Christoffer Lindenberg ist im Springparcours ganz in seinem Element.
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Ein neues Dreamteam auf dem Rodderberg

Obwohl sich Gegensätze bekanntlich anziehen, ist die Kluft zwischen Dressur- und Springreitern meist doch groß. Anna-Christina Abbelen, eine der erfolgreichsten Nachwuchsdressurreiterinnen Deutschlands, und der international erfolgreiche Springreiter Christoffer Lindenberg trotzen diesem Vorurteil. Sie leben nicht nur zusammen, sondern betreiben am Rodderberg auch gemeinsam einen Ausbildungsstall. 

Manchmal kommt es anders als man denkt. Oder anders als man plant. So wie bei Dressurreiterin Anna-Christina Abbelen. Als sie gerade das Rheinland mitsamt ihren Pferden Richtung München verlassen hatte, um sich dort ihrem Masterstudiengang zu widmen, wurden ihre Pläne der Liebe wegen wieder durcheinander gewirbelt.  

Auch wenn sie und Christoffer Lindenberg sich schon länger kannten – gefunkt hat es erst, als sie sich im Herbst 2019 auf der Reiterparty anlässlich des großen Reitturniers in Isingen näher kennenlernten. „Ich war erst eine Woche in München und hatte noch nicht alle Sachen ausgepackt, da bin ich schon so oft wie möglich nach Warstein zu Christoffer gependelt”, erzählt Anna-Christina Abbelen. Denn der gebürtige Däne leitete zu diesem Zeitpunkt noch das Warsteiner Reitsportzentrum. Den Weg nach Deutschland fand Christoffer Lindenberg zuvor über Paul Schockemöhle, bei dem er nach seinem Wirtschaftsabitur in Dänemark als Bereiter arbeitete. „Als ich 2008 nach Deutschland gekommen bin, war der Springsport in Dänemark nicht das, was er heute ist”, erklärt der 30-Jährige. Trotzdem sieht er seine berufliche Zukunft weiterhin in Deutschland: „Auch wenn ich wirklich gerne meine Familie und Freunde in Dänemark besuche, ist Deutschland für den Turniersport und den Pferdehandel deutlich attraktiver.” Doch die Beschäftigung bei Paul Schockemöhle in Mühlen sollte ihm nicht nur neue Möglichkeiten im Springsport eröffnen: „Auch wenn ich in Dänemark bereits Deutschunterricht in der Schule hatte, richtig Deutsch habe ich erst im Stall von Paul Schockemöhle gelernt”, erzählt Christoffer Lindenberg. „Jeden Morgen, wenn alle zusammen gefrühstückt haben, hat mir die damalige Dressurausbilderin Anja Engelbart Deutsch beigebracht, bis ich irgendwann die Überschriften aus der Zeitung verstehen konnte. Natürlich wird im Stall auch viel Englisch gesprochen, aber wenn man in Mühlen wohnt und sich beim Bäcker etwas kaufen möchte, kommt man damit nicht sehr weit. Entweder bestellst du auf Deutsch oder du bekommst kein Brötchen”, resümiert der Springreiter seinen Zugang zur deutschen Sprache lachend. 

Seit November 2020 haben Anna-Christina Abbelen und Christoffer Lindenberg durch Vizsla-Hündin Abby vierbeinige Verstärkung.
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Nachdem Anna-Christina Abbelen und Christoffer Lindenberg einige Monate zwischen München und Warstein gependelt waren, machte das Paar Nägeln mit Köpfen: „Als der Pachtvertrag in Warstein ablief, wollte ich mich ohnehin etwas umorientieren. Als sich im Mai 2020 die Gelegenheit bot, auf dem Broichhof am Rodderberg eine Stallgasse zu mieten, sind wir also mit unseren eigenen und den Berittpferden nach Bonn gezogen”, so Lindenberg. 

