Putzen2

Haarige Angelegenheit

Haarige Zeiten stehen bevor! Denn von uns oft noch unbemerkt hat der Fellwechsel unserer Pferde längst eingesetzt. Denn der Beginn richtet sich nicht hauptsächlich nach den Außentemperaturen, sondern vor allem nach der Tageslichtlänge. Somit fällt der Startschuss bereits im Januar, wenn die Tage langsam wieder länger werden.

Während wir uns noch in dicke Mäntel kuscheln und den Stall nicht ohne Mütze und Handschuhe betreten, bereitet sich der Körper unserer Pferde schon auf wärmere Tage vor. Denn sobald die Tage im Januar wieder länger werden, meldet die Zirbeldrüse dem Pferdegehirn, dass der Fellwechsel angeschoben werden muss. Das dicke Winterfell muss nach und nach dem kürzeren und leichteren Sommerfell weichen. Dieser Prozess setzt auf jeden Fall ein – unabhängig davon, wie niedrig die Außentemperaturen zu diesem Zeitpunkt sind.

Das heißt allerdings nicht, dass das Wetter gar keinen Einfluss auf die haarige Angelegenheit hat. Im Gegenteil: Ist es sehr kalt, verlangsamt das den Fellwechsel, ist es schon recht warm, wird der Prozess beschleunigt. Die Temperaturen beeinflussen darüber hinaus – neben genetischen Dispositionen – vor allem die Dichte und Länge des Fells.

Im Fellwechsel „verabschiedet“ sich das Pferd zuerst von seinem Unterfell. Doch bevor das passiert, hat der Pferdekörper bereits neue Haare gebildet. Der Fellwechsel ist also schon lange in vollem Gange, wenn wir beginnen, uns mit den herumfliegenden Haaren beim Putzen auseinanderzusetzen.

Die Zirbeldrüse

Die Zirbeldrüse ist eine Hormondrüse, die sowohl den Schlaf-Wach-Rhythmus der Pferde als auch die Fortpflanzung und den Fellwechsel steuert.

Fellwechsel als Stoffwechsel-Höchstleistung

Wie lange der Fellwechsel beim Pferd dauert, hängt von verschiedenen Faktoren, wie zum Beispiel der Rasse, der Dichte und Länge des Fells, dem Alter, dem Wetter und der Haltungsform ab. Jedes Pferd benötigt also einen individuellen Zeitraum für den Wechsel seines Haarkleids. Es gilt aber in der Regel: Das Fell von plüschig-warm im Frühjahr auf sommerlich dünn zu wechseln dauert länger als der umgekehrte Wechsel zum Herbst hin. Mehrere Wochen Dauer sind im Frühjahr somit eher die Regel als die Ausnahme.

„Die Dauer des Fellwechsels hängt eigentlich vor allem von den Außentemperaturen ab“, betont Tierärztin Anja Caßardelli. „Wenn die Temperaturen sehr stark schwanken, dauert der Fellwechsel länger. So müssen wir auch in diesem Jahr mit einem langen Fellwechsel rechnen. Weihnachten hatten wir +15 Grad, im Februar -15 Grad, da arbeitet der Pferdekörper auf Hochtouren, um auf das wechselhafte Wetter zu reagieren. Der Fellwechsel wird ständig ausgebremst und wieder angeschoben. So zieht sich der gesamte Prozess natürlich länger hin.“ Für den Stoffwechsel des Pferdes ist diese Zeit dann eine noch größere Kraftanstrengung als ohnehin schon.

Je länger und dichter das Winterfell, desto arbeitsintensiver ist das Putzen im Fellwechsel

„Der Fellwechsel ist eine Stoffwechsel-Höchstleistung“, sagt die Veterinärin. „Da das Pferd in dieser Zeit an mehreren Fronten zugleich zu kämpfen hat, wird die Leistung des Immunsystems gesenkt. Daher sind unsere Vierbeiner im Fellwechsel anfälliger für Krankheiten. Zumal das kalte Wetter und im Winter oftmals vorliegende Mängel an Vitaminen, Spurenelementen und Co. einen weiteren Teil zu erhöhter Krankheitsanfälligkeit beitragen. Die Pferde starten in den Frühjahrs-Fellwechsel oftmals mit einer schlechteren Energie- und Nährstoff-Bilanz als beim Fellwechsel im Herbst.“

