Wenn das Verladen zum Problem wird, kann ein professionelles Verladetraining helfen. Foto: Equipics/Bölt
Wenn das Verladen zum Problem wird, kann ein professionelles Verladetraining helfen. Foto: Equipics/Bölt

Mit Ruhe zum Erfolg 

Es ist ein Szenario, das man leider häufig am Stall oder auf Turnierplätzen zu sehen bekommt: Ein Pferd weigert sich, in den Anhänger zu gehen, der zunehmend unruhige Besitzer wird hektisch und wütend, Stress kommt auch bei den Mitmenschen und Artgenossen in der unmittelbaren Umgebung auf. Doch das muss nicht so sein – durch gezieltes Verladetraining lassen sich solche Probleme in den Griff bekommen. RRP-Expertin Nina Bernhardt verrät, welche Faktoren langfristig zum Erfolg führen. 

Wenn wir ein Pferd verladen, verlangen wir etwas von ihm, das seinen Naturinstinkten vollkommen widerspricht – und zwar in mehrfacher Hinsicht. Erstens bringen wir ein Herdentier, sofern es allein gefahren wird, in die unnatürliche Situation, komplett auf sich allein gestellt zu sein: Im Anhänger sind weder seine menschlichen Bezugspersonen noch Artgenossen da, an denen es sich orientieren kann. Zweitens schränken wir ein Fluchttier massiv in seiner Bewegungsfreiheit ein, was auch der Grund dafür ist, warum besonders das Schließen der hinteren Stange oft Probleme bereitet. Im Umgang mit Pferden, die keinerlei Schwierigkeiten beim Verladen haben, mag es uns nicht wirklich auffallen, aber: Was wir da von ihnen verlangen, ist ein Akt gegen ihre Natur. Führt man sich diese Tatsache vor Augen, ist es kaum weiter verwunderlich, dass viele Pferde sich nur ungern verladen lassen oder sich sogar dagegen wehren. Und trotzdem: Durch gezieltes und professionelles Verladetraining lassen sich in der Regel auch die schwierigsten Fälle überzeugen. 

Verladefrommheit: Wichtig für jedes Pferd 

„Die erste Frage, die man sich als Besitzer, Reiter oder anderweitige Bezugsperson eines Pferdes stellen sollte, lautet: Ist mein Pferd verladefromm?”, sagt Verladetrainerin und Transporteurin Nina Bernhardt. „Auch, wenn man mit seinem Pferd nicht zu Turnieren, Lehrgängen, Ausritten oder in den Urlaub fahren möchte und den heimischen Hof im Grunde nie verlässt, kann es passieren, dass verladen werden muss – zum Beispiel, wenn das Pferd in die Klinik muss oder von der Weide ausbricht. Solche unvorhersehbaren Fälle sind zum Glück selten, müssen aber immer bedacht werden. Eine gewisse Verladefrommheit ist daher für jedes Pferd wichtig”, so die Expertin. 

Verladefrommheit – was bedeutet das eigentlich genau? „Nach meinem Verständnis ist ein Pferd erst dann wirklich verladefromm, wenn es sich nach der Fahrt in fremder Umgebung abladen lässt, dann die Angelegenheit, für die man unterwegs ist – zum Beispiel das Auswärtstraining, die Turnierprüfung oder den Kliniktermin – absolviert und sich danach wieder aufladen lässt. Und zwar unabhängig von der Person, von Futter oder von Hilfsmitteln wie Longen, Gerten und Co.”, erklärt Nina Bernhardt. „Wenn man sich nicht sicher ist, ob sein Pferd verladefromm ist, sodass es zumindest in einer Notsituation in den Anhänger einsteigen würde, würde ich empfehlen, das Ganze einfach mal mit einem erfahrenen Transporteur zu testen. Es wäre schon sehr hilfreich, wenn das Pferd sich im Zweifelsfall zumindest von geschulten Menschen, die auch in schwierigen Momenten mit Ruhe und Übersicht agieren, auf einen Transporter – den die Tiere in der Regel angenehmer empfinden als einen Anhänger – bringen lässt”, so die Expertin. Doch auch das ist in der Praxis nicht immer möglich: Zu groß ist der Stress, den viele Pferde mit dem Transport verbinden. 

