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Retter in der Not: Erste Hilfe

Jeder Pferdebesitzer hat es wohl schon mal erlebt: Der Vierbeiner kommt mit einer kleineren oder größeren Verletzung von der Weide, hat Anzeichen von Nesselfieber oder ist in einen Nagel getreten. Tierarzt Dr. Christian Schütte verrät, wie man seinem Pferd bei harmlosen Symptomen selbst helfen kann oder was für Maßnahmen der Pferdebesitzer im Ernstfall ergreifen sollte, bis der Tierarzt eintrifft.

Bei kleineren, oberflächlichen Verletzungen lautet Schritt eins: auswaschen, damit Schmutzpartikel aus der Wunde gespült werden. „Dann sollte eine Wundlösung, wie zum Beispiel Prontovet Wundspüllösung oder Octenisept-Lösung benutzt werden, um die Wunde lokal zu desinfizieren. Anschließend sollte man eine Jod-Salbe auftragen. Damit ist die Wunde dann schon ganz gut versorgt“, erklärt Dr. Christian Schütte. „Hierbei ist eine kleine Wundschwellung rund um die Verletzung ganz natürlich. Es darf allerdings nicht sein, dass die Schwellung die nächsten zwei, drei Tage deutlich zunimmt, das Pferd in der Wundumgebung schmerzhaft ist oder die Wunde deutlich eitert. Auch bei kleinen Verletzungen sollte man außerdem darauf achten, dass das Pferd kein Fieber bekommt.“ Auch bei kleinen Verletzungen ist es wichtig, nicht die falsche Creme zu verwenden. „Bei kleinen, oberflächlichen Verletzungen kann man auch Socatyl einsetzen, doch es darf keine Wundtasche vorhanden sein, aus der das Wundsekret nicht mehr abfließen kann. Socatyl härtet schnell aus und verschließt die Wunde, hat aber den Vorteil, dass es eine antibiotische Salbe ist, die die Wunde abtrocknet und dadurch gut abdeckt und schützt. Da Socatyl beim Auftragen auf eine frische Wunde jedoch etwas brennen kann, würde ich für die Erstversorgung immer eine antiseptische Wundlösung und dann eine Jodsalbe verwenden. Die darauffolgenden Tage kann man dann die Wunde mit Socatyl oder einem Aluminiumspray abdecken.“

Allergische Stiche

Der Weidegang beschert den Pferden nicht nur die eine oder andere Verletzung, sondern auch unzählige Insektenstiche, die nicht selten auch extremer ausfallen können. „Bei einer allergischen Reaktion bei einem Insektenstich kann man – wenn vorhanden – Calcium Ampullen, zum Beispiel Frubiase Calcium, verabreichen. Das Calcium führt zu einer sogenannten Kapillar-Abdichtung. Dadurch gelangt weniger Flüssigkeit und Histamin in das Gewebe, und dadurch wird die allergische Reaktion verringert“, erklärt Dr. Schütte. „Das Wichtigste ist aber, Ruhe zu bewahren und die betroffene Stelle zu kühlen. Soventol-Gel kann auch verabreicht werden, da man es sowohl auf die Haut als auch auf die Schleimhaut geben kann. Danach kann man Tonerde auf den Stich auftragen. Percutin-Paste hat den Vorteil, dass der Ton in einer alkoholischen Lösung aufgelöst wurde, wodurch sie noch einmal mehr kühlt und auch für Schmerzlinderung und Abschwellung sorgt.“

