So werden Europameister getauft – Justin Verboomen gab sich geschlagen, als der Champagner von links und rechts zu spritzen begann. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
So werden Europameister getauft – Justin Verboomen gab sich geschlagen, als der Champagner von links und rechts zu spritzen begann. Foto: Sportfotos-lafrentz.de

Crozet: Zweites EM-Gold für Verboomen, Bronze für Werth

Für seine Pirouetten erhielt Zonik Plus heute zweimal die 10, dreimal 9,5 und sechsmal die 9. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Für seine Pirouetten erhielt Zonik Plus heute zweimal die 10, dreimal 9,5 und sechsmal die 9. Foto: Sportfotos-lafrentz.de

In der abschließenden Kür bei den Europameisterschaften der Dressurreiter in Crozet, Frankreich, wurde es noch einmal richtig spannend. Manche Paare konnten sich steigern, andere blieben etwas hinter den Erwartungen. Doch am Ende war es das gleiche Podium wie im Special.

Es waren nur Nuancen, die die beiden Erstplatzierten der Europameisterschaft von Crozet 2025 voneinander trennten. Mit 89,964 Prozent holte der Belgier Justin Verboomen im Sattel seines wunderbaren, neun Jahre jungen Hengstes Zonik Plus Gold in der Kür. Silber ging erneut an Dänemarks Cathrine Laudrup-Dufour mit ihrer 16-jährigen Hannoveraner Fidermark-Tochter Freestyle – mit 0,143 Prozent Abstand. Bronze sicherten sich zum zweiten Mal Isabell Werth und die elfjährige dänische Sezuan-Tochter Wendy. Sie erhielten 88,046 Prozent.

Der neue Europameister

Als er Freitag Europameister im Grand Prix Special wurde, hat Justin Verboomen als erster Belgier mit einer Medaille Dressurgeschichte geschrieben. Heute holte er die zweite, wieder in Gold. Hatte er gestern noch versucht, der obligatorischen Champagnerschlacht auf dem Podium zu entgehen, indem er kurzerhand die Blumensträuße seiner Mitstreiterinnen als Schild zweckentfremdete, gab er sich heute geschlagen und badete in der Dusche von links, wo Isabell Werth sich über Bronze freute. Und wie man sie kennt, wahrscheinlich auch über dieses neue Gesicht da auf dem Podium, das den Sport in den nächsten Jahren mitprägen dürfte. An diesem Wochenende in Crozet haben Justin Verboomen und Zonik Plus jedenfalls ganz klar gemacht, dass sie keine Eintagsfliege sind.

Die Instrumentalmusik der beiden mag nicht jedermanns Sache sein, aber sie ist gut auf die Choreografie abgestimmt und allemal besser als manch anderes willenlos aneinander gereihtes Popsong-Medley. Die beiden begannen ihre Kür mit Piaffen und Passagen wie ein Metronom. Hier war ein Tritt wie der andere und die Piaffen waren vielleicht die besten, die der neun Jahre junge Rheinländer Hengst an diesem Wochenende gezeigt hat. Auch stand der Kandarenzügel heute weniger stark an, als noch im Grand Prix Special. Aus der Piaffe-Passage-Tour in tänzerischer Leichtigkeit und sicherer Selbsthaltung entwickelte er einen fliegenden starken Trab mit echter Schwungentfaltung. Einen dicken Patzer hatten die beiden in der Rechtstraversale. Hier galoppierte der Zonik-Sohn zweimal an. Verboomen korrigierte sofort, aber das war teuer. Ein Fehler, den er auf seine Kappe nahm.

Im starken Schritt dehnte Zonik Plus sich zur Hand hin und war fleißig, hätte aber mehr durch den Körper schreiten dürfen. Im versammelten Schritt paradierte der Hengst vorne rechts extrem (Wertnoten von 6,5 bis 8). Aus dem versammelten Schritt entwickelte Verboomen eine tolle Galopppirouette, dann starker Galopp und ein Aufnahmen auf dem Hinterbein wie aus dem Lehrbuch. Danach eine ebenso gelungene Pirouette nach links. Schön zu sehen: Egal, was Verboomen ritt, er hatte den Hengst immer vor sich und an den treibenden Hilfen, ohne dass er dafür nennenswerten Aufwand betreiben musste. Der einzige Moment der Prüfung, in dem Zonik Plus nicht zufrieden wirkte, waren die Einerwechsel, wie auch schon im Grand Prix Special.

