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Zu Besuch bei Familie Bolten

Auf Gut Hülchrath hat sich Dirk Bolten neben der Ausbildung von Springpferden ganz der Sitzschulung nach Eckart Meyners verschrieben und wird dabei tatkräftig von Tochter Lia, die sich anschickt in seine Fußstapfen zu treten, unterstützt.

Gemäß der Familientradition hätte es Dirk Bolten eigentlich in die Backstube verschlagen müssen, doch anstatt in das Familienunternehmen einzusteigen, verfiel er schon in jungen Jahren dem Pferdevirus, der ihn bis heute nicht losgelassen hat. „Ich habe als Kind immer schon Spaß an Pferden gehabt und wollte unbedingt reiten lernen“, erzählt Dirk Bolten. „In der Nachbarschaft habe ich dann einen kleinen Stall gefunden, wo ich helfen konnte und dafür eines der Ponys reiten durfte.“ Die Faszination Pferd hielt an und zur Konfirmation bekam Bolten sein erstens Pferd geschenkt.

Dirk Bolten und Tochter Lia Sophie vor den Toren von Gut Hülchrath. Unterstützung im Betrieb erhält Dirk Bolten auch durch seine Lebensgefährtin Sonja Grönnebaum in der Verwaltung sowie einem Team rund um die Stallungen und den Schulbetrieb. Foto: PEMAG

Auch beruflich zog es ihn in den Sattel und mit 15 Jahren begann Bolten seine Lehre bei Reinhard Meier in Heiligenhaus, sodass er 1979 seine Prüfung zum Pferdewirt Schwerpunkt Reiten ablegte. Nach einem einjährigen Aufenthalt beim Landgestüt in Warendorf wechselte Bolten für zwei Jahre in den Dressurstall von Heinz Lammers in Olfen. Bereits im Alter von 21 Jahren legte Bolten erfolgreich seine Pferdewirtschaftsmeisterprüfung ab, womit er zum jüngsten Pferdewirtschaftsmeister Deutschlands avancierte.

Danach wagte Bolten den Schritt in die Selbstständigkeit und gab in Ratingen und Umgebung Unterricht. „Nach ein paar Jahren ergab es sich, dass der damalige Pächter von Gut Hülchrath seinen Vertrag nicht verlängerte, sodass ich 1985 die Anlage der Stadt Düsseldorf pachten konnte. Mit 24 Jahren fing ich an, den Betrieb mit einem Bauschutthaufen, sieben Schulpferden und neun Pensionspferden aufzubauen“, erinnert sich der Pferdewirtschaftsmeister. 1996 kaufte Bolten die Anlage, die er einige Jahre später mit der großen Reithalle und drei Stalltrakten mit Paddockboxen erweiterte. Neben Unterricht und Beritt bildete Bolten seine eigenen Pferde aus, die er erfolgreich bis zur Klasse S vorgestellte.

Weiterentwicklung durch Eckart Meyners

„Ich entwickelte natürlich Ehrgeiz, immer besser zu werden und als vor 14 Jahren Eckart Meyners mit dem Bewegungstraining ins Spiel kam, war ich sofort begeistert. Ich bin absolut überzeugt von dem, was Eckart Meyners damit ins Leben gerufen hat“, bekräftigt Bolten. 2008 schloss er seine Ausbildung und Qualifikation zum Bewegungstrainer EM ab und ist seitdem als Trainer und Referent in ganz NRW gefragt. Zudem wurden zahlreiche Lehrfilme mit ihm für Clipmyhorse und wehorse gedreht.

Denn die Schulung des Sitzes wirkt sich auch auf die Ausbildung des Pferdes aus: „Ich möchte die Pferde mit Leichtigkeit und Harmonie ausbilden. Sie sollen nicht mit Kraft und Druck in eine Form gepresst werden, sondern über die feine Hilfengebung und einen optimalen Sitz gefördert werden. Das Pferd ist letztendlich ein Spiegel des Menschen und wenn ein Reiter geschmeidig in einer guten Körperhaltung auf dem Pferd sitzt, dann können sich auch die Pferde optimal und locker bewegen“, führt Bolten aus.

