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Aufgabenreiten: Training auf den Punkt gebracht 

Jeder turnierambitionierte Dressurreiter weiß: Die geforderten Lektionen einer Dressurprüfung auf dem Turnier gelungen zu präsentieren, ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Dabei verlangen nicht nur Prüfungen aus den schweren Klassen ein hohes Maß an Präzision, sondern auch im Anfängerbereich will genau und konzentriert geritten werden. Nicht selten kommen ungewohnte äußere Einflüsse oder reiterliche Nervosität hinzu, sodass das korrekte Reiten noch wichtiger, aber gleichzeitig auch schwerer wird. Der erfahrene Dressurausbilder und Richter Reinhard Richenhagen erklärt, worauf es beim Aufgabenreiten ankommt. 

Folgende Situation hat vermutlich ein Großteil der Dressurreiter auf dem Turnier schon einmal erlebt: Man verlässt am langen Zügel die Bahn, ist eigentlich ganz zufrieden mit sich und seinem Pferd, wird vielleicht sogar platziert – und doch liest sich das Prüfungsprotokoll hinterher mehr schlecht als recht. Viele augenscheinliche Kleinigkeiten sind den Richtern als verbesserungswürdig aufgefallen, Schleife hin oder her. Wie kann das sein? “Die Richter sind dann keinesfalls zu pingelig gewesen”, sagt Reinhard Richenhagen, der selbst Richter für Dressurprüfungen bis zum Grand Prix ist. “Eine Dressuraufgabe stellt vielmehr die Ausbildung von Reiter und Pferd genauestens auf den Prüfstand. Dabei kommen natürlich sehr viele Dinge zusammen. Die Richter müssen bei der Beurteilung eine Fülle von qualitativen Anforderungen einerseits und technischen Anforderungen andererseits berücksichtigen”, erklärt er. Als renommierter Ausbilder weiß Reinhard Richenhagen jedoch nicht nur aus Richtersicht, worauf es beim Aufgabenreiten ankommt. Auch als Trainer gibt er dahingehend seine Erfahrung weiter und betont: “Eine gute Basisarbeit ist das A und O für den Turniererfolg.” 

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Die Basis muss stimmen 

Sowohl beim Reiten als auch beim Richten einer Dressuraufgabe gilt: Die Ausbildungsskala der klassischen Reitlehre liefert den unumgänglichen Leitfaden für die Ausführung beziehungsweise die Beurteilung der gestellten Aufgaben. Mit den in ihr manifestierten Grundsätzen der Pferdeausbildung ist sie der Dreh- und Angelpunkt für alle Beteiligten am Prüfungsgeschehen. Denn auch das gesamte Regelwerk im Turniersport orientiert sich daran. Prüfungen aller Klassen haben diese Skala als gemeinsamen Grundstein, auf dem die Lektionen aufbauen. Und auch die Anforderungen an Pferd und Reiter steigen von Klasse zu Klasse gemäß der Ausbildungsskala. So spielt beispielsweise die Versammlung in der E-Dressur oder der Reitpferdeprüfung noch keine Rolle. Doch erweist sich bereits hier die Erfüllung der vorangehenden Punkte als wertvolle und unerlässliche Basisarbeit für die höheren Klassen. 

Essenziell und dementsprechend auch erster Punkt auf der Ausbildungsskala ist natürlich der Takt des Pferdes. Aber auch die Punkte Losgelassenheit und Anlehnung müssen erfüllt sein, bevor ich mich und mein Pferd auf dem Turnier präsentieren sollte. Auch Reinhard Richenhagen weiß: “Wer in Sachen Losgelassenheit und Anlehnung Defizite aufweist, muss mit deutlichem Punktabzug rechnen. Pferde mit Taktfehlern können hingegen sogar abgeklingelt und damit dem Prüfungsviereck verwiesen werden.” Natürlich mag eine gewisse Aufregung die Losgelassenheit des Vierbeiners beeinflussen und es kann auch mal passieren, dass das Pferd kurzzeitig nicht in der gewünschten Anlehnung geht, wenn es zum Beispiel etwas am Viereckrand zu bestaunen gibt. Ziehen sich jedoch durch einen Großteil der Prüfung offensichtliche Probleme in der Losgelassenheit und Anlehnung, kann im Zweifelsfall die Glocke ertönen. Gleiches gilt, wenn Pferde taktunrein gehen oder groben Ungehorsam zeigen. “Das Allerwichtigste auf dem Turnier ist wirklich ein gemäß der Ausbildungsskala taktmäßig und balanciert über den Rücken gehendes, durchlässiges Pferd, das sicher an den Hilfen steht”, betont Reinhard Richenhagen. “Und zwar gilt dies für Prüfungen aller Klassen.” 

