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Die Krone der Reiterei im Wandel der Zeit 

Auch wenn die drei Disziplinen in der Vielseitigkeitsreiterei gleich gewertet werden, ist der Geländeritt mit festen Hindernissen das Herzstück des Sports. Landestrainer Karl-Heinz Nothofer erklärt, welchen Wandel die Sprünge durchlaufen haben und immer sicherer werden. 

In den vergangen 100 Jahren hat sich keine sportliche Disziplin so verändert, wie die Vielseitigkeitsreiterei. Die Entstehungsgeschichte lässt sich auf zwei Komponenten zurückführen: Einerseits war die militärische Nutzung des Pferdes ausschlaggebend – die Überprüfung der Ausbildung des Militärpferdes setzte den Maßstab und führte zu dem Begriff „Military“. Andererseits entwickelte sich später in angelsächsischen Ländern wie Großbritannien, Irland, USA und Australien der Sport aus der Jagd- Rennreiterei. Die unterschiedlichen Wurzeln kann man auch an den ersten Teilnehmern erkennen:  bei den ersten Olympischen Spielen waren nur Armeeangehörige zugelassen, hingegen stammten viele erfolgreiche Military-Reiter der angelsächsischen Länder aus dem Galopprennsport, für den sie zu groß oder zu schwer geworden waren und deswegen zur Military wechselten.  

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Seit den ersten Military-Veranstaltungen gehören die Tiefsprünge zum festen Bestandteil der Hindernisse – die Landung erfolgt aber mittlerweile auf abgeschrägten Boden, um die Pferdebeine zu schonen. 

Im Laufe der Zeit wandelte sich der Sport sowie die Anforderungen an Pferd und Reiter immer mehr. Dies erlebte Karl-Heinz Nothofer in seiner Zeit als aktiver Reiter und jetzt als Landestrainer und Gelände-Parcourschef. Da ihm die Förderung des reiterlichen Nachwuchses und die Sicherheit im Pferdesport am Herzen liegen, bringt sich Nothofer seit zehn Jahren in der Arbeitsgruppe Nachwuchs des Ausschusses Vielseitigkeit des Deutschen Olympiade-Komitees für Reiterei ein. Seine Expertise in Sachen Gelände ist beim DOKR-Bundesstützpunkt in Warendorf konkret erlebbar, denn Nothofer gestaltet dort als Parcourschef die Geländekurse. Im Ausschuss Vielseitigkeit koordiniert er alles rund um das Thema Sicherheitshindernisse und strebt beständig danach, den Sport weiterzuentwickeln. 

„Bis zu der 2000er-Wende gab es noch die klassische Military, wobei das Gelände in vier Teile unterteilt war. Man begann mit einer Wegestrecke, die im Trab absolviert werden musste. Dann ging es auf die Rennbahn mit Hindernissen, wo auch ein höheres Tempo geritten werden musste. Danach stand übergangslos in eine längere Wegestrecke auf dem Programm, damit sich das Pferd erholen konnte. Im Laufe der Zeit entstand dann eine 10-minütige Zwangspause, in der das Pferd vom Tierarzt kontrolliert wurde. Erst dann folgte die richtige Quer-Feld-Ein-Strecke“, erzählt Karl-Heinz Nothofer.   

Mit der Zeit entstanden auch kürzere Prüfungen, aber auf allen Championaten und wichtigen Turnieren wurde die Rennbahn verlangt. Dieses Konzept wurde jedoch aus mehreren Gründen abgeschafft: „Man konnte nur ein oder zwei dieser Prüfungen im Jahr reiten, da sie für das Pferd deutlich anstrengender waren und zum Verschleiß führten. Das Training  gestaltete sich auch sehr zeitintensiv.“ 

Außerdem waren solche Veranstaltungen sehr aufwändig und teuer. „Ein wichtiges Argument war außerdem, dass nicht jeder Veranstalter eine Rennbahn hat und es zu aufwendig und kostenintensiv ist, extra eine Rennbahn zu bauen. Wir sind sehr froh, dass die Vielseitigkeit eine olympische Sportart ist – hätte man an dem alten System festgehalten, würde das vielleicht anders aussehen“, mutmaßt Karl-Heinz Nothofer. 

