Martina Benzinger hat in der erst sechsjährigen Stute Imperia eine Nachfolgerin für ihre EM-Silbermedaillengewinnerin Nautika gefunden. Foto: Rebecca Thamm
Martina Benzinger hat in der erst sechsjährigen Stute Imperia eine Nachfolgerin für ihre EM-Silbermedaillengewinnerin Nautika gefunden. Foto: Rebecca Thamm

Die leisen Spitzensportler 

Martina Benzinger hat in der erst sechsjährigen Stute Imperia eine Nachfolgerin für ihre EM-Silbermedaillengewinnerin Nautika gefunden. Foto: Rebecca Thamm
Martina Benzinger hat in der erst sechsjährigen Stute Imperia eine Nachfolgerin für ihre EM-Silbermedaillengewinnerin Nautika gefunden.
Foto: Rebecca Thamm

Wenn bei der Heim-WM in Aachen die Para-Dressurreiter ins Viereck einreiten, geht es um mehr als Noten und Medaillen. Es geht um grenzenloses Vertrauen zwischen Reitern und Pferden und um Athleten, die täglich neu beweisen, wie weit sich Grenzen verschieben lassen. Ein Blick auf einen Sport, der leise beeindruckt. 

Para-Dressurreiter zeigen in ihren Aufgaben keine spektakulären Piaffe-Pirouetten, überwinden keine kniffligen Geländekurse oder dreifache Kombinationen über 1,60 Meter – und dennoch sind sie Hochleistungssportler. Sie holen aus ihrem Körper alles heraus was geht, um ihre Pferde in ihrem jeweiligen Grade und damit im Rahmen ihrer Möglichkeiten bestmöglich zu präsentieren. Wenn Para-Bundestrainerin Silke Fütterer Sommer einen Wunsch frei hätte, dann wäre es, dass genau das auch von der die breiten Öffentlichkeit verstanden und honoriert wird. „Es ist erstaunlich, wie oft die Mediziner sagen, dies oder das kann der Athlet nicht und wird er auch nie können. Aber dann geht es doch“, so Fütterer-Sommer. „Man darf eben nicht vergessen, dass das Leistungssportler sind, die großen Ehrgeiz haben.“ Und wer etwas erreichen will, braucht den eisernen Willen, mit Selbstdisziplin, Ausdauer, Beharrlichkeit und einer gewissen Leidensfähigkeit die eigenen Grenzen zu verschieben. Genau das tun Para-Sportler jeden Tag, jeder auf seine Weise. Manchmal schon beim Aufstehen. 

Die individuellen Herausforderungen der Para-Dressurreiter zu verstehen und Training und Vorbereitung noch gezielter danach auszurichten, hat aus Silke Fütterer-Sommers Sicht massiv zu den Erfolgen der deutschen Para-Dressurreiter geführt, seitdem sie Anfang 2023 deren Training übernommen hat. Das, und die Tatsache, dass der DBS, der Deutsche Behindertensportverband, etwa zur selben Zeit die sportfachliche Kompetenz für die Betreuung der Para-Dressurreiter an Pferdesport Deutschland übergeben hat.  

„Diese strukturelle Veränderung fiel in die Zeit meines Amtsantritts. Das eröffnete mir viele Möglichkeiten. Unter anderem habe ich gerade zu Anfang sehr intensiv mit jedem einzelnen Athleten den Austausch gesucht, bin zu jedem in den Stall gefahren. Ich wollte die Reiter und Pferde und ihre Heimtrainer kennenlernen, auf persönlicher Ebene und wie ihre Einschränkungen sich beim Reiten auswirken. Das ist in unserem Sport sehr individuell. Genauso spezifisch müssen dann auch die Vorbereitung und das Trainingsprogramm sein. Die müssen auch das Umfeld sowie die Haltungs- und Trainingsbedingungen für die Pferde berücksichtigen. So haben wir für jedes Paar ein Maßnahmepaket geschnürt und konnten dadurch Feinheiten verbessern, die am Ende den Unterschied ausmachen.“ 

Tiefe Bindung zum Pferd 

Mara Meyer kam über die Hippotherapie zum Reiten – ein Beispiel für Para-Athleten, die den Pferden sei Dank ein sehr viel erfüllteres Leben führen, als Ärzte es prognostizierten. 
Foto: Thamm
Mara Meyer kam über die Hippotherapie zum Reiten – ein Beispiel für Para-Athleten, die den Pferden sei Dank ein sehr viel erfüllteres Leben führen, als Ärzte es prognostizierten.
Foto: Thamm