Nageltritt

Sollte das Pferd in einen Nagel treten, ist es immer von Vorteil – auch wenn es erst einmal abschreckend klingt -, wenn man den Nagel an Ort und Stelle lässt, bis der Tierarzt kommt. Dabei sollte der Pferdebesitzer auf Folgendes achten: „Man muss den Huf so abpolstern oder unterstützen können, dass der Vierbeiner sich den Nagel nicht noch tiefer reintritt. Wenn das nicht möglich ist und der Fremdkörper aus dem Huf entfernt werden muss, sollte man sich immer merken, wo und wie weit der Nagel in den Huf eingedrungen ist. Die Stichrichtung lässt sich gut mit dem Smartphone dokumentieren“, rät der Tierarzt. „Aber ein Nageltritt oder eine Verletzung des Hufes durch einen anderen scharfen Gegenstand ist immer ein Notfall, der vom Tierarzt behandelt werden muss, da Strukturen betroffen sein können, deren Verletzung sehr gefährlich sein kann. Je nachdem, wie weit der Nagel eingedrungen ist, können das Hufgelenk, das Strahlbein, die Sehne oder die Schleimbeutel betroffen sein. Oft muss der Stichkanal operativ ausgeschnitten werden, um weitere Infektionen zu vermeiden“, so Schütte. „Die Verletzung ist wie eine Ventilfunktion zu betrachten, der Nagel geht rein und wenn er rausgezogen wird, verschließt sich die Eintrittsstelle wieder, aber die Verschmutzung bleibt innerhalb des Stichkanals. Sollte innerhalb des Hufes eine Infektion entstehen, kann dies sogar lebendbedrohlich sein.“

Vorsicht vor Kreuzverschlag

Der Kreuzverschlag oder die Belastungsmyopathie beim Pferd wird im Volksmund auch als Feiertagskrankheit bezeichnet, da sie auftritt, wenn das Pferd unregelmäßig bewegt und zu viel gefüttert wird. „Der Besitzer sollte aufmerksam werden, wenn das Pferd sich immer langsamer bewegt und anfängt zu schwitzen. Ist der Zustand schon weiter fortgeschritten, will das Pferd gar nicht mehr aus der Box kommen. Es zieht die Beine hinter sich her und steht mit den Hinterbeinen nach hinten heraus. Die Muskulatur ist verhärtet und schmerzempfindlich“, beschreibt der Tierarzt die Symptome. „Bei Kreuzverschlag, egal welcher Form, handelt es sich immer um ein Missverhältnis zwischen Energie und Muskelarbeit. Da ist es wichtig, das Pferd nicht weiter zu bewegen, sondern in Ruhe stehen zu lassen. Die Muskulatur ist verhärtet und entzündet, was sehr schmerzhaft ist. Hierbei kann eine Einreibung mit Franzbrandwein helfen, um die Muskulatur zu entspannen und zu durchwärmen. Der Besitzer sollte außerdem auf den Urinabsatz des Pferdes achten, dessen Färbung ein Indikator für das Ausmaß des Kreuzverschlages ist. Je dunkler der Urin, desto schlimmer der Befund, da das Myoglobin, der Muskelfarbstoff, in dem Fall über den Urin ausgeschieden wird“, erklärt Christian Schütte. „Bei Kreuzverschlag ist Prophylaxe das wichtigste: Die Pferde dürfen nicht überfüttert werden und sollten – ihrem Trainingszustand entsprechend – regelmäßig trainiert werden.“ Leidet das Pferd an akuten Kreuzverschlags-Symptomen, ist dies immer ein Fall für den Tierarzt.

Ruhe bei Rehe

Sollte der Verdacht eines Reheschubes aufkommen, ist als erste Maßnahme eine Futterreduktion vorzunehmen und das Pferd nicht mehr zu bewegen, bis der Tierarzt eintrifft. „Um dem Pferd erste Linderung zu verschaffen, sollte man die Hufe kühlen. Hierbei kann man einen Wasserschlauch verwenden, die Hufe – wenn das Pferd es zulässt – in einen Bottich stellen, der mit Wasser und Eiswürfeln befüllt ist, oder die Hufe mit Kühlbandagen umwickeln. Es empfiehlt sich auch, die Box tief mit Spänen einzustreuen, damit sich das Pferd so hinstellen kann, wie es am angenehmsten ist.“ Um den Druck von der Zehe zu nehmen, gibt der Tierarzt folgenden Rat: „Einfach ein dickes Polster-Material in Hufform ausschneiden und dabei die Hufspitze aussparen. Dieses dann mit Tape unter die Hufe kleben, um eine Dämpfung zu erzielen. Es geht darum, den Druck von dem Huf und der Hufbeinspitze zu nehmen, um eine Schmerzerleichterung zu erzielen.“ Auch in diesem Fall ist eine weitere Behandlung durch den Tierarzt unerlässlich.