Justin Verboomen war einmal mehr um Worte verlegen und von seinen Emotionen übermannt, als er nach seinem Sieg interviewt wurde. Aber als die Sprache auf seinen heutigen Ritt kam, hatte doch etwas mitzuteilen: „Ich habe das Gefühl, dass er von Prüfung zu Prüfung reifer wird. Ich hatte einen dicken Fehler in der Traversale, aber das war meine Schuld! Er (Zonik Plus) lauscht immer auf mich und meine Hilfen. Das ist seine Stärke.“

Ein kleines bisschen enttäuscht

Cathrine Laudrup-Dufour und Freestyle. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Cathrine Laudrup-Dufour und Freestyle. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Schaut man sich die Rangierung an, fällt auf, dass es nicht nur punktmäßig knapp war zwischen den beiden Erstplatzierten. Fünf der sieben Richter (van der Heijden bei F, Umbach bei B, Wüst bei M, Foy bei K und Matthiesen bei H) hatten Cathrine Laudrup-Dufour und Freestyle an erster Stelle, aber nur zwei Verboomen. Christof Umbach bei B hatte ihn auf Rang drei, wenn auch mit geringem Abstand.

Wieder begann das dänische Duo mit einer starken Trabtour mit klar abgegrenzten Tempiunterschieden und in feinster Anlehnung. Die Piaffen fallen Freestyle nicht so leicht wie Zonik Plus. Aber die Übergänge sind trotzdem fließend. In der Galopptour hatten die beiden einen Fehler in den Zweierwechseln. Insgesamt hätte man sich hier ein etwas aktiver springendes Hinterbein gewünscht. So hatte man den Eindruck, dass die im Trab so feine Anlehnung hier stärker und das Maul der Stute unruhiger wurde. Die gesamte Leichtigkeit ging etwas verloren. Dennoch eine tolle Prüfung und ein Schwierigkeitsgrad, der seinesgleichen sucht. Als Beispiel sei die Schlusslinie genannt: aus dem Schritt in die Galopppirouette rechts, drchparieren in die Piaffe-Fächerpirouette nach links, zurück auf die Mittellinie und dann der Schlussgruß. Das ist großes Kino.

Wieder wurde es nichts mit dem ersten Einzeltitel für die fein reitende Laudrup-Dufour. Nun fährt sie mit zwei Silbermedaillen und einer in Bronze heim. Sie sei ein bisschen enttäuscht gab sie unverhohlen zu im Interview, betonte aber: „Sie (Freestyle) war toll diese Woche und ist drei super Prüfungen gegangen. Am Ende ist es auch eine Frage von Glück.“

Wendy von „gut“ zu „super“

Die Lektion, in der es heute für Wendy eine 10 gab, war der starke Galopp. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Die Lektion, in der es heute für Wendy eine 10 gab, war der starke Galopp. Foto: Sportfotos-lafrentz.de

Auch heute kamen Isabell Werth und Wendy nicht ohne Wechselfehler „ins Ziel“. Trotzdem war es sicherlich die beste Prüfung des ganzen Wochenendes von dem Paar. Die Kür ist Wendy nicht nur musikalisch auf den Leib geschneidert, sondern auch choreografisch mit vielen Piaffe- und Passage-Reprisen, der Stärke der Stute. Hier überzeugt ihre Taktsicherheit in Verbindung mit der Musik. Insgesamt dürfte sie jedoch handunabhängiger werden. Aber Isabell Werth hatte schon in den vergangenen Tagen betont, dass sie erst spät in die Saison gestartet und noch nicht an dem Punkt seien, an den sie gerne kommen würde.

„Wir sind mit wenig Erwartungen nach Balve gekommen. Wir sind in Aachen gewesen mit einer permanenten Steigerung. Wir können alle die Vibes spüren, dass man auch nach Veränderungen strebt. So sind wir hier angetreten mit dem Wissen, dass es schwer wird, Mannschaftsgold zu gewinnen. Das haben wir geschafft – sicherlich hat uns Lottie (Fry) dabei geholfen, um es ganz klar und fair zu sagen. Die hat einfach nicht ihr Turnier gehabt.“

Anders als Werth, die mit Wendys Entwicklung in dieser Woche äußerst zufrieden ist: „Ich bin sehr, sehr glücklich, wie sie sich heute gezeigt hat. Der Special war gut, aber nicht optimal. Heute war sie super! Zwei Kleinigkeiten, aber das große Ganze, die Leichtigkeit – ich glaube nicht, dass heute ein Pferd besser Piaffe und Passage und Übergänge gemacht hat. Und auch ganz sicher kein Pferd besseren Schritt gegangen ist“, resümierte sie ihren persönlichen Eindruck.

Was „Lottie“, also Charlotte Fry, betrifft – die britische Weltmeisterin und Glamourdale hatten heute keinen guten Tag. „Going to Ibiza“ von den Venga Boys ist ihr Kür-Auftakt. Ob nach Ibiza oder nach Hause, auf jeden Fall schien Glamourdale heute weg zu wollen aus dem Viereck in Crozet. Schon beim Einreiten erschreckte er sich vor etwas. Die ersten Minuten der Kür waren von verspannten Piaffe-Passage-Tritten geprägt. Im Laufe der Prüfung fing der Hengst sich etwas, aber die beiden waren weit von ihrer Bestform entfernt. Die Richterurteile bewegten sich zwischen 74,675 Prozent (Rang 16) und 84,825 Prozent (Rang fünf). Dazu muss man nicht viel sagen.