 Wie gesagt, unter Umständen fängt die tägliche Herausforderung für den Athleten nicht erst im Sattel an, sondern bereits beim Aufstehen. Was dabei hilft sie zu überwinden, sind zum einen die Liebe zum Pferd, zum anderen der Teamspirit im Para-Dressursport. Das kann man nicht beschreiben, das muss man erlebt haben. Wie Stewardin Joelle Beier es Anfang April am Rande des CPEDI3* in Aachen es ausdrückte: „Es ist unglaublich beeindruckend, was für eine positive Energie bei den Para-Athleten ist. Da ist Teamspirit bei den Reitern und auch mit den Pferden – als ich diese Harmonie zwischen den Reitern und ihren Pferden zum ersten Mal erlebt habe, das war fantastisch!“ 

Tatsächlich ist die Beziehung zwischen Mensch und Pferd im Para-Sport etwas anders als im Regelsport. Der Mensch ist abhängiger vom Pferd. Er kann sich nicht „durchsetzen“. Der Mensch, im Sattel wie am Boden, ist auf die Kooperation des Pferdes angewiesen. Das beginnt beim Auftrensen, wo das Pferd z.B. für einen Mensch im Rollstuhl den Kopf senken muss, geht weiter beim Aufsitzen, das hier bisweilen sehr viel länger dauert als normal und endet nicht beim Reiten, wo das Pferd seinen Fluchtinstinkt kontrollieren muss, um seinen Reiter nicht in Gefahr zu bringen. Fragt man die Athleten, hört man Sätze wie: „Alles, was ich tue, hängt mit diesem Sport zusammen. Er ist mein ein und alles. Er ist der Dreh- und Angelpunkt meines Lebens.“ Oder auch: „Mein Pferd gibt mir die Beine, die ich nicht habe.“  

Training eines Para-Dressurpferdes 

30 Minuten pro Tag dürfen die Trainer der Para-Reiter in den Grades I bis III die Pferde ihrer Schützlinge reiten. Die Stewards stoppen die Zeit. 
Foto: Rebecca Thamm
30 Minuten pro Tag dürfen die Trainer der Para-Reiter in den Grades I bis III die Pferde ihrer Schützlinge reiten. Die Stewards stoppen die Zeit.
Foto: Rebecca Thamm

Was muss ein Para-Dressurpferd mitbringen? Ein ruhiges Temperament vermutlich. Jein, sagt Para-Dressurreiterin Regine Mispelkamp. „Ein Reiter, der seine Beine nicht vollumfänglich einsetzen kann, braucht ein Pferd, das von sich aus gehfreudig ist, damit er nicht treiben muss. Gleichzeitig muss das Pferd sensibel und klug sein. Und es muss hervorragend ausgebildet sein. Die Skala der Ausbildung ist auch im Para-Dressursport die Basis und die Messlatte für die Beurteilung.“ 

Dem kann Bundestrainerin Silke Fütterer-Sommer nur zustimmen: „Die Grundausbildung von Para-Dressurpferden verläuft genau wie die anderer Pferde. Und auch die Kriterien für die Bewertung in der Prüfung sind die gleichen. Wir alle wollen durchlässige, gehorsame, entspannte und zufriedene Pferde, die sich taktmäßig, losgelassen, in guter Anlehnung, schwungvoll und geradegerichtet sowie gegebenenfalls auch versammelt präsentieren.“ 

Die Grundlagen gelten also für alle. Die Spezialisierung kommt später. Wo Dressurtalente beginnen, sich mit Pirouetten auseinanderzusetzen und Springpferde lernen, immer höhere Hindernisse in immer schnellerer Zeit zu überwinden, müssen Para-Dressurpferde sehr individuell und gezielt auf ihre Aufgaben vorbereitet werden. Von den Trainern ist hier ebenso viel Kreativität wie Pferdeverstand gefordert, wie Silke Fütterer-Sommer erklärt: 

