Steve Guerdat gewinnt mehr als souverän Einzelgold bei der WM. (Foto Stefan Lafrentz)
Steve Guerdat gewinnt mehr als souverän Einzelgold bei der WM. (Foto Stefan Lafrentz)

Das Glück flog einfach davon

Steve Guerdat wurde nach fünf Nullrunden absolut verdient Weltmeister. (Foto Hubernagel)
Steve Guerdat wurde nach fünf Nullrunden absolut verdient Weltmeister. (Foto Hubernagel)

Was für ein Herzschlagfinale in der Aachener Soers! Spannender hätte das Finalspringen kaum sein können: Es begann schon im ersten Umlauf mit Abwürfen der Favoriten, sah fliegende Hufeisen und am Ende einen strahlenden Sieger, der verdient Steve Guerdat hieß.

Vielleicht war es genau das Quäntchen Glück, das den deutschen Reitern im Finalspringen bei der Weltmeisterschaft in Aachen am Ende fehlte: Das fliegende Hufeisen, das Marcus Ehnings Coolio in der ersten Finalrunde bereits am dritten Sprung verlor. So souverän die deutschen Reiter am Freitag noch waren und dann auch die Goldmedaille in den Händen halten konnten – am Tag des Einzelfinals führten kleine Fehler dazu, dass am Ende kein deutscher Reiter eine Einzelmedaille gewinnen konnte.

Für den ersten Umlauf hatten sich die besten 25 Paare qualifiziert. Sie erwartete ein von Frank Rothenberger anspruchsvoll gebauter Kurs über 13 Hindernisse und 16 Sprünge mit Abmessungen bis 1,65 Meter. Unter anderem gehörten eine Mauer, eine Dreifache Kombination, eine Triplebarre, der offene Wassergraben sowie eine spät im Parcours stehende zweifache Kombination aus Liverpool-Oxern zu den Aufgaben. Nur die besten zwölf Reiter durften im entscheidenden zweiten Finalumlauf antreten, die Strafpunkte aus den vorangegangenen Wertungen wurden jedoch mitgenommen.

Deußers Medaillentraum platzt

Daniel Deusser fehlte heute das nötige Glück. (Foto Stefan Lafrentz)
Daniel Deusser fehlte heute das nötige Glück. (Foto Stefan Lafrentz)

Mannschaftsweltmeister Daniel Deußer und Otello de Guldenboom führten vor dem großen Finalspringen das Klassement an – das Paar hatte sich bis dato keinen einzigen Fehler geleistet und entscheidend zum deutschen WM-Gold beigetragen. Doch dann erwischte es die beiden bereits in Runde eins: An Hindernis drei fiel eine Stange. Noch war der Traum nicht geplatzt – mit 4,86 Strafpunkten ging es auf Rang vier in den letzten Umlauf. Dort sah es lange danach aus, als könne Deußer den Druck auf die Konkurrenz noch einmal erhöhen. Otello de Guldenboom sprang den größten Teil des Parcours souverän, doch am letzten Oxer fiel erneut eine Stange. Damit erhöhte sich das Gesamtergebnis auf 8,86 Strafpunkte und ließ den Traum der Einzelmedaille zerplatzen – in der Endabrechnung bedeutete das Rang sechs.

„Um hier heute eine Medaille gewinnen zu können, muss man einfach eine bessere Leistung erbringen“, lautete Daniel Deußers Fazit im Anschluss. Möglicherweise habe seinem Pferd zum Schluss hin die nötige Energie gefehlt. Und trotzdem sieht er das Ganze positiv: „Wir fahren mit großartigen Erinnerungen und dem Titelgewinn der Mannschaft nach Hause. Die Atmosphäre hier war wirklich etwas ganz Besonderes.“

Marcus Ehning auf Rang sieben

Marcus Ehnings Coolio verlor heute im Finale ein Hufeisen. (Foto Stefan Lafrentz)
Marcus Ehnings Coolio verlor heute im Finale ein Hufeisen. (Foto Stefan Lafrentz)

Nur einen Platz hinter Deußer beendete Marcus Ehning seine bereits siebte Weltmeisterschaft. Mit Coolio kam er auf 9,78 Strafpunkte und Rang sieben. Dabei musste das Paar im ersten Finalumlauf schon früh im Parcours auf ein Eisen verzichten, das dafür sorgte, dass Coolio insbesondere in den Linkswendungen nicht mehr den gewohnten Halt hatte. Trotzdem brachte der braune Wallach den anspruchsvollen Kurs mit lediglich einem Abwurf zu Ende. Auch im zweiten Umlauf präsentierte sich Coolio erneut stark, doch am Einsprung der Zweifachen Kombination fiel eine weitere Stange. Ehning übernahm anschließend die Verantwortung für diesen Fehler. „Der Siebte Platz ist am Ende zwar sehr, sehr ärgerlich, aber ich bin trotzdem sehr zufrieden mit unserer Leistung“, resümierte er.

Sophie Hinners in den Top Ten

Sophie Hinners gewann zwar keine Medaille, konnte sich aber in den Top Ten platzieren. (Foto Stefan Lafrentz)
Sophie Hinners gewann zwar keine Medaille, konnte sich aber in den Top Ten platzieren. (Foto Stefan Lafrentz)

Auch Sophie Hinners schaffte bei ihrem WM-Debüt den Sprung unter die besten Zehn. Mit Iron Dames Singclair hatte sie sich für beide Finalrunden qualifiziert und beendete die Weltmeisterschaft mit 14,84 Strafpunkten auf Rang neun. Im ersten Finalumlauf fiel erst am Ende des Parcours eine Stange. Im zweiten Kurs kam zunächst ein Fehler am Einsprung der Zweifachen Kombination hinzu, später fiel eine weitere Stange am Oxer. Trotz der Fehler lobte Hinners anschließend ihr Pferd: Gerade die besonders schwierigen Passagen habe Singclair souverän bewältigt. „Es war sein erstes Championat und meine erste Weltmeisterschaft. Darauf können wir sehr stolz sein“, betonte sie.