Druckverband – so geht’s!

Wenn ein größeres Gefäß am Bein verletzt wurde, muss schnell ein Druckverband angelegt werden – und das geht so:

Schritt 1: Um größeren Druck auszuüben, drückt man eine Mullbinde auf die betroffene Stelle. Dann nimmt man Verbandswatte oder eine Bandagierunterlage, die man möglichst faltenfrei um das Bein legt.

Schritt 2: Mit einer Bandage oder Mullbinde umwickelt man die Verbandswatte oder die Bandagierunterlage und fängt dabei an der Verletzung an, um punktuell Druck auszuüben.

Schritt 3: Das Bein wird komplett bandagiert und man hat die Möglichkeit – wenn man wieder an der Ausgangsposition angekommen ist – die Bandage noch etwas fester zu ziehen. Wenn man runter bandagiert übt man wenig Druck aus, damit sich die Watte gleichmäßig anlegen kann, beim Hochbandagieren kann man das Material mehr anziehen.

Schritt 4: Je nach Verletzungsgrad kann man einen doppelten Stützverband anlegen, der dem Bein noch etwas mehr Halt gibt. Dies ist zu empfehlen, wenn die Sehne betroffen ist. Hierbei verfährt man genau gleich, man kann aber noch eine größere Bandagierunterlage verwenden.

Schritt 5: Man bandagiert mit dem gleichen Zug, als würde man das Pferd zum Reiten bandagieren, jedoch nicht mehr, um die Sehnen nicht zu schädigen.

Schritt 6: Als letzten Schritt umwickelt man den Druckverband mit einer Haftbandage, damit nichts verrutscht.

Calcium hilft bei Nesselfieber

Kleine Pusteln und Quaddeln bevölkern kleine bis hin zu großen Bereichen des Pferdekörpers, dessen Immunsystem auf einen Reiz reagiert, der äußerliche oder innerliche Ursachen hat. „Bei Nesselfieber kann man – als erste Maßnahme – die Quaddeln mit kaltem Wasser abwaschen. Darüber hinaus kann man dem Pferd Calcium verabreichen. Das kann zum Beispiel Frubiase Calcium sein, das in der Apotheke erhältlich ist. Einem Großpferd kann man täglich vier oder fünf Trinkampullen geben, wodurch leichte Symptome meistens wieder verschwinden.“ Wenn nur ein leichter Ausschlag auftritt, das Pferd zufrieden ist und weiterhin frisst, kann man Nesselfieber im Anfangsstadium selbst behandeln. Wenn aber keine Besserung auftritt, sollte man einen Tierarzt anrufen.

Bei Fieber einen kühlen Kopf – oder kühle Beine – bewahren

Sollte bei einem Pferd Fieber auftreten, kann man die Beine kühlen, um das Fieber zu senken. „Hierbei aber nicht das ganze Pferd kalt abduschen, um den Kreislauf nicht zu sehr zu belasten“, betont Christian Schütte. „Bis 39 Grad ist Fieber nichts Dramatisches, da kann man auch mal abwarten, denn bei Fieber handelt es sich um eine natürliche Funktion des Körpers, um sich gegen Infektionen wehren. Wenn das Pferd nur leichtes Fieber hat, weiterhin trinkt und frisst sowie Kot absetzt und sonst keine weiteren Auffälligkeiten – wie ein dickes Bein, Nasenausfluss oder geschwollene Lymphknoten – aufweist, dann kann man als Pferdebesitzer einen Tag abwarten, ob das Pferd sich von selbst erholt. Das Immunsystem wird in der Regel mit kleinen Infekten fertig, da besteht nicht immer unbedingt Handlungsbedarf. Nur wenn das Fieber höher steigt, mehrere Tage anhält und/oder das Pferd das Fressen einstellt, sollte man den Tierarzt zu Rate ziehen.“