Eine gelungene Dressurprüfung auf dem Turnier basiert auf konsequentem, korrektem Training zuhause.

Hinzu kommt dann auch die Bewegungsqualität des Pferdes, die immer in Zusammenhang mit der Losgelassenheit steht. “Der Reiter sollte sein Pferd mit Ausdruck, Schwung und Elastizität präsentieren”, so der Experte. Schwung und Geraderichtung sind auch die nächsten Punkte auf der Ausbildungsskala, die dazu führen, dass das Pferd mehr und mehr Schubkraft entwickelt. Wie wichtig dies letzten Endes zur Gesunderhaltung des Pferdes ist, zeigt auch der Umstand, dass bereits in Jungpferdeprüfungen und ab A-Niveau das Verlängern der Tritte und Sprünge gefordert wird.  

“Bei den genannten Kriterien handelt es sich um qualitative Anforderungen, die sich zwar einerseits aus der Rittigkeit, der Einstellung und dem Potenzial des Pferdes ergeben, die ich als Reiter andererseits aber auch gezielt beeinflussen kann, indem ich mein Pferd entsprechend trainiere.” Natürlich ist aber auch das formale Gelingen eines Rittes auf dem Turnier nicht außer Acht zu lassen. Hier geht es den Richtern besonders um Präzision: “Die Genauigkeit der Hufschlagfiguren, das korrekte Reiten zu den Bahnpunkten und das Reiten der Lektionen am Punkt sind ebenfalls sehr wichtige Faktoren, die in die Beurteilung einer Dressuraufgabe einfließen.” 

“Das Wichtigste ist ein taktmäßig und balanciert über den Rücken gehendes, durchlässiges Pferd, das sicher an den Hilfen steht.”

Reinhard Richenhagen

Übung macht den Meister 

Dass noch kein Meister vom Himmel gefallen ist, weiß auch Reinhard Richenhagen. Er rät deshalb dazu, die für das Aufgabenreiten so wichtigen Aspekte gezielt zu üben – schließlich sind das alles Dinge, die auch das tägliche Training positiv beeinflussen. “Besonders die Dressur zeichnet sich durch ein sehr sorgfältiges, fleißiges und überlegtes Trainieren aus. Hier muss ich als Reiter wirklich dranbleiben, auch, wenn es mal schwierig wird. Ein regelmäßiges und konsequentes Arbeiten mit dem Pferd wird sich auszahlen.” Auch im Training sollte die Ausbildungsskala der rote Faden sein, an dem sich der Reiter grundsätzlich, aber ebenso während der einzelnen Einheiten, orientiert. So ist die kontinuierliche Basisarbeit mit dem Pferd der Grundstein jeden Erfolgs und damit auch mindestens genauso wichtig wie das Erarbeiten von Lektionen. “Der beste Ausbilder ist die Zeit”, sagt Reinhard Richenhagen. “Die Ausbildung des Pferdes ist ein langer Weg, auf dem es immer wieder auch Hürden zu meistern gibt. Und selbst ein sehr weit ausgebildetes Pferd muss konsequent weiter trainiert werden, um seine Form zu behalten. Letztendlich steht dabei stets die Gesunderhaltung des Pferdes im Vordergrund, zu der korrektes Reiten erheblich beiträgt. Ich trainiere also nicht nur für mein Gefühl im Sattel oder für den Turniererfolg, sondern in erster Linie, um möglichst lange Freude mit meinem Pferd haben zu können”, so der Ausbilder. 

