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Das Pferd in der Historie

Das Pferd ist seit Jahrtausenden ein treuer Begleiter des Menschen und wurde in der gesamten Zeit immer wieder an Schlüsselpunkten der Geschichte zum Zünglein an der Waage. Aber auch im Alltag sind die Vierbeiner stets Hilfe und wichtige Unterstützung gewesen. In der heutigen Zeit haben sie auf den ersten Blick, im Vergleich zur geschichtlichen Entwicklung, ein deutlich höheren emotionalen Wert als es in der Vergangenheit der Fall war. Doch wie wichtig war das Pferd für die Entwicklung im Rheinland und wie hat es das jeweils historische Bild geprägt. Am Beispiel der Stadt Köln wollen wir mit diesem Artikel einen Blick zurück wagen und die historische Bedeutung und den damit verbundenen Wert des Pferdes herausstellen.

Heute sind Pferde in der westlichen Welt Sportpartner, Freunde, Begleiter in der Freizeit und haben in der Regel einen sehr hohen ideellen oder je nach Einsatz auch monetären Wert. Rund um den Reitsport und die Pferdewelt hat sich eine große Industrie entwickelt, die auf verschiedenen Ebenen arbeitet. Ohne das Pferd selbst würde diese Industrie sofort ihre Daseinsberechtigung verlieren. Denn früher wie heute gilt der bekannte Spruch: „Ein Pferd ohne Reiter ist immer noch ein Pferd, ein Reiter ohne Pferd ist jedoch nur ein Mensch.“

Die Roten Funken präsentieren eine der Kölner Bürgerwehren. Das Foto entstand 1934. (Foto Kölner Karnevalsmuseum)

Wie groß die geschichtliche Bedeutung von Pferden in Bezug auf die gesamte Entwicklung der Menschheit wirklich war, lässt sich nicht einmal im Ansatz in einem solchen Artikel darstellen. Doch ein Blick auf eine der rheinischen Metropolen, ihre Denkmäler und Bräuche zeigt bis heute eindrucksvoll wie engmaschig die Pferde seit tausenden von Jahren maßgeblich zur Stadtentwicklung beigetragen haben. Die Stadt Köln ist international bekannt und hatte ihren Wohlstand und ihr Ansehen immer schon auch den vierbeinigen Weggefährten zu verdanken.

Bereits im Mittelalter wurde Köln die größte und mächtigste Stadt und gleichzeitig auch die größte Festung nördlich der Alpen. Ganz eng mit dieser Entwicklung verbunden war der Einsatz von Pferden. Denn der Reichtum der Stadt entwickelte sich durch den Handel. Die Waren die vom Niederrhein kamen, mussten in Köln umgeladen und auf kleine Kähne verfrachtet werden. Bewegt wurden die Kähne den Rhein stromaufwärts mit Pferdegespannen. Diese waren auf sogenannten Treidelwegen seitlich des Rheins unterwegs und zogen die Schiffe den Fluss entlang. Dies wurde über tausend Jahre so praktiziert. Ohne den Einsatz von Pferden hätte sich die Stadt niemals so entwickeln können, wie sie es im Verlauf der Jahrhunderte tat.

Doch nicht nur den Handel unterstützend, waren Pferde auch im Kriegsdienst und im Alltag von großer Bedeutung. Gleich sechs Reiterdenkmäler und verschiedene Sagen und Geschichten zeichnen das Stadtbild von Köln und zeigen so an vielen Stellen, wie präsent das Pferd in jeder geschichtlichen Epoche war und bis heute ist.

Geschichtliche Darstellung im Karneval

An all diese geschichtlichen Epochen wird an den verschiedensten Stellen und auf unterschiedlichste Weise erinnert und bis heute spielt das Pferd dabei eine sehr bedeutende Rolle. Denn wer die Geschichte korrekt und authentisch darstellen will, der kann an dieser Stelle auf das Pferd in dieser Darstellung nicht verzichten. Streicht man das Pferd aus dieser Darstellung, so nimmt man den Vierbeinern nicht nur ihren Teil der geschichtlichen Bedeutung, sondern stellt auch die historische Darstellung als solche ad absurdum.

