Im Stall-Chat nachfragen, ob jemand spontan das Pferd eindecken kann? Mal eben schnell online einen Timeslot für die Longierhalle reservieren? Vor dem Schlafengehen noch kurz über die Kamera checken, ob beim Pferd alles gut ist? Tätigkeiten, die aus dem modernen Stallalltag kaum noch wegzudenken sind. Tätigkeiten, die vor allem für die jüngeren und die künftigen Generationen von Pferdebesitzern völlig normal sein werden. Tätigkeiten, für die ein Pferdebetrieb aber entsprechend ausgerüstet sein muss. Doch wie sieht es eigentlich aus mit der Digitalisierung von Pferdeställen? RRP-Experte Jonas Schmitz-Heinen blickt mit uns auf den Stand der Dinge und verrät, welche Möglichkeiten es gibt, den Stallalltag smart zu gestalten.
“In Sachen Digitalisierung hat sich innerhalb der letzten Jahre auch in der Reiterwelt so Einiges getan”, bringt Jonas Schmitz-Heinen die fortschreitende Entwicklung dieses Themas auf den Punkt. “Nehmen wir beispielsweise das Online-Abhaken für den Turniersport oder die Kamera-Überwachung tragender Stuten. Das ist für viele Reiterinnen und Reiter, aber auch Züchter, inzwischen schon Usus und völlig normal.” Trotzdem steht die Digitalisierung in Pferdeställen im Vergleich zu anderen wirtschaftlichen Betrieben immer noch eher am Anfang. Auch der Managing Partner von Hippovibe weiß, da geht noch mehr. “Nicht nur in den Bereichen Turniersport und Zucht, sondern auch für die Organisation und das Management von Reitställen und Pferdebetrieben bietet der Markt zahlreiche Möglichkeiten. Die Systeme sind äußerst vielfältig und bieten das Potenzial, in unterschiedlichen Bereichen für mehr Effizienz und Arbeitserleichterung zu sorgen.”
Möglichkeiten für das Stallmanagement
Die Organisation eines Reitstalls ist hochkomplex. Denn egal, ob 20 oder 80 Pferde auf einer Anlage ihr Zuhause finden, geht es in erster Linie um das jeweilige Tier mit seinen speziellen Bedürfnissen. Und die sind individuell unterschiedlich. So gibt es zumeist Stroh oder Späne als Einstreu, Heu oder Silage als Raufutter und Hafer, Pellets oder Müsli als Kraftfutter. Hiervon braucht jedes Pferd dann auch unterschiedliche Mengen. Weiter geht es mit der Konstellation von Paddock- und Weidegruppen zum erforderlichen Auslauf. Auch hier müssen Dinge wie die Charaktereigenschaften und das Sozialverhalten des Pferdes berücksichtigt werden. Und dann sind gerade einmal die wichtigsten Grundbedürfnisse des Vierbeiners abgedeckt – von Spezialfutter, Decken und Hufglocken oder weiteren individuellen Wünschen des Besitzers einmal abgesehen. Die Liste möglicher Sonderfälle in der Pferdebetreuung ist nahezu endlos. Eine gewisse Fluktuation in den Betrieben erfordert darüber hinaus immer wieder neues Denken und Handeln.
Um den Bedürfnissen der Pferde gerecht zu werden, braucht es im Regelfall zusätzliches Personal. Wenn der Stallbesitzer nicht gerade alles allein stemmen kann, müssen sich mehrere Menschen auf die Tiere einstellen und zudem auch miteinander interagieren, damit die Abläufe möglichst reibungslos funktionieren. Zu guter Letzt kommen die Pferdebesitzer, Pfleger und Reiter, die nicht selten ihre eigenen Vorstellungen und Wünsche einbringen, sodass das System noch komplexer wird. Welches Pferd braucht wieviel Futter? Welches Pferd kommt wann auf die Weide? Wann wird von wem die Halle mit Reitunterricht belegt, wer nutzt wann den Longierzirkel? Fragen, die im Reitstall auf der Tagesordnung stehen. Themen, die einer guten Organisation und intensiver Planung bedürfen. Ebenso wie regelmäßige Aufgaben zur Aufrechterhaltung des Services und der Pflege der Anlage – Termine mit Futterlieferanten, Zeit für die Bodenpflege und Co.