Dirk Bolten feierte mit Podima zahlreiche Erfolge im Parcours. Foto: privat

Hier sieht Springreiter Bolten, der selbst nur in Dressurställen gelernt hat, noch Nachholungsbedarf bei vielen Reitern. „Im Spitzensport wird schon begriffen, dass man seinen eigenen Körper schulen und trainieren muss, um letztendlich eine gute Leistung auf dem Pferd zu bringen. Die top Reiter betreiben Ausgleichssport und arbeiten mit Physiotherapeuten zusammen, doch die meisten Reiter, die auf ländlichem Niveau erfolgreich sind, haben noch nicht die Sinnhaftigkeit dahinter verstanden und denken, reiten allein reicht“, gibt Bolten zu Bedenken.

„Aber ich glaube schon, dass im Laufe der Zeit ein Wandel stattfinden wird. Der Reitsport muss mehr aus der sportlichen Sicht betrachtet werden und weg von dem militärischen Ursprung kommen. Wir werden einfach immer mehr diese Notwendigkeit erkennen müssen, zumal die Kinder heutzutage durch die Digitalisierung ganz anders aufwachsen. Dadurch, dass sie permanent auf ihr Handy starren, gewöhnen sie sich eine falsche Kopfhaltung an und die Augen werden stark beeinträchtigt und nur noch im fokussierten Sehen trainiert, was für das Reiten und die Bewegung überhaupt nicht förderlich ist. Wenn dem nicht mit Übungen gegensteuert, wird es schwierig“, mahnt der Trainer.

„Denn nur wenn die Fähigkeiten des Reiters, die visuelle, vestibuläre und die propiozeptive Wahrnehmung optimal funktionieren, ist er erst optimal in der Lage, das Pferd richtig zu spüren. Nur dann kann man Raum und Zeit genau einzuschätzen, ist selbst in der Balance und erlernt eine Reaktions- und Rhythmisierungsfähigkeit. Diese Elemente sind miteinander gekoppelt und verwoben.“  

Der Fokus liegt auf dem aufgabenorientierten Unterricht

Zudem ist Bolten ein klarer Verfechter des aufgabenorientierten Unterrichts: „Wir sollten versuchen, Bewegung zu vermitteln, in dem wir den Reitern Bildern geben und nicht nur Anweisungen über Worte geben, denn Bewegung wird über Bilder gelernt. Beispielsweise lernen Kinder Laufen nicht durch Erklärungen, sondern weil sie andere Menschen beobachten und versuchen sie zu imitieren“, erläutert Bolten.

Daher lautet sein Tipp, andere gute Reiter zu beobachten, wann immer man die Möglichkeit hat: „Wenn ich früher am Eschenbroich vorbeigefahren bin, als Fritz Tempelmann dort noch tätig war, habe ich mich oft eine Stunde an die Bande gestellt und zugeguckt. Wenn ich danach zu Hause aufs Pferd gestiegen bin, bin ich sofort ganz anders geritten. Wenn man anderen guten Reitern zuguckt, ist man wieder motiviert und hat wieder neue Inspiration“, so Bolten. „So wird Reiten gelernt und nicht dadurch, dass ein Trainer permanent die Schüler mit Anweisungen bombardiert. Weniger reden im Reitunterricht, sondern mehr beobachten und dann adäquate Aufgaben stellen“, fordert der Ausbilder. „Die Reitlehrer sind motiviert und fachlich sehr kompetent, beschäftigen sich aber leider zu wenig mit der Struktur des Reitunterrichts und damit wie der Mensch lernt. Zwar wird dieser Aspekt mittlerweile etwas mehr in der Reitlehre zum Thema gemacht, aber wir haben noch ganz große Kapazitäten, um die Unterrichtserteilung auf den Punkt zu bringen.“

Tochter Lia tritt in seine Fußstapfen

Neben der Organisation der Reitanlage und dem Bewegungstraining bleibt Dirk Bolten nicht mehr ganz so viel Zeit für den regulären Unterricht, denn Tochter Lia eifert ihrem Vater nach und sammelt Siege und Schleifen im Springparcours. „Dadurch, dass meine Tochter immer mehr in den Sport hineinwächst und wir auch wieder Pferde haben, die alt genug sind für die schweren Springen, sind wir natürlich an einigen Wochenenden im Jahr auf Turnieren unterwegs. Und da habe ich natürlich auch sehr viel Spaß dran“, beteuert Bolten.