Teamwork auf dem Rodderberg

Dass Anna und Christoffer nach kurzer Zeit direkt zusammenleben und arbeiten wurde durch die Pandemie noch verstärkt:„Natürlich ist es nicht einfach, von jetzt auf gleich Berufliches und Privates miteinander zu teilen und – verstärkt durch den Lockdown – plötzlich 24/7 aufeinanderzuhängen. Aber das ist zugleich die schönste und beste Belastungsprobe! Und bis jetzt klappt es auch sehr gut”, freut sich Anna-Christina Abbelen, die sich beruflich schon einiges von ihrem Freund abgucken konnte: „Da ich mich erst gerade selbstständig gemacht habe, kann ich viel von Christoffer lernen, der schon lange als Ausbilder tätig ist und generell viel Erfahrung im Pferdebusiness hat. Auf der anderen Seite profitiert er aber auch von mir was Struktur und Planung angeht. So haben wir schnell herausgefunden, wie wir uns optimal ergänzen”, erklärt die Dressurreiterin. 

Nicht nur in dieser Hinsicht wird Teamwork beim Duo Abbelen/Lindenberg großgeschrieben: „Direkt morgens um sieben packen wir im Stall mit an. Das heißt wir reiten und unterrichten nicht nur, sondern wir helfen unseren Mitarbeitern auch beim Füttern, bringen die Pferde auch selbst in die Führmaschine oder auf den Paddock”, so der Springreiter. „Vor den Kontaktbeschränkungen waren wir nachmittags, wenn alle Pferde geritten waren, immer viel unterwegs: Ich zum Unterrichten und Christoffer – durch seinen Pferdehandel – auf der Suche nach interessanten Springpferden. Momentan ist das natürlich nicht möglich”, ergänzt Abbelen. „Abends kochen wir zusammen, lassen den Tag Revue passieren und besprechen, was gut war oder welche Aspekte noch ausbaufähig sind. So versuchen wir uns ständig zu optimieren.” Zu dem vollen Arbeitstag steht für die Studentin zusätzlich noch die Masterarbeit auf dem Plan. „Bei uns dreht sich rund um die Uhr alles um die Pferde, aber ich schaffe es trotzdem noch, mich abends für zwei, drei Stunden hinzusetzen und etwas für die Uni zu tun.” 

Anna-Christina Abbelen verabschiedet dieses Jahr ihr Erfolgspferd Henny Hennessy in den Ruhestand.

Für den Springreiter hat es Vorteile, dass seine Freundin im Dressurviereck zu Hause ist: „Dadurch, dass Anna Dressur reitet und ich Springen, sind wir breiter aufgestellt. Und es ist immer schöner, wenn man seinen Arbeitsalltag teilen kann und kein Einzelkämpfer ist”, erklärt Lindenberg, der jetzt auch die Augen nach vielversprechenden Dressurpferden offenhält: „Wenn ich unterwegs bin und Springpferde ausprobiere, kann ich – wenn es sich anbietet – auch mal Dressurpferde angucken. Nicht nur, dass wir dadurch ein breiteres Spektrum anbieten können, es macht auch wirklich Spaß und ich lerne durch Anna viele neue Leute kennen. Das ist eine ganz neue Welt.” Dabei hat der Springreiter durchaus das richtige Gespür für Dressurkracher, betont Anna-Christina Abbelen: „Ganz oft hat Christoffer mich schon auf Pferde hingewiesen, die auch Potenzial für die Dressur hätten. Er hat definitiv Interesse daran und hilft mir dadurch sehr.”

Perspektivwechsel

Zwischendurch schwingt sich Anna-Christina Abbelen auch mal in den Springsattel und reitet die Pferde ihres Freundes, die etwas mehr Dressurarbeit brauchen. Dafür reitet Christoffer die etwas übermütigeren Dressurpferde von Anna. „Es macht Spaß, sich gegenseitig zu helfen. Und man sieht jetzt auch manche Sachen mit anderen Augen“, findet Christoffer Lindenberg. „Auch wenn ich kein Dressurausbilder bin, kann ich Anna doch schon mal den einen oder anderen Tipp geben.“ 

Daher nimmt Anna-Christina Abbelen – soweit die Zeit es zulässt – auch immer mal wieder eine Springstunde bei ihrem Freund: „Früher hatte ich schon mal etwas Angst, wenn die Pferde gebockt haben, durch das Springen wird man lockerer und kann so manchen Bocksprung besser sitzen“, beteuert die Dressurreiterin. Derart motiviert folgten auch schon die ersten Starts in A- und L-Springen. „Ich habe aber immer noch wahnsinnig viel Respekt davor, wie hoch ein 1,40m Springen ist, wenn ich mit Christoffer einen Parcours abgehe. Trotzdem fahre ich total gerne mit ihm zum Turnier und versuche mich voll einzubringen, auch wenn ich quasi noch Laie bin.“

