Regelmäßiges Bürsten hilft, lose Haare zu entfernen und die Durchblutung der Haut zu fördern. Foto: Equipics/Zachrau
Regelmäßiges Bürsten hilft, lose Haare zu entfernen und die Durchblutung der Haut zu fördern. Foto: Equipics/Zachrau

Gesund durch den Fellwechsel

Frühlingszeit ist Fellwechselzeit! Während viele Pferde gerade jetzt haaren, was das Zeug hält, hat der Prozess in ihrem Körper jedoch schon viel früher begonnen. Der Wechsel von Winter- auf Sommerfell wird nämlich nicht durch die steigenden Temperaturen, sondern vielmehr das Licht gesteuert. Wie genau der Fellwechsel abläuft und wie man sein Pferd dabei unterstützen kann, verrät Tierärztin Dr. Sandra Roemer.

Der Fellwechsel ist ein Phänomen, das zahlreiche Tierarten ein- bis zweimal im Jahr dazu bringt, ihre Haarpracht zu verändern, wobei sich nicht nur die Dichte, sondern auch die Farbe des Fells verändern kann. Pferde wechseln üblicherweise im Frühling von Winter- auf Sommerfell und im Herbst von Sommer- auf Winterfell. So weit, so sinnvoll: Das kurze, glatte Sommerfell begleitet sie durch die warmen Monate, während das längere, dichtere Winterfell vor Kälte schützen soll. Doch wer jetzt denkt, dass der Fellwechsel dementsprechend durch steigende oder sinkende Temperaturen ausgelöst wird, der irrt sich.

Von Licht gesteuert

„Der Fellwechsel von Pferden ist eine natürliche Anpassung an saisonale Schwankungen von Umweltbedingungen und wird hauptsächlich durch die Tageslichtlänge gesteuert”, erklärt Tierärztin Dr. Sandra Roemer. Pferden wird also nicht plötzlich zu warm oder zu kalt, was sie dazu bringt, mehr oder weniger Fell zu benötigen – der Vorgang ist deutlich komplexer. Er ist abhängig vom Hormon Melatonin, was über die Zirbeldrüse im Gehirn produziert wird, weshalb die Regulation des Fellwechsels auch hierüber erfolgt. „Melatonin hat Auswirkungen auf die Sekretion von Prolaktin in der Hypophyse, welches – neben anderen biologischen Funktionen – für den Wachstumszyklus der Haarfollikel verantwortlich ist”, weiß Dr. Sandra Roemer. Da die Absonderung von Melatonin wiederum lichtabhängig ist und mit der Tageslänge variiert, schließt sich hier der Kreis zum Tageslicht als auslösender Kraft für den Fellwechsel.

Der Fellwechsel wird hauptsächlich durch die Tageslichtlänge gesteuert.”

„Schon ab Ende Dezember kommt es zu einer Zunahme der Tageslichtlänge und damit zu einer Abnahme der Melatoninproduktion. Dies führ zur Aktivierung der Haarfollikel, die in der Wachstumsphase – der sogenannten Anagenphase – neue Haare produzieren. Die alten Haare werden abgestoßen, das ist die sogenannte Telogenphase.” Umgekehrt verhält es sich dann in der zweiten Jahreshälfte, wenn der Wechsel von Sommer- auf Winterfell bevorsteht, wobei auch dieser bereits deutlich früher ausgelöst wird, als man vermutlich meinen würde: „Ab Ende Juni kommt es zu einer langsamen Abnahme der Tageslichtlänge und damit zu einer kontinuierlichen Zunahme der Melatoninproduktion. Dies führt zum Abstoßen des Sommerfells und durch erneute Aktivierung der Haarfollikel zum Wachstum des Winterfells”, so die Tierärztin.

Steigende oder sinkende Temperaturen haben demnach kaum Einfluss auf den Fellwechsel. „Bei sehr starken Temperaturschwankungen kann es aber zu einer Verzögerung des Fellwechsels kommen”, weiß Dr. Sandra Roemer. Sie macht zudem auf rassetypische Unterschiede aufmerksam: „Einige Rassen haben natürlicherweise ein dichteres und wärmeres Winterfell und brauchen länger für ihren Fellwechsel, während andere Rassen ein feineres Fell haben und schneller durch den Fellwechsel kommen.” Übrigens: Durch Eindecken lässt sich der Prozess des Fellwechsels nicht verändern, es hat jedoch Einfluss auf die Länge und Dichte des Fells.

