
Ein bisschen ihres riesigen Vorsprungs nach dem gestrigen Gelände haben die deutschen Vielseitigkeitsreiter im abschließenden Springparcours der Europameisterschaften von Blenheim eingebüßt. Aber nicht viel, am Ende war es trotzdem ein triumphaler Sieg für die Equipe von Mannschaftsführerin Dr. Annette Wyrwoll und Bundestrainer Peter Thomsen. Hinzu kommen Einzelsilber für Michael Jung, ein sensationelles Championatsdebüt von Calvin Böckmann und eine weitere deutsche Top Ten Platzierung.
Mit 124,9 Minuspunkten holten die deutschen Vielseitigkeitsreiter EM Gold in Blenheim. Es ist der siebte Mannschaftstitel in der Vielseitigkeit für die Bundesrepublik. Und vermutlich der mit dem größten Vorsprung. Die Iren holten mit 161,9 Minuspunkten Silber vor Frankreich (167,5), das die Schweizer mit drei hindernisfehlerfreien Springparcours doch wieder vom Podium schubsen konnte.
Die hoch favorisierten Briten waren bei ihrem Heimspiel ja bereits gestern nach einem aus deutscher Sicht überragenden Geländetag ausgeschieden. Im TV-Interview gefragt, ob sich dieser Triumph über die Briten bei ihrem Heimspiel besonders süß anfühle, sagte Michael Jung: „Wir haben davon geträumt die ganze Zeit. Natürlich, England ist das Mekka der Vielseitigkeit. Aber trotzdem, wir haben gekämpft, wir sind dran geblieben, alles ist möglich. Wir waren alle super vorbereitet, haben alle eine super Leistung abgeliefert. Dadurch sind die anderen unter Druck. Es ging in der Dressur schon fantastisch los. Und diesmal war das Glück ein bisschen auf unserer Seite.“
Einzelwertung
Dafür stellen die Briten sowohl die neue Europameisterin als auch den Bronzemedaillengewinner. 1,7 Minuspunkte Vorsprung hatte Laura Collett, als sie heute als letzte in den Springparcours musste. Sie und ihr 16-jähriger Holsteiner Landos-Sohn London waren gestern im Gelände genau eine Zehntelsekunde schneller gewesen als Michael Jung und Chipmunk. Nichtmal ein Wimpernschlag, der über Gold und Silber entschieden hat, denn heute im Springparcours blieben beide Paare ohne Abwurf. Collett holte Gold, Jung Silber. Enttäuschung bei Jung? Eher nicht: „Sicherlich ist es im Gelände liegen geblieben, aber das war einfach nicht schneller möglich“, sagte er mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Und überhaupt: „Fischerchipmunk (sic! Firma Fischer sponsert Jung, Anm. d. Red.) war super. Es hat ein paarmal geklappert. Aber er ist super gesprungen. Er war die ganze Woche super drauf. Ich bin so glücklich, dieses Pferd zu haben! Er ist einfach eine sichere Bank!“
Laut Bundestrainer Peter Thomsen ist Chipmunk übrigens auch das Pferd, mit dem Jung für die Weltmeisterschaft im kommenden Jahr im eigenen Land plant. Die findet bekanntlich in Aachen statt. Thomsen: „Das Pferd ist 17 Jahre alt. Er weiß, nächstes Jahr bei der Weltmeisterschaft will er noch mal auf ihn setzen. Ich glaube nicht, dass er alles auf eine Karte gesetzt hat hier bei der Euro. Er wollte ihn fit und gesund halten, und das ist ihm exzellent gelungen.“
Jung ritt Chipmunk einmal etwas dicht an einen Steilsprung. Collett ihren London etwas groß an einen Oxer heran. Es spricht für die Fitness und Motivation beider Pferde, wie sie die Situationen souverän gelöst haben. Von den 1,7 Minuspunkten Vorsprung, die Collett hatte, benötigte sie 0,4 für die Zeit im Parcours. Aber als sie die Ziellinie überquerte, war sie Europameisterin. Ihr erster Einzeltitel. Sie zeigte auf den Star unter ihrem Sattel, den großartigen London, der ihr heute nach zwei olympischen Mannschafts- und einer Bronzemedaille in der Einzelwertung in Paris ihren ersten Einzeltitel geschenkt hat. Was für ein Pferd!