Keine Panik bei Kolik

In den letzten Jahren wurde die früher allgemeingültige Annahme, man müsse ein Pferd bei einer Kolik dauerhaft führen und dürfe es nicht wälzen lassen, revidiert. Dr. Christian Schütte erklärt das folgendermaßen: „Wenn das Pferd händelbar ist, kann man es durchaus führen. Aber wenn es so starke Schmerzen hat, dass es sich nur hinschmeißen will, dann gehe ich mit dem Pferd in die Halle oder auf den Platz, wo es den Menschen und sich selbst nicht verletzen kann und dann darf sich das Pferd auch hinlegen und wälzen. Was an Darmverschlingungen oder Darmverlagerungen vorhanden ist, das ist schon vorher passiert und kommt nicht durch das Wälzen”, erläutert der Tierarzt. „Bei besonderen Kolikformen, beispielsweise bei Aufgasungen, ist es auch so, dass die Pferde im Liegen oftmals besser abgasen können, als wenn man sie zwanghaft auf den Beinen hält und führt. Von daher würde ich bei einer Kolik – wenn es geht – das Pferd führen, aber es auch kontrolliert wälzen lassen. Das ist meiner Meinung nach nicht schädlich, sondern manchmal sogar eher förderlich. Trotzdem gilt immer noch, dass das Pferd in diesem Zeitraum nichts fressen darf und auch danach erst langsam wieder angefüttert werden darf. Außerdem sollte man es nicht alleine lassen und genau beobachten.” Gerade bei einer Kolik sollte jedoch – auch bei leichten Verlaufsformen – immer Rücksprache mit dem Tierarzt gehalten und nach seinen Anweisungen gehandelt werden.

Schlund Verstopfung

Durch zu hastiges Fressen, nicht korrekt eingeweichte Rübenschnitzel oder Heucobs sowie zu große Stücke von Apfel oder Möhre, kann es zu einer Schlund Verstopfung des Pferdes kommen. Das Futter bleibt in der Speiseröhre hängen und das Pferd fängt an zu krampfen.  Meist löst sich die Verstopfung von selbst nach 15 Minuten. Der Pferdebesitzer sollte das Pferd nicht unnötig bewegen und das Maul mit Wasser ausspülen, damit das Pferd zum Schlucken angeregt wird. Zusätzlich kann man die linke Halsseite – wo die Speiseröhre verläuft – von oben nach unten abstreichen. So löst sich in vielen Fällen schon einmal das Futterstück. Sollte nach dieser Zeitspanne keine Besserung eintreten, oder das Futter oder Schleim aus den Nüstern austritt, muss der Tierarzt hinzugezogen werden, der die Speiseröhre freispült.

SOS bei Giftpflanzen und Augenverletzungen

In manchen Fällen kann ein Pferdebesitzer allerdings selbst nicht viel tun und sollte stattdessen sofort den Tierarzt konsultieren und dessen Behandlung abwarten. „Bei Augenverletzungen ist von der Erstversorgung durch den Pferdebesitzer abzuraten, da das Auge dadurch noch mehr beschädigt werden kann. In so einem Fall sollte man sofort den Tierarzt rufen. Für die Wartezeit sollte man dem Pferd eine Fliegenmaske aufsetzen, um weitere Verunreinigungen zu vermeiden.” Auch wenn der Vierbeiner etwas Giftiges gefressen hat, sollte unverzüglich der Tierarzt informiert werden. „Das Einzige, was man in so einem Fall empfehlen kann, ist, das Maul mit reichlich Wasser auszuwaschen, um eventuell noch vorhandene Stücke der Giftpflanze auszuspülen”, so Dr. Christian Schütte.

Der RRP-Experte: Dr. Christian Schütte

Christian Schütte studierte an der LMU München von 1994 –2000 Tiermedizin. Von 2000-2005 war er an der Pferdeklinik München Riem an der Galopprennbahn tätig und promovierte über die ‘Anästhesie des Pferdes’. Seit 2005 ist er mit seiner eigenen Praxis tätig, wobei die Zahnheilkunde zu seinem Schwerpunktgebiet zählt.

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