Wenn ein Pferd ein Trauma hat, ist guter Rat häufig teuer.
Wenn ein Pferd ein Trauma hat, ist guter Rat häufig teuer.

Traumata, Trigger, Therapie 

Panik, Stress, Abwehr: Wenn ein Pferd die Zusammenarbeit mit dem Menschen verweigert, ist häufig guter Rat teuer. Doch bevor an dem Problem gearbeitet wird, sollte Ursachensuche betrieben werden. Denn häufig liegt ein Trauma zugrunde, das möglicherweise tief sitzt, aber als solches bis dato nicht erkannt wurde. Welche negativen Erlebnisse Pferde tiefgehend prägen können und wie an Traumata gearbeitet werden kann, erklären Verhaltensbiologin Marlitt Wendt und Pferdewissenschaftlerin Dr. Vivian Gabor. 

„Traumata bei Pferden entstehen durch eine Überforderung und Hilflosigkeit in einem bestimmten Moment. Dies kann beim Absetzen, beim Anreiten, in einem bestimmten Schreckmoment oder auch beispielsweise beim Verladenwerden oder beim Transport geschehen“, sagt Dr. Vivian Gabor. Marlitt Wendt ergänzt: „Ein Trauma kann als Form der seelischen Verletzung aufgrund einer Schocksituation in jedem Lebensalter oder einer gestörten Bindungsempfindung in der Kindheit auftreten.“ Als häufigste Ursache sieht sie das abrupte Absetzen des Fohlens von der Mutter. „Das geschieht zum einen heutzutage in der Regel viel zu früh, nämlich oft schon mit vier bis sechs Monaten und nicht wie in der Natur die Regel mit einem Jahr oder später. Und darüber hinaus werden viele Fohlen in Menschenobhut einfach ihrer Mutter entrissen und in eine neue Herde und Umgebung verbracht. In der Natur ist die Entwöhnung ein sehr langsamer Prozess, der meist mit der Geburt des nächsten Fohlens der Mutterstute beginnt, also etwa ein Jahr nach der Geburt des ersten Fohlens. Nach und nach trinkt es seltener bei der Mutter (durchaus aber auch noch parallel zum jüngeren Geschwister) und entfernt sich mal mehr mal weniger stark von seiner Ursprungsfamilie. Es knüpft dabei neue Beziehungen und nabelt sich schließlich vollkommen ab.“  

Trauma: Absetzen 

Beim erwachsenen Pferd sieht Wendt am häufigsten die Folgen von traumatischen Erlebnissen wie Traumata beim Anreiten oder gar schlicht bei der Sattelgewöhnung mit Abbocken und Panikreaktionen oder aber beim Verladen in den Pferdeanhänger oder beim Transport selbst. „Traumata sind auch durch häufige Stallwechsel bedingt und nicht selten werden Pferde in ungünstig zusammengestellten Gruppen gemobbt und erleben auch dort Traumata“, betont sie. 

All diese Situationen haben eins gemein: Sie haben beim Pferd Hilflosigkeit und in manchen Fällen sogar Todesangst ausgelöst. Dr. Vivian Gabor erklärt: „Alle Verknüpfungen – also Assoziationen – die in diesem Moment stattgefunden haben, können später das Trauma – fungierend als Trigger – wieder auslösen. Dies können beispielweise Gerüche, Geräusche, Berührungen oder ein bestimmtes Gefühl sein, welches das Pferd wieder zurück in dieses Erlebnis oder diese Situation versetzt. In der Humanpsychologie spricht man vom sogenannten „Flashback“. 

Erlernte Hilflosigkeit 

„Zum einen unterscheide ich zwischen den direkt mit dem Trauma assoziierten Verhaltensweisen, wie zum Beispiel verstärkte Angst- oder Stress-Reaktionen in Situationen, die das Pferd direkt triggern. Das kann die Erinnerung an ein Unschönes Erlebnis beim Anreiten sein. Da reicht es beispielsweise bei manchen Pferden, einen Sattel auf sie zukommen zu sehen, um eine Stress-Reaktion auszulösen“, erläutert Marlitt Wendt. Und, noch viel wichtiger: „Traumata können Folgen für das gesamte Verhalten und die Persönlichkeitsentwicklung und -struktur haben. Betroffene Pferde verfallen etwa in den Zustand der erlernten Hilflosigkeit, entwickeln kaum Eigeneinitiative und erscheinen sehr passiv und desinteressiert an ihrer Umgebung. Andere Tiere sind auffällig nervös und hektisch und geraten schon bei kleinsten Unstimmigkeiten oder Außenreizen in Stress. Oder aber sie neigen zu vermehrten Aggressionen, die sie entweder an sich selbst durch Selbstverletzungen oder an anderen Pferden auslassen.“ Zu den Folgen eines Traumas könnten daher auch Verhaltensauffälligkeiten wie Koppen oder Weben gehören, die dadurch entstehen oder verstärkt werden. „Auch Depressionen können entstehen.“ 