Foto: Hippovibe
Stallbetreiber, die all diese Aspekte koordinieren, haben entweder einen vollen Kopf, einen überquellenden Terminkalender oder ein glühendes Telefon – oder alles zusammen. “Gerade beim Management von Ställen können digitale Systeme eine große Unterstützung sein”, betont Jonas Schmitz-Heinen. “Hier gibt es einige innovative Lösungen, die den Arbeitsalltag erleichtern.” So zum Beispiel Managementsysteme als Webversion und mobile App, die immer und überall zugänglich sind. Stallbetreiber haben damit nicht in ihrem Büro alles im Blick, sondern dank Smartphone auch an jeder beliebigen Stelle auf der Anlage oder sogar unterwegs. “Mit diesen Systemen haben sie alle Informationen an einem Ort und können jederzeit darauf zugreifen. Produkte dieser Art erleichtern zudem die Kommunikation mit dem Team und ermöglichen ein effizienteres Arbeiten.” Ein digitales Stallboard zählt ebenfalls zu den smarten Möglichkeiten im Pferdestall. Es enthält alle wichtigen Informationen auf einen Blick und bildet die zentrale Anlaufstelle für alle Beteiligten, aber eben digital. Jonas Schmitz-Heinen erklärt die Vorteile anhand des Beispiels von Hippovibe: “Hippovibe ist eine digitale Stallmanagement-Software. Alle Themen rund um die Pferde werden darin organisiert – zum Beispiel der tägliche Plan mit Fütterung, Auslauf, aber auch Training und Turnier. Die Daten werden an einem zentralen Ort hinterlegt, auf den jeder immer und überall Zugriff hat. So sind alle stets auf dem neusten Stand. Durch Push-Benachrichtigungen wird man zudem auf Änderungen hingewiesen oder kann sich an Impfungen, Wurmkuren und Termine erinnern lassen. Die Software bietet so einen vollständigen Überblick zu allen relevanten Themen und erleichtert die Kommunikation im Team. Gleichzeitig kann natürlich über Rechtesysteme gesteuert werden, dass nur bestimmte Personen Zugriff auf gewisse Daten haben.”
Immer größerer Beliebtheit erfreuen sich zudem digitale Belegungspläne von Hallen und Plätzen. Damit kann ein nicht unerheblicher Teil des Organisationsaufwands ausgelagert werden – und zwar an die unmittelbar betroffenen Personen. Im Zweifelsfall interessiert es den Betreiber eines Pferdestalls ja gar nicht direkt, wer wann Reitunterricht nimmt oder welches Pferd um 10:00 Uhr longiert wird und welches um 11:00 Uhr. Doch gerade diese Themen führen, wenn sie nicht gewissermaßen reglementiert und entsprechend organisiert werden, häufig zu Problemen in der Stallgemeinschaft. Langen Wartezeiten für den Longierzirkel oder Doppelbelegungen der Reithalle durch zwei Trainer kann mithilfe digitaler Pläne allerdings effektiv vorgebeugt werden. Die Pferdebesitzer beziehungsweise Reiter haben so Planungssicherheit und können sich auf die jeweiligen Gegebenheiten einstellen. Hier kann mit relativ wenig Aufwand gute Organisation geleistet werden, die letztendlich zu einem besseren Stallklima beiträgt, da Missverständnisse und Frust vermieden werden.
“Gerade beim Management von Ställen können digitale Systeme große Unterstützung leisten.”
Jonas Schmitz-Heinen
Lösungen rund ums Pferd
Was ihre geliebten Vierbeiner betrifft, wollen Besitzer diese auch in ihrer Abwesenheit bestens umsorgt wissen. Damit alle über die wichtigsten Eckdaten des Pferdes Bescheid wissen und im Notfall schnell den richtigen Tierarzt oder Schmied erreichen können, werden deshalb gerne Schilder an den Boxen angebracht. Und auch Boxenschilder gibt es inzwischen in digitaler Ausführung. Darin sind wichtige Informationen jederzeit für alle einsehbar. Ein kurzer Fingertipp auf den kleinen Bildschirm genügt, um beispielsweise Futterrationen oder die Kontaktdaten des Besitzers, Tierarztes oder Hufschmiedes abzurufen. Besonders praktisch ist, dass auch Notizen wie vorübergehende Futteränderungen oder Termine digital erfasst werden können. “So lassen sich kurzfristige Änderungen jederzeit unkompliziert und schnell mitteilen”, erklärt Jonas Schmitz-Heinen. “Doch die Möglichkeiten gehen heutzutage sogar noch weiter. In speziellen Programmen können nämlich auch ganze Gesundheitsakten für das Pferd digital angelegt werden, die dann wiederum im Bedarfsfall unmittelbar zur Verfügung stehen.”
Zu den schon etwas bekannteren Systemen gehören hingegen Futterautomaten für Pferde. Diese ermöglichen nicht nur eine große Zeitersparnis im Arbeitsalltag, da das zwei- bis dreimalige, manuelle Füttern von Rau- und Kraftfutter pro Tag damit automatisch erledigt wird. Darüber hinaus bietet diese Lösung auch Chancen für ein besseres Wohlergehen der Pferde. Dadurch, dass alle Pferde gleichzeitig gefüttert werden können, läuft die Fütterung nämlich in der Regel stressfreier ab. “Nicht selten gewöhnen sich Pferde Unarten wie Kopfschlagen oder Treten an, wenn am anderen Ende der Stallgasse der Futterwagen erscheint, sie aber noch warten müssen, bis sie an der Reihe sind”, weiß auch Jonas Schmitz-Heinen um den zwar temporären, aber zugleich starken Stress, unter dem einige Pferde in solchen Situationen stehen. Zudem können Futterautomaten dazu beitragen, die Fütterung noch bedarfsgerechter zu gestalten, beispielsweise über mehrere kleine Portionen am Tag verteilt. Weniger Stress und eine an die natürlichen Bedürfnisse der Pferde angepasste Fütterung können schließlich auch positiv zur Gesundheit der Tiere beitragen.
