
Als sich am zweiten Weihnachtstag rund 50 Pferde und sechs Gespanne vor der St. Stephanus-Kirche versammelten, lag ein Duft von Leder und festlicher Erwartung in der knackig kalten Winterluft. Bei strahlendem Sonnenschein war es wieder Zeit für die traditionelle Pferdesegnung. Denn schon seit Generationen kommen Reiterinnen und Reiter sowie Gespannfahrer aus der gesamten Region zusammen, um für ihre Tiere, ihre Ställe und ihre Höfe Schutz und Segen zu erbitten. Ein Brauchtum, das in diesem Gocher Ortsteil tief verwurzelt ist und seit Jahrzehnten zahlreiche Besucher anzieht.
Schon früh versammelten sich die Teilnehmer mit ihren Pferden. Dabei präsentierten sich manche Tiere in feierlichem Glanz. Liebevoll geflochtene Mähnen, poliertes Lederzeug und glänzende Geschirre zeugten von der besonderen Bedeutung dieses Tages. Auch der Musikverein Kessel trug zur Atmosphäre bei. Unter seiner Führung waren Reiter und Gespanne zum dem Platz vor der Kirche gezogen, an dessen Rändern Besucher die Pferdesegnung säumten. Stimmungsvoll, die Kulisse vor der Kirche, die Mensch und Tier gleichermaßen in ihren Bann zog.
Angeführt von den Ministranten und einer Abordnung von Schützen der Niersgemeinde, schritten Pfarrer Theo van Doornick und Diakon Lothar Elbers bei „Kaiserwetter“ (O-Ton van Doornick) durch die Reihen, erklommen den Anhänger und sprachen Worte des Dankes und der Fürbitte für die treuen Vierbeiner und ihre Menschen. Hiernach zogen Reiter und Gespanne an ihm vorbei und ließen sich segnen. Für viele Teilnehmer war dieser Moment mehr als ein religiöses Ritual. Stand er doch für Verbundenheit, Verantwortung und Wertschätzung gegenüber den Pferden, die ihren Alltag begleiten. Einige von ihnen nahmen schon seit Kindertagen an dieser Traditionsveranstaltung teil und empfanden die Segnung daher als einen festen Bestandteil ihres Lebens im ländlichen Jahreskreis.
Aber auch für die Zuschauer aus Kessel und Umgebung war die Pferdesegnung wieder einmal ein besonderes Erlebnis. So staunten die Kinder über imposante Kaltblüter, die eleganten Reitpferde und ältere Besucher fühlten sich an frühere Zeiten erinnert. Mehr und mehr entstand ein lebendiger Treffpunkt für Jung und Alt, der Gemeinschaft stiftete und die Tradition erfahrbar machte. Im Anschluss an die Segnung lud Pfarrer van Doornick, wie jedes Jahr, zu einem gemütlichen Umtrunk am Pfarrhaus ein. Bei Glühwein und zahlreichen Gesprächen sollte die Pferdesegnung in geselliger Runde, ganz im Sinne des Miteinanders, ausklingen. Auch dies eine Geste, die diese Veranstaltung auszeichnete.
So zeigte die Pferdesegnung in Kessel erneut, wie lebendig und bedeutungsvoll Tradition auch heute noch sein kann: festlich, gemeinschaftlich und tief verwurzelt im Herzen des Gocher Spargeldorfes. Übrigens: Die Frage eines verärgerten Anwohners, wer denn Veranstalter sei und die zahlreichen Pferdeäpfel von der Straße räume, blieb allerdings unbeantwortet. „Ich muss den Kot meines Hundes schließlich mit Beutel entfernen und verlange, dass auch die Pferdeäpfel weggeräumt werden“, forderte er van Doornick unmissverständlich auf, hierfür spätestens im nächsten Jahr Sorge zu tragen.
Stephan Derks
Foto: Stephan Derks





