Regine Mispelkamp und Nicole Hochstrat freuen sich gemeinsam über die Silbermedaille in der Kür Grade V. (Foto Thamm)
Regine Mispelkamp und Nicole Hochstrat freuen sich gemeinsam über die Silbermedaille in der Kür Grade V. (Foto Thamm)

Para-Dressur rührt zu Tränen

Es ist kein Mitleid, denn das brauchen die Reiter der Para-Dressur auch nicht – es ist Bewunderung und Anerkennung, die im Dressurstadion in dieser Woche zahlreiche Gänsehautmomente bescheren konnte. Viele sprechen am heutigen Finaltag überwiegend über das spannende Finale der Springreiter. Das kann aber nur tun, wer die Gelegenheit verpasst hat sich auf den Weg ins Dressurstadion zu machen.

„Pferde sind meine beste Medizin“

Heidemarie Dresing eröffnete den Tag aus deutscher Sicht mit einer emotionalen Kür. Und wer denkt die über 70jährige würde mit ihrem Schicksal hadern, der wurde allein durch die von ihr gewählte Musik eines Besseren belehrt. Französische Klänge, die zur Eleganz des Paars passten wurden kombiniert mit „What a wonderful world“ im Schritt und „Here comes the Sun“ im Trab. Und beide Musiktitel könnten nicht besser beschreiben, was die Zuschauer bei ihrem Ritt heute erleben durften. Als Heidemarie Dresing dann das Ergebnis ihres Rittes von der Bundestrainerin Silke Fütterer-Sommer erfuhr war ihre Reaktion kurz aber es war Alles gesagt: „WOW“. Im anschließenden Interview schaffte es die Dressurreiterin dann nicht nur einen Journalisten zu Tränen zu rühren. Dresing gab einen Einblick in ihr Leben mit Multipler Sklerose und erzählte von ihrem Weg in den Para-Dressursport. Ihre Diagnose bekam sie mit Mitte 50. Allerdings erst nachdem sie sechs Jahre lang mit verschiedenen Ärzten versucht hat herauszufinden, was sich in ihrem Körper verändert hat.

Dresing möchte mit ihren Erfolgen auch andere Menschen motivieren niemals aufzugeben. „Man muss immer Alles versuchen. Ich bin durch meine Erkrankung stark gehbehindert. Anfangs konnte ich keine 10 Meter gehen, heute ist es mir auch möglich kurze Strecken ohne Gehilfe zu absolvieren. Doch diese Veränderung kam nicht von alleine. Tägliche Überwindung, tägliche Anstrengung und die Bereitschaft Dinge auszuprobieren begleiten die Dressurreiterin auf ihrem Weg. Sie ist sich sicher: Ohne die Pferde würde ihre Erkrankung aber deutlich mehr beeinträchtigen. „Die Pferde sind meine besten Medizin. Meine Erkrankung bringt beispielsweise eine ständige Müdigkeit und Erschöpfung mit sich. Am liebsten würde ich oft bis mittags schlafen, wenn es aber um meine Pferde geht kann ich auch um fünf Uhr morgens im Stall sein“, berichtet sie von den Herausforderungen in ihrem Alltag. Ihre vierbeinigen Sportpartner gebe ihr täglich die Motivation nicht nur mit ihrer Erkrankung, sonder auch mit dem Älterwerden nicht zu hadern, sonder das Leben anzunehmen und stetig dafür zu sorgen, dass die Dinge die man machen möchte auch funktionieren: „Menschen haben öfter eine Diagnose und denken dann oh jetzt kann ich nicht mehr. MAN KANN! Ich habe mir das Alles erturnt und erarbeitet. Ich überwinde meinen Schweinehund täglich, weil ich weiß es hilft mir. Und mittlerweile macht es mir wirklich Spaß. Der Pferdesport bedeutet Alles für mich und ich könnte mir mein Leben ohne Pferde nicht vorstellen. Mein braucht ein Ziel im Leben.“ Sie gibt außerdem den wichtigen Tipp, sich unbedingt Zeit für den eigenen Körper und für die eigene Gesundheit zu nehmen.

Und auch aus sportlicher Sicht zieht sie ein mehr als positives Fazit. „Für mich persönlich ist die WM ganz toll gelaufen. Für mich war es wichtig , dass Poesie da drin ruhig ist und das sie wieder Vertrauen bekommt und das Ganze auch für den Betrachter schön ist. Sie ist ja meine beste Freundin und meine Partnerin und unsere Verbindung ist schon sehr stark. Ich bin schon in Tokyo und in Paris gewesen, aber Aachen ist nochmal getoppt. Aachen ist Aachen und hat immer so ein Gänsehaut-Feeling,“ fasst sie das erlebte zusammen. Das läge auch daran, dass die Para-Reiter voll in das Turnier integriert wurden und komplett mit den Regelsportlern zusammen reiten. „Wir konnten uns das Springen und das Voltigieren ansehen, und das macht es einfach aus. Diese Inklusion und auch diese Bewunderung der anderen Athleten, die kein Handicap haben. Es erstaunt Viele, wie wir performen. Und hier haben wir eine Wahnsinnsplattform um das zu zeigen“, ist die erfahrene Sportlerin stolz, die gut die Inklusion bei diesem Championat funktioniert. Die Organisatoren, aber auch die Zuschauer haben und die Reiter selbst haben geschafft, was eigentlich im gesamten Leben selbstverständlich sein sollte: Menschen aus verschiedenen Ländern, mit verschiedenen Herausforderungen und verschiedenen Voraussetzungen kommen an einem Ort zusammen und gehen mit bester Laune, vielen Emotionen der gemeinsamen Leidenschaft nach. Und das wirklich über alle denkbaren Grenzen hinaus.

