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Tipps für stressarmes Absetzen

Das Absetzen ist für Fohlen der erste große Einschnitt im Leben. Welche Auswirkungen hat es auf die Entwicklung des jungen Pferdes? Wie kann man die Zeit des Absetzens möglichst stressarm gestalten? Was ist zu bedenken, wenn das Jungpferd in einen Aufzuchtstall gebracht werden soll? Viele Fragen, auf die wir gemeinsam mit FN-Tierärztin Dr. Enrica Zumnorde-Mertens sowie der Pferdeethologin Dr. Margit Zeitler-Feicht von der Technischen Universität München-Weihenstephan nach Antworten suchen und einen Überblick geben, was beim Absetzen genau zu beachten ist.

Fotos: Juliane Körner

Die Bedürfnisse des Pferdes beachten

Schonendes Absetzen ist auf jeden Fall immer vorzuziehen. Eine erste Frage ist deshalb jene nach der Dauer des Mutter-Kind-Verhältnisses, welches durch die Prägung seinen Anfang nimmt. In den ersten Lebenswochen verbringt das Fohlen die allermeiste Zeit an der Seite der Mutter. „Mit zunehmendem Alter lockert sich dann allmählich das enge Mutter-Kind-Verhältnis“, erläutert Verhaltensexpertin Dr. Margit Zeitler-Feicht. „War das Fohlen in den ersten Lebenswochen mehr als neunzig Prozent der Zeit in nächster Nähe der Mutterstute, so ist es im Alter von fünf Monaten nur noch etwa die Hälfte des Tages und mit acht Monaten sind es nur mehr zwanzig Prozent der Zeit. Parallel zu dieser Entwicklung baut das Fohlen auch vermehrt Kontakt zu andere Gruppenmitgliedern, vor allem anderen Fohlen und Jährlingen, auf.“

Hieraus spiegelt sich bereits wider, dass das Absetzen kein unnatürlicher Vorgang ist, sondern mit der ganz normalen Entwicklung des jungen Pferdes einhergeht. Es gilt allerdings den richtigen Zeitpunkt abzupassen. Bei freilebenden Pferden fällt der Zeitpunkt des Entwöhnens beispielsweise meist zwischen den achten und zehnten Lebensmonat.

Laut Dr. Zeitler-Feicht ist der Zeitpunkt des Entwöhnens bei Koniks, Connemara Ponys oder Mustangs schon sehr früh im Leben der Fohlen, mit ungefähr acht Monaten. Der Nachwuchs von New Forest Ponys und Dülmener Wildpferden wird dagegen oft bis kurz vor Geburt des nächsten Fohlens gesäugt. Doch wenn die Mutterstute ihr nächstes Fohlen bekommt, ist auch bei Wildpferden spätestens der Zeitpunkt des Absetzens gekommen und das Fohlen vom vergangenen Jahr wird vom Neugeboren ferngehalten. Letztendlich hat das Absetzen unter naturnahen Bedingungen immer den Sinn, dass die Mutterstute ausreichend Reserven für das neue Fohlen aufbauen kann.

„Dennoch bleiben die Jungtiere in einem natürlichen Herdenverband bis zur Pubertät, die meist im Alter von etwa 15 Monaten beginnt, Stutfohlen auch deutlich länger, bei der Mutterstute“, erklärt Dr. Enrica Zumnorde-Mertens.

Prägende Erfahrungen in einer schwierigen Phase

Bis zu diesem äußersten Zeitpunkt wartet man als Züchter nicht ab. Eines sollte man bei jedem einzelnen Schritt des Absetzens jedoch beachten: Die Erfahrungen, welche das Fohlen in dieser schwierigen Phase macht, wirken sich in hohem Maße auf seine weitere Entwicklung aus.

Oft wird bereits mit sechs Monaten abgesetzt, was einen sehr frühen Zeitpunkt bedeutet. Dieses Alter sollte eher als „sinnvolle Mindestanforderung“ gesehen werden, denn als „Muss“, an welches man sich starr halten sollte, betonen unsere Expertinnen.  In jedem Fall sollte der Verdauungsapparat zum Zeitpunkt des Absetzens bereits überwiegend an die Aufnahme von Grünfutter und Heu sowie gegebenenfalls Kraftfutter gewöhnt sein. So kann unnötiger Fütterungsstress vermieden werden.

Grundsätzlich wäre das Absetzen der meistern Fohlen hinsichtlich dieser ernährungsphysiologischen Grundlagen bereits im Alter von vier Monaten möglich. Die Frage lautet jedoch, ob es dann bereits als sinnvoll hinsichtlich seiner Entwicklung angesehen werden kann. „Das Säugen ist für die Fohlen nicht nur Nahrungsaufnahme, sondern spendet auch Trost und wirkt beruhigend“, so Dr. Zumnorde-Mertens.