„Der Fellwechsel ist eine Stoffwechsel-Höchstleistung, durch die die Leistung des Immunsystems geschwächt wird. Daher ist es sinnvoll, das Pferd in dieser Zeit durch das gezielte Zufüttern von Nährstoffen zu unterstützen.“

Anja Caßardelli

Gerade bei älteren Pferden zeige sich das durch den Fellwechsel geschwächte Immunsystem oft deutlich. Weil der Körper die aufgenommenen Nährstoffe zu einem großen Teil für die Fellproduktion benötigt, neigen viele Pferde in dieser Zeit dazu, abzunehmen. „Das gilt auch oder sogar insbesondere für Robustpferderassen. Isländer, Fjordpferde und Shetlandponys etwa sind im Fellwechsel nicht mit Warmblütern zu vergleichen. Sie haben rassebedingt – und oftmals durch Robusthaltung noch verstärkt – ein viel dickeres und dichteres Winterfell. Somit benötigen sie besonders viel Energie für den Fellwechsel. Da aber gerade diese genügsamen Rassen in der Regel sehr energiearm gefüttert werden, muss man die Fütterung für die Zeit des Fellwechsels gegebenenfalls entsprechend anpassen und mehr Energie zuführen.“

Helfer für die Haare

Doch nicht nur Energie kann und muss eventuell zugefüttert werden. „Im Grunde sollte man alles, wo ein Mangel vorhanden sein könnte, nach Möglichkeit zuführen“, findet die Tierärztin. „Neben Energie sind das auch Mineralstoffe, Spurenelemente und essenzielle Aminosäuren.“ Auf den erhöhten Nährstoffbedarf im Fellwechsel verweist auch Katja Nelken, Produktmanagerin für Galopp Pferdefutter. „Es gilt besonders, die Versorgung mit wichtigen Vitaminen, Mineralien, Spurenelementen und Energie zu überprüfen und gegebenenfalls zu erhöhen“, schließt sie sich an. „Nährstoffdefizite können in dieser Zeit schnell zu Darm- und Hautproblemen und eben zur Schwächung des Immunsystems führen.“ Ein gut vitaminisiertes und mineralisiertes Futter, welches auch einen hohen Anteil an Spurenelementen enthält, ist nach Katja Nelken daher eine optimale Futtergrundlage im Fellwechsel.

Von Bedeutung sind bei den Spurenelementen vor allem Zink, Kupfer und Selen. Zink unterstützt den Stoffwechsel im Allgemeinen und das Haarwachstum im Besonderen. Es wird benötigt, um Keratin zu bilden, was wiederum ein Hauptbestandteil des Haares ist. Kupfer wird für die Nerven- und Blutbildung benötigt, ist aber auch für den Aufbau und die Bildung von Pigmenten, Bindegewebe und Knochen wichtig. Außerdem erhöht das Spurenelement Kupfer die Widerstandskraft des Pferdes und verbessert damit das Immunsystem. Selen hilft dem Pferd ebenfalls bei der Stärkung der Abwehrkräfte, zudem hat es direkten Einfluss auf das Haar- und Fellwachstum.

Doch kann man die Nährstoffe einfach ‚blind‘ zuführen? „Zink kann problemlos zugefüttert werden, hier besteht keine Vergiftungsgefahr durch eine eventuelle Überdosierung, weil überschüssige Zinkmengen im Zweifel einfach ausgeschieden werden“, so die Tierärztin. Gerade in Kombination mit der Zufuhr von Kupfer müsse man aber beachten, dass bei einer Kupfer-Überversorgung die Zinkverwertung beeinträchtigt wird. „Daher empfehlen sich hier durchaus Blutuntersuchungen, um genau herauszufinden, ob ein Mangel vorliegt und wie hoch dieser gegebenenfalls ist. Dann kann man die Gabe von Zusatzfuttermitteln genau darauf abstimmen.“ Eine solche Blutuntersuchung ist auch für die Zufuhr von Selen wichtig. „Hier kann eine Überdosierung zu Vergiftungserscheinungen führen“, mahnt Anja Caßardelli zu Vorsicht. „Selen sollte man daher nicht ‚einfach mal so‘ zufüttern.“ Sollte es zu einer Selenüberdosierung kommen, ist das deutlichste Symptom das Ausfallen des Langhaars. „Wenn Mähne und Schweif ausfallen, sollte man sofort an eine Selenvergiftung denken.“  