Regine Mispelkamp gewinnt Silber

Regine Mispelkamp schließt die Weltmeisterschaften  der Grade V Reiter mit einer Silbermedaille in der Kür ab. „Das Motto Welcome Home haben wir genauso empfunden“, fasst sie dieses besondere Championat zusammen. Dabei ist sie nicht nur stolz auf ihren vierbeinigen Sportpartner Highlander Delight’s, sondern auch auf ihre Pferdepflegerin Nicole Hostrat: „Ohne Nicole würde es einfach nicht gehen. Sie gibt einfach mehr als 1.000 Prozent für die Pferde!“ Mispelkamp wählte für die musikalische Untermalung ihrer Kür „Two steps from hell“. Die epische Filmmusik untermalte die Darbietung des Paares ohne zu sehr in den Vordergrund zu rücken. Auf der Schlusslinie machten die Beiden es dann noch einmal spannend. Sie setzten zum starken Trab an und Highlander Delight’s stolperte kurz. Doch sie hatten schnell Alles wieder im Griff und konnten ihre Kür super nach Hause bringen. „Ich glaube er hat sich selbst kurz erschreckt, dass er seinen Widerrist so hoch bekommen hat und so eine Dynamik im ersten Tritt hatte, dass er kurz ein wenig Beinsalat hatte. Aber er hat das einfach nur toll gemacht“, erklärt sich die Reiterin diesen Moment. Am Ende standen 78,185 Prozent auf der Anzeigetafel. Damit gewannen Regine Mispelkamp und Highlander Delight’s die Silbermedaille. 

Besser waren nur die Schweden Lena Malmström und Fabulous Fidelie. Sie gewannen mit 79,675 Prozent Gold. Die  Dunkelfuchsstute trabte dynamisch durch das große Dressurstadion. Musik zum Mitwippen und eine anspruchsvolle Kür sorgten für Teilergebnisse über 80 Prozent. 

Bronze ging in die Niederlande. Britney de Jong hatte nicht nur den lautesten Fanclub mit nach Aachen gebracht, sondern auch ganz viele Emotionen. Beim Verlassen des Stadions kamen der Reiterin die Tränen, so überwältigt war sie von ihrer Runde mit Caramba N.O.P.. „Das war eine richtig starke Runde“, erzählte eine deutsche Zuschauerin, die sich alle Kürritte angeschaut hatte begeistert. Mit 77,44 Prozent verschaffte sich das Paar einen Platz auf dem Podium.

Bronzemedaille für Helen Brandt

Zum Abschluss ihrer Championatspremiere konnte Helen Brandt im Sattel von Vulkan Vegas noch einmal zeigen, warum sie sich den Platz im deutschen Team verdient hatte. Der bewegungsstarke Fuchs nahm die Atmosphäre im Stadion vielleicht ein bisschen zu sehr auf und war sichtbar heiß, doch seine Reiterin konnte ihm genug Vertrauen geben und so trabten die Beiden mit 78,005 Prozent zu Rang drei. „Ich bin sehr happy, dass die Beiden heute schon einmal zeigen konnten, was wir von ihnen in der Zukunft noch zu erwarten haben. Da steckt noch so viel mehr Potenzial drin“, zeigte sich Bundestrainerin Silke Fütterer-Sommer mehr als zufrieden. Helen Brandt selbst weiß nach der Prüfung gar nicht was sie sagen soll: „Ich bin einfach überwältigt. Er ist mein absolutes Herzenspferd. Er macht mich sprachlos!“ 

Kate Shoemaker und Vianne gewannen in Aachen drei Weltmeistertitel. (Foto Thamm)
Kate Shoemaker und Vianne gewannen in Aachen drei Weltmeistertitel. (Foto Thamm)

Den Sieg in Grad IV sicherte sich einmal mehr die Amerikanerin Kate Shoemaker. Im Sattel von Vianne brachte sie es auf starke 83,306 Prozent. Das Paar konnte schon beim Auftakt-Event im April auf ganzer Linie überzeugen. Danach bezog die Stute ihre Box auf dem Hof Kasselmann und blieb bis zur Weltmeisterschaft in Deutschland. Zu Silber trabten Alexia Pittier und Sultan. Das französische Paar konnte mit 78,645 Prozent Silber gewinnen. 

Anna-Lena Niehues und Vive l'Amour konnten mit einer harmonischen Kür überzeugen. (Foto Thamm)
Anna-Lena Niehues und Vive l’Amour konnten mit einer harmonischen Kür überzeugen. (Foto Thamm)

Mit Anna-Lena Niehues ging noch eine weitere deutsche Reiterin an den Start. Gemeinsam mit Vive l’Amour zeigte sie eine überzeugende Kür. „You are the reason“ und „Have fun tonight“ untermauerten musikalisch, worum es im Dressursport gehen sollte und geht. 

Grade I und II ohne deutsche Beteiligung

n Grade III setzte sich die Niederländerin Rixt van der Horst mit Eisma’s Royal Fonq N.O.P. souverän durch. Mit 83,120 Prozent sicherte sich das Paar die Goldmedaille vor dem Dänen Tobias Thorning Joergensen mit Blue Hors Zackorado, der 79,940 Prozent erreichte. Bronze ging mit 79,587 Prozent an die Italienerin Francesca Salvadè und Escari.

In Grade I ging der Weltmeistertitel in die USA: Marie Vonderheyden und der neunjährige Oldenburger Fan Tastico H überzeugten die Richter mit 80,540 Prozent und sicherten sich Gold. Die Italienerin Sara Morganti folgte mit Bond Girl 18 und 78,767 Prozent auf dem Silberrang. Bronze gewann der Lette Rihards Snikus mit Rise and Shine und einem Ergebnis von 75,420 Prozent.

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