Pferde, die aus dem Nichts stark anfangen, zu speicheln, und teilweise literweise Flüssigkeit aus dem Maul verlieren: Das sogenannte Slobber-Syndrom wird immer häufiger beobachtet und sorgt für Verunsicherung unter Pferdebesitzern. Weidemanagement-Berater Helmut Muß und Tierärztin Dr. Nina Rödig erklären, was es mit dem Phänomen auf sich hat, wie es entsteht und wie man es verhindert.
Was viele nicht wissen: Der Auslöser ist oft ein unscheinbarer Bestandteil unserer Pferdeweiden – Klee, genauer gesagt: ein Pilz auf dem Klee. Und noch viel weniger bekannt ist, dass unser Weidemanagement entscheidend dazu beiträgt, ob dieser Pilz gedeiht oder nicht. Dr. Rödig beschreibt die Symptome so: „Die Pferde haben plötzliche einen vermehrten Speichelfluss. Der ist manchmal schaumig, manchmal eher wässrig. Den Pferden läuft es teilweise literweise aus dem Maul, während sie ansonsten völlig unbeeinträchtigt wirken.“ Die Tiere zeigen keine Schmerzen, kein Fieber, oft nicht einmal Unwohlsein. „Es scheint ihnen nicht unangenehm zu sein. Sie stehen einfach da und sabbern.“

Anders verhält es sich bei einer Schlundverstopfung, bei der es auch zum Speichelfluss kommen kann: „Bei einer Schlundverstopfung laufen häufig Speichel und auch Futterreste aus Maul und Nüstern. Handelt es sich um das Slobber-Syndrom, ist aber in keinem Fall ein Abfluss über die Nüstern zu beobachten.“ Zudem husten und würgen viele Pferde, wenn sie unter einen Schlundverstopfung leiden und zeigen deutliches Unwohlsein. Das ist beim Slobber-Syndrom ebenfalls nicht der Fall – den meisten scheint es gar nichts auszumachen, dass Speichel aus dem Maul läuft.
Als zusätzliche Symptome beobachtete die Tierärztin gelegentlich auch erhöhten Harnabsatz und auffälligen Tränenfluss, in seltenen Fällen auch Durchfall oder Koliken und bei tragenden Stute Aborte.
Entstehung der Toxine in Pflanzen
Die Pilze, die Slaframin oder Swainsonin bilden, besiedeln bevorzugt Kleearten wie Rot- und Weißklee sowie Luzerne. Besonders nach Trockenphasen, gefolgt von feuchtem Wetter, kommt es zur Vermehrung dieser Mikroorganismen. Die geschwächten Pflanzen verlieren ihre Wachsschicht, wodurch Pilze leichter eindringen können. Ein typisches Anzeichen für Pilzbefall ist die sogenannte „Schwarzfleckenkrankheit“ – kleine, dunkle Punkte auf den Blättern. Wird solches Material als Frischfutter oder Heu verabreicht, kann das Slobber-Syndrom auch im Winter auftreten.
Laut toxikologischen Untersuchungen reichen Konzentrationen ab etwa 10 ppm Slaframin aus, um bei Pferden deutliche Symptome hervorzurufen. Swainsonin wirkt bereits in ähnlich kleinen Dosen. Da die Toxine stabil sind, vor allem im Heu, können sie auch Wochen bis Monate nach der Ernte noch aktiv sein.
Die gute Nachricht: In den meisten Fällen verläuft das Slobber-Syndrom harmlos und selbstlimitierend. Sobald das belastete Futter entfernt wird, verschwinden die Symptome meist innerhalb von 24 bis 72 Stunden. Medikamente sind in der Regel nicht notwendig. In seltenen Ausnahmefällen kann es jedoch zu Kreislaufproblemen, Futterverweigerung oder Koliken kommen.