Katja Nelken rät grundsätzlich dazu, sich an die Empfehlungen der Hersteller zu halten. „Genau wie eine Unterversorgung zu gesundheitlichen Problemen führen kann, kann es auch eine Überversorgung. Es gilt fast immer, bestimmte Obergrenzen nicht zu überschreiten. Vor allem Spurenelemente können bei starker Überdosierung toxisch wirken. Daher sollte man die Fütterungsempfehlungen der Hersteller nie überschreiten.“

„Genau wie eine Unterversorgung mit Nährstoffen kann auch eine Überversorgung zu gesundheitlichen Problemen führen. Daher sollte man sich immer an die Fütterungsempfehlungen der Hersteller halten.“

Katja Nelken

In Bezug auf die essenziellen Aminosäuren legt Anja Caßardelli den Schwerpunkt für die Zeit des Fellwechsels auf Methionin. „Essenzielle Aminosäuren kann das Pferd nicht selbst herstellen. Sie müssen also von außen zugeführt, sprich zugefüttert, werden.“ Methionin ist ein notwendiger Baustein für viele Proteine und Hormone und ist somit für verschiedene Funktionen im Stoffwechsel der Pferde verantwortlich. Vor allem für den Fell-, Haut- und Hufstoffwechsel ist Methionin besonders wichtig. „Hier kann man bei der Fütterung von entsprechenden Zusatzfuttermitteln nicht viel falsch machen, eine Überdosierung ist unwahrscheinlich bzw. ungefährlich. Ich habe jedenfalls in meiner ganzen Laufbahn noch nie von einer Methionin-Vergiftung gehört“, so die Tierärztin.

Katja Nelken bringt als gut geeignetes Zusatzfuttermittel für den Fellwechsel Bierhefe ins Spiel: „Bierhefe hat einen hohen Anteil an Aminosäuren, Vitamin B1, Vitamin B12, Zink und Biotin und kann sich damit positiv auf den Fellwechsel auswirken.“

Haare sind aus Horn

Haare bestehen vor allem aus Keratin, was im Grunde Horn ist. Jedes Haar hängt in einem sogenannten Follikel, so nennt man die Haarwurzel. Und jedes Haar hat sogar einen eigenen kleinen Muskel! Dank diesem können Pferde ihre Haare bei Kälte zum Beispiel aufstellen, um so für mehr Wärme zu sorgen. Chemisch betrachtet besteht ein Haar aus Kohlenstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Wasserstoff, Schwefel, Eisen, Kupfer, Jod und Zink.

Hilfreich ist es außerdem, das Pferd im Fellwechsel mit der Zufuhr von Omega-3-Fettsäuren zu unterstützen. „Diese kurbeln den Haut- und Fellstoffwechsel an und helfen den Abwehrkräften des Pferdes mit auf die Sprünge. Omega-3-Fettsäuren kann man leicht durch Leinöl oder Distelöl zuführen“, erklärt Anja Caßardelli. „Wichtig beim Zufüttern von Öl ist allerdings, stets zu bedenken, dass dieses auch als Energielieferant dient.“ Daher betont auch Katja Nelken: „Die zugeführte Ölmenge sollte 1 ml Öl pro Kilogramm Körpergewicht nicht überschreiten, sonst besteht die Gefahr von Blinddarmfäulnis.“  Anja Caßardelli ergänzt: „Diese Obergrenze zu beachten ist insbesondere bei reheanfälligen Pferden sehr wichtig! Ich rate grundsätzlich dazu, nicht mehr als zwei Esslöffel Öl pro Tag zuzufüttern. Mit dieser Menge kann man nichts falsch machen. Und gerade für Pferde, die ansonsten getreidefrei ernährt werden, ist der zusätzliche Energieschub durch das Öl im Fellwechsel besonders wertvoll.“  

Auch das Füttern von Leinsamen – natürlich gut durchgequollen – kann im Fellwechsel unterstützen, denn die Schleimstoffe in den Leinsamen sorgen dafür, dass wichtige Nährstoffe besser aufgenommen werden können.

