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Vorreiter Rheinland: Para-Dressur ist kein Mindersport

„Die Förderung von Leistungssport für Menschen mit Behinderung entspricht der Förderung des Leistungssports von Menschen ohne Behinderung.“ – So heißt es auf der Website des Bundesministeriums des Innern und für Heimat (BMI). Aber was ist mit der Basis auf Länderebene? Und was mit der Weiterentwicklung in den internationalen Leistungssport? Das Rheinland macht es vor.

Aus rheinischer Sicht war 2021 ein bedeutendes Jahr für den Para-Dressursport. Im Mai wurde einer Reitsportanlage in Frechen der Status eines Paralympischen Trainingszentrums für die Nachwuchsförderung in der Para-Dressur zugesprochen – und zwar zum ersten Mal überhaupt in ganz Deutschland. Im August holte eine Rheinländerin die einzige Medaille für das deutsche Para-Dressur-Team in Tokio. Im September wurden zum ersten Mal in der Geschichte der Rheinischen Meisterschaften Medaillen in der Disziplin Para-Dressur vergeben. Besondere Highlights, die zeigen, welchen Stellenwert die Sportart im Rheinland hat.

Meilenstein: Rheinische Reitsportanlage wird Paralympisches Trainingszentrum

Mit der Ernennung zum deutschlandweit ersten Paralympischen Trainingszentrum im Frühjahr 2021 hat das Pferdesport- und Reittherapiezentrum der Gold-Kraemer-Stiftung in Frechen eine zentrale Aufgabe bei der Nachwuchsarbeit in der Para-Dressur in Deutschland übernommen. Bereits seit 2015 ist die moderne und barrierefreie Reitsportanlage das Epizentrum der rheinischen Para-Dressurszene. Hier gibt es nicht nur regelmäßige Para-Dressurstunden, die das therapeutische Angebot der Gold-Kraemer-Stiftung ergänzen. Auch Lehrgänge für den Bundes- sowie den 2018 neu gegründeten NRW-Landeskader finden mehrmals im Jahr unter der Leitung des rheinischen Landescoaches und Co-Bundestrainers Rolf Grebe statt – in enger Zusammenarbeit mit Simone Krychowski, der Leiterin des Paralympischen Trainingszentrums und Chef D’Equipe im Nachwuchs-Para-Dressursport.

Detlev Müller mit Faible dem Para-Dressur Nachwuchspferd des Frohnhof e.V. (Foto privat)

Detlev Müller: Vom Patienten zum Para-Player

Jemand, der über das therapeutische Angebot der Gold-Kraemer-Stiftung vom Patienten zur Schlüsselfigur der landesweiten Para-Szene avancierte, ist der Frechener Detlev Müller. Der Bundeskoordinator für Breiten- und Spitzensport Para-Dressur beim Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR e.V.) setzt sich ehrenamtlich mit großem Engagement für Para-Dressurreiter ein und belebt den Inklusionsgedanken im Reitsport mit seinen verschiedenen Ehrenämtern. So fungiert Müller im Regelsport u.a. als erster Vorsitzender des Pferdesportverbands Rhein-Erft e.V., während er im Rahmen weiterer Ämter interessierte Betroffene, Turnierveranstalter und den Para-Equestrian-Ausschuss des DOKR berät. Mit seinem Einsatz ist Müller mit verantwortlich für die Anbindung des Para-Sports an den Pferdesportverband Rheinland im vergangenen Jahr – inklusive „Inklusion“ der Disziplin Para-Dressur in die Rheinischen Meisterschaften. Sein Treiber ist sein eigenes Schicksal.

Authentisch durch Handicap

„Als sichtbar schwerbehinderter Mensch bin ich mittlerweile in den verschiedensten Organisationen des Reitsports vertreten und kann aus diesen Positionen heraus sehr authentisch und effektiv zur weiteren Strukturierung der Para-Dressur beitragen“, erklärt Detlev Müller, der Mäzenen für die deutsche Para-Dressur gewinnen und eine ‚neue Durchlässigkeit’ von der Basis zur Para-Spitze schaffen möchte. „Für den Erfolg meines Engagements ist die Länderebene maßgeblich und betrifft den Para-Nachwuchs.“ Müllers Handicap ist ein inkompletter Querschnitt, der ihn seit einem Verkehrsunfall 1972 – trotz erfolgreicher Operation – auf Gehhilfen angewiesen sein lässt und der ihn auf seinem Genesungsweg zur Gold-Kraemer-Stiftung führte. Detlev Müller erinnert sich: „Pferde und Reitsport begleiteten mich schon seit 25 Jahren. Hier lernte ich mit Hilfe der pferdgestützten Physiotherapie, der Hippotherapie (DKThR)®, wieder eigenständig im Sattel zu reiten. Ausgehend von den Möglichkeiten der Reitanlage konnte ich schließlich auf verschiedenen Turnieren im Rheinland an Para-Dressurprüfungen teilnehmen.“