Für die Traversale muss das Pferd gemäß der Ausbildungsskala taktmäßig, losgelassen und in guter Anlehnung gehen und konstitutionell dazu in der Lage sein, die Bewegung mit seinem gesamten Körper auszuführen.

Wer diese Grundsätze in den Vordergrund seines Trainings stellt, sollte jedoch früher oder später auch auf dem Turnier Erfolg haben. Denn wenn das Pferd zuhause konsequent korrekt gearbeitet wird, entwickelt sich daraus zwangsläufig auch das, was die Richter auf dem Turnier sehen möchten: Losgelassenheit, Durchlässigkeit und Rittigkeit. “Im Fokus des Trainings steht stets das losgelassene, über den Rücken schwingende Pferd, das geschmeidig und entspannt in der Bauchmuskulatur ist und so die Bewegung im ganzen Körper erfüllen kann”, erklärt Reinhard Richenhagen. “Das Wichtige dabei ist, dass die Losgelassenheit und die Bewegungsqualität des Pferdes immer vor dem Trainieren der einzelnen Lektionen stehen. Zwar kann das Reiten von bestimmten Lektionsfolgen diese natürlich wiederum verbessern. Aber nehmen wir zum Beispiel eine Traversale: Diese kann nicht gut gelingen, wenn das Pferd körperlich nicht dazu in der Lage ist.” Der Reiter sollte sich also bewusst machen, was die Voraussetzung für eine bestimmte Lektion ist, und erst an dieser arbeiten, bevor er sich der Lektion selbst widmet. “Um eine anspruchsvolle Übung wie die Traversale oder den fliegenden Galoppwechsel zu reiten, brauche ich zwar auch ein gewisses technisches Know-how. Aber mit einem korrekt gerittenen, gut vorbereiteten Pferd lassen sich solche Lektionen deutlich besser und einfacher erarbeiten.” 

Wenn es um das Trainieren konkreter Dressuraufgaben geht, empfiehlt Reinhard Richenhagen übrigens, nicht immer die gesamte Aufgabe auf einmal durchzureiten. “Hier ist es ratsam, zunächst nur Teile aus der Ausgabe zu üben und diese dann später zu einem Ganzen zusammenzusetzen wie ein Puzzle.” 

“Die Losgelassenheit und die Bewegungsqualität des Pferdes stehen im Training stets vor dem Reiten von Lektionen.”

Reinhard Richenhagen

Tipps und Tricks für das Turnier 

Fest steht: Konsequentes und pferdegerechtes Training ist unabdingbar für die erfolgreiche Turnierteilnahme. Die gestellten Aufgaben müssen zuhause sicher abrufbar sein, bevor man sie den Richtern präsentieren sollte. “Eine Prüfung kann nur dann erfolgreich sein, wenn die Bewegung, die Durchlässigkeit und der Gehorsam des Pferdes dargestellt werden können”, so Reinhard Richenhagen. “Zudem unterstreicht ein punktgenauer Ritt noch einmal das durchlässige, korrekt gearbeitete Pferd.” Konkret bedeutet das, auch auf dem Turnier sein Pferd entsprechend aktiv zu reiten und jede Ecke oder Linie zu nutzen. “Wenn ich die Ecke nicht als Vorbereitung nutze, kann ich die darauffolgende Lektion kaum sauber von Punkt zu Punkt ausführen. Und je mehr Ungenauigkeiten in einer Vorstellung vorhanden sind, desto mehr spricht dies auch für Verbesserungspotenzial bei der Durchlässigkeit des Pferdes. Die Richter sind in diesem Fall also nicht pingelig, sondern ein korrekt reitender Reiter hat in der Regel das besser gerittene Pferd und hat somit reiterlich auch mehr geleistet.” 