Aber gerade, wenn es um das Turnierreiten geht, gibt es doch so manche Diskussionspunkte zwischen der Dressurreiterin und dem Springreiter: „Was ich am häufigsten von Christoffer höre ist, warum ich denn noch aufgeregt vor dem Turnier sei. Ich würde doch genau wissen, was in der Prüfung auf mich zukommt. Beim Springreiten wäre das anders, denn der Parcours sei immer anders“, erzählt Anna schmunzelnd. Auch der Zeitpunkt, wann der erste Turnierstart mit einem Pferd erfolgen sollte, sorgt für Gesprächsbedarf: „Ich möchte immer erst zum Turnier fahren, wenn alles zu 110 Prozent klappt, wohingegen die Springpferde viel mehr Erfahrungen auf dem Turnier sammeln müssen“, so Abbelen. „Die Ausbildung bei Dressur- und Springpferden ist doch verschieden und ich musste mich erst daran gewöhnen, aber inzwischen habe ich auch etwas adaptiert“, erklärt Christoffer Lindenberg. „Mit manchen Pferden lasse ich mir jetzt etwas mehr Zeit, bevor ich mit ihnen zum Turnier fahre.“

Und nicht nur das Trainingskonzept, sondern auch die Mentalität in den beiden Lagern ist eher gegensätzlich: „Ich würde mir wünschen, dass es sich etwas angleicht und es eine größere Akzeptanz gibt, was die andere Disziplin angeht. Es ist schade, dass die meisten nicht realisieren, wie viel man voneinander lernen könnte“, findet Anna-Christina Abbelen.

„Ich habe wahnsinnig viel davon profitiert, nicht nur zu springen, sondern auch schon nur davon, im Springsattel zu reiten. Das trainiert den Sitz ganz anders.“ Daher ist nicht nur die Dressurreiterin selbst, sondern auch ihre eigenen Pferde immer öfter im Parcours anzutreffen. Inzwischen gehören Gymnastiksprünge zum regelmäßigen Training. „Henny Hennessy macht einen sehr guten Sprung. Vielleicht macht er noch einmal als Springpferd Karriere”, scherzt Christoffer Lindenberg über das Grand Prix Pferd seiner Freundin.

Christoffer Lindenberg unterstützt Freundin Anna-Christina Abbelen bei der Piaff-Arbeit vom Boden aus.
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Der dunkelbraune Hannoveraner hat es Christoffer besonders angetan und auch Anna muss zugeben, dass ihr Freund im Dressursattel Talent hat: „Christoffer hat viel Gefühl und reitet mit Henny das ganze Programm.“ Doch der Springreiter schwächt ab: „Mit den Einer-Wechseln habe ich noch Probleme“, wirft er ein. „Ich lege aber generell sehr viel Wert auf die dressurmäßige Ausbildung meiner Pferde und arbeite sie auch regelmäßig an der Doppellonge. Daher macht es mir schon sehr viel Spaß, Annas Dressurpferde zu reiten. Auf Turnieren gucke ich gerne bei einem Grand Prix zu, aber es muss jetzt keine Dressurpferde-A auf einem ländlichen Turnier sein.“ Da kommt schnell die Frage auf, ob der Springreiter nicht mit einem Frack liebäugelt? „Irgendwann kriege ich das hin, dass Christoffer in einer Dressurprüfung an den Start geht”, zeigt sich Anna zuversichtlich. Christoffer hingegen schüttelt lachend den Kopf: „Ich befürchte, dass es mir so viel Spaß machen würde, dass ich komplett umsattle und dann gibt es garantiert Theater bei uns im Stall.”

Abbelen und Lindenberg setzen auf Nachwuchspferde

„Wir sind jetzt ein halbes Jahr hier in Bonn am Rodderberg und es hat wirklich gut angefangen. Zurzeit haben wir sehr gute Nachwuchspferde im Stall und wenn alles gut läuft, wird man uns bestimmt in ein, zwei Jahren auch wieder auf einem Championat sehen“, hofft Christoffer Lindenberg. Dabei hält er große Stücke auf einen bunten Fuchs: „Ich habe das große Glück gehabt, dass ich schon viele gute Pferde ausbilden und reiten durfte. Momentan habe ich neben einigen vielversprechenden Youngstern einen siebenjährigen Hengst – Otto van de Bishop -, bei dem ich hoffe, dass ich ihn noch länger reiten kann und mit ihm wieder in den großen Sport einsteigen kann“, so Lindenberg. 