Die meisten Reiter, Trainer, Pferdebesitzer und Funktionäre begrüßten den Verzicht auf die Rennbahn. „Man muss auch ganz klar sagen, dass die Veränderung den deutschen Reitern sehr in die Karten spielte, da unsere Pferde schon einen Blutanteil besitzen, doch bei dem alten Prüfungssystem war der reine Vollblüter, der nicht so springversiert ist, deutlich im Vorteil. Bei den neuen Anforderungen ohne Rennbahn ist der Halbblüter gefragter.“ 

Aus Sicherheitsgründen entwickelten sich die Steilsprünge zu Hochweitsprüngen. 

Alte Anforderungen bei Olympischen Spielen 

Zehn Jahre nach der ersten, in Frankreich ausgetragenen „Military“ fanden die ersten olympischen Reiterspiele 1912 in Stockholm statt. Die Anforderungen in der Military damals: 

1. Tag: Distanzritt über 55 km in 4 Stunden, dabei ein Geländeritt von 5 km mit 12 festen Hindernissen bzw. Geländeaufgaben in 15 Minuten zu reiten  

2. Tag: Ruhetag  

3. Tag: Rennbahn 3500 m mit 10 Sprüngen im Tempo von 600m/Min. 

4. Tag: Springprüfung mit 15 Sprüngen bis 1,30 m hoch und max. 3,00 m weit  

5. Tag: Dressurprüfung  

Bei den olympischen Spielen in Paris 1924 wurde eine Prüfungsform geritten, wie sie mit kleineren Änderungen bis zu den Spielen in Sydney 2000 gehalten hat:  

1. Tag: Dressur (innerhalb einer erlaubten Zeit zu absolvieren)  

2. Tag: Geländeprüfung mit 5 Phasen:  

A: Wegestrecke 7 km  

B: Rennbahn 4 km  

C: Wegestrecke 15 km (danach keine Zwangspause, diese wurde erst in den 60er Jahren eingeführt)  

D: Querfeldeinstrecke 8 km mit 36 Sprüngen E: Schlussgalopp 2 km (später 3,3 km im Tempo von 330 m/Min.; wurde Mitte der 60er Jahre abgeschafft)  

3. Tag: Springprüfung  

In Sydney gab es noch die klassische Vierteilung der Geländeprüfung mit einer Rennbahn von 4 Minuten im Tempo von 690m/Min und einer Querfeldeinstrecke von 13 Min. im Tempo von 570m/Min. Diese Distanzen und Tempi waren zu der Zeit FEI-Vorgabe für alle Championate. 2004 gab es in Athen gab es nur eine Querfeldeinstrecke, da der Veranstalter kein passendes Rennbahnareal zur Verfügung hatte und auch nicht bereit war, ein solches einzurichten. 

Über Stock und Stein 

In den Ursprüngen der Military mussten Reiter und Pferde im Gelände Baumstämme, Gräben, Mauern sowie Flüsse oder Teiche bewältigen. Die Hindernisse waren breit und massiv – schwere Stürze gehörten zur Tagesordnung. „Früher mussten Pferd und Reiter vor allem mutig sein, heute steht die Rittigkeit im Vordergrund“, erklärt Nothofer. Auch das Regelwerk hat sich gewandelt, denn früher wurde nach einem Sturz noch weitergeritten – nur bei drei Stürzen oder Verweigerungen war Schluss. „Ich selbst bin in den 70er Jahren nach einem Sturz auch wieder weitergeritten. Mein Pferd war bei einer Landung ausgerutscht und wir sind gestürzt. Zum Glück ist uns nichts passiert, deswegen bin ich wieder aufgestiegen und weitergeritten. Damals war man auch mit einer Verweigerung noch platziert, so viel ist immer im Gelände passiert.“ 