“Über digitale Systeme können wichtige Eckdaten, aber auch gesundheitsrelevante Informationen, mit allen geteilt und jederzeit aktualisiert werden.”
Jonas Schmitz-Heinen
Alleskönner Kamera
Ein echtes Allround-Talent im Pferdestall ist die Kamera. Kameratechnik dient nicht nur dazu, sicherheitsrelevante Bereiche wie Stallgassen und Sattelkammern zu überwachen und die Pferde vor ungewollten äußeren Einflüssen oder das Zubehör vor Diebstahl zu schützen. Nein, Kameras können auch ganz gezielt “am Pferd” eingesetzt werden und für mehr Sicherheit sorgen. So ist in der Pferdezucht die Überwachung tragender Stuten mittlerweile gängige Praxis, spätestens kurz vor dem geplanten Geburtstermin, um die Geburt des Fohlens nicht zu verpassen. Ebenso nutzen Pferdekliniken Kameras zur besseren Überwachung kranker Tiere. Aber auch in Reit- und Pensionsställen kommen sie immer häufiger an beziehungsweise in den Pferdeboxen oder Offenställen zum Einsatz. Dort bieten sie nicht nur dem Stallpersonal, sondern auch den Besitzern die Möglichkeit, ihre Pferde jederzeit im Blick zu behalten.
Doch die moderne Kameratechnik geht sogar noch einen Schritt weiter: Mittels künstlicher Intelligenz können Pferde inzwischen noch genauer überwacht werden. “Die künstliche Intelligenz lernt erst, was das ‘normale’ Verhalten des Pferdes ist und kann dann auf abweichendes Verhalten reagieren – zum Beispiel auf vermehrtes Liegen oder unruhige Bewegungen”, erklärt Jonas Schmitz-Heinen. Das Beobachten und Analysieren durch den Menschen wird hier also zusätzlich automatisiert und ist theoretisch nicht mehr nötig. Nur im Bedarfsfall erhält dieser eine Warnung über das System und kann dementsprechend reagieren. “Aber auch beim Transport von Pferden können Kameras die Sicherheit erhöhen”, so der Managing Partner von Hippovibe. “Bei Installation im Transporter oder Anhänger haben die begleitenden Personen die Möglichkeit, das Pferd unterwegs zu beobachten und zu überprüfen, wie es ihm während der Fahrt geht.”
Foto: Equipics/Zachrau
“Kameratechnik mit künstlicher Intelligenz ermöglicht eine noch genauere Überwachung der Pferde.”
Jonas Schmitz-Heinen
Vorteile digitaler Helfer
Digitale Helfer wie Kameras, Automaten und Apps können in vielen verschiedenen Bereichen sinnvoll eingesetzt werden. Von der Organisation im Team über die Sicherheit im Stall bis hin zur Fütterung der Pferde können Prozesse verschlankt und sogar automatisiert werden. Die Vorteile smarter Lösungen liegen auf der Hand: Sie ermöglichen effizienteres Arbeiten, vereinfachte Kommunikation und beugen Missverständnissen vor. Alle wichtigen Daten und Informationen befinden sich an einem zentralen Ort, auf den jeder von überall und zu jeder Zeit Zugriff hat. Man hat einen besseren Überblick über die Gesamtsituation und es lässt sich jederzeit zurückverfolgen, wer wann was gemacht hat. Nicht zuletzt profitieren aber natürlich auch die Pferde von guter Organisation und klarer Kommunikation im Stall. “Eine klare Aufgabenverteilung und möglichst reibungslose Abläufe sparen nicht nur Zeit, die am Ende des Tages den Pferden gewidmet werden kann. Sie reduzieren auch Stress bei allen Beteiligten, was sich wiederum positiv auf das Wohlbefinden der sensiblen Vierbeiner auswirkt”, so Jonas Schmitz-Heinen.
“Digitale Helfer ermöglichen effizienteres Arbeiten, vereinfachte Kommunikation und beugen Missverständnissen vor.”
Jonas Schmitz-Heinen
Der RRP-Experte: JONAS SCHMITZ-HEINEN
Jonas Schmitz-Heinen stammt aus Wermelskirchen und ist Geschäftsführer der ebenfalls dort ansässigen Firma Hippovibe. Der 32-Jährige hat das Studium der Betriebswirtschaftslehre absolviert und verhilft nun mit seiner Software zahlreichen Pferdeställen und -betrieben zu einer digitalen Arbeitsweise. Mit Pferden kennt sich der ehemalige Mannschaftseuropameister der Dressur-Junioren aber auch privat bestens aus. Heute ist er allerdings nicht mehr im Sattel aktiv.





