Shiny, happy people heute in Crozet auf dem EM Treppchen … Foto: sportfotos-lafrentz.de
Shiny, happy people heute in Crozet auf dem EM Treppchen … Foto: sportfotos-lafrentz.de

Crozet: Verboomen Europameister, Hemmer ein Hit

Die neuen Europameister der Dressurreiter im Grand Prix Special kommen aus Belgien: Justin Verboomen und Zonik Plus. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Die neuen Europameister der Dressurreiter im Grand Prix Special kommen aus Belgien: Justin Verboomen und Zonik Plus. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Er hat es geschafft. Justin Verboomen hat die erste Dressur-Europameisterschaftsmedaille der Geschichte für Belgien geholt, nicht irgendeine, sondern die goldene. Wer eine Medaille verdient gehabt hätte, aber leider leer ausging, war Katharina Hemmer.

Mit 82,371 Prozent sicherten sich die Shooting Stars Justin Verboomen und sein neun Jahre junger Zonik Hit EM-Gold vor Dänemarks Cathrine Dufour und Freestyle, die es auf 81,687 Prozent brachten. Ihnen wurden heute die 15 Einerwechsel zum Verhängnis. Dort hatten auch Isabell Werth und Wendy Fehler. Trotzdem reichte es, um mit 79,027 Prozent ihre Teamkameradin Katharina Hemmer mit Denoix auf Rang vier zu verweisen. Die beiden hatten einen traumhaften Auftritt!

Zonik Plus – vom Löwen zum Musterknaben

Justin Verboomen und Zonik Plus. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Justin Verboomen und Zonik Plus. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Erst ging Justin Verboomens Faust in die Luft, dann vergrub er sein Gesicht an Zonik Plus‘ muskulösem Hals und als er rausritt, hielt er sich die Hand vors Gesicht. Er wollte seine Tränen wohl nicht mit aller Welt teilen. Justin Verboomen hat Dressurgeschichte geschrieben. Er ist der erste belgische Dressureuropameister der Geschichte. Und das gleich beim ersten Championat mit einem erst neunjährigen Pferd.

Tänzerische Leichtigkeit, das ist es, was dieses Paar auszeichnet. Verboomen reitet mit minimalem Hilfenaufwand, Zonik bringt Fleiß und Energie mit, und das mit gespitzten Ohren, immer vor den Hilfen des Reiters und meist guter Anlehnung – wenngleich heute mit recht strammer Kandare, vor allem in Relation zur Trense.

Die Übergänge zwischen Passagen und starkem Trab im Grand Prix Special gelangen ihnen in leichtfüßiger Harmonie, die Traversalen fließend und sicher in Takt und Balance. In den Piaffen darf er bei aller Aktivität mit dem Hinterbein mehr Richtung Schwerpunkt arbeiten, wobei die Übergänge zwischen Piaffen und Passagen wiederum eine einzige Spielerei für den Hengst zu sein scheinen.

Im versammelten Schritt schlichen sich einzelne paradierende Schritte ein. Da gab es Wertnoten von 6,5 bis 9! Diese Hinweise auf einen nicht immer ganz losgelassenen Rücken zeigten sich auch im Galopp, vor allem in den Einerwechseln. Die waren heute mit deutlicher Spannung und dann auch schlagendem Schweif und angelegten Ohren vorgetragen. Das war aber auch das einzige Mal während der Prüfung, dass der Hengst unzufrieden wirkte – außer am Anfang, wo er sich leicht verkantete. Absolutes Highlight heute: die Pirouetten! Kleiner und dabei ausbalancierter und trotzdem noch durch den Körper gesprungen geht es wirklich nicht. Für die erste gab es dreimal, für die zweite ein weiteres Mal die 10,0.

„Ich bin sprachlos. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Er muss ja noch so viel lernen und ich auch“, hauchte Justin Verboomen leise und zurückhaltend wie immer ins Mikrophon, als sein Sieg feststand, offenbar immer noch im Kampf mit seinen Emotionen. Er habe sich so großen Druck gemacht im Vorfeld und es sei so schwierig gewesen damit umzugehen. Gut, dass er sich auf seinen Rheinländer Hengst verlassen kann. Was nicht immer so war, wie er sagt. Er hatte den Zonik-Sohn zweieinhalbjährig in Portugal entdeckt und selbst ausgebildet. „Als er noch jünger war, war er wie ein Löwe, wenn er ins Viereck kam“, so Verboomen. Heute würde man ihn wohl eher mit einem Rudolf Nurejew vergleichen.