Nach den zahlreichen Stürzen von Pferd und Reiter musste sich etwas in der Vielseitigkeit ändern. „Auf der ganzen Welt ist man sich einig, dass man ein fallendes Pferd dem Laien oder dem Publikum nicht mehr verkaufen kann – egal in welcher Disziplin. Auch wenn die Vielseitigkeit eine Risikosportart ist, muss man mit dem Partner Pferd sorgsam umgehen“, bekräftigt Karl-Heinz Nothofer. 

Der Wandel fing beim Aufbau an. „Die Sprünge wurden nicht mehr so steil gebaut, sondern es entstanden Hoch-Weitsprünge, sodass die vordere Linie tief und die hintere Linie des Hindernisses höher war. Das führte aber dazu, dass immer schneller geritten wurde. Wenn man immer schneller und flacher reitet, rutscht man fast nur über die Sprünge. Aber auch im Gelände muss das Pferd beim Springen auf das Hinterbein gesetzt werden – ist das Tempo zu hoch, wird es schwierig, das Pferd vorzubereiten und zu schließen.“ 

Schmale Hindernisse müssen genau taxiert werden und erfordern ein rittiges Pferd. 

Hindernisse im Wandel der Zeit 

Der Wegfall der Rennbahn und die Tendenz zu kürzeren Distanzen haben den Sport hauptsächlich verändert. Waren die Sprünge damals so breit wie die Rennbahn, wurden sie immer häufiger durch schmale Sprünge ersetzt. „Als die Geländestrecke mehr und mehr technischer wurde, sind die Schmalsprünge und Ecken entstanden. Hierbei gibt es immer einige Vorbeiläufer, was natürlich für den Wettkampf auch eine Selektion darstellt“, erklärt der Parcoursbauer. 

Die aktuellen Sprünge stellen eine abgewandelte Form der ursprünglichen Hindernisse wie Baumstämme, Gräben, Mauern und Wasserhindernisse dar. Gab es früher nur feste Hindernisse, hat sich der Trend immer mehr zu portablen Hindernissen entwickelt, was dem Parcoursbauer sehr viele bessere Gestaltungsmöglichkeiten gibt und für abwechslungsreiche Geländestrecken sorgt. 

Je nach Klasse gibt es klar definierte Abmessungen, hierbei wird die Höhe des Sprunges jedoch von der gedachten Absprung- oder Landestelle gemessen und nicht wie im Springsport vom Boden genau unter dem Sprung aus. Zudem sollen alle Sprünge – international ist es sogar ein Muss – über eine Grundlinie verfügen, die bei einer Prüfung vom ersten bis zum letzten Pferd erhalten bleiben muss. Denn in den Anfängen der Vielseitigkeitsreiterei fand der letzte Starter meist die schlechtesten Bedingungen vor, was nicht unfair war, sondern auch zu gefährlichen Unfällen führte. 

Gräben  

Auf der Geländestrecke gibt es einfache und überbaute Gräben. „Über Jahrzehnte hinweg waren Gräben nicht eingefasst, sodass die Landestelle wurde im Laufe der Prüfung immer weicher wurde“, erzählt Karl-Heinz Nothofer. „Heute sind alle Gräben eingefasst und in den unteren Klassen mit Absprungstange versehen, damit das Pferd bei einer Verweigerung nicht in den Graben rutscht. Denn wenn das passiert, haben die Pferde danach zeitlebens ein Grabenproblem.“ 

Ein Trakehnergraben ist ein überbauter Graben, der seinen Namen dem Gestüt Trakehnen verdankt, das größtenteils auf Sumpfgelände lag. Da im 18. Jahrhundert großflächig Entwässerungsgräben auf den Weiden angelegt wurden, handelte es sich bei dem Hindernis um Entwässerungs-Gräben mit einem Weidezaun. 