Richard Vogel scheitert an der Mauer

Richard Vogel und United Touch hatten im Einzelfinale der Springreiter einen echten Schreckmoment. (Foto Stefan Lafrentz)
Richard Vogel und United Touch hatten im Einzelfinale der Springreiter einen echten Schreckmoment. (Foto Stefan Lafrentz)

Für Richard Vogel und United Touch S endete der Traum von der Einzelmedaille dagegen bereits nach dem ersten Finalumlauf. Das Paar war als einer der großen Favoriten in die Weltmeisterschaft gegangen, doch die enge Wendung zur Mauer wurde ihnen zum Verhängnis. United Touch kam nicht zum Absprung und verweigerte. Beim zweiten Versuch sprang der Hengst die Mauer problemlos und setzte den Parcours anschließend fort, doch die dabei entstandenen Strafpunkte ließen eine Qualifikation für die besten Zwölf nicht mehr zu. Damit beendete Vogel die Einzelwertung auf Rang 22. Die Schuld sah er ausschließlich bei sich selbst: „United wollte absolut nichts falsch machen, es wäre mein Job gewesen, ihm zu signalisieren: Da kommt gleich eine Mauer aus der Wendung heraus. Das habe ich nicht gut genug gemacht.“ Er beschrieb den Fehler als „mega ärgerlich“: „Ein Pferd, das so gut drauf ist, verdient es, auch im Einzel weiter vorne zu stehen.“

Guerdat: Der verdiente Sieger

Bei den vielen Stolpersteinchen, die es im Finalspringen gab, bleibt nur eins: Dem verdienten Sieger zu gratulieren. Der heißt Steve Guerdat und kommt aus der Schweiz. Als einziger Teilnehmer beendete er alle fünf Runden der Weltmeisterschaft ohne Abwurf und konnte am Ende zu Recht die Goldmedaille in den Händen halten.

Während sich für die Deutsche Konkurrenz im ersten Finalumlauf die ersten Springfehler der Woche einschlichen, blieb Guerdat auch unter dem zunehmenden Druck fehlerfrei. Damit ging der Schweizer mit lediglich 0,86 Strafpunkten als Führender in den letzten Parcours der Weltmeisterschaft. Und auch im entscheidenden Umlauf ließ seine 13-jährige Selle-Français-Stute Dynamix de Belheme sämtliche Stangen liegen. Dass es am Ende für den Sieg reichte, konnte der Schweizer anschließend selbst kaum glauben: „Dieser Sieg ist ein absoluter Traum für mich“, sagte er. Die Woche sei sehr anstrengend gewesen, alle Emotionen seien nach dem letzten Hindernis aus ihm herausgebrochen. „Ich bin sehr stolz auf mein Pferd und mein ganzes Team, dem ich sehr viel zu verdanken habe.“

Thibeau Spits mit 25 Jahren Vizeweltmeister

Thiebeau Spitz und Impressum-K van’t Kattenheye Z gewannen ihre zweite Silbermedaille. (Foto Hubernagel)

Eine der großen Geschichten dieser Weltmeisterschaft lieferte Thibeau Spits. Der 25-jährige Belgier und Impress-K van’t Kattenheye Z gingen mit 5,60 Strafpunkten aus den vorangegangenen Wertungen in die entscheidende Phase und behielten anschließend in beiden Finalrunden die Nerven. Kein weiterer Fehler kam hinzu. Damit sicherte sich Spits die Silbermedaille. Sein Geheimnis? „Nach Freitag war der große Druck weg, also habe ich versucht, das Springen heute einfach nur zu genießen.“ Das hat zweifelsohne geklappt – und das mit der ersten WM-Medaille seiner noch jungen Karriere.

Harry Charles gewinnt Bronze

Harry Charles und LT Holst Freda kämpften sich auf den Bronzerang vor. (Foto Hubernagel)

Bronze konnte der Brite Harry Charles mit seiner LT Holst Freda mit nach Hause nehmen. Nicht viele hatten ihn noch zu Beginn des Championat auf dem Schirm. Dass mit ihm zu rechnen war, stellte er aber eindrucksvoll in den beiden Finalrunden unter Beweis. Alle Stangen blieben liegen – damit ließ er die anderen Medaillenkandidaten hinter sich. „Ich habe immer von so einem Pferd geträumt und nun habe ich es“, schwärmte er im Anschluss über seine zwölfjährige Holsteiner Stute, die er erst seit drei Monaten unter dem Sattel hat.

Bundestrainer Otto Becker lobte am Ende die Leistung des verdienten Siegers Steve Guerdat und zog aus deutscher Sicht ein eher ernüchterndes Fazit: „Am Ende überwiegt ein bisschen die Enttäuschung, gerade nach dem Teamwettbewerb und weil alle vier Reiter im Finale waren“, sagte er und verwies auf das, was am Finaltag ganz offenbar verloren gegangen war: „Heute hat uns einfach das Quäntchen Glück gefehlt, das wir am Freitag noch hatten.“

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