Bei immer mehr Pferden werden Magenproblematiken diagnostiziert. Foto: Equipics/Bölts
Bei immer mehr Pferden werden Magenproblematiken diagnostiziert. Foto: Equipics/Bölts

Diagnose: GASTRITIS

Stress schlägt auf den Magen – bei den Pferden ist das nicht anders als bei uns Menschen. Allerdings ist die Diagnose einer Magenproblematik häufig nicht so schnell gestellt, da die Symptome vielfältig sein können. Wir sind dem Problem gemeinsam mit der Pferdeklinik Leichlingen auf den Grund gegangen.

Man hat schon Pferde vor der Apotheke . . . Sie kennen den Rest des Sprichworts. Wer es be-nutzt, will damit sagen: Auch ungewöhnliche Ereignisse können durchaus eintreten. Dazu gehört allerdings nicht, dass Pferde sich übergeben, denn tatsächlich ist es ihnen – im Gegensatz zu vielen anderen Säugetieren – anatomisch nicht möglich, dass der Mageninhalt wieder den Rückweg antritt. Das ist in der Evolution des Pferdes begründet, birgt gleichzeitig aber auch besondere Risiken.

Pferde können sich nicht übergeben

Anatomisch betrachtet ist der Magen des Pferdes eine Einbahnstraße. Das liegt daran, dass die so genannte Kardia – der Übergang zwischen Speiseröhre und Magen – bei Pferden besonders stark ausgebildet ist. Der Ringmuskel lässt die Nahrung zwar in den Magen passieren, verhindert aber gleichzeitig, dass sie wieder zurückfließen kann. Zusätzlich mündet die Speiseröhre in einem sehr flachen Winkel in den Magen und verhindert so ebenfalls, dass der Mageninhalt zurückrutschen
kann. Darüber hinaus ist die Muskulatur der Speiseröhre darauf ausgelegt, die Nahrung nur in eine Richtung zu transportieren – nämlich nach unten.
Hinzu kommen physiologische Gründe: Normalerweise entsteht der Brechreiz bei anderen Tieren oder auch dem Menschen über ein Zusammenspiel von Magenreizung, Nervensystem und Gehirn. Evolutionär gesehen war ein solcher Schutz für Pferde nicht vorgesehen, da sie sich ausschließlich von Gräsern und Kräutern ernähren und in den Steppen kaum giftige Pflanzen zu finden waren.
Die Einbahnstraßen-Funktion ist jedoch nicht immer praktisch: Nimmt ein Pferd zu viel oder sogar falsches Futter zu sich, können sich Gase und damit auch Druck im Magen aufbauen, der jedoch nicht durch Erbrechen aufgelöst werden kann. Im schlimmsten Fall drohen bei starker Belastung des Magens Koliken oder sogar ein Magendurchbruch.
Haben andere Tiere etwas Giftiges gefressen, wird es in der Regel erbrochen und so der Körper vor stärkeren Symptomen bewahrt. Pferde können hingegen ausschließlich über Leber und Niere entgiften.

Symptome sind vielfältig

Besteht ein Problem mit dem Magen, sind die Symptome beim Pferd häufig deutlich diffuser als beim Menschen oder auch bei anderen Tieren. Das betont auch Dr. Johanna Rikart von der Pferdeklinik Leichlingen: „Die Symptome können sehr vielfältig sein“, bestätigt die Expertin. „Viele Pferde zeigen milde Kolik symptomatiken, wie Gähnen, Flehmen oder ruhiges Liegen in Brust-Bauch-Lage. Andere Pferde verweigern die Futteraufnahme oder machen längere Fresspausen“, zählt sie einige der Symptome auf. Auch gäbe es Patienten, die sich ungern am Bauch anfassen, putzen oder satteln lassen. „Auch Rittigkeitsprobleme können durch Magenschleimhautentzündungen verursacht werden.“ Vor allem bei chronischen Magenerkrankungen bekämen viele Pferde stumpfes Fell und verlören zusätzlich an Gewicht.
Die Magenerkrankung, die am häufigsten diagnostiziert wird, ist die Gastritis, also eine Entzündung der Magenschleimhaut. „In schwereren Fällen – wenn auch die tieferen Schleimhautschichten betroffen sind – spricht man dann von einem Magengeschwür“, erklärt die Tierärztin. Häufigstes Indiz, dass ein Magengeschwür vor liegen könnte, seien dabei offensichtliche Schmerzen im Bauchbereich. „Diese Schmerzen können sich durch eine milde Koliksymptomatik oder auch Probleme beim Satteln/Putzen bemerkbar machen“, sagt Dr. Johanna Rikart.

Auch Zwicken in den Bauch kann ein Symptom sein. Foto: Equipics/Bölts
Auch Zwicken in den Bauch kann ein Symptom sein. Foto: Equipics/Bölts

GASTROSKOPIE – DAS GILT ES, ZU BEACHTEN

Die zuverlässigste Methode, eine Magenproblematik festzustellen, ist eine Magenspiegelung (Gastroskopie). Vorbereitend darauf muss das Pferd 12 bis 18 Stunden fasten und etwa vier Stunden vor der Untersuchung zuletzt trinken, damit die Magenwand während der Gastroskopie gut zu sehen ist. Für die Gastroskopie wird das Pferd sediert und ein Endoskop durch eine Nüster über Rachen und Speiseröhre bis in den Magen eingeführt. Systematisch werden der Pars non-glandularis (nicht-drüsiger Teil oben) und der Pars glandularis (drüsiger Teil unten) sowie der Margo plicatus (Grenz linie zwischen beiden – hier entstehen besonders häufig Magengeschwüre) untersucht. Darüber hinaus ist es möglich, Proben für eine eventuelle Labor analyse zu entnehmen. Flüssigkeit abzusagen und Schleimhautreizungen und Magengeschwüre können so zuverlässig diagnostiziert und auch behandelt werden.

Gastritis als häufige Diagnose

Zur Therapieempfehlung gehört zum einen die Vermeidung von Stress, zum anderen gibt es Medikamente mit zwei verschiedenen Wirkstoffen, die dafür sorgen, dass weniger Magensäure gebildet wird und dass sich eine schützende Schleimschicht über die Schleimhaut legt.
Eine weitere Magenerkrankung, die gelegentlich auftritt, ist die Magenentleerungsstörung. „Hier kommt es durch eine Störung der Muskulatur im Bereich des Magenausgangs zu einem verzögerten Weitertransport von Futter in den Dünndarm. Dadurch sammelt sich immer mehr Futter im Magen an und der Magen kann riesige Dimensionen annehmen“, erklärt die Expertin. Vor allem Friesen seien von dieser Problematik betroffen. Doch auch hier gibt es Hilfe: „Therapeutisch versucht man den Magen über eine Nasenschlundsonde wieder freizuspülen und gibt Medikamente, die die Beweglichkeit des Magenausgangs fördern.“
Übrigens gibt allein eine Magenspiegelung Gewissheit darüber, ob eine Erkrankung des Organs vorliegt: „Fast alle Magenerkrankungen lassen sich nur über eine Gastroskopie sicher diagnostizieren“, betont Dr. Rikart . „Anhand der dabei festgestellten Befunde kann die Therapie optimal angepasst werden.“

Flehmt ein Pferd, können Schmerzen die Ursache sein.
Flehmt ein Pferd, können Schmerzen die Ursache sein.

STUDIE ZU SYMPTOMEN BEI MAGENSCHMERZEN

Die Symptome bei einer Magenproblematik können vielfältig sein. In der amerikanischen Studie „Behavioral Signature of Equine Gastric Discomfort? Preliminary Retrospective Clinical Observations“ von Catherine Torcivia und Sue M. McDonnell wurden jetzt die typischen Verhaltensweisen analysiert.
Studien besagen, dass bis zu 80 Prozent aller Pferde verschiedener Disziplinen von Magengeschwüren betroffen sind. Schwierig ist, dass die Symptome häufig sehr unterschiedlich sind und unterschiedlich schwer auftreten. Das Tückische an Magengeschwüren ist, dass eine zuverlässige Diagnose oftmals schwierig ist und nicht jedes Pferd die gleichen Symptome zeigt. Manche Pferde sind mäkelig beim Fressen, wiederum andere nicht mehr so leistungsbereit. Auch schwere Koliken gehören zu den Anzeichen für ein Magengeschwür.
Die beiden Forscherinnen Catherine Torcivia und Sue M. McDonnell vom New Bolton Center der Universität von Pennsylvania/School of Veterinary Medicine haben in einer klinischen Untersuchung anhand von Videoaufzeichnungen das Verhalten betroffener Pferde analysiert. Ihr Ziel war es, bestimmte Verhaltens weisen einer Magenerkrankung zuzuordnen.
Das ist ihnen gelungen: Sie konnten feststellen, dass fast alle Pferde ihre Aufmerksamkeit auf den betroffenen Bauchraum richteten: Sie blickten auf den Bauch oder stupsten mit der Nase an den Bauch oder traten gegen den Bauchraum. Auch tiefes Strecken des Bauchs wurde beobachtet. Die Verhaltensweisen traten vor allem dann auf, wenn die Pferde tranken oder fraßen oder auf Futter warteten.
Die Ergebnisse waren eindeutig: Bei 26 der 30 untersuchten Pferde mit den genannten Symptomen wurde eine Magenerkrankung festgestellt. Die Wissenschaftlerinnen kamen zu dem Schluss, dass bei Pferden, die diese Verhaltensweisen zeigen, eine Gastroskopie in Betracht gezogen werden sollte.

Hauptauslöser: Stress

Der häufigste Auslöser für ein Magenproblem beim Pferd ist Stress: „Hier kommen unterschiedliche Aspekte in Frage“, erklärt die Tierärztin. „Oft handelt es sich um Unstimmigkeiten in der Herde, Rangordnungskämpfe oder Stress beim Füttern.“ Aber auch ein Stallwechsel, ein Turnier oder eine andere Grunderkrankung könnten Stress beim Pferd auslösen. Zusätzlich könnten aber auch Medikamente die Magenschleimhaut schädigen.
Während die Sachlage bei einer Gastritis relativ klar ist, gestaltet sich die Ursachenfindung bei einer Magenentleerungsstörung schwieriger: Hier gibt es noch keine abschließenden wissenschaftliche Erkenntnisse, wodurch
diese ausgelöst werden kann.
Pferde, die dazu tendieren, Magenprobleme zu entwickeln, sollten so wenig Stress wie möglich ausgesetzt werden. „Optimalerweise werden die Pferde so stress – frei wie möglich gehalten. Die Herde sollte recht stabil sein, Stallwechsel
vermieden und Turniere so entspannt wie möglich gestaltet werden“, rät die Tierärztin.
Zusätzlich bleibe der Magen besser im Gleichgewicht, wenn bei der Fütterung (vor allem am Morgen), zuerst Raufutter gefüttert werde, bevor das Kraftfutter kommt. Dr. Rikart erläutert: „Kraftfutter sorgt für einen sehr starken Anstieg
von Magensäure und kann auf nüchternen Magen die Schleimhaut schädigen.“ Außerdem sollten lange Fresspausen vermieden werden.

Magert ein Pferd immer mehr ab, kann der Magen das Problem sein. Foto: Equipics/Zachrau

Magenschleimhaut schützen

Wer vorbeugen möchte, kann außerdem auf Futtermittel zurückgreifen, die eine natürliche Schleimschicht bilden. „Dazu
gehören beispielsweise Mash und/oder Leinsamen.“ Beides könne kurweise oder im Verdachtsfall gefüttert werden, um
die Magenschleimhaut zu unterstützen.
Nicht nur in der Pferdeklinik Leichlingen haben die Fälle von Magenproblemen zugenommen – die Diagnose Gastritis fällt immer häufiger. Die Tierärztin erklärt: „Ich denke schon, dass die Pferde durch die modernen Haltungs – bedingungen mehr Stress ausgesetzt sind und sie daher häufiger zu Magenschleimhautentzündungen neigen. Auf der anderen Seite merkt man aber auch, dass viele Pferdebesitzer ihre Pferde heut – zutage viel besser kennen und Verhaltensänderungen frühzeitig
bemerken. Dadurch werden solche Erkrankungen vielleicht auch einfach nur besser erkannt, diagnostiziert und behandelt.“

Die RRP-Expertin: JOHANNA RIKART

JOHANNA RIKART Tierärztin in der Intensiv und Notfallmedizin der Pferdeklinik Leichlingen GmbH

Johanna Rikart approbierte 2020 an der Justus-Liebig Universität Gießen und arbeitete anschließend als Tierärztin in der Intensiv und Notfallmedizin der Pferdeklinik Leichlingen GmbH.
Seit 2022 ist sie für Innere Medizin und Ophthalmologie zuständig und betreut die Isolationsstation. Seit Januar leitet sie außerdem das Team der Intensivmedizin in der Leichlinger Klinik.

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