Die Sunken Road kann von allen Seiten, mit und ohne Hindernis gesprungen werden. 

Auf- und Tiefsprünge  

An die Gräben schließen sich die Auf- und Tiefsprünge an. Der Coffin ist eine Kombination beider Hindernisgruppen, denn der Einsprung wird bergab in die Senke gesprungen, am tiefsten Punkt folgt ein offener Graben, anschließend wird aus der Senke heraus bergauf der Aussprung gesprungen. 

Die Sunken Road ist ein Bergabsprung und ein Bergaufsprung in schneller Folge. Zusätzlich können, bei höherem Schwierigkeitsgrad, ein Galoppsprung vor den Bergabsprung und ein Galoppsprung nach den Bergaufsprung jeweils Hindernisse eingebaut werden. Dadurch wird eine Sunken Road zu einem sehr technischen Hindernis, das eine genaue Einteilung erfordert. Der schnelle Wechsel von Hochsprung, Bergabsprung, Bergaufsprung erfordern eine gute Balance von Reiter und Pferd, damit der Reiter geschmeidig mitgehen kann und immer genau über dem Schwerpunkt des Pferdes bleibt. 

Bei den Bänken handelt es sich stufenförmiges Hindernis, bei dem ein Höhenunterschied überwunden werden muss. Es kann sich um einzelne Stufen, oder um eine Treppe mit mehreren Stufen handeln. Das Billiard ist sozusagen ein aufgesetzter Quader, auf den man rauf- und vom dem man runterspringen kann.  

Auch bei diesen Hindernissen erfolgten über die Jahre hinweg Verbesserungen: „Bei Absprüngen – ob ins Wasser oder bei normalen Sprüngen – ist man zu der Erkenntnis gekommen, dass die Pferdebeine geschont werden, wenn die die Landung schräg bergab gestaltet wird, da die Pferdebeine nicht so gestaucht werden. Das ist kein Muss, aber wünschenswert“, erklärt der Paroursbauer. 

Baumstämme, Hecken und Bürsten  

Erfahrene Pferde springen durch den oberen Teil der die Bürste hindurch. 

Neben den Baumstämmen gehören Hecken zu den typischen Sprüngen im Vielseitigkeitssport. Seinen Ursprung hat dieses traditionelle Hindernis in den natürlich gewachsenen Hecken, die in England bis zu vier Meter hoch sind und auf jeder englischen Geländestrecke zu finden sind. Waren die  Hecken früher zu hoch, wurde ein Loch hineingeschnitten –  so entstand auch das Eulenloch, eine Sonderform der Hecke. Bei diesem eindrucksvollen Hindernis springen Pferd und Reiter durch ein Loch in der Hecke.  

Die natürlichen Hecken wichen künstlichen Hindernissen und wurden zu einem festen Unterbau, in den Äste gesteckt wurden, was zu dem Namen Bürste führte. „Das feste Teil des Hindernisses, das Holz, ist in der Regel 10-15cm tiefer als die anderen Sprünge. Das Pferd kann somit durch die Äste wischen und fällt nicht so schnell, falls es die passende Höhe nicht erreicht. Früher waren die Äste aber teilweise so dicht gestopft, dass man kaum noch durchspringen konnte, das ist jetzt verboten“, erzählt der Parcoursbauer. „Wir wünschten uns aber, dass wir mehr natürlich gewachsene Hecken auf Turnieren zur Verfügung hätten. Das ist aber schon Luxus.“ 

Erfahrene Pferde springen durch den oberen Teil der die Bürste hindurch. 

Wasser 

In den Ursprüngen der Vielseitigkeitsreiterei führte die Geländestrecke durch natürliche Bäche oder Teiche, heute ist das Wasser meist künstlich angelegt und muss bestimmte Anforderungen erfüllen. Wasserhindernisse gibt es vom einfachen Durchqueren bis zu komplexen Kombinationen mit Hindernissen beim Einsprung, Aussprung oder Inseln im Wasser mit weiteren Hindernissen, die von einem simplen Baum bis zu einer Ecke in hohen Klassen reichen. 