Das gilt auch für Chipmunk. Für ihn ist es das zweite Mannschaftsgold bei einer Europameisterschaft und die zweite Einzelsilbermedaille. Hinzu kommt eine weitere Silbermedaille mit der Mannschaft aus Haras du Pin, dann natürlich der Einzeltitel der Olympischen Spiele in Paris und Mannschaftsgold bei den Weltmeisterschaften 2022.
Über Bronze konnte sich Tom McEwen mit JL Dublin freuen. Nach Silber bei den Olympischen Spielen in Tokio mit Toledo de Kerser ist dies seine zweite Einzelmedaille. Sie brachten ihr Geländeergebnis von 33 Minuspunkten ins Ziel des Springens. Einen Fehler hätten sie sich auch nicht leisten dürfen.
Böckmanns mega Debüt
Denn mit 36,5 Minuspunkten saßen Calvin Böckmann und The Phantom of the Opera McEwen und JL Dublin im Nacken. Nach dem Gelände, das die beiden mit der schnellsten Zeit von allen abgeschlossen hatten, waren sie noch gleichauf mit der Österreicherin Lea Siegl und Van Helsing P. In der Endabrechnung wurde Böckmann aber aufgrund der besseren Zeit Vierter und Siegl Fünfte, obwohl auch sie es bei 36,5 Minuspunkten beließ. Für Böckmann war die EM das erste Seniorenchampionat. Was für ein Auftritt!
Ein begeisterter Bundestrainer geizte nicht mit Lob: „Calvin, das wissen wir, ist einfach ein überragender Reiter. Er hat sich mit diesem Pferd jetzt so eingefuchst, dass es auf allerhöchstem Niveau, wenn er sehr schnell reitet, gut aussieht. Wir haben sehr viele Geländeanalysen gemacht, er hat sich sehr verbessert und hat es heute auf den Punkt gebracht. Schade, dass es nicht zu einer Medaille gereicht hat. Aber er ist jung und er wird noch viele Medaillen gewinnen!“, ist der zweifache Mannschaftsolympiasieger Thomsen überzeugt.
Dasselbe gilt in Thomsens Augen auch für U25 Co-Trainer Jérôme Robiné und sein Black Ice, die trotz eines Abwurfs und 0,4 Zeitfehlern am Ende Achte wurden. „Überragend geritten“, subsummierte Thomsen. Besonders gestern: „Für mich die beste Geländerunde des Tages. Es war wirklich ausgezeichnet. Auch er hat einen super Job abgeliefert und wird uns in Zukunft mit Sicherheit noch oft helfen können.“
Die Top Ten knapp verpasst haben Malin Hansen-Hotopp und Carlitos Quidditch mit 48,6 Minuspunkten auf Platz elf. Sie kamen auf insgesamt 6,8 Strafpunkte im Parcours, hatten einmal einen falschen Weg eingeschlagen. Nicolai Aldinger konnte sich von Rang 15 nach dem Cross dank einer weißen Weste in Sachen Springfehler, nur mit 0,4 Zeitstrafpunkten belastet, auf Rang 13 vorarbeiten.
Die einzige, für die es im Parcours nicht ganz so rund gelaufen war, war Libussa Lübbeke. Ihre Caramia nahm drei Stangen mit und sammelte noch 1,2 Zeitfehler. Es reichte dennoch für Platz 26 und Mannschaftsgold bei ihrem ersten Seniorenchampionat. Die Stute sei ein bisschen müde gewesen, analysierte Bundestrainer Peter Thomsen. Daher die untypischen Fehler. Ingesamt zeigte er aber hoch zufrieden: „Mit diesen Reiterinnen und Reitern können wir nächstes Jahr wirklich was erreichen“, blickte er schon in Richtung auf die WM 2026 in Aachen.