Traumabewältigung erfordert viel Geduld. Foto: Equipics/Zachrau

Auch Pferde können depressiv sein 

Letztere gehören laut Wendt zu den häufigsten Folgen des Erlebens eines Traumas, werden jedoch häufig nicht als solche ausgemacht: „Gerade das Thema Depressionen bei Pferden als Zustand innerer Antriebs- und Hoffnungslosigkeit wird häufig nicht erkannt oder aber nicht als Alarmsignal gedeutet. Sehr viele Pferde leiden stumm, sind freudlos und gedämpft in ihrem Verhalten. Sie folgen nicht ihren inneren Bedürfnissen und Impulsen, sondern leben quasi in einem permanenten Erstarrungsmodus. Fatal ist, dass betroffene Pferde von vielen Reitern als brav, gutmütig oder faul eingeschätzt werden und ihr innerer Zustand nicht als Krankheitsbild erkannt wird.“   

Zu erkennen, ob das Pferd ein Trauma hat, ist nicht immer leicht. „Es kann sein, dass ein Trauma entsteht, beispielsweise bei einer sehr schwierigen Verlade- oder Transportsituation, die der Mensch als gar nicht so schlimm einschätzt“, sagt Gabor und fährt fort: „Auf der anderen Seite habe ich schon erlebt, dass der Besitzer meinte, das Pferd hätte ein Trauma, da es einen Unfall im Hänger erlebt hat, weil er es selbst als traumatisch empfunden hat. Dem war aber in diesem Falle nicht so und das Pferd konnte wieder entspannt in einen Hänger einsteigen. Wann also ein Trauma in einem Pferd ausgelöst wird, hängt besonders mit dem inneren Zustand des Pferdes in dem Moment des Ereignisses zusammen.“ 

Traumatisierte Pferde – Fallbeispiele 

Marlitt Wendt: „Da gibt es viele, aber besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein typischer Fall einer Anhängerphobie. Das eigentliche Trauma ist vermutlich bei einem Unfall im Hänger ausgelöst worden, angenehm waren Transporte dem Pferd aber nie. Das Ausmaß der Panik zeigte sich schon darin, dass alle beteiligten Trigger noch Jahre später deutlich sichtbar waren. Etwa das Anlegen der Transportgamaschen führte zu Schwitzen, zittern und Stressmimik. In die Richtung des Anhänger-Parkplatzes konnte das Pferd zunächst nicht bewegt werden und neigte dabei zu Übersprungshandlungen und Panikreaktionen. Wir haben zunächst gar nicht am Hänger direkt geübt, sondern in mühevoller Kleinarbeit Trigger identifiziert. Und das waren sehr viele. Für jedes einzelne Thema haben wir dann begonnen, Trainingspläne zu erstellen und zum einen gezielt über Belohnungen daran zu arbeiten. Wir haben quasi die Situation Anhänger zerlegt und alle Bestandteile einzeln simuliert und so mit den Übungen begonnen. Dazu gehörte beispielsweise das Gehen über unbekannte Untergründe, dann über eine Holzplatte, später über eine Brücke und so weiter. Für das Thema Engpass haben wir mit Hindernisständern, Stangen und Decken einen immer enger werdenden „Raum“ gebastelt. 
Zum anderen haben wir über das Training der konditionierten Entspannung begonnen, dem Pferd schnell aus stressbedingten Verhaltensmustern herauszuholen und wieder in die Entspannung zu bringen. Ein weiterer wichtiger Part war das Spiegeln der eigenen Verhaltensweisen. Das Pferd hat über Belohnungen nach und nach gelernt, dem Menschen zu vertrauen und sich an seinem Verhalten zu orientieren. Also beispielsweise eine Pause zu machen, wenn wir uns passiv verhalten haben, oder aber sich zu trauen, etwas zu erkunden, was das Tier unsicher macht. 