Köln 1934: Die Ehrengarde stellt die Franzosenzeit dar. (Foto Kölner Karnevalsmuseum)

Die Darstellung aller geschichtlichen Epochen findet in Köln besonders während der Karnevalszeit ihren Raum. Denn der Karneval selbst ist nicht nur ein hohes traditionelles Gut, sondern gibt auch den Rahmen um die einzelnen geschichtlichen Epochen mit ihren Besonderheiten darzustellen und deren Bedeutung für die Entwicklung bis in die heutige Zeit zu honorieren. Dabei ist der Kölner Rosenmontagszug weltweit in der Darstellung der über 2000jährigen Stadtgeschichte einmalig und bietet als besondere Schau der Epochen ein hohes Kulturgut. Und auch wenn der Karneval von einer breiten Masse als reine Party wahrgenommen wird, so wird hier ein historisches Fest von immenser Bedeutung gefeiert, welches fast wir kein anderes seit Jahrhunderten schafft den aktuellen Zeitgeist mit der Historie zu verbinden. Geschichte und Neuzeit gehen hier gemeinsam Hand in Hand durch die Öffentlichkeit und sorgen zusammen für ein ganzheitliches Bild. Fast nirgends sonst treten Vergangenheit, Gegenwart und ein Blick in die Zukunft gemeinsam mit einem solchen Schulterschluss auf. Zu diesem Bild gehört von je her auch das Pferd, welches immer wieder in unterschiedlicher Intensität im Fokus stand.

Die Kölner identifizieren sich mit den unterschiedlichen, historischen Epochen und ihrer 2000jährigen Geschichte und machen sie so wieder lebendig. Bereits 1823 gab es eine Leibgarde zu Pferde und der damalige König Karneval fuhr in einem achtspännigen Triumphwagen im Zug mit. „1825 gab es noch nicht so viele Kostüme und so wurden Rüstungsteile der französischen Leibgarde des Königs Jérome für die Reiter im Zug verwendet. Teile dieser Rüstungen können heute im Kölner Stadtmuseum angesehen werden. Sie sind die ältesten Relikte des Kölner Rosenmontagzuges“, berichtet Dr. Michael Euler-Schmidt, der als ehemalige Leiter der Abteilung zur Pflege und Erforschung des Kölnischen Brauchtums den großen historischen Wert der Pferde im Kölner Karneval besonders herausstellt. Ab 1875 war das Bild des Rosenmontag Zuges geprägt von berittenen Musikkorps und Ehrengarden für den Kölner Bauern. „Zum Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelten sich dann in allen Garden berittene Abteilungen“, weiß der Experte zu berichten. Bis heute werden alle geschichtlichen Epochen durch die verschiedenen Reiterkorps repräsentiert. Die Römergarde, die Hunnenhorden, die Ratsbläser, der Dreißig Jährige Krieg (Jahn van Werth), die verschiedenen mittelalterlichen Bürgerwehren (Rote Funken, Nippeser Bürgerwehr, Blau Gold Ehrenfeld) und selbst die Kurie ist mit ihren Erzbischöflichen Dragonern vertreten (Altstädter). Die fideriziantischen Traditionskorps (Ehrengarde, Prinzengarde) der Franzosenzeit und auch die Preußenzeit (Husaren Korps) werden alle bis heute in den traditionellen Uniformen dargestellt. Aus geschichtlicher Sicht spielten sich all diese Epochen auf dem Rücken der Pferde ab. Deshalb sind die Uniformen der Karnevalisten keine Phantasieprodukte und der Auftritt zu Pferde mit Blick auf die Historie ein selbstverständlicher und geschichtlich korrekter Schritt. Dabei werden eventuelle militärische Assoziationen, die beim Betrachten der militärischen Uniformen oder Paraden aufkommen könnten, durch den Sinn des Karnevals auf ein bürgerliches und dabei bewusst friedliches Maß heruntergebrochen. Denn besonders der Rosenmontagszug in Köln setzt sich zwar auf historisch korrekte, immer aber auch kritische und bewusst satirische Weise mit der Geschichte und auch dem aktuellen Zeitgeschehen auseinander. Neben aktuellen Themen werden die verschiedenen, historisch belegten Epochen der Kölner Geschichte auf international einzigartige Weise während der Parade dargestellt. Dabei kann diese Darstellung nur authentisch stattfinden, wenn die entsprechenden Gruppen weiterhin von Reitern und damit unumgänglich auch von den Pferden repräsentiert werden.

1939: Der 30 jährige Krieg wird vom Reiterkorps Jan van Werth repräsentiert. (Foto Kölner Karnevalsmuseum)