„Bei sehr starken Temperaturschwankungen kann es zu einer Verzögerung des Fellwechsels kommen.”

Eindecken hat zwar keinen Einfluss auf den Prozess des Fellwechsels, wohl aber auf die Länge und Dichte des Fells.
Foto: Equipics/Zachrau
Eindecken hat zwar keinen Einfluss auf den Prozess des Fellwechsels, wohl aber auf die Länge und Dichte des Fells. Foto: Equipics/Zachrau

Fellwechselzeit = Krankheitszeit?

Wie zügig und gut Pferde durch den Fellwechsel kommen, ist neben der Rasse auch von anderen Faktoren abhängig – insbesondere das Alter und der Gesundheitszustand spielen dabei eine große Rolle. „Gesunde Pferde kommen in der Regel gut durch den Fellwechsel”, betont Dr. Sandra Roemer. Trotzdem sind Pferde in dieser Zeit grundsätzlich etwas anfälliger für Krankheiten, sodass es zu kleineren, aber auch größeren Begleiterscheinungen und Problemen kommen kann. Pferdebesitzer sollten daher gerade zur Fellwechselzeit ein besonders wachsames Auge auf ihre Vierbeiner haben.

„Gesunde Pferde kommen in der Regel gut durch den Fellwechsel.”

Recht häufig kommt es beispielsweise zu Hautirritationen: „Schuppenbildung, Juckreiz oder haarlose Stellen haben einige Pferde im Fellwechsel”, so Dr. Sandra Roemer. Besonders betroffen sind vor allem Tiere, die bereits unter anderen Erkrankungen leiden. „Bei Pferden mit Sommerekzem kann es aufgrund eines geschwächten Immunsystems über kleine Läsionen, die beim Scheueren entstehen, zu Hautinfektionen kommen”, so die Tierärztin. „Sollten die Hautveränderungen länger anhalten, ist es zu empfehlen, eine Tierärztin oder einen Tierarzt zu konsultieren. Hier liegt möglicherweise ein Nährstoffmangel, eine Stoffwechselerkrankung oder eine Hauterkrankung vor, was über eine Blutuntersuchung oder spezielle Hautproben festgestellt werden kann.”

Auch ein verzögerter oder unregelmäßiger Fellwechsel ist ein Warnzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. „Das sieht man häufig bei älteren Pferden sowie Pferden mit Stoffwechselerkrankungen, zum Beispiel PPID – Dysfunktion der Pars intermedia, auch bekannt als Equines Cushing-Syndrom. Hier sollte mit dem Tierarzt eine individuelle Therapie besprochen werden, um den betroffenen Tieren im Alltag – und eben auch durch den Fellwechsel – zu helfen.” Auch Milben oder Haarlinge treten vorwiegend in der Zeit des Fellwechsels auf – doch hier kann man vorbeugen. Es gibt einige Maßnahmen, um die Pferde aktiv zu unterstützen und möglichst gesund durch den Fellwechsel zu bringen.

Von der Fellpflege bis zur Fütterung

„Um den Fellwechsel bei Pferden zu unterstützen, ist eine regelmäßige Fellpflege wichtig. Bürsten mit relativ festen Bürsten und Striegeln hilft, lose Haare zu entfernen und die Durchblutung der Haut zu fördern”, erklärt Dr. Sandra Roemer. Das Bürsten hat aber nicht nur einen positiven Effekt auf die Gesundheit der Haut, sondern auch das Wohlbefinden des Pferdes. Viele Vierbeiner finden es besonders im Frühling geradezu angenehm, wenn man ihnen dabei hilft, ihr langes, warmes Winterfell loszuwerden. Wer sein Pferd im Fellwechsel ordentlich putzt, findet danach vermutlich überall Haare – an den Bürsten, an der Kleidung, auf dem Boden. „Wichtig ist, die Umgebung von altem Fell und Staub zu reinigen, um Staubablagerungen und lose Haare im Fell zu minimieren”, so Dr. Sandra Roemer. Wer merkt, dass sein Pferd trotz noch so viel Bürsten nicht gut zurechtkommt, kann unter Umständen sogar zur Schermaschine greifen: „Gerade bei älteren Pferden und Pferden mit sehr dichtem Fell kann bei starken Temperaturdifferenzen das Scheren des Fells notwendig sein”, weiß die Tierärztin.