Letztlich ist ein Trauma vermutlich nie aufgelöst. Vielmehr würde ich es so beschreiben, dass es mit positiven Erfahrungen überzeichnet wird. Die tiefliegende Erinnerung wird man nicht herausschneiden können, sondern gewissermaßen eher verblassen lassen.“

Dr. Vivian Gabor: „Immer wieder habe ich Pferde im Training, die vor Bewegungen und Geräuschen hinter sich mit Panik und Flucht reagieren. Dies erlebe ich häufig bei Tinkern und Friesen, also Rassen, die zum Fahren eingesetzt werden. Dies kann daran liegen, dass sie auf keine gute Art und Weise eingefahren wurden. Hier kann man schrittweise an Faktoren gewöhnen und dem Pferd eine Alternativhandlung zur Flucht – am besten Entspannung – bieten. Grundsätzlich muss man dazu sagen, dass ein Trauma möglicherweise nie ganz überwunden werden kann und dass es weiterhin Situationen geben wird, in denen dieses ausgelöst werden kann. Dies muss dem Menschen klar sein. Anders verhält es sich bei „nur“ schlechten Erfahrungen, diese können mit vielen positiven Schichten wieder überschrieben werden, beim Trauma allerdings können tatsächlich immer „Rückstände“ in der Seele des Pferdes wie auch in der des Menschen zurückbleiben. Gerade bei einem Fluchttier wie dem Pferd, das darauf angewiesen ist, tödliche Gefahren zu erkennen, macht dies Sinn, denn eine so tiefgreifende Erfahrung will niemals wieder erlebt werden.“ 

Druck verstärkt das Trauma 

Blockiert das Pferd, ist guter Rat häufig teuer. Wie also könnte eine Therapie aussehen? „Traumafolgen verschwinden in der Regel nicht spontan und der Zustand verschlechtert sich über Druck weiter. Aus etwas Stress oder einer leichten depressiven Verstimmung kann so schnell eine echte Depression entstehen. Darüber hinaus ist die Wahrscheinlichkeit für Panikreaktionen oder extreme Gegenaggressionen deutlich erhöht. Auch für den Menschen wird das Training über Zwang schnell gefährlich“, warnt Marlitt Wendt davor, in schwierigen Situationen in die direkte Konfrontation über Druck zu gehen. Und auch Dr. Vivian Gabor sagt: „Wie auch in der Psychotherapie bei Menschen, macht es Sinn, das Pferd schrittweise an Situationen heranzuführen, die es bewältigen kann. Man spricht von der Stärkung der Selbstwirksamkeit.“ Beispielsweise könnten einzelne Reize der traumatisierten Situation – zum Beispiel bestimmte Geräusche – schrittweise in eine entspannte Trainingssituation eingebracht werden. „So lernt das Pferd in dieser Situation, sie zu bewältigen. Wenn der Mensch dem Pferd in diesem Moment hilft, beispielsweise durch vorher geübte ruhige, weichende Übungen, kann es das Pferd schaffen, sich zu beruhigen. In diesem Moment entnimmt man sofort den angstauslösenden Reiz. So schafft man, dass das Pferd Bausteine dieser Situation bewältigen kann und diese dann zusammengesetzt werden können. Dies bedarf allerdings viel Fingerspitzengefühl und ein gutes Timing.“ 

Fingerspitzengefühl ist gefragt 

Marlitt Wendt rät: „Aus meiner Sicht kann eine Traumabewältigung nur über eine sensible, ganzheitliche Betrachtung der Lebenssituation des Pferdes gelingen. Dazu gehört es, alle Lebensbereiche des Tieres – von der Haltungsform über die Fütterung bis hin zum Training – unter die Lupe zu nehmen. Es braucht Verbesserungen in jedem Bereich, da der innere Druck und der Gesamtstresslevel gedrosselt werden muss.“ Erst dann könne an den konkreten Themen des Tieres gearbeitet beziehungsweise Trainingspläne und ergänzende Maßnahmen abgestimmt werden. „Bei einem Anhängertrauma wird man also beispielsweise das Thema Platzangst oder Geräuschangst angehen, beim Tierarzttrauma eher das Festhalten von Menschenhand.“  