Lia Sophie im Sattel von Quickstep, den man auch auf einem der Lehrvideos von Dirk Bolten bewundern kann. Foto: PEMAG

Eher als Hobby betreibt Familie Bolten eine kleine Zucht von Springpferden: „Wir haben eine Zuchtstute, die aus der gleichen Mutter wie mein letztes Turnierpferd stammt. Der hatte eine super Einstellung, viel Vermögen und war ein richtiger Kämpfer. Aus eigener Zucht haben wir jedes Jahr ein Fohlen und kaufen auch manchmal noch Fohlen dazu, die wir später ausbilden.“

Tochter Lia macht bei Dirk Bolten die Ausbildung zum Pferdewirt. „Ich bin so ‚Bewegungstrainer‘ verrückt und immer mehr zu der Erkenntnis gekommen, dass der anweisungsorientierte Unterricht oft auch gute Reiter schlechter macht, dass ich meiner Tochter in den drei Jahren Ausbildung lieber selbst Unterricht gebe. Lia macht jeden Morgen eine halbe Stunde Gymnastik, bevor sie mit der Arbeit beginnt. Auch wenn ich sie manchmal noch dazu auffordern muss, gehen diese Übung nach drei Jahren einfach in Fleisch und Blut über und werden ihr später bestimmt helfen.“

Die Zusammenarbeit zwischen den Beiden klappt aber gut. „Ich glaube, dass Lia ohne meine Bewegungstrainer-Ausbildung die Reiterei schon an den Nagel gehängt hätte“, schmunzelt Bolten. „Durch das Bewegungstraining  und mit dem Verständnis, wie die Menschen lernen und wie man etwas vermittelt, habe ich eine ganz andere Sicht auf die Reiterei und auf die Ausbildung und Schüler bekommen. Ich sage immer, es gibt nur schlechte Lehrer, keine schlechten Schüler. Man muss sich als Ausbilder immer hinterfragen“, mahnt Dirk Bolten. „Ein Schüler der kognitiv nicht so begabt ist, lernt vielleicht nicht so schnell, aber er kann trotzdem Fortschritte machen. Meine Verpflichtung als Reitlehrer ist es, den Schülern etwas beizubringen. Und wenn er es nicht sofort versteht, muss ich mir etwas Anderes einfallen lassen und versuchen ihn zu motivieren.“

Lia & Charming Cassillia

Seine Fähigkeit, andere Menschen zu motivieren, schätz Tochter Lia an seinem Unterricht am meisten. „Mein Vater macht einfach tollen Unterricht und findet sofort den Zugang zu den Menschen“, erklärt die 20-Jährige. Deswegen hat sie auch nicht lange überlegt, als die Berufswahl ins Haus stand. „Eigentlich war es von Anfang an klar, dass ich die Ausbildung zum Pferdewirt mache. Wahrscheinlich gehe ich nach der Prüfung noch einmal woanders hin, um dann meinen Meister zu machen. Abgesehen von ihrem Vater wird Lia einmal die Woche von Heinrich-Wilhelm Johannsmann trainiert, was sich optimal ergänzt.

Vom Sorgenkind zum Überflieger: Charming Cassillia. Fotot: PEMAG

Nicht nur was den Reitunterricht betrifft, liegen Dirk Bolten und Lia auf einer Wellenlänge, sondern auch in Bezug auf die Zucht. Eines der selbst gezogenen Springpferde ist Lia besonders ans Herz gewachsen: Charming Cassillia, die Cassie genannt wird, ist Lias Liebling. „Cassie ist ein ganz besonderes Pferd und wie meine beste Freundin.“, erzählt die Springreiterin. Dabei hatte Cassie einen schwierigen Start ins Pferdeleben: „Als ihre Mutter keine Milch gegeben hat, hat Cassie Fohlenlähme bekommen und musste für mehrere Wochen in der Klinik. Nachdem sie wieder hier war, haben wir sie mit der Flasche aufgezogen, aber es war lange nicht klar, ob sie das überhaupt überlebt. Durch die anfänglichen Schwierigkeiten hätten wir auch nicht gedacht, dass sie sich so gut entwickelt“, berichtet Lia von dem Sorgenkind, dass sich über die Jahre hinweg zum Star des Stalls gemausert hat. Charming Cassilia ging 25 M*-Springen in Folge null und ist jetzt siebenjährig in den ersten S-Springen platziert. „Als wir auch nachts alle zwei Stunden aufgestanden sind, um Cassie mit der Flasche zu füttern, hat mein Vater immer gesagt, dass Cassie uns das irgendwann mal danken wird. Und das hat sie längst getan. Wir werden sie auch nicht verkaufen, da wir später mit ihr auch noch züchten wollen.“

Juliane Körner


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