Die verflixten Einerwechsel I

Passage für eine 10: Freestyle und Cathrine Laudrup-Dufour. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Passage für eine 10: Freestyle und Cathrine Laudrup-Dufour. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Bis zu den Einerwechseln sahen die Sieger von gestern, Cathrine Laudrup-Dufour und die 16-jährige Hannoveraner Fidermark-Tochter Freestyle, wie die würdigen Europameister aus. Okay, die Traversalen hätte man sich mit etwas mehr Fleiß und besser im Fluss gewünscht und in den Piaffe, federt Freestyle lange nicht so mühelos vom Boden weg, wie etwa ein Zonik Plus oder auch eine Wendy. Aber sie nimmt die Last auf, beugt die Hanken, senkt sich in der Kruppe, neigt allerdings auch manchmal dazu, vorne mit dem Stützbein hinter statt wie gewünscht in die Senkrechte aufzufußen. Das bereitet ihr aber keinerlei Probleme in den Übergängen und besser passagieren kann ein Pferd kaum. Das alles bei feinster Anlehnung und minimalstem Hilfenaufwand.

Dann die Galopptour. Die Zweier gelangen wunderbar gerade, erhaben und sicher durchgesprungen. In den Einerwechseln fühlte Cathrine Laudrup-Dufour sich offenbar einen Moment zu sicher. Bei X angekommen, sprang die Stute die Serie nicht mehr weiter. Ein dicker Patzer. Die Einer zwischen den gelungenen Pirouetten auf der Mittellinie klappten dann wieder problemlos. Alles in allem ein wunderbarer Ritt voller Harmonie, was auch Cathrine Laudrup-Dufour so empfunden hat:

„Sie fühlte sich absolut wunderbar an. Ich hatte einen herrlichen Ritt. Nur in den Einern haben wir in einer Millisekunde die Balance verloren. Aber ganz im Ernst, ich bin wirklich glücklich mit meiner Silbermedaille. Und Sonntag ist ein neuer Tag!“

Die verflixten Einerwechsel II

Isabell Werth und Wendy. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Isabell Werth und Wendy. Foto: Sportfotos-lafrentz.de

Denn Sonntag ist Kür-Tag, und da hat auch Isabell Werth sich noch einmal einiges vorgenommen. Heute wurde es die Bronzemedaille mit der Sezuan-Tochter Wendy. Auf der Habenseite der beiden standen heute vor allem die Piaffen. In Passagen und Verstärkungen kommt die Aktivität der Hinterhand noch nicht mit der der Vorhand mit. Vor allem die Galopptour ist noch eine Herausforderung für das Paar. Hier springt die Stute die Galoppsprünge noch nicht rund durch den Körper „zu Ende“. So hatten sie auch heute wieder Fehler in beiden Einerwechseltouren. Die Pirouetten gelangen kontrolliert und auf gewünscht kleinem Kreis. Aber Wendy sprang nicht wirklich unter den Schwerpunkt. Insgesamt musste Werth ihr noch viel helfen, was auf Kosten der Leichtigkeit ging und zum Teil zu fester Anlehnung führt.

Isabell Werth sagt selbst, für den Grand Prix Special mit seinen vielen Übergängen zwischen höchster Versammlung und maximaler Verstärkung fehle es noch an Kraft, Sicherheit und Schnellkraft. „Ich bin echt, echt happy. Auch wenn man mir das vielleicht nicht glauben mag, dass ich auch mit einem dritten (Platz) zufrieden bin und nicht mit dem ersten – aber ich weiß genau, wo wir im Moment stehen und dass wir da noch ein bisschen Kraft und Erfahrung brauchen.“

Sternstunde von Hemmer und Denoix

Traumritt, leider nur Rang vier für Katharina Hemmer und Denoix. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Traumritt, leider nur Rang vier für Katharina Hemmer und Denoix. Foto: Sportfotos-lafrentz.de

Zweimal Platz drei, einmal Platz zwei von den Richtern, Tränen der Freude bei Katharina Hemmer, bei Bundestrainerin Monica Theodorescu und beim Trainer und Ausbilder von Reiterin und Pferd, Hubertus Schmidt – schon was Katharina Hemmer und Denoix im Grand Prix bei ihrer ersten Europameisterschaft bzw. ihrem ersten Championat überhaupt gezeigt hatten, war toll. Aber der heutige Grand Prix Special war ein Gänsehautritt.

Das begann schon bei der Grußaufstellung. Die Parade gelang weich und ausbalanciert, Denoix stand wie ein Denkmal. Dann der erste starke Trab mit genügend Aktivität aus der Hinterhand aber nicht voll auf Angriff geritten. Die erste Traversale weit kreuzend und gut getragen. Harmonischer Übergang in die Passage. Sicher, Denoix könnte im starken Trab noch mehr pushen, aber Hemmer dosiert genau richtig, um die Balance zu erhalten. In der Passage kommt der Destano-Sohn leicht hinter den Zügel, ansonsten – mehr Schwebephase geht nicht! Dann die zweite Passage – wieder ist alles im Fluss und geschmeidig in Stellung und Biegung. Die Übergänge, Passagen und starker Trab spiegelbildlich zu den Eindrücken von der anderen Hand.

