
Christian Kukuk hat sich heute in Stuttgart den Fragen der Medien gestellt und Stellung zu dem Video aus Verona bezogen, wo in rund 35 Sekunden zu sehen ist, wie er seine Stute Just Be Gentle auf blankem Schlaufzügel reitet und dass die Stute unklar geht, als er durchpariert.
Im Rahmen einer eigens anberaumten Pressekonferenz in Stuttgart hatte Christian Kukuk zunächst die Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzustellen. Er erklärte, dass er sich genau darüber freue und dass er einige Tage gebraucht habe, um die Situation zu verstehen und zu analysieren. Es sei ihm aber wichtig, sich den Medien nicht nur dann zu stellen, wenn er wegen seiner olympischen Goldmedaille bejubelt wird, sondern auch, wenn „der Wind mal von vorn bläst“.
Das war in den vergangenen Tagen definitiv der Fall. Das Video aus Verona, in dem er die Stute in nicht pferdegerechter Weise auf blankem Schlaufzügel reitet und am Ende der Sequenz darüber hinwegreitet, dass sie deutlich ungleich geht, hat für massive Kritik an dem Olympiasieger in den sozialen Medien gesorgt.
„Viel nachgedacht“
Kukuk: „Das waren wirklich schwere, harte Tage für mich persönlich in den letzten Tagen, aber natürlich nicht nur für mich persönlich, sondern für eine ganze Menge Menschen, die mit unserem Sport zu tun haben, natürlich auch zum Beispiel die Veranstalter in Stuttgart, die ja jetzt leider kein anderes Thema haben dieses Wochenende. Und dann möchte ich einmal in aller Deutlichkeit sagen, das tut mir außerordentlich leid.“
Er erklärte, er habe in den letzten Tagen „viel, viel nachgedacht“: „Ich glaube, dass ich grundsätzlich schon ein sehr reflektierter Mensch bin, der der sich viele Gedanken macht über sein Verhalten und vor allem ganz viele Gedanken darüber macht, wie ich das Beste für meine Pferde tun kann, weil das ist immer in meinem Leben das A und O gewesen. Nur wenn es den Pferden gut geht geht es mir auch gut“, so Kukuk.
Er sei ein Kopfmensch, aber er habe trotzdem auch immer ein Bauchgefühl, das eine Rolle spiele, und wo das mit im Spiel sei, würden auch falsche Entscheidungen getroffen. „Das ist am letzten Wochenende so gewesen“, gab Kukuk zu.
„Energiereiches, sensibles Pferd“
Wie es zu dieser falschen Entscheidung hatte kommen können, erklärte er so: „Just Be Gentle ist ein sehr energiereiches, sensibles Pferd, auf das man sehr individuell eingeht. (…) In Verona war sie in den ersten Tagen unheimlich aufgeregt. Ich musste für mich überlegen, wie komme ich am besten an das Pferd heran, wie kriege ich sie kommunikativ auf meine Seite und die Anspannung aus dem Pferd heraus.“ Anders als im Video dargestellt, gehe es bei ihr immer nur darum, die Anspannung herauszubekommen. Kukuk: „Diese 30 Sekunden spiegeln überhaupt nicht das wieder, was in diesen drei Tagen, oder auch in den 45 Minuten, in der Zeit, wo ich das