„Um den Fellwechsel bei Pferden zu unterstützen, ist eine regelmäßige Fellpflege wichtig.”

Bei starken Temperaturdifferenzen kann das Scheren des Fells notwendig sein.
Foto: Heiniger AG

Dass ausreichende Bewegung und frische Luft essenziell für die allgemeine Gesundheit von Pferden sind, steht außer Frage. Trotzdem betont Dr. Sandra Roemer, dass „viel natürliches Licht den Hautstoffwechsel stimuliert” und somit auch in der Zeit des Fellwechsels von zentraler Bedeutung ist.

Auch, wenn die meisten Pferde problemlos durch den Fellwechsel kommen – diese Zeit ist durchaus anstrengend für den Pferdekörper. Das hat zum einen Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit: „Maximalbelastung sollte während des Fellwechsels vermieden werden”, findet Dr. Sandra Roemer. Zum anderen ist der Nährstoffbedarf, vor allem bei älteren Pferden, in dieser Zeit erhöht. „Im Fellwechsel ist eine ausgewogene und eventuell angepasste Fütterung von Nährstoffen und Spurenelementen zur Gesunderhaltung des gesamten Organismus wichtig. Dies stärkt das Immunsystem und die Abwehrmechanismen der Haut gegen Erkrankungen. Wenn der Bedarf nicht ausreichend gedeckt ist, kann es zur Schwächung des individuellen Immunsystems kommen und die Pferde werden anfälliger für Parasiten, Haut- und Infektionserkrankungen”, erklärt die Tierärztin. „Deswegen ist eine ausgewogene Ernährung an Proteinen, Mineralstoffen und Vitaminen wichtig. Auch das Zufüttern von Ölen mit einem hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren ist für die Gesunderhaltung von Haut und Haaren förderlich. Zur Unterstützung des Hautstoffwechsels ist ein Zufüttern von Zink, Bierhefe (Vitamin B) und Biotin möglich. Spezielle Futterergänzungsmittel sollten allerdings nur in Absprache mit der Tierärztin beziehungsweise dem Tierarzt und nach einer eventuellen Blutprobe gefüttert werden”, betont sie.

„Im Fellwechsel ist eine ausgewogene und eventuell angepasste Fütterung von Nährstoffen und Spurenelementen zur Gesunderhaltung des gesamten Organismus wichtig.”

Wer sein Pferd also im Fellwechsel besonders gut beobachtet, regelmäßig putzt, bedarfsgerecht füttert und trainiert, kann es effektiv dabei unterstützen, gut und gesund durch diese Zeit zu kommen. Zudem können so Erkrankungen vermieden werden, für die die Vierbeiner in dieser Jahreszeit besonders anfällig sind.

Die RRP-Expertin: Dr. Sandra Roemer

Die RRP-Expertin: Dr. Sandra Roemer

Dr. med. vet. Sandra Roemer ist Fachtierärztin für Pferde und kommt aus Königswinter. Dort betreibt sie zusammen mit ihrem Mann, Dr. med. vet. Sebastian Roemer, und ihrer Kollegin, Nadja Firmenich, eine Tierarztpraxis für Pferde. Diese wurde 2011 gegründet und hat sich, neben der Allgemeinmedizin, auch auf die Orthopädie, Internistik und Gynäkologie spezialisiert. Dr. Sandra Roemer hat von 2002 bis 2008 Veterinärmedizin an der Justus-Liebig-Universität Gießen studiert. 2010 promovierte sie erfolgreich und begann ihre mehrjährige Anstellung an einer renommierten Pferdepraxis in Unna. Im Jahr 2014 absolvierte sie die Prüfung zur Fachtierärztin für Pferde an der Tierärztekammer Westfalen-Lippe. Seit 2014 gehört sie auch zum Team der Pferdepraxis Dr. Roemer.

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