„Eine gewisse Verladefrommheit ist für jedes Pferd wichtig.” 
Nina Bernhardt 

Der Haupt-Stressfaktor: Alleinsein 

Der größte Stressfaktor ist laut Nina Bernhardt das Alleinsein: „Im Anhänger ist das Pferd meistens komplett auf sich allein gestellt, ohne Bezugspersonen oder Artgenossen. Ein Pferd, das in der Natur allein ist, würde automatisch anfangen, andere Pferde zu suchen, da es die Gesellschaft der Herde braucht, an der es sich orientieren kann. Diese Isolation verursacht daher den meisten Stress.” Um seine Artgenossen zu finden, setzt sich ein Pferd natürlicherweise in Bewegung und wiehert. „Das erklärt, warum viele Tiere vor oder auf dem Anhänger unruhig werden und lautstark wiehern”, so die Expertin. 

Auch etwaige Fluchtversuche des Pferdes – zum Beispiel das sofortige Rausschnellen, kaum, dass es auf dem Hänger angekommen ist – sind auf seine Urinstinkte zurückzuführen. „Für Pferde wirkt ein Anhänger wie eine Sackgasse. Und was machen sie, wenn sie in der freien Natur in eine solche geraten? Sie suchen nach der Lichtquelle – und die ist bei den meisten Pferdeanhängern nun einmal hinten”, so Nina Bernhardt. Wenn Pferde auf dem Anhänger die Flucht nach hinten suchen, ist das also erst einmal nichts anderes als ein natürliches Verhalten, um sich vor potenziellen Gefahren zu schützen. Spätestens dann, wenn die hintere Stange geschlossen wird, nehmen wir ihnen aber die Möglichkeit, diesem Fluchtreflex zu folgen. Deshalb ist dieser Vorgang häufig ein Knackpunkt während des Verladens. „In circa 80 Prozent der Fälle ist die größte Problematik das Schließen der Hinterstange des Anhängers. Zum einen, weil wir einem Bewegungs- und Fluchttier genau diese Eigenschaften absprechen, wenn wir es auf dem Anhänger fixieren. Zum anderen, weil das Pferd aufgrund seines eingeschränkten Sichtfelds Reize von hinten nur schwer verarbeiten kann”, erklärt die Expertin. Das Schließen der Stange ist daher auch ein wichtiger Bestandteil des Verladetrainings – doch das ist erst der zweite Schritt. 

„Im Anhänger ist das Pferd meistens komplett auf sich allein gestellt, ohne Bezugspersonen oder Artgenossen.” 
Nina Bernhardt 

Im Anhänger sind Pferde in der Regel, entgegen ihrer Natur, komplett auf sich allein gestellt. 
Foto: Equipics/Bölts
Im Anhänger sind Pferde in der Regel, entgegen ihrer Natur, komplett auf sich allein gestellt.
Foto: Equipics/Bölts

Verladetraining: Schritt für Schritt 

Als professionelle Verladetrainerin teilt Nina Bernhardt ihre Trainingseinheiten in drei Phasen ein, die aufeinander basieren. Die erste Übung besteht aus dem reinen Auf- und Abladen des Pferdes. „Dabei arbeite ich am liebsten mit einem Anhänger mit Frontausstieg, da sich das Pferd, wie gesagt, an der Lichtquelle orientiert. Das ist aber kein Muss – bei Hängern ohne Frontausstieg nehme ich die Trennwand weg, damit sich das Pferd nach hinten orientieren kann. Das ist wichtig, denn um sich beruhigen zu können, muss es in der Lage sein, seine Umgebung zu überprüfen”, erklärt sie. Das Auf- und Abladen wird dann so lange geübt, bis es problemlos klappt. Dazu zählt auch, dass es möglich sein muss, jederzeit in Ruhe stehenzubleiben – nicht nur auf dem Hänger, sondern auch davor.  

Ein entscheidender Punkt, der Nina Bernhardts Training von anderen Methoden unterscheidet, ist der Verzicht auf treibende Hilfen: „Wir treiben das Pferd nicht von hinten in den Hänger. Wenn es ins Stocken gerät, mobilisieren wir es, indem wir beispielsweise einen Huf heben.” Dabei ist wichtig, zu wissen, dass auch das Erstarren des Pferdes vor dem Anhänger auf seinen Instinkten beruht. „Vermutlich haben viele von uns es schon einmal erlebt, dass ein Pferd vor der Hängerklappe stehenbleibt und sich keinen Zentimeter mehr bewegt. Das Erstarren wird häufig als Sturheit abgetan – in Wahrheit handelt es sich dabei aber um einen natürlichen Überlebensinstinkt. Das Pferd erstarrt, weil es sich nicht sicher ist, ob gerade sein Leben bedroht wird”, so die Expertin. Wer versteht, dass es sich bei dieser Reaktion um ein instinktiv und koordinativ bedingtes Phänomen handelt, das aus Angst, Überforderung oder Frustration entsteht, wird schnell zu dem Schluss kommen, dass der Druck durch treibende Hilfen das Unwohlsein des Pferdes nur noch verstärkt – und das wäre in diesem Fall kontraproduktiv. „Wir versuchen stattdessen, zum Beispiel durch das Anführen im Zickzack oder von der Seite, das Pferd immer in Bewegung zu halten, um das Erstarren von vorneherein zu vermeiden”, erklärt Nina Bernhardt. 