„Ich kenne es auch noch, dass das Wasser teilweise so tief war, dass die Pferde schwimmen mussten“, erinnert sich Karl-Heinz Nothofer. „Das kommt jetzt nicht mehr vor, aber es gibt noch Geländestrecken, bei denen man durch fließendes Wasser reiten muss. In England wird bei den großen Prüfungen oft ein Bach so gestaut, dass er eine Breite von 30 Metern erreicht, aber nicht zu tief ist. Denn mittlerweile ist auch festgelegt worden, dass bei der Landung oder dem Absprung das Wasser nicht tiefer als 30 cm sein darf.“  

Auch wenn die Pferde dem Reiter vertrauen und in das Wasser hineinspringen, muss der Reiter immer folgende Faktoren beachten: „Je höher der Wasserspiegel, desto mehr bremst das Wasser und macht den Galoppsprung kleiner – da vertaxiert sich der Reiter schon einmal schnell, wenn er das nicht bedenkt“, erläutert Nothofer. 

Füllsprünge 

Bei den Füllsprüngen handelt es sich um Hoch-Weitsprünge, welche sich aus dem Parcours mit einem Oxer vergleichen lassen und von den Pferden meist gut gesprungen werden. Hierbei wird zwischen Häusern, Oxern, Tischen und Bänken unterschieden, die alle an die neuen Sicherheitsstandards angepasst wurden. „Wenn man vorne am Sprung eine 90 Grand Kante hat, dann bleiben die Vorderbeine des Pferdes daran hängen, was zum Sturz führt. Wenn vorne die Kante um 40 Grad abgeschrägt ist, dann rutscht das Pferd viel leichter darüber. Diese sogenannte Lining Edge, die bedeutet, dass die Vorderlinie schräg und zweimal gebrochen ist, wurde mittlerweile national und international zur Pflicht“, führt der Parcoursbauer fort. 

Deformierbare Sicherheitshindernisse: MIM-System 

Das von dem Schweden Mats Björnetun entwickelte System funktioniert nach dem Prinzip eines aufklappbaren Scharniers, das durch einen Spezialclip zusammengehalten wird. Kommt der Druck aus dem unfallträchtigen Winkel und mit einer Kraft von 160-200 Joule, die sich aus dem Gewicht und der Geschwindigkeit zusammensetzt, wird das deformierbare Hindernis ausgelöst. Die Sollbruchstelle am Metallteil bricht und das Hindernis klappt zusammen. Für bestimmte Hindernistypen ist das MIM-System bereits bei der FEI-zertifiziert. Vorteil: Der Rückbau eines Hindernisses dauert nur Sekunden, außerdem enthält der Clip einen Indikator, der das Auslösen des Systems anzeigt. Es wird zwischen roten und gelben Clips unterschieden. Die gelbe Variante löst bei 75 Prozent der roten Clips aus und sollen bei schräg zu springenden Hindernissen eingesetzt werden, da sie nur mit einem Vorderbein ausgelöst werden, was eine geringere Energie bedeutet.  

Sicherheit geht vor  

Die Aspekte der Sicherheit im Gelände und auch des Tierschutzes haben in den letzten Jahren immer  mehr an Bedeutung gewonnen. In die Konstruktion der Hindernisse wurden zunehmend Erkenntnisse über die Sicht- und Wahrnehmungsweise des Pferdes eingebracht, doch solange die Hindernisse massiv sind, kann es zu gefährlichen Rotationsstürzen kommen. Hierbei bleiben die Vorderbeine des Pferdes am Hindernis hängen, das Pferd überschlägt sich und fällt auf den Reiter. 