„Am besten sorgt man schon zu Beginn des Fellwechsels dafür, dass die genannten wichtigen Nährstoffe zugeführt werden, dann hat das Pferd eine optimale Ausgangslage, um durch den Fellwechsel zu kommen“, so Anja Caßardelli, die ansonsten empfiehlt, individuell auf jedes Pferd zu schauen. „Trainingsanpassungen sind in der Regel nicht notwendig. Sollte ein Pferd sich müder und schlapper als sonst zeigen, würde ich immer eine Blutuntersuchung empfehlen, denn dann werden wahrscheinlich Mängel vorliegen, die es auszugleichen gilt. Bis man diese ausgeglichen hat, sollte man das Training dann natürlich entsprechend etwas zurückfahren.“ Ansonsten seien Trainingsreduzierungen eher im Robustpferdebereich nötig. „Pferde, die im Offenstall gehalten werden – und hier insbesondere wieder die ‚echten‘ Robustpferderassen – dürfen mit ihrem dicken Pelz gerade im Winter nicht zu stark schwitzen, weil man sie dann einfach nicht mehr trocken bekommt. Stellt man sie aber noch geschwitzt zurück in den Offenstall, ist eine Erkältung im Winter fast vorprogrammiert.“

Fellwechsel – auch für Reiter anstrengend

So anstrengend wie für das Pferd ist der Fellwechsel für den Reiter lange nicht. Doch auch er kommt in dieser Zeit durchaus vermehrt ins Schwitzen, denn jetzt heißt es: putzen, putzen und nochmal putzen! Denn kräftiges Striegeln ist das beste Rezept, um dem Pferd zu helfen, das alte und überschüssige Fell und den mit dem Wechsel des Haarkleids oft verbundenen Juckreiz loszuwerden. Geeignete Bürsten können den Reiter im täglichen Kampf gegen die Haare unterstützen.

Beim Putzzeug hat man mittlerweile die Qual der Wahl. Wichtig ist nur, dass man gerade im Fellwechsel die Bürsten und Striegel oft säubert. 

Gerät der Fellwechsel trotz all dieser Unterstützung ins Stocken, kann aber auch der Griff zur Schermaschine nötig werden. Denn spätestens, wenn die Temperaturen im April hochgehen, leidet das Pferd, wenn es noch einen dicken Winterpelz mit sich herumträgt. „Gerade viele ältere Pferde wechseln das Fell nicht mehr so gut durch“, weiß Anja Caßardelli. „Das heißt aber nicht gleich, dass sie krank sind. Auch wenn übermäßig langes Fell, welches sich vielleicht sogar lockt, auf das Equine Cushing Syndrom hinweisen kann. Cushing-Pferde haben oft Probleme mit dem Fellwechsel. Umgekehrt muss es aber eben nicht unbedingt heißen, dass ein Pferd, welches länger für den Fellwechsel braucht, auf jeden Fall Cushing hat.“

Die RRP-Expertin: Anja Caßardelli

Tierärztin Anja Caßardelli arbeitete nach ihrem veterinärmedizinischen Studium, welches sie an der Uni in Gießen absolvierte, als Assistenztierärztin in der Tierklinik Hochmoor. Im November 1995 fing sie – zunächst ebenfalls als Assistentin – in der Tierarztpraxis Jörgens und Theben in Burscheid an. Seit Januar 2002 ist sie Teilhaberin der Tierarztpraxis am Flügel. Als Turniertierärztin ist Anja Caßardelli regelmäßig auf Turnieren im ganzen Rheinland im Einsatz.

Die RRP-Expertin: Katja Nelken

Katja Nelken ist Pferdewirtin mit Schwerpunkt klassische Reitausbildung. In Bonn hat sie den  Master of Science in Agrarwissenschaften absolviert, bei der Firma Equovis arbeitet sie seit einigen Jahren im Außendienst, seit Beginn des Jahres ist sie als Produktmanagerin des Galopp Pferdefutterprogramms tätig.

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