Pilze auf der Weide als Ursache
Die Ursache für das Slobber-Syndrom: Ein Pilzgift namens Slaframin. Dieses Toxin wird vom Pilz Rhizoctonia leguminicola gebildet, der vor allem auf Rot- und Weißklee sowie Luzerne vorkommt. „Das kontaminierte Futter wird aufgenommen und das Slaframin in der Leber in ein Stoffwechselprodukt umgewandelt, das ähnlich wie Acetylcholin wirkt – ein Botenstoff, der die Speicheldrüsen stimuliert“, erklärt die Tierärztin aus Meerbusch. Dabei handele es sich um eine sogenannte „cholinomimetische Wirkung“. Das heißt: Das Gift wirkt im Nervensystem an Rezeptoren, die normalerweise vom Körperbotenstoff Acetylcholin angesprochen werden. „Diese Überstimulation der Speicheldrüsen kann zu extremem Speichelfluss führen, ohne dass andere Organe oder Systeme betroffen sind.“
Das Problem: Pferde fressen Klee sehr gerne und offenbar tut der Pilzbefall dem keinen Abbruch. Die ersten Fälle nahm Nina Rödig bewusst im vergangenen Jahr wahr. Seitdem wurde sie in ihrer Praxis immer wieder mit dem Problem konfrontiert. „Allein dieses Jahr waren es bestimmt 30 Fälle.“ Manchmal trete es bei der gesamten Herde auf, manchmal aber auch nur bei einzelnen Pferden – je nachdem, wie viel befallenen Klee es auf der Weide gab und wie viel davon jeweils verzehrt wurde.
Hoher Kleeanteil auf Weiden
Helmut Muß, der als „Die gute Pferdeweide“ Weidemanagement-Beratungen anbietet, erklärt: „Lange galt der Pilz als einziger Auslöser. Neue Forschungsergebnisse zeigen jedoch, dass auch andere Pilzarten ähnliche Symptome hervorrufen können. Besonders gefährdet sind aber Weiden mit hohem Kleeanteil, insbesondere bei Wetterlagen mit Trockenphasen und plötzlichem Regen.“ In solchen Situationen verliert die Pflanze ihren natürlichen Schutz, etwa die Wachsschicht auf den Blättern, und wird anfällig für Pilzbefall.
Doch warum sind viele Pferdeweiden heute so kleereich? „Das hängt stark mit unserem Beweidungsverhalten zusammen“, erklärt Muß. „Viele Betriebe arbeiten starr nach denselben Plänen. Es wird immer dieselbe Weide zuerst genutzt, dieselbe zuletzt. Dadurch entstehen Überweidungen, die dem lichtliebenden Klee ideale Bedingungen verschaffen.“ Klee sei außerdem ein Tiefwurzler. „In trockenen Jahren stellt das flacher wurzelnde Gras früher das Wachstum ein, während der Klee weiterwächst. Er ist robust, überlebt auch schlechte Standorte und hat damit oft die Oberhand.“ Die Folge: Ein saisonales Übergewicht des Klees auf der Fläche, mit erhöhtem Risiko für Pilzbesiedlung.
Slobber-Syndrom: Das sagt die Forschung
Ausgelöst wird das Slobber-Syndrom durch Mykotoxine – Gifte von Pilzen, die auf bestimmten Futterpflanzen wie Klee oder Luzerne wachsen. Die Forschung liefert inzwischen immer klarere Hinweise darauf, welche Faktoren das Syndrom begünstigen und wie Halter sinnvoll reagieren können.
Studie in Europa
Eine Untersuchung unter Leitung von Dr. Hanspeter Strehler (Universität Zürich) und Kollegen, veröffentlicht im Fachjournal Tierärztliche Praxis, analysierte zwischen 2016 und 2018 elf Ausbrüche von Hypersalivation bei Pferdeherden in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Wissenschaftler fanden dabei Spuren von Pilztoxinen wie Slaframin und Swainsonin in Heu- und Grasproben – beides Stoffe, die für ihre speichelstimulierende Wirkung bekannt sind. Auch Ergot-Alkaloide, bekannt aus Mutterkorn-Vergiftungen, konnten teilweise nachgewiesen werden. Die betroffenen Pferde zeigten typischerweise starken, wässrigen Speichelfluss, blieben aber sonst klinisch unauffällig. Nach dem Entfernen der belasteten Futtermittel bildeten sich die Symptome meist innerhalb weniger Tage zurück.