Immer wieder gab es Anregungen zur Entwicklung von deformierbaren Sprüngen und in der Turnierordnung von 1938 sind bereits solche Sprünge mit Bauanleitung abgebildet. „In England wurde schon früh mit PIMs, sogenannten Sollbruchstellen gearbeitet, bei denen bei einem Oxer der Balken nach unten fällt, wenn ein Pferd daran hängen bleibt“, erklärt Karl-Heinz Nothofer. Seit dem tragischen Unfall von Benjamin Winter 2014 in Luhmühlen, der durch einen Rotationssturz starb, gibt es in Warendorf eine Task Force Sicherheit, die die Entwicklung von deformierbaren Hindernissen vorantreibt, die nachgeben, wenn ein Pferd daran hängen bleibt. 

„Es ist international vorgeschrieben und national erwünscht, dass man bei Steilsprüngen und Oxern deformierbare Hindernisse verwendet. Mittlerweile geht die Entwicklung dazu, dass man auch Ecken, Tische und Mauern deformierbar baut“, so Nothofer. 

Das MIM-System sorg bei den deformierbaren Hindernissen dafür, dass die Sprünge in sich zusammenklappen, wenn das Pferd daran hängen bleibt.  

Hier greift man auf PIMs und die MIM-Systeme  zurück, die von der FEI zugelassen sind. „Für das Auslösen eines deformierbaren Hindernisses gibt es elf Strafpunkte, eine Entwicklung, die nicht alle begrüßen. Besonders manche Profireiter sind nicht ganz damit einverstanden – beispielsweise hat Michael Jung in Tokyo ein deformierbares Hindernis ausgelöst und damit die Goldmedaille verloren. Die Amateureiter begrüßen die deformierbaren Hindernisse, weil dadurch einfach Stürze vermieden werden. Es ist natürlich ein Entwicklungsprozess – das heißt auch, dass sich Reiter und Trainer mit dem System vertraut machen müssen. Es ist vorher bekannt, wo diese Sprünge stehen, sodass man da etwas präziser reiten muss. Für mich ist es aber wichtig, dass das Hindernis während einer Prüfung bei jedem Reiter mit der gleichen Energie auslöst, dann ist es für mich fair.“ 

Doch ist es nicht teuer, die festen Sprünge gegen deformierbare Hindernisse zu ersetzen? „Ein Veranstalter, der etwas auf sich hält, baut sowieso jedes Jahr ein, zwei neue Hindernisse – dann kann man auch nach neuesten Erkenntnissen bauen. Außerdem bezahlt die Stiftung Deutscher Pferdesport die MIM-Systeme, wenn der Veranstalter in Warendorf einen Antrag stellt. Damit ist Deutschland bis jetzt einzigartig“, erklärt Nothofer, der als Parcourschef in Warendorf mittlerweile 50 Prozent der Sprünge durch deformierbare Hindernisse ersetzt hat. Zudem besitzt die IGV Rheinland einen Anhänger mit sechs deformierbaren Hindernissen, die sie den Turnierveranstaltern gerne zur Verfügung stellen.   

Juliane Körner 

Fotos: Juliane Körner

Karl-Heinz Nothofer. Foto: PEMAG

RRP-Experte Karl-Heinz Nothofer 

Karl-Heinz Nothofer  hat sich mit Leib und Seele dem Vielseitigkeitsreiten verschrieben. Der renommierte Trainer wirkt als langjähriges Mitglied im Ausschuss Vielseitigkeit des PSVR und übernahm 2020 den Posten des Landestrainers für die Pferde. Außerdem ist Karl-Heinz Nothofer internationaler Parcoursbauer und Technischer Delegierter, Mitglied der AG Nachwuchs Vielseitigkeit in Warendorf und Teamchef. Für seine herausragenden Verdienste rund um die Vielseitigkeitsreiterei wurde Karl-Heinz Nothofer schon 2005 mit der Ehrennadel in Gold ausgezeichnet und erhielt als Würdigung seiner Ausbildungsarbeit zudem die Trainer-Nadel. 

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