Wie dankbar man für gutes Pferdematerial sein muss, weiß auch Anna-Christina Abbelen: „Durch den Umzug und den Umstand, dass ich jetzt selbstständig bin, musste ich viel Demut zeigen und lernen, dass nach meiner sehr erfolgreichen Junioren- und Junge Reiter Zeit auch erst einmal eine Durststrecke kommen kann. Ich bin sehr dankbar für diese Zeit, aber ich bin mir auch bewusst, dass das nicht normal ist, wie das alles gelaufen ist“, erklärt die mehrfache Europameisterin.

Auch für eines ihrer Erfolgspferde, mit dem die 24-Jährige im Piaff-Förderpreis erfolgreich vorne mit ritt, bricht ein neuer Lebensabschnitt an: „Henny Hennessy habe ich zwar mit zum Broichhof genommen, doch er wird dieses Jahr in den Ruhestand verabschiedet. Ich habe so viel mit ihm erreicht und es war mir wichtig, dass ich ihn auf dem Höhepunkt seiner Karriere verabschiede, denn das hat er einfach verdient“, bekräftigt die Dressurreiterin. Der 18-jährige Hofrat-Sohn, der mit Anna und ihrem Trainer Heiner Schiergen in seiner Laufbahn 36 Siege auf S***-Niveau erzielt hat, wird sich nur noch als Lehrmeister für Annas Schüler betätigen und ansonsten seine Rente auf dem Broichhof genießen.

Christoffer Lindenberg ist im Springparcours ganz in seinem Element.
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Den Wunsch, wieder ein perfekt ausgebildetes Grand Prix-Pferd wie Henny Hennessy im Stall stehen zu haben, mit dem man von zu Erfolg zu Erfolg reitet, stellt Anna-Christina Abbelen momentan jedoch hinten an: „Gerade in den letzten Wochen habe ich gelernt, wie schön es ist, wenn man selbst etwas geschafft hat. Und wenn es nur der einzelne fliegende Wechsel ist, der auf einmal funktioniert, nachdem man sich durchgebissen hat. Das sind eigentlich viel schönere, kleinere Ziele, die man hat“, erklärt Anna-Christina Abbelen. „Natürlich würde ich gerne sagen, dass mein Plan ist, mit Fürst for me, der jetzt acht Jahre alt ist, die kleine Tour in Aachen zu reiten und mit Hyatt, meinem Nachwuchs-Grand Prix Pferd, eine Louisdor Preis- Qualifikation zu reiten. Das sind auch Ziele, die ich irgendwie verfolge. Aber viel wichtiger sind mir die kleinen Erfolge geworden. Ich habe sehr viel Spaß daran, wie gut sich meine jungen Pferde entwickeln. Dies zu realisieren und der Schritt in die Selbstständigkeit waren nicht leicht, aber ich glaube, dass es mich viel weiter nach vorne bringt. Neben meinen eigenen sportlichen Zielen liegt mir aber auch der Erfolg meiner Schüler sehr am Herzen”, bekräftigt Abbelen, deren ehemalige Schülerin Romy Allard schon mehrere Medaillen auf Championaten sammeln konnte. Und auch in Zukunft wird man Anna-Christina Abbelen wieder bei großen Turnieren am Abreiteplatz beim Coachen beobachten können, denn ihre aktuelle Schülerin Paula Füßmann wurde in den Landeskader berufen. Genau wie seine Freundin konnte Christoffer Lindenberg auch schon Erfolge als Trainer feiern und förderte beispielsweise Kira Gammersbach und Paulina Falke. Man kann also gespannt sein, was die Zukunft für das neue Dreamteam auf dem Rodderbeg bereithält.

Info

Bis die gemeinsame Homepage fertig gestellt ist, geben Anna-Christina Abbelen und Christoffer Lindenberg auf Instagram unter @anna_abbelen und @lindenbergsporthorses einen Einblick in ihren Ausbildungsstall. 

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