Para-Pilotprojekt: Rheinische Meisterschaften

Die Anzahl von Turnieren mit Para-Dressurprüfungen steigt. Vor allem jene, die ein inklusives Konzept verfolgen. So, wie die Rheinischen Meisterschaften, bei denen 2021 erstmals eine Para-Wertung prominent zwischen den Topprüfungen des Regelsports integriert wurde. Und noch mehr: In Langenfeld konnte jeder klassifizierte Para-Dressurreiter teilnehmen – ohne, wie bei den Deutschen Meisterschaften oder internationalen Championaten üblich – die Startgenehmigung über einen Sichtungslehrgang oder eine Qualifikationsprüfung erhalten zu haben. Ein Konzept, das 2022 nicht nur durch die Wiederholung bei den Rheinischen Meisterschaften gefestigt werden soll. Geplant ist laut Müller die Etablierung einer Turnierserie, die unerfahrenen Newcomern und etablierten Stars der Para-Dressurszene flächendeckend die Chance geben soll, sich auf Regelreitsportturnieren zu präsentieren. Müller erklärt: „Die Tour soll zu einer Informationsgrundlage für die Entscheidungen der Landes- und Bundestrainer werden und der Entwicklung des Sports ordentlich Schub geben.“

Must-Have für Reiter mit Handicap: Der Sportgesundheitspass

Ob an Para- oder Regelsportturnieren: grundsätzlich können Reiter mit physischer Behinderung teilnehmen. Allerdings ohne kompensatorische Hilfsmittel. Denn diese dürfen nur zum Ausgleich bestehender Einschränkungen genutzt werden, wenn auf den Reiter ein Sportgesundheitspass ausgestellt wurde. Dieser ist Bestandteil der Leistungs- und Prüfungsordnung (LPO) sowie der Wettbewerbsordnung für den Breitensport (WBO) der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN). Er gilt sowohl bei Regelsportturnieren als auch bei Para-Equestrian Turnieren. Neben den zugelassenen Hilfsmitteln weist der Sportgesundheitspass die Wettkampfklasse des Athleten aus. Diese richtet sich nach den Einschränkungen des Reiters und wird in fünf Grades klassifiziert: So starten in Grade 1 die am schwersten beeinträchtigten Reiter ausschließlich im Schritt. In Grade 5 starten Reiter mit moderaten Einschränkungen in Prüfungen, die mit L- und M-Dressuren des Regelsports vergleichbar sind. Vorgenommen wird die Zertifizierung ausschließlich auf Antrag beim Deutschen Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR).  

Das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten

Das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten (DKThR) ist der bundesweit agierende Fachverband für pferdgestützte Therapie, Förderung und den Pferdesport für Menschen mit Behinderung. Als einziger Verband weltweit vereint das DKThR die pferdgestützte Therapie und Förderung sowie den Pferdesport für Menschen mit Behinderung vom Breitensport bis zum Spitzensport unter seinem Dach. Das Kuratorium kooperiert dabei mit dem Deutscher Behindertensportverband (DBS), Special Olympics Deutschland und ist seit 2013 über den Disziplinbeirat Para-Equestrian auch im Deutschen Olympiade-Komitee für Reiterei (DOKR) vertreten. Seit inzwischen über 40 Jahren ist das DKThR zudem Anschlussverband der Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (FN). Die Verwaltung des Sports beginnt an der Basis, dabei entstehen auch Überschneidungen zum Therapie- und Förderbereich.

