt zu verwenden, welches den Huf auch tatsächlich pflegt. Dabei muss man immer im Auge behalten, ob der Huf gerade zu trocken oder zu feucht ist. Anhand dessen muss dann entschieden werden, auf welches Produkt die Wahl fällt“, erklärt die Hufschmiedin weiter. Sie vergleicht die Anwendung mit der Anwendung von Handcreme bei Menschen. Die pflegende Wirkung ist wichtig, aber nicht für jede Hand ist die gleiche Creme die richtige Wahl. Ist der Huf zu trocken kann es helfen, ihn für ungefähr zehn Minuten in einen Eimer Wasser zu stellen. Ist er zu feucht sollte vor dem Abspritzen auf jeden Fall Huffett oder Huföl aufgetragen werden, damit das Wasser nicht in das Horn eindringen kann. Reilingh rät jedoch davon ab, die Hufe grundsätzlich täglich zu waschen. Es ist ihr wichtig, dass Pferdebesitzer die Hufe ihrer Pferde genau beobachten und dann individuell entscheiden, wie man das Pferd am besten unterstützen kann. Eine penible Pflege der Hufe, gute Haltungsbedingungen und eine ausgewogene Fütterung bilden hier die Grundlage. Für alles was darüber hinaus nötig ist, bietet der Markt zahlreiche Möglichkeiten, um den Vierbeiner optimal zu unterstützen. Dies ist immens wichtig, denn der Satz: „Ohne Huf kein Pferd.“ wird seine Bedeutung nie verlieren.

Rebecca Thamm

Aletia Reilingh

Aletia Reilingh ist in Kanada geboren und hat dort ihre Liebe zu den Pferden entdeckt. Von Kindesbeinen an hat sie sich mit den Vierbeinern beschäftigt und schnell stand für sie fest, dass auch ihr beruflicher Weg sie in die Pferdebranche führen soll. So machte sie ihre Ausbildung zur Hufschmiedin in ihrem Heimatland und sammelte dort einige Jahre Berufserfahrung. Sie arbeitete darüber hinaus in den USA , auf den Bermuda Inseln, in Ägypten, Irland und Frankreich und verschaffte sich so einen guten Einblick in das Thema Hufbeschlag auf internationaler Ebene. Vor etwas über sieben Jahren entschied die passionierte Dressurreiterin sich dann nach Deutschland zu kommen. Denn neben dem Beruf als Hufschmiedin hat sie auch ambitionierte sportliche Ziele in der Dressur. In Deutschland fand sie die passenden Trainer und kann ihrem Beruf weiterhin nachgehen. Als in Deutschland staatlich geprüfte Hufschmiedin arbeitet sie auf selbstständiger Basis für ganz unterschiedliche Kunden.

Dabei hat Reilingh sich besonders im Bereich der Spezialbeschläge ausgiebig weitergebildet und ist als Formahoof Applikatorin geprüft.

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