Ein häufig gewählter Zeitpunkt für das Absetzen ist der Herbst, meist der Oktober, wenn die Fohlen den Tag über noch gemeinsam mit ihren Müttern auf der Weide verbringen, nachts aber langsam von ihren Müttern getrennt und in eine Box mit Gleichaltrigen gebracht werden. Später werden Stuten und Fohlen auch getrennt nach draußen gebracht. Wichtig ist, dass die Stuten und Fohlen während der Zeit, in der sie nicht zusammen sind, sich auch außerhalb der Sicht- und Hörreichweite befinden. In der Regel sollte nach etwa ein bis zwei Wochen die Situation so entspannt sein, dass Stuten und Fohlen sich wieder normal verhalten, fressen und schlafen.

Üben hilft – mit Herdenverband

Dr. Margit Zeitler-Feicht betont, dass man die Trennung von der Mutter zunächst langsam, spielerisch und behutsam „üben“ sollte. „Zu Beginn sollte das Fohlen etwa zwei bis drei Monate alt sein. In einer ersten „Übungssequenz“ wird die Mutter nur für eine kurze Zeit weggebracht, während das Fohlen mit Herdenverbund bei seinen Spielgefährten bleibt. Die Abwesenheit der Mutterstute wird dann sukzessive gesteigert, wobei die Dauer und das Tempo, mit welchem das passiert, individuell abgestimmt werden sollte.“

Sobald das Fohlen das Geführtwerden kennt und problemlos akzeptiert, kann es dann auch selbst von der Gruppe weggebracht werden. „Auch hier ist es erneut wichtig, ohne Zwang und Aufregung zu agieren“, erklärt Zeitler-Feicht. „Es genügt zunächst, wenn man das Fohlen nur wenige Meter wegführt und die Distanz dann langsam steigert. Ziel sollte sein, am Ende längere Spaziergänge mit dem Fohlen unternehmen zu können, ohne dass dieses von der Situation überfordert ist.“

Der falsche Weg ist es, ein Fohlen allein ohne Mutter und ohne Gleichaltrige in der Box zurückzulassen, wo es letztendlich angesichts der Situation sogar panisch werden kann. Das Verbleiben im vertrauten Herdenverband stellt auf jeden Fall den Schlüssel zum Erfolg dar.

Eine Herausforderung stellt das Absetzen von spätgeborenen Fohlen dar, insbesondere in großen Zuchtställen, wo nicht auf jedes Tier ganz individuell eingegangen werden kann. Auch hier kann jedoch der gefestigte Herdenverband unterstützen, in welchen auch die „Nachzügler“ zum für sie geeigneten Zeitpunkt integriert werden.

Eigene Aufzucht oder Aufzuchstall

Ein Fohlen sollte nur der selbst aufziehen, der es in eine Stuten- und Fohlen-Herde integrieren kann. Für das gesunde Aufwachsen des jungen Pferdes sind diese Kontakte prägend und sollten auf jeden Fall zur Verfügung gestellt werden. Ein stressarmes Absetzen kann erst dann gewährleistet werden, wenn das Fohlen in einem gefestigten Verbund mit anderen Jungtieren aufwächst. Sowohl eine erste kurzzeitige Trennung verkraftet es damit besser als auch das endgültige Absetzen.

Wer diese Möglichkeit auf der eigenen Anlage nicht hat, sollte das Fohlen in einem Aufzuchtstall aufwachsen lassen. Gemeinsam mit der Mutter wird es dort in eine funktionierende Herde integriert. Viele Aufzuchtställe bieten auch das spätere Absetzen des Fohlens und das Aufwachsen in eine Jungpferdeherde an. Ideal ist es, wenn die Fohlen nicht alle gleichzeitig abgesetzt werden, sondern in einer Zuchtstutenherde verbleiben. Es mindert für alle Seiten den Stress, wenn nicht für alle das Prozedere gleichzeitig abläuft.

Die Mutterstute wird nach dem Absetzen in einem anderen Stall untergebracht, von welchem aus auch weiterhin kein Hörkontakt mehr zum Fohlen besteht, während das Fohlen in der vertrauten Herde verbleiben sollte. „Falsch wäre auf jeden Fall ein sofortiger Ortswechsel des Fohlens zu diesem Zeitpunkt. Wenn das Fohlen in einem Aufzuchtstall heranwachsen soll, dann ist es nötig, dies frühzeitig in die Wege zu leiten. Ein Ortswechsel zum Zeitpunkt des Absetzens und die damit verbundene Integration in eine neue Pferdegruppe würde unnötigen Stress bedeuten und wäre eine erhebliche psychische Belastung für den Absetzer“, erläutert Dr. Margit Zeitler-Feicht. Der Mensch kann die Anwesenheit eines gefestigten Herdenverbandes auf keinen Fall ausgleichen.

Egal, ob auf dem eigenen Hof oder in einem Aufzuchtstall schließt sich das abgesetzte Fohlen jenen Pferden an, zu denen bereits während der vergangenen Monate eine Bindung bestand, in der Regel gleichaltrigen Fohlen. „Nach etwa zwei bis vier Wochen ist der Absetzer in seinem Aktivitätsrhythmus nicht mehr von anderen Jährlingen oder Zweijährigen zu unterscheiden“, erläutert Margit Zeitler-Feicht.