 „Wo es spezifischer für uns als Trainer wird, ist, wenn man einen Schüler hat, dem eine Gliedmaße fehlt, oder der sie vielleicht aufgrund einer Lähmung nicht einsetzen kann. Dann muss man sich etwas einfallen lassen. Denn dann muss man seinem Pferd zum Beispiel ein Schenkelweichen erklären, ohne dass man die Beine benutzen kann. Da ist der Heimtrainer und der Bereiter wichtig, damit man immer wieder in Ruhe dem Pferd erklärt, dass es auch ohne eine Schenkelhilfe Schenkelweichen macht. Das ist immer wieder eine Herausforderung, aber auch immer wieder bewundernswert, wie schnell Pferde verstehen und sich total auf die Hilfen einlassen.“ 

Wie das konkret funktioniert? Durch eine Kombination klassischer Ausbildung und Konditionierung. Um beim Beispiel Schenkelweichen zu bleiben – eine Methode ist es, das Pferd erst einmal ganz normal mit den Gewichts-, Schenkel- und Zügelhilfen zur Einleitung der Lektion vertraut zu machen. Wenn das gut klappt, kommt ein Geräusch hinzu, etwa ein Zischlaut, gibt Silke Fütterer-Sommer ein Beispiel. Sobald die Pferde verstanden haben, dass dieses Geräusch immer in Verbindung mit der Lektion kommt und dass ihre Reaktion richtig und erwünscht ist, geht es ruckzuck, dass sie alleine auf das Geräusch hin Schenkelweichen anbieten.  

Es braucht ein ganzes Dorf 

Teamgeist wird im Para-Sport groß geschrieben. 
Foto: Rebecca Thamm
Teamgeist wird im Para-Sport groß geschrieben.
Foto: Rebecca Thamm

An diesem Beispiel sieht man schon, der Teamspirit bei den Para-Dressurreitern ist auch deshalb so groß, weil viele von ihnen noch mehr als Regelsportler auf Unterstützung angewiesen sind, sei es bei der Ausbildung, dem täglichen Training, dem Einflechten oder Abreiten. Die Pferde der Para-Reiter der Grades I bis III, die nur Schritt und Trab, zum Teil auch nur Schritt gehen, werden auch nach abgeschlossener Grundausbildung zuhause und auf dem Turnier von den Trainern mitgeritten. Das ist wichtig, damit die Pferde in allen drei Grundgangarten korrekt gymnastiziert und gelöst werden. Allerdings ist die Zeit, die die Trainer auf dem Turnier im Sattel verbringen, begrenzt. 30 Minuten pro Tag sind erlaubt, mehr nicht. Diese können, müssen aber nicht am Stück geritten werden. Wenn der Trainer sich seine Zeit im Sattel einteilen möchte, gibt er jeweils dem zuständigen Steward Bescheid, wann er in den Sattel steigt. Jeder Erfolg ist damit automatisch der Erfolg aller.  


FAQs zum Thema Para-Dressursport 

Glückliche Gesichter bei allen Beteiligten am Nationenpreiserfolg (v. li.): Nico Hörmann (Koordinator Para-Dressur), Regine Mispelkamp, Heidemarie Dresing, Melanie Wienand, Noah Kuhlmann und Bundestrainerin Equestrian Silke Fütterer-Sommer. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Bundestrainerin Silke Fütterer-Sommer ist die Frau hinter den Erfolgen der deutschen Para-Dressurreiter. Foto: Sportfotos-lafrentz.de

RRP fragt, Silke Fütterer-Sommer gibt Antworten 

Was hat es mit den „Grades“ auf sich? 

Damit es einen fairen Wettbewerb geben kann, werden die Reiter nach dem Schweregrad ihrer körperlichen Einschränkungen eingeteilt. Wir haben fünf Grades. Grade I reitet nur Schritt, in Grade II und Grade III wird auch Trab geritten, alles auf 20×40 Meter. In den Grades IV und V wird auf 20×60 Meter geritten und auch galoppiert. Die Lektionen entsprechen in etwa denen der Klasse M.  

Die Reiter werden von einer Expertenkommission aus Medizinern in die jeweiligen Grades eingestuft. Bei Athleten mit degenerativen Krankheiten wie Multipler Sklerose findet etwa alle zwei Jahre eine „Review“ statt, bei der untersucht wird, ob der aktuelle Grade noch der richtige ist. So kann es sein, dass ein Reiter im Grade IV mit dem Para-Dressursport beginnt und in Grade I oder II endet.   

Wieviele Medaillen werden bei der WM in Aachen im Para-Sport verteilt? 

Zunächst wird der Grand Prix A geritten, in dem es um die ersten Einzelmedaillen geht – und zwar in allen fünf Grades. Die Mannschaftswertung entscheidet sich durch die Leistungen im Grand Prix B. Den zweiten Satz Einzelmedaillen gibt es in der Kür.  