Nordamerikanische Studie
Bereits 1981 veröffentlichte ein Forschungsteam um W.F. Hagler von der North Carolina State University eine toxikologische Untersuchung zu Slaframin in kontaminiertem Rotklee (Applied and Environmental Microbiology). In der Studie konnte nachgewiesen werden, dass mit dem Pilz Rhizoctonia leguminicola infiziertes Rotklee-Heu eine erhebliche Menge Slaframin enthielt – bis zu 100 ppm. Interessant: Bei sachgerechter Lagerung reduzierte sich dieser Wert nach zehn Monaten auf rund 7 ppm, was auf eine gewisse Abbaubarkeit des Toxins hinweist. In Tierversuchen zeigte sich, dass bereits geringe Mengen des Pilzgiftes ausreichen, um hypersalivatorische Reaktionen hervorzurufen. Auch bei Wiederkäuern wie Kühen oder Schafen konnte eine deutliche Abnahme der Pansenmotilität beobachtet werden, was auf eine systemische Wirkung des Toxins hindeutet.
Neben Slaframin rückt zunehmend auch Swainsonin in den Fokus der Forschung. Dieses Mykotoxin ist vor allem aus der sogenannten „Locoweed“-Vergiftung in Nordamerika bekannt. In einer von der US-amerikanischen Food and Drug Administration (FDA) geförderten Studie wiesen Forscher in kontaminierten Heuproben sowohl Slaframin als auch Swainsonin nach. Die Autoren, darunter Dr. Warren Croom von der Auburn University, vermuten eine mögliche kombinierte oder sich verstärkende Wirkung der beiden Stoffe. Während Slaframin vor allem auf das vegetative Nervensystem wirkt, beeinträchtigt Swainsonin zusätzlich zelluläre Stoffwechselprozesse.
Aktuelle Studien
Aktuelle Forschungsprojekte an der University of Kentucky sowie der Kansas State University untersuchen mit Hilfe moderner Labortechniken wie Gaschromatographie und Massenspektrometrie (GC-MS), wie genau Slaframin und Swainsonin im Organismus wirken. Dabei wird unter anderem analysiert, welche Rolle genetisch unterschiedliche Pilzstämme spielen, welche Pflanzenarten besonders betroffen sind und welche klimatischen Bedingungen das Risiko besonders erhöhen.
Langfristiges Ziel der Wissenschaft ist es, Risikoprofile für Futtermittel zu erstellen, praxisnahe Grenzwerte zu definieren und Strategien zur Vorbeugung zu entwickeln. Dazu gehören unter anderem Empfehlungen zur Weidepflege, zur Schnittzeit von Heu sowie zur Lagerung von Raufutter.
Symptome im Frühjahr und im Herbst
Typisch sei auch das jahreszeitliche Muster, ergänzt Dr. Rödig: „Häufig tritt das Slobber-Syndrom im Frühjahr oder Herbst auf, wenn der Klee besonders schnell wächst oder durch Trockenstress geschwächt ist.“ Sichtbar ist der Pilzbefall durch die sogenannte „Schwarzfleckenkrankheit“ – schwarze oder braune Punkte auf den Blättern. „Wenn man die sieht, ist das ein starkes Indiz für kontaminiertes Futter.“ Wenn befallener Klee in Heu oder auch Heucobs verarbeitet wurde, wird das Slobber-Syndrom sogar im Winter sichtbar. Plötzlich fangen die Pferde an zu speicheln, obwohl sie gar nicht auf der Weide sind. Das lässt sich häufig auf Heu zurückführen, das einen hohen Kleeanteil hatte.