Neben den auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Ecken und Linien, die sich auf den zweiten Blick als so bedeutsam erweisen, gibt es noch einen weiteren Klassiker, auf den das Richterkollegium gerne besonderen Wert legt: Die Grußaufstellung. “Wenn ich als Richter bei der ersten Grußaufstellung eine gelungene Parade zu sehen bekomme, in der das Pferd geschlossen und balanciert steht, kann der Reiter direkt positiv punkten. Die Grußaufstellung ist vergleichbar mit dem ersten Eindruck beim Vorstellungsgespräch und sollte dementsprechend ernst genommen werden”, so Reinhard Richenhagen. 

Wichtig ist, dass der Reiter auf dem Turnier genauso reitet, wie zuhause, und mit seinen Hilfen das Pferd unterstützt.

Um in der Prüfung punkten zu können, kommt es aber natürlich auch auf ein gutes Vorbereiten und Abreiten des Pferdes an. “Wir möchten eine aktive, schwingende Hinterhand sehen und das Pferd soll in guter Anlehnung rund über den Rücken gehen. Wichtig ist, dass ich mir das auf dem Turnier genauso erarbeite, wie zuhause, und nicht plötzlich anders reite. Natürlich kann das Pferd in der fremden Umgebung guckig und aufgeregt sein, aber kleine Spannigkeiten können durch wohl überlegte und gut gerittene Lektionen weggearbeitet werden”, weiß der Ausbilder. Gerade auf dem Turnierplatz braucht das Pferd also die volle Unterstützung seines Reiters. Dieser sollte, so Reinhard Richenhagen, deshalb ruhig mit einer gewissen Selbstsicherheit an die Sache herangehen, um sein Pferd korrekt und mit genügend Ausdruck vorzustellen. 

Das Pferd selbstbewusst und überzeugend in fremder Umgebung zu reiten – dabei kann im Vorfeld auch das gezielte Auswärtstraining helfen. “Wir haben ja heutzutage die Möglichkeit, über das ganze Jahr hinweg an Turnieren teilzunehmen. Ich persönlich lege aber weiterhin großen Wert auf die Winterarbeit, in der man auch mal eine bewusste Turnierpause einlegen kann, um an den Knackpunkten der vergangenen Saison zu arbeiten”, sagt Reinhard Richenhagen. “Die Reiter können mit ihren Pferden den Winter wunderbar nutzen, um im heimischen Stall, aber auch auswärts, an den verbesserungswürdigen Punkten aus den Prüfungsprotokollen zu arbeiten. Sie sollten gemeinsam mit ihrem Trainer ein passendes Trainingskonzept entwickeln, das den aktuellen Leistungsstand weiter verbessert oder sogar den Sprung in die nächsthöhere Klasse ermöglicht.” Denn auch beim Aufstieg in die höhere Klasse gilt wieder: Das richtige Training legt den Grundstein für den Erfolg. 

“Die Winterarbeit ist ideal dafür geeignet, um an den Knackpunkten aus der vergangenen Saison zu arbeiten.”

Reinhard Richenhagen
Reinhard Richenhagen. Foto: privat

Der RRP-Experte Reinhard Richenhagen

Reinhard Richenhagen ist Pferdemann durch und durch: Schon seit Kindheitstagen schlägt sein Herz für den Reitsport. Fast 40 Jahre lang arbeitete er für den Pferdeausrüster Waldhausen, war parallel jedoch als Reiter, Ausbilder und Richter auf den hiesigen Turnierplätzen zu finden. Der 66-Jährige kommt aus Pulheim und hat erfolgreich im Springen und in der Dressur an Turnieren teilgenommen. Er darf bis Grand Prix-Niveau richten und war auf großen internationalen wie nationalen Turnieren als Richter tätig, unter anderem auf den Deutschen Meisterschaften. Reinhard Richenhagen ist zudem Gutachter-Richter Dressur der Deutschen Richtervereinigung und auch deren stellvertretender Vorsitzender. Er engagiert sich außerdem im FN-Arbeitskreis Aufgabenheft sowie als Vorsitzender der Kommission für Pferdeleistungsprüfungen im Rheinland. Seine weitreichende Erfahrung gibt er mit Freude an Reitschüler und Lehrgangsteilnehmer weiter. 

Elisa Schnitzler 

Fotos: Equipics/Zachrau

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