Dabei ist es wichtig zu wissen, dass eine Mannschaft sich aus Reitern unterschiedlicher Grades zusammensetzen kann. Es muss aber mindestens ein Reiter aus Grade I, II oder III dabei sein. Bei der Weltmeisterschaft setzt sich eine Mannschaft aus vier Reitern zusammen. Die Teamwertung errechnet sich aus der Addition der besten drei Ergebnisse.  

Wie ist es geregelt, welche Hilfsmittel die Reitern benutzen dürfen (z. B. Halteriemen an den Steigbügeln etc.)? 

Da gibt es auf jedem Turnier „Classifiers“. Das sind oft Ärzte, die in diesem Bereich eine Fortbildung gemacht haben. Wenn neue Reiter in den Para-Sport kommen, müssen sie die Classifiers aufsuchen. Dann wird in einem detaillierten Protokoll geschaut, wo sind die Schwierigkeiten, welche Bewegungen kann der Reiter nicht machen? Anhand dieses Protokolls wird dann entschieden, in welches Grade er eingestuft wird. Dieses Protokoll beinhaltet auch die Information, welche Hilfsmittel („Compensating Aids“) der Reiter benutzen darf. Das Protokoll liegt den Stewards vor. Wenn der Reiter also auf dem Abreiteplatz erscheint, können die Stewards anhand ihrer Liste abgleichen, ob alle Hilfsmittel, die der Reiter zu verwenden gedenkt, im Protokoll aufgeführt sind.  

Wie kommen Menschen mit Behinderung überhaupt zum Para-Dressursport – gibt es Sichtungen oder Programme? 

Der Einstieg läuft meist über Reitställe und Einrichtungen des Deutschen Kuratoriums für Therapeutisches Reiten (DKThR), das den Behindertenreitsport in Deutschland organisiert. Bei Menschen, die von Geburt an behindert sind, läuft der erste Kontakt oft über das therapeutische Reiten, das dann irgendwann mit sportlichen Ambitionen betrieben wird. Zur offiziellen Startberechtigung führt dann der Weg über die Klassifizierung durch zugelassene Classifiers, die Grade und erlaubte Hilfsmittel festlegen. 

Viele Reiter kommen aber auch nach einem Unfall in den Para-Sport, etwa der Österreicher Pepo Puch, eine der bekanntesten Figuren der Szene. Er war olympischer Vielseitigkeitsreiter, hatte dann einen Reitunfall, durch den er eine Behinderung zurückbehalten hat und startet nun in der Para-Dressur. 

Silke Fütterer-Sommer sagt allerdings, dass es genau in diesem Bereich noch Verbesserungspotenzial in Deutschland gibt: „Wir brauchen eine bessere Nachwuchsförderung. Viele Reiter haben zwar eine Einschränkung, wissen aber gar nicht, wie sie den Weg in den Para-Dressursport gehen können. Dafür brauchen wir mehr Sichtbarkeit. Auch von Veranstalterseite würden wir uns mehr Sichtbarkeit wünschen. Insofern ist es toll, dass der Para-Dressursport nun auch fester Bestandteil des CHIO Aachen werden soll. Und last but not least würden wir uns finanzielle Unterstützung für gute Pferde auch in den unteren Grades wünschen, denn die brauchen wir für die Mannschaft.“ 

Können Para-Reiter theoretisch auch im Regelsport starten, und umgekehrt? 
Ja – Para-Reiter dürfen sowohl bei Regelturnieren als auch bei speziellen Para-Turnieren starten. Um dabei ihre Hilfsmittel (Compensating Aids) nutzen zu dürfen, brauchen sie den Sportgesundheitspass, der in beiden Bereichen gilt.  

Umgekehrt können Nicht-Behinderte nicht bei Para-Turnieren starten. 

Machen die Para-Dressurreiter Ausgleichssport? 

Ja, durch gezielte Physiotherapie und ein individuell angepasstes Sportprogramm kann vieles ausgeglichen werden.  

Wieso steht bei manchen Prüfungen ein weiteres Pferd am Vierecksrand? 

Im Grade I darf ein „Freund“ des Pferdes in der Prüfung mit zum Viereck kommen und wird dort festgehalten, um Pferd und Reiter in der Aufgabe Sicherheit zu geben. 

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