Die Fohlen sollten auch im ersten Winterhalbjahr bei jedem Wetter ausreichend Zeit draußen bzw. in großen Laufställen mit Außenauslauf verbringen. Boxenhaltung schadet der Gesundheit, hemmt die Skelettentwicklung und sorgt für ein Risiko der erheblichen Gewichtszunahme. Auch zu diesem Zeitpunkt ist die Orientierung an Altstuten sinnvoll. Außerdem ist ratsam, wenn in Junghengste und junge Stuten in getrennten Gruppen jeweils mit Altpferden aufwachsen, da bereits früh das Spielverhalten der beiden Geschlechter unterschiedlich ist.

Studie mit eindeutiger Sprache

Das Graf-Lehndorff-Institut für Pferdewissenschaften führte in Zusammenarbeit mit der Stiftung Brandenburgisches Haupt- und Landgestüt Neustadt/Dosse und der Veterinärmedizinischen Universität Wien eine Studie durch, welche Art des Absetzens für Fohlen am wenigsten Stress bedeutet. Hierbei wurde simultanes Absetzen mit konsekutivem Absetzen, welches nach und nach in Anpassung auf den jeweiligen Entwicklungsstand des Fohlens erfolgt, verglichen.

„Die Ergebnisse der Studie waren signifikant“, beschreibt Dr. Zumnorde-Mertens. „Während das simultane Absetzen der Gruppe 1 für ein sehr hohes Stresslevel bei den Fohlen und sogar zu Entwicklungsrückständen und einem erheblichen Gewichtsverlust führte, stresste das konsekutive Absetzen der Gruppe 2 die Fohlen ebenfalls erheblich, dabei allerdings über einen deutlich längeren Zeitraum, weil sich die Fohlen tagtäglich erneut gegenseitig aufregten, Angst machten und Unruhe in die Herde brachten. Die geringsten Ausschläge der Stressoren wurden bei Gruppe 3 mit den verbliebenden adulten Stuten erzielt. Auch hier waren die Fohlen gestresst, allerdings haben die bekannten Altstuten die Fohlen schnell beruhigt und ihr Sicherheits- und Anlehnungsbedürfnis befriedigt. Die Fohlen dieser Gruppe blieben im Vergleich deutlich ruhiger, fraßen annähernd normal und riefen seltener nach den Müttern.“

Die Studienergebnisse zeigten, dass das Absetzen mit zwei Altstuten im Herdenverband die besten Ergebnisse brachte. Ein erfreulicher Umstand, denn dieses Vorgehen ist für große und kleine Betriebe gleichermaßen umsetzbar. (Studie entnommen aus PM-Forum 10/21, Magazin der Persönlichen Mitglieder der Deutschen Reiterlichen Vereinigung)

Passende Fütterung ist wichtig

Wie bereits oben erwähnt, sollte das Jungpferd bereits an Grünfutter, Heu und Kraftfutter gewöhnt sein. Zur Zeit des Absetzens des Fohlens und in der Folge sollten Ergänzungsfutter mit hochwertigem Eiweiß im Einsatz sein. Hiervon sollten nun etwa 0,75 kg pro 100 kg Körpermasse bei mittelgroßen Warmblutrassen gefüttert werden. Auf die ausreichende Versorgung mit Mineralstoffen muss zudem gewährleistet werden. Die bloße Versorgung mit Heu und Hafer können den Bedarf des Jungpferdes in der Regel nicht decken, weshalb spezielle Futtermischungen für dieses Alter existieren.

Frühzeitig sollte das Immunsystem für die Phase des Absetzens gestärkt werden. Die ausreichende Versorgung mit allen nötigen Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen sollte gewährleistet sein. Denn neben dem Verlust der Muttermilch und dem psychischen Stress durch die neue Situation bringt auch der Fellwechsel weitere Angriffe auf das Immunsystem des Jungpferdes mit sich.

Im zweiten Lebenshalbjahr und nach dem Absetzen wächst das Fohlen weiterhin intensiv. Der Bedarf an Eiweiß, Mineralstoffen und Vitaminen sowie der Aminosäure Lysin bleibt entsprechend hoch. Das weiter gefütterte Ergänzungsfuttermittel – es gibt spezielle Mischungen für Absetzer – sollte darauf abgestimmt sein. „Zu geringe Eiweißmengen bei hoher Energiezufuhr begünstigen Verfettung“, merkt Fütterungsexperte Prof. Manfred Coenen an. „Ein Mangel an Calcium, Phosphor, Kupfer, Mangan und auch Vitamin D wirkt sich negativ auf die Entwicklung des Skeletts aus, zu geringe Gabe an Vitamin A senkt die Abwehrkräfte.“

Entwurmungen und Impfungen sollten nicht während des direkten Prozesses des Absetzens erfolgen, da es ansonsten laut Dr. Margit Zeitler-Feicht im schlimmsten Fall zu einer stressbedingten Immunsuppression kommen kann.

Alexandra Koch

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