Vertrauenspersonen suchen und finden

Meist erfolgt der Zugang in die Para-Dressur wie bei Detlev Müller durch einen Unfall oder, wie bei der Paralympischen Bronzemedaillengewinnerin von Tokio Regine Mispelkamp durch Erkrankung. Die Pferdewirtschaftsmeisterin betreibt in Kerken einen eigenen Turnierstall und ist im Regelsport eine gefragte Ausbilderin. Dass sie an Multipler Sklerose leidet, hat sie erst 2018 öffentlich gemacht. Anstoß zum Outing gab die internationale Fünf-Sterne-Dressurrichterin Ulrike Nivelle. „Regine kam mit einem Problempferd zu mir, woraus sich rasch eine vertrauensvolle Trainingsbeziehung entwickelte. Als Regine mir nach Monaten ihre Diagnose anvertraut hat, musste ich das erstmal sacken lassen, ehe ich ihr den Vorschlag mit der Para-Dressur machen konnte“, erinnert sich Ulrike Nivelle. Bis heute blickt sie auf vier Jahre zurück, in denen sie Regine Mispelkamp gemeinsam mit Silke Fütterer-Sommer ganz regulär nach den Grundsätzen der klassischen Reitausbildung trainiert hat. „Ich bin unglaublich stolz auf Regine! Dass sie mir ihr Vertrauen in einer so existenziellen Herausforderung geschenkt hat, berührt mich wirklich sehr. Und dass sie sich dann auch noch so schnell an die Weltspitze geritten hat, ist für mich eine ganz besondere Erfolgsgeschichte.“

Mindset: Outing als erster Schritt zur Akzeptanz

Zwei Deutsche Para-Meistertitel und je eine Bronzemedaille bei den Weltreiterspielen in Tryon und den Paralympischen Spielen in Tokio – die Erfolge von Regine Mispelkamp, die nach wie vor bis Grand Prix im Regelsport erfolgreich ist, beeindrucken. Dabei liegt ihr größter Triumph in ihrer persönlichen Entwicklung. „Ehrlicherweise muss ich gestehen, dass ich mich lange nicht im Para-Lager gesehen habe, auch wenn ich zunehmend mit Sensibilitäts- und Koordinationsstörungen zu kämpfen hatte“, räumt die zertifizierte DOSB-Trainerin ein und spielt damit auf quälende Identitäts- und Akzeptanzfragen an, denen sie sich stellen musste. „Als ein Outing für mich noch undenkbar war, habe ich meine Krankheit krampfhaft versteckt. Heute geht es mir deutlich besser! Ich nehme mich mit meinen Einschränkungen gelassener an und bin dankbar, dass ich mir meinen Lebenstraum mit den Pferden trotz MS erfüllen kann“, so Mispelkamp demütig. „Mein Outing war wie ein Befreiungsschlag und eine Art Wiedergutmachung für mein Schicksal.“

„Soweit Monti mich trägt“

Wie wichtig das Mindset für Para-Sportler ist, weiß auch Laura Peters, die bei den Rheinischen Meisterschaften ihren bislang größten Para-Erfolg feierte, als sie hinter Isabell Nowak und Halima Baumann die Bronzemedaille holte. „2014 endete meine Berufsreiterkarriere sehr abrupt“, erzählt Laura Peters, die nach einer notwendigen Hirnoperation infolge von Komplikationen ins Koma fiel und bis heute unter den gravierenden Auswirkungen leidet. „Ich hatte das große Glück, dass unser damaliges Pony unglaublich lieb war und meine Mutter Ahnung von Pferden hatte. So konnte ich mit Voltigurt und Dreieckszügeln langsam zurück ins Leben reiten. Erst im Schritt, dann eine Runde Trab, und dann noch eine“, erinnert sich Laura Peters an ihren mühsamen Wiedereinstieg, der sie schließlich zur Gold-Kraemer-Stiftung führte. Hier traf sie auf den Co-Bundestrainer und NRW-Landescoach Rolf Grebe, der sie soweit förderte, dass sie Dressuraufgaben und kleine Sprünge absolvieren kann. „Reiten gibt mir das Gefühl von Freiheit und Gleichwertigkeit“, sagt Peters, die nicht eigenständig laufen kann. „Ohne mein Pferd hätte ich nicht die Möglichkeiten, die mir bei der Bewältigung meiner Krankheit helfen. Entsprechend gibt Monti vor, wo unsere Reise sportlich hingeht. Auch, wenn ich dafür auf Starts in höheren Klassen verzichten muss. Denn bei allem Ehrgeiz ist es besonders der tägliche Umgang mit Monti, der mir hilft und mich motiviert.“  