Ist das Auf- und Abladen des Pferdes ohne Komplikationen möglich, geht es im nächsten Schritt an das Schließen des Anhängers. „Dabei benötigen wir die Akzeptanz des Pferdes, sich von hinten durch die Stange fixieren zu lassen. Dazu muss sich das Pferd ruhig und sicher fühlen – und genau das wollen wir mit ihm erarbeiten”, so Nina Bernhardt. „Das Schließen der Hinterstange ist oft der schwierigste Teil, den wir deshalb nicht erst auf dem Anhänger üben, wenn der Adrenalinpegel eh schon hoch ist, sondern bereits davor.” Dazu braucht es eine helfende Person, die das Pferd schon vor dem Anhänger mit der Stange berührt und abstreicht, um es daran zu gewöhnen. „Das üben wir erstmal auf halber Strecke zum Anhänger und dann beispielsweise, wenn die Vorhand bereits auf der Ladefläche und die Hinterhand noch draußen steht, und nähern uns so langsam der Situation, in der das Pferd auf dem Hänger steht und die Stange geschlossen wird.” 

Phase drei des Trainings wird laut unserer Expertin oft unterschätzt: Das eigentliche Fahren. „Dabei ist ein Pferd erst verladefromm, wenn es auch das Fahrtraining mit Bravour meistert, ansonsten ist die Rückfallquote sehr hoch”, sagt Nina Bernhardt. „Das Verladen macht meiner Einschätzung nach nur rund 20 bis 30 Prozent der Problematik aus, den Rest das Fahren.” Umso wichtiger, dass auch dieser Teil in das Training einbezogen wird. „Ziel ist es, die Empfindungen des Pferdes beim Fahren so aufzubauen, dass es auch an einem fremden Ort in der Lage ist, seine Aufgabe zu absolvieren und sich danach brav wieder aufladen lässt.” 

„Das Erstarren wird häufig als Sturheit abgetan – in Wahrheit handelt es sich dabei aber um einen natürlichen Überlebensinstinkt.” 
Nina Bernhardt 

Sie wird häufig zum Problem: Die hintere Stange des Pferdeanhängers. 
Foto: Equipics/Zachrau
Sie wird häufig zum Problem: Die hintere Stange des Pferdeanhängers.
Foto: Equipics/Zachrau

Reaktionen des Pferdes: Zulassen, nicht unterdrücken 

Das Verladetraining von Nina Bernhardt zeichnet sich unter anderem dadurch aus, dass den Emotionen des Pferdes Raum gegeben wird, statt diese zu unterdrücken. „Viele Trainingsmethoden bedienen sich der sogenannten klassischen Konditionierung. Dabei werden die Pferde mit ständigen Impulsen konfrontiert und sollen sich diesen unterwerfen. Das Problem daran ist, dass diese Methodik das eigentliche Angstverhalten des Pferdes nur durch ein klassisch konditioniertes Verhalten überlagert. Weg geht die Angst damit nicht, sie wird nur unterdrückt”, erklärt sie. „Auch das permanente Kreiseln vor dem Anhänger ist eine Art des Trainings, die wir nicht für uns nutzen. Dabei wird im Grunde genommen nur mehr Stress an anderer Stelle geschaffen, sodass das Einsteigen in den Anhänger am Ende das kleinere Übel ist.” 

Im Training mit unserer Expertin dürfen die Vierbeiner all ihre Emotionen zeigen – mehr noch, es ist sogar explizit gewünscht, dass sie das tun. „Die Pferde dürfen steigen, rückwärtsgehen oder sich umdrehen. Schließlich müssen wir zuerst das Problem verstehen, sonst zeigt sich das nachher beim Fahren”, so Nina Bernhardt. „Wäre ich reine Verladetrainerin, würde ich die Pferde vielleicht sogar auch klassisch konditionieren, weil das einfacher ist. Als Transporteurin möchte ich mir aber kein Pferd aufladen, das noch unterdrückte Ängste hat, denn diese zeigen sich dann mit hoher Wahrscheinlichkeit während der Fahrt. Das Pferd soll seine Emotionen schon vor dem Anhänger rauslassen, damit sich diese nicht unterwegs entladen. Denn das birgt nicht nur eine hohe Rückfallquote für das Pferd, sondern auch ein großes Unfallrisiko für alle Beteiligten”, erklärt sie. 