Im starken Schritt hätte Denoix mehr zum Schreiten kommen und mehr zur Hand hinziehen können. Die Piaffe aus dem versammelten Schritt kam prompt und am Platz, war vom ersten Tritt an im Takt, gut gesetzt, sehr aktiv (hinten rechts etwas mehr als links) und auf der Stelle. Auch der Übergang in die Passage gelingt. Die zweite Piaffe ist womöglich noch besser als die erste.

Dann die Galopptour. Die ganze Zeit ist Denoix sicher vor den treibenden Hilfen, kippt wenn, nur kurzzeitig hinter die Senkrechte. Die Traversalen gelingen geschmeidig zu beiden Seiten und fließend. Beide Wechseltouren waren herrlich aus der Ruhe heraus entwickelt und dann locker nach vorne durch den Körper durchgesprungen. In diesen Reprisen waren sie heute ohne Zweifel Europameister. Und auch der Rest der Galopptour, die Mittellinie mit den beiden Pirouetten und den neun Einerwechseln dazwischen etwa, war richtig gut. Auf der letzten Mittellinie setzten die beiden dann noch mal ein Ausrufezeichen hinter ihren Ritt. 78,078 Prozent – im Vergleich zu wenig. Sie hätten heute eine Medaille verdient gehabt. Nicht nur für diesen Ritt, sondern für die klassische Ausbildung, die diese Runde heute ermöglicht hat.

Das ist das beste Ergebnis, das die beiden je in einem Grand Prix Special erzielt haben. Aber Hemmer sagt: „Für mich zählt hauptsächlich das Gefühl. Und das war heute richtig gut! Auch das Gefühl war ein Personal Best!“ Wie sie ihre Nerven im Griff behält? „Routine. Ich reite relativ viele Pferde und viele Turniere.“

Relativ viele Pferde sind durchschnittlich zwölf pro Tag. Da schafft sie es natürlich nicht, alle selbst vor und nach dem Reiten fertig zu machen. Denoix aka „Purzel“ aber schon. Den putzt sie in der Regel selbst und bei Turnieren ist sie auch eine der wenigen Reiterinnen, die ohne Pflegerin anreist – füttern, misten, einflechten usw. – alles made by Hemmer. Wobei diesmal ihre Schwester dabei ist, um Denoix zu übernehmen, wenn Katha zu Interviews, Siegerehrung etc. muss. Vielleicht dann am Sonntag wieder!

Weitere Eindrücke

Platz fünf hinter Hemmer und Denoix belegten Becky Moody und Jagerbomb und waren damit das beste Paar der britischen Silbermannschaft. 77,796 Prozent gaben die Richter für einen harmonischen Ritt, der einmal mehr durch die sichere Selbsthaltung und ruhige Anlehnung überzeugte. Ein bisschen mehr Pep hätte man sich gewünscht und auch heute waren die Piaffen nicht immer ganz im Gleichmaß.

Direkt dahinter reihten sich Carl Hester und Fame ein. 76,383 Prozent gab es für einen Ritt, in dem das Pferd durchgehend zu eng war.

Nicht die ganze Zeit, aber ab und zu hatte heute auch Frederic Wandres mit Bluetooth dieses Problem. Auch hätte man sich in der Galopptour ein aktiveres, energischeres Hinterbein gewünscht. 75,942 Prozent und Rang sieben wurden es für diese beiden, die damit das deutsche Aufgebot in der Kür am Sonntag komplettieren.

Ingrid Klimke und Vayron werden dann nicht mehr dabei sein. Dennoch dürfte die Münsteranerin zufrieden mit ihrer Championatspremiere auf ihrem Riesen sein. Nach dem schwierigen Start im Grand Prix gelang den beiden heute ein guter Special mit Highlights vor allem in der Trabtour. Es wären auch mehr Punkte drin gewesen als die 71,389 Prozent, die es dann wurden, aber die Reitmeisterin hat einmal den falschen Weg eingeschlagen. Sie wurden 16. Die besten 18 dürfen in die Kür, aber nur drei Paare pro Nation. Dann kann Klimke einen Tag früher anfangen zu packen. Am Montag zieht sie mit ihren Pferden nämlich auf eine neue Anlage, die aber auch in Münster liegt.

Und was war mit den Weltmeistern und Olympia-Dritten Charlotte Fry und Glamourdale? Nach Highlights unter anderem in den Traversalen hatten die beiden einen dicken Patzer vor der ersten Piaffe, als der Hengst einmal aufbockte und sozusagen „verweigerte“. Aber Fry bekam ihn wieder in die Spur. Insgesamt ging der Rappe besser als gestern, wirkte aber auch heute zwischendurch unzufrieden. 75,289 Prozent waren der neunte Platz.

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