Wird vermehrtes Speicheln beobachtet, ist schnelles Handeln gefragt. Verursachendes Heu sollte entsprechend untersucht und entsorgt werden. Taucht die Problematik während der Weidezeit auf, gilt: „Das Wichtigste ist, die Pferde sofort von der betroffenen Fläche zu nehmen“, betont Nina Rödig. „In der Regel verschwinden die Symptome innerhalb von 24 Stunden vollständig. Es bleiben in der Regel keine Schäden zurück.“ Eine medikamentöse Therapie sei nicht erforderlich, es gebe auch kein Gegenmittel. „Nur in sehr seltenen Fällen kann es zu Kolik oder Kreislaufproblemen kommen, die dann behandelt werden müssen.“
Klee zurückdrängen
Helmut Muß betont, dass die wichtigste Maßnahme die konsequente Kontrolle der Flächen ist. Wurde die Schwarzfleckenkrankheit festgestellt, sollte allerdings nicht in Panik die gesamte Weide umgepflügt werden. „Das wäre kontraproduktiv. Im Boden schlummern Unkrautsamen, die beim Grubbern aktiviert werden. Stattdessen sollte man warten, bis Regen gefallen ist und dann den Klee mulchen. Das fördert das Graswachstum und unterdrückt den Klee auf natürliche Weise.“
Der Experte macht deutlich, dass nachhaltiges Weidemanagement entscheidend ist: „Die Weide ist ein Spiegel unserer Pflege. Wer sich auf starre Pläne verlässt, ohne auf Wetter, Pflanzenentwicklung und Weidezustand zu achten, riskiert unausgewogene Pflanzenbestände.“ Flexible Umweidung, sorgfältige Beobachtung und strategische Erholungsphasen für die Flächen seien der Schlüssel zu gesunden Weiden – und gesunden Pferden.

Weidemanagement überdenken
Zusätzlich sollten Pferdehalter den strukturellen Wert ihrer Flächen im Blick behalten. „Wenn es im Sommer zu heiß ist und die Gräser keine Stängel mehr bilden, leidet der Rohfasergehalt. Dann ist es wichtig, über Heu oder Luzerne für eine Futteralternative zu sorgen, damit das ohnehin schon gestresste Gras sich erholen kann“, erklärt Muß.
Dr. Rödig weist zudem auf die Bedeutung der Aufklärung hin. „Viele Halter erschrecken sich sehr, wenn sie plötzlich sabbernde Pferde sehen. Wichtig ist es, sie zu beruhigen, aber gleichzeitig zu sensibilisieren. Das Slobber-Syndrom ist kein Drama, aber ein ernstzunehmender Hinweis darauf, dass auf der Weide etwas nicht stimmt.“
Zusammenfassend kann gesagt werden: Das Slobber-Syndrom mag harmlos erscheinen, ist jedoch Ausdruck tieferliegender Probleme in der Weidewirtschaft. „Es ist kein Grund zur Panik, aber ein klarer Hinweis, genauer hinzuschauen“, beruhigt Rödig. Helmut Muß ergänzt: „Pferdeweiden sind kein Selbstläufer. Wer glaubt, einmal eingesät heißt ewig gesund, irrt gewaltig.“ Nur mit einem ganzheitlichen Blick auf Futterpflanzen, Bodenverhältnisse und Tierverhalten ließen sich solche Phänomene langfristig vermeiden.
Der RRP-Experte: Helmut Muß

„Die Weide vom Pferd her denken“ ist das Motto von Helmut Muß. Der Landwirtschaftsmeister hat sich mit „Die gute Pferdeweide“ auf Beratungen in Sachen Pferdeweiden spezialisiert und ist in ganz Deutschland für Hofbesuche unterwegs. Außerdem ist er Dozent an der Kölner Pferdeakademie und bietet Seminare und Webinare an.
Die RRP-Expertin: Dr. Nina Rödig

Dr. Nina Rödig ist Fachtierärztin für Pferde mit Schwerpunkt auf Augenheilkunde und orthopädischer Diagnostik. Heute leitet sie eine Pferdepraxis in Meerbusch mit Spezialisierung auf Orthopädie, Atemwegsdiagnostik und Augenheilkunde. Sie ist regelmäßig als Referentin auf Fachveranstaltungen tätig und setzt sich für eine fundierte, pferdegerechte Diagnostik und Therapie ein.