„Spannende“ Prüfung

Es lag heute etwas in der Luft in Crozet. Mehrere Pferde ließen sich von der Atmosphäre anstecken und waren nicht so gelassen wie sonst. Dazu gehörte auch Katharina Hemmers Denoix. Schon die Grußaufstellung war unruhig. Daraus entwickelte er dann allerdings eine für den Rest der Aufgabe äußerst viel versprechende Piaffe. Doch beim Übergang in die Passage ging er einmal gegen die Hand und wollte sich frei machen. Es wurde ein Ritt auf der Rasierklinge für die beiden mit tollen Momenten wie den unglaublichen weit kreuzenden schwingenden Traversalen (übrigens zu Black Beauty-Filmmusik), aber auch der Spannung geschuldeten Problemen im Schritt, Fehlern in den Zweierwechseln und einer ebenfalls spannungsgeladenen Schlusslinie. Damit kamen sie heute nicht über 78,882 Prozent und Rang elf hinaus. Schade!

Katharina Hemmer trug es mit Fassung: „Ich denke, wenn wir das noch ein paarmal gemacht haben, ist das auch kein Problem mehr. Wir hatten uns ein bisschen auf Grand Prix und Special konzentriert und noch nicht so viel Wert auf die Kür gelegt und das sieht man in den Momenten noch. Aber grundsätzlich war ich mit ihm superzufrieden, weil er beim Abreiten wieder richtig toll ging. Auch wenn wir es noch nicht so richtig in die Prüfung bringen konnten, war er ganz toll.“

Das Fazit ihres ersten Championats: „Es war Super! Es hat richtig Spaß gemacht. Ich glaube, wir haben beide viel gelernt. Denoix ist super gegangen.“ Viel gelernt, was sie dann hoffentlich bei der WM 2026 in Aachen zeigen können. Das ist das erklärte Ziel. „Jetzt war ich einmal in der Mannschaft. Jetzt hat man gemerkt, wie viel Spaß das macht, und ich denke, wir haben am Wochenende auch gezeigt, dass wir berechtigt in der Mannschaft waren, konnten gute Leistungen zeigen und jetzt gilt es, ihn fit und fröhlich zu halten und dann einen guten Plan zu machen, dass wir nächstes Jahr zur Außensaison gut in Form sind.“

Und während Katharina Hemmer und ihr Ausbilder und Trainer Hubertus Schmidt Pläne schmieden, kann Denoix sich in den kommenden Wochen auf der Weide von den EM-Strapazen erholen. „Das habe ich ihm versprochen“, so Hemmer.

Wandres auf Rang fünf

Zum Abschluss ihrer EM konnten sich die Mannschaftseuropameister Frederic Wandres und sein Oldenburger Bordeaux-Sohn Bluetooth über einen fünften Platz mit 81,771 Prozent freuen. Den beiden gelang mit ihrer „All you need ist love“-Kür eine Prüfung ohne Patzer. Kleines Aber: In den Lektionen höchster Versammlung nahm Bluetooth hinten rechts weniger Last auf als links, so dass er die Rechtspirouetten beidbeinig sprang und in den Piaffen nicht ganz gleichmäßig auffußte. Aber er hat einmal mehr alles gegeben. Dementsprechend positiv war Wandres‘ Fazit: „Ich bin rundum happy. Ich habe es auch ein bisschen genossen, habe versucht, alles in Ruhe durchzureiten ohne Fehler. Er hat schön piaffiert, vor allem am Ende. Also, ich bin rundum happy mit ihm. Heute gehe ich aus dem Viereck mit einem guten Gefühl.“

Rheinischer Finalist für Portugal

Ein toller Erfolg war diese EM auch für den Portugiesen João Pedro Moreira, der wie Isabell Werth ein Vertreter des R. u. FV Graf v. Schmettow-Eversael ist. Mit seinem Oldenburger Hengst Fürst Kennedy, den er als noch nicht angerittenen Youngster bekam und über Bundeschampionat und Dressurpferde-WM in den großen Sport gebracht hat, schaffte er es als einziger Vertreter seines Landes ins Finale der Top 18 dieser EM. Hier wurde es dann der 16. Platz mit 75,521 Prozent. Damit hat er sich gegenüber seinem EM-Debüt von 2023 um zwei Plätze verbessert. Damals saß er im Sattel von Zonik Hit, der inzwischen das Präfix „Gut Wettlkam’s“ im Namen trägt und von Lisa Müller geritten wird.

Alle Ergebnisse finden Sie hier.

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