Behutsame Desensibilisierung ohne Druck ist der Schlüssel zum Erfolg. Foto: Equipics/Zachrau

Desensibilisieren und Gegenkonditionieren 

Die Verhaltensbiologin macht deutlich: „Wichtig bei jeglichen Maßnahmen ist es, unterhalb der Stress-Schwelle des Pferdes zu arbeiten und sich langsam Schrittchen für Schrittchen dem angestrebten Ziel anzunähern.“ Über Belohnungen lerne das Pferd angstfrei und stressarm, daher sei der Weg der positiven Verstärkung das Mittel der Wahl. „In der Verhaltenstherapie werden häufig Pläne zur systematischen Desensibilisierung und Gegenkonditionierung eingesetzt, bei der vormals mit Negativerlebnissen assoziierte Reize neu belegt werden und so zu Ankündigungen für etwas Positives werden.“ 

Um Ängste erfolgreich zu therapieren, muss nicht nur das eigentliche Problem betrachtet werden. „Das Pferd grundsätzlich in einen psychisch wie physisch gesunden Zustand zu versetzen, ist selbstverständlich die Grundvoraussetzung, um psychische Grenzen anzugehen“, betont Dr. Vivian Gabor. „Alles, was dem Pferd hilft, damit es sich körperlich und psychisch wohlfühlt, schafft eine grundsätzlich höhere Resilienz, also eine höhere Widerstandsfähigkeit, Herausforderungen zu meistern.“ Wie Marlitt Wendt ist sie daher davon überzeugt: „Hierzu gehört eine gute Haltung, eine optimale Fütterung und weitere körperlich wohltuende Dinge wie beispielsweise auch eine gute Gymnastizierung, wenn es geritten werden soll. Damit schafft man also die besten Voraussetzungen aus einem komfortablen Bereich in schwierigere Situationen hineinzuarbeiten.“ 

Selbstwahrnehmung fördern

Marlitt Wendt ergänzt: „Je nach Folgen des Traumas gehen sehr viele unterschiedliche Möglichkeiten Hand in Hand. Massagen beziehungsweise jegliche Form der Körperarbeit führt zu Verbesserungen der Muskelverspannungen und tragen damit zur allgemeinen Entspannung bei. Gezieltes propriozeptives Training stärkt das Körpergefühl und die Selbstwahrnehmung. Körperbandagen steigern die Wahrnehmung.“ Auch einen Futter-Tipp hat die Expertin: „Es können in manchen Fällen Zusatzfutter wie beispielsweise ein Zusatz von L-Tryptophan als Ergänzung für einen gestörten Serotonin-Stoffwechsel zum Einsatz kommen. Magnesium hilft dem Muskelstoffwechsel. Im Extremfall können verschreibungspflichtige Angstlösende Medikamente zum Einsatz kommen, diese müssen dann von einem auf Verhalten spezialisierten Tierarzt/Tierärztin begleitet werden. Auch die Kräuterkunde hält einige stimmungsaufhellende Pflanzen bereit.“ Generell helfe alles, was dem Pferd einen Weg in die eigene Selbstwirksamkeit zeigt. „Dazu gehören auch Intelligenzspiele, die Erkundungsverhalten ermöglichen, oder mit Belohnungen Tricks zu trainieren.“ 

Die RRP-Expertin: DR. VIVIAN GABOR

RRP- Expertin Dr. Vivian Gabor. Foto: Cara Dörpmund

Dr. Vivian Gabor ist Biologin, promovierte Pferdewissenschaftlerin und Fachbuchautorin. Ihr Spezialgebiet ist das Lernverhalten des Pferdes und die Verknüpfung von Wissenschaft und Praxis. Sie betreibt ein Ausbildungszentrum für Mensch und Pferd im Niedersächsischen Einbeck und ist Gründerin des Instituts für Verhalten und Kommunikation (IVK).  

Die RRP-Expertin: MARLITT WENDT

RRP-Expertin Marlitt Wendt. Foto: Privat

Marlitt Wendt ist eine auf Pferde spezialisierte Verhaltensbiologin, Trainerin, Dozentin und Fachbuchautorin, die sich seit vielen Jahren für ein harmonisches Miteinander zwischen Pferd und Mensch und pferdegerechte Umgangsformen einsetzt.   

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