Laura Peters gewann bei der Rheinischen Meisterschaft die Bronzemedaille. Foto: Mirka Nilkens

Wie ein normaler Reitlehrer, nur kreativer

Die gemeinsame Entwicklung von Reiter und Pferd sind für Rolf Grebe nach wie vor „unfassbar toll“. Der NRW-Landescoach und Co-Bundestrainer liebt die Herausforderungen, vor die ihn seine Schüler stellen und sucht mit Kreativität nach Lösungen. „Um zu schauen, was individuell noch möglich ist, setze ich mich mit der Bandbreite der zugelassenen kompensatorischen Hilfsmittel auseinander, um dem Schüler einen Vorschlag für eine temporäre oder dauerhafte Nutzung zu machen“, erklärt Grebe einen Aspekt seiner Arbeit und ergänzt: „Darüber hinaus beschäftige ich mich mit den neusten sportwissenschaftlichen Erkenntnissen, die ich – zum Beispiel aus dem Bereich Neuroathletik – impulsgebend in das Training integriere.“ Dabei betont Rolf Grebe, dass sich seine Arbeit nicht wesentlich von der eines normalen Reitlehrers unterscheide. Er ist überzeugt, dass alle Trainer den Anspruch „gutes Reiten, gute Ausbildung“ verfolgen und sich kontinuierlich weiterbilden sollten. Schließlich würde die klassische Skala der Ausbildung im Regel- wie im Para-Dressursport angewendet.  

Wanted: Heimtrainer für Reiter mit Handicap

Wie das Deutsche Kuratorium für Therapeutisches Reiten möchte Rolf Grebe mehr Trainer dazu ermutigen, mögliche Hemmungen abzubauen und Reiter mit Handicap zu fördern. Denn: „Heimtrainer für den Para-Pferdesport werden bundesweit gesucht“, weiß DKThR-Pressesprecherin Elke Lindner-Trumpp. Um den Bedarf zu füllen bietet das Kuratorium eine Weiterbildung zum Ausbilder im Pferdesport für Menschen mit Behinderung (DKThR) an, die Trainern, Reitlehrern und Berufsreitern die speziellen Fachkenntnisse zu den besonderen Anforderungen des Unterrichtens und Ausbildens im Para-Pferdesport vermittelt.

Julia Bernert

Die Para-Equestrian Disziplinen:

Para-Dressur Seit 2006 gehört Para-Equestrian Dressage/Para-Dressur zur achten Disziplin des  Weltreiterverbandes FEI und ist die einzige paralympische Disziplin. Para-Dressur ist offiziell im Disziplinbeirat Para-Equestrian des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei (DOKR) vertreten.

Para-Fahren Para-Fahren gehört ebenfalls zu den erfolgreichsten Disziplinen des Pferdesports in Deutschland und ist offizielle Disziplin der FEI, jedoch keine paralympische Disziplin. Para-Fahren wird vornehmlich von der „Interessengemeinschaft Fahren für Menschen mit Behinderung“ in Kooperation mit dem DKThR organisiert und ist im Disziplinbeirat Para-Equestrian des DOKR vertreten.

Para-Voltigieren Voltigieren ist im Breitensport weit verbreitet und wird insbesondere in der Kinder- und Jugendarbeit vielfach in inklusiven Gruppen angeboten. Für Menschen mit Behinderung kann Para-Voltigieren der Einstieg in den Pferdesport sein. Für Menschen mit geistiger Behinderung finden im Rahmen von Special Olympics Para-Voltigier-Wettkämpfe statt.

Para-Springen Anfang 2013 hat sich die „Interessengemeinschaft Springreiten für Menschen mit Handicap e.V.“ gegründet. Ihr Ziel ist den Springsport für Reiter mit Handicap zu fördern und die Gemeinschaft der Springreiter mit Handicap auf nationaler und internationaler Ebene zu etablieren. Im Unterschied zum Para-Dressursport und zum Para-Fahrsport ist Para-Springsport bisher keine offizielle Disziplin der FEI.

Para-Reining 2014 öffnete sich die Disziplin Reining auch Reitern mit Behinderung. Derzeit werden Wettbewerbe nach dem Regelwerk von World Para Reining (WPR) durchgeführt. Grundlage für die Teilnahme am Para-Reining ist, wie in den anderen Para-Equestrian Disziplinen, der Sportgesundheitspass.

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