„Das Pferd soll seine Emotionen schon vor dem Anhänger rauslassen, damit sich diese nicht unterwegs entladen.” 
Nina Bernhardt 

Tipps und Tricks: Von Ausrüstung bis Futter 

Um zu vermeiden, dass es beim Verladen selbst zu Unfällen kommt – auch, wenn die Reaktionen eines Pferdes einmal heftiger ausfallen sollten – ist die passende Ausrüstung von zentraler Bedeutung. Nina Bernhardt empfiehlt die Verwendung eines Stallhalfters in Kombination mit einem Strick mit Karabiner, während die Menschen Handschuhe und stabiles Schuhwerk tragen sollten. Auf Hilfsmittel wie Longe und Gerte wird in der Regel verzichtet. „Ich setze eine Longe höchstens zur Aktivierung der Hinterhand ein, um das Pferd zu mobilisieren. Das bedeutet, dass ich die Longe sogleich wieder loslasse, sobald das Pferd einen Schritt nach vorne gemacht hat. Zwei wie eine Schere gespannte Longen hinter dem Pferd verstärken hingegen nur den Druck und sorgen entweder für noch mehr Angst, Unterwerfung oder sogar Gegendruck”, so die Expertin. „Das kann nicht nur gefährlich werden, sondern hat auch mit Freiwilligkeit nichts zu tun.” 

Auch zum Thema Futter hat sie eine klare Haltung: „Futter kann durchaus ein Hilfsmittel im Training sein. Aber man muss ganz klar unterscheiden zwischen der Verwendung als Lockmittel beziehungsweise Ablenkungsmanöver und der Verwendung zum Mobilisieren. Wir verwenden Futter nur, um beispielsweise den Kiefer zu lösen oder das Pferd zum Umschauen anzuregen. Wenn man Futter zur Ablenkung oder Belohnung einsetzt, hat das zur Folge, dass dadurch die eigentlichen Emotionen überschattet werden.”  

Große Erfolge erzielt die Verladetrainerin übrigens auch mit dem Einsatz von Patenpferden. Dabei handelt es sich um Pferde, die sich beim Verladen und Fahren von nichts aus der Ruhe bringen lassen und ihre Gelassenheit dementsprechend auf die zu trainierenden Pferde übertragen.

„Gerade bei Pferden, die traumatische Erfahrungen gemacht haben, hilft es ungemein, wenn sie von einem anderen, ruhigen Artgenossen begleitet werden”, betont Nina Bernhardt. Somit gibt es zahlreiche Methoden, Pferde ohne Druck und Stress dazu zu bringen, auf den Anhänger zu gehen – und genau das ist der Grundstein für den langfristigen Erfolg. 


„Wenn man Futter zur Ablenkung oder Belohnung einsetzt, hat das zur Folge, dass dadurch die eigentlichen Emotionen überschattet werden.” 
Nina Bernhardt 

Die RRP-Expertin: Nina Bernhardt

Foto: Privat

Nina Bernhardt ist seit 2005 professionelle Verladetrainerin und Transporteurin für Pferde. Sie ist in Dortmund beheimatet, bietet jedoch Trainingseinheiten in ganz Nordrhein-Westfalen an. Zusammen mit ihrem Mann kümmert sie sich zudem darum, Pferdetransporte durch ganz Deutschland durchzuführen. Den beiden ist es eine Herzensangelegenheit, Pferde sicher und so stressarm wie möglich an ihr Ziel zu bringen – dafür haben sie auch eine eigene Klappe entwickelt, die als Alternative zur hinteren Stange am Pferdeanhänger angebracht werden kann. Ihre Ausbildung absolvierte Nina Bernhardt unter anderem in Amerika, wo sie viel zu Pferdeverhalten und Technik gelernt hat, während sie ihre von Harmonie geprägte Trainingsphilosophie maßgeblich durch ihre Familie und den rheinisch-westfälischen Schleppjagdverein entwickelt hat. Ihre Stute Fly brachte sie damals dazu, sich mit dem Verladen von Pferden auseinanderzusetzen – heute ist sie 29 und zusammen mit drei anderen, selbst aufgezogenen Pferden in Nina Bernhardts Stall zuhause. Nicht selten nutzt die Trainerin eines ihrer Pferde als Patenpferde, um ihren vierbeinigen Schülern das Training zu erleichtern. 

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