Das Pferd im Wandel der Zeit

Zur geschichtlich korrekten Darstellung gehört natürlich auch, dass sich die Bedeutung des Pferdes in der geschichtlichen Entwicklung verändert hat. Mit zunehmender Industrialisierung veränderte sich nicht nur das Stadtbild, sondern auch der Einsatzzweck der Vierbeiner. „Diese Entwicklung spiegelte sich auch im Rosenmontags Zug wieder“, erklärt Dr. Euler-Schmidt. Denn ab Mitte der 1950er Jahre wurden die Festwagen nicht mehr von Pferden, sondern von Treckern gezogen. „Die Wagen wurden immer größer und schwerer und die Aufgabe war von den Pferden dadurch irgendwann nicht mehr sinnvoll zu bewältigen“, erklärt der Kulturpreisträger Deutscher Fastnacht. Man hätte deutlich mehr Pferde pro Wagen einsetzen müssen und musste an dieser Stelle auch das Sicherheitsrisiko abwägen. „Der Austausch der Pferde durch Trecker war dabei auch ein Zeichen der Entwicklung. Die motorisierte Alternative stellte in dieser Zeit das Wirtschaftswunder dar, ohne die Pferde aus dem Zug zu verbannen“, erzählt der Experte weiter. Das Pferd gehört weiter zum traditionellen Bild des Zuges und ergänzt die heutigen Aspekte auf ideale Weise. Gleichzeitig wird hier auch demonstriert, wie wichtig das Pferd in der heutigen Zeit weiterhin ist. Es sichert zwar in der Regel nicht mehr das Überleben in einer Schlacht oder macht die Produktion und den Handel von Verbrauchsgütern erst möglich, aber es hat weiterhin eine immense Bedeutung für einen großen Teil der Bevölkerung. Um diese große Bedeutung und die Zuneigung zu diesen Tieren zu verstehen, ist es wichtig die geschichtliche Bedeutung nicht aus den Augen zu verlieren. Der Wandel der Zeit beeinflusst aber natürlich auch den Einsatz von Pferden im Rahmen des Rosenmontagszuges. Während früher noch um die 650 Tiere zum Einsatz kamen, hat sich die Anzahl mittlerweile fast halbiert. In der Zukunft werden es wahrscheinlich noch weniger Vierbeiner sein, die aktiv im Rahmen des Zuges eingesetzt werden. Bei einem gänzlichen Verzicht würde jedoch die Authentizität der geschichtlichen Darstellung verloren gehen.

Dabei nehmen die Themen Tierschutz und Sicherheit aber richtigerweise einen immer größeren Raum ein. Genau wie sich der Rosenmontagszug Jahr für Jahr weiterentwickelt haben sich auch die Ansprüche und Anforderungen an die Reiter, Gespannfahrer und ihre vierbeinigen Begleiter verändert. Bevor ein Pferd im Rosenmontagszug eingesetzt werden darf, bedarf es einer ausführlichen Vorbereitung und es müssen zahlreiche Kriterien erfüllt sein. Dies gilt auch für die Protagonisten im Sattel und auf dem Kutschbock. Eine strenge und sehr detaillierte Verordnung stellt mit ihrem Regelwerk sicher, dass die Aspekte Tierschutz und Sicherheit immer wieder in den Fokus gerückt werden. Dabei ist allen Beteiligten ihre Außenwirkung nicht nur mit Blick auf die historische Darstellung bewusst. „Die Verantwortlichen haben immer auf jede Kritik reagiert und binden die Pferde in die stetige Veränderung des Zugs mit ein. Der geordnete Karneval hat mit der von vielen wahrgenommenen wilden Party nichts zu tun“, macht Dr. Euler-Schmidt deutlich. Der Brauchkomplex Karneval ist so viel mehr als nur ein bisschen Spaß in der fünften Jahreszeit. Dies ist vor allem den Betreuern der Pferde bewusst. Das ganze Jahr werden deshalb entsprechende Vorbereitungen getroffen, damit während des Rosenmontagszuges eines im Mittelpunkt stehen kann: Der historische Wert des Pferdes für die gesamte geschichtliche Entwicklung und die enge Verbindung der Vierbeiner zu den Menschen. Durch die drastische Erhöhung der Sicherheitsmaßnahmen und den konkreten Blick auf den Tierschutz wird daran gearbeitet die öffentliche Duldung und soziale Akzeptanz der Pferde im Karneval weiterhin zu erhalten. Dabei steht das Wohl der Pferde im Mittelpunkt der Bemühungen. Es muss klar gesagt sein, dass nicht jedes Pferd für den Einsatz im Karneval geeignet ist. Deshalb wird im Vorfeld eine sehr kritische Auswahl getroffen und das Training der ausgewählten Pferde entsprechend gestaltet. Die Mitwirkenden sind sich ihrer großen Verantwortung gegenüber den Vierbeinern bewusst und tragen gleichzeitig Sorge, dass weder die Protagonisten noch die Zuschauer durch den Einsatz von Pferden in Gefahr geraten. Tierwohl und Sicherheit bedingen sich dabei. In der über 200jährigen Geschichte des Rosenmontagzuges zeigt sich, dass dies bis auf eine Ausnahme stets gelungen ist.

Die Reiterkorps wollen mit ihrer berittenen Darstellung der geschichtlichen Epochen die Wichtigkeit des Pferdes herausstellen und seine Bedeutung für die Entwicklung der Stadtgeschichte ehren.

Noch heute werden Pferde im Karneval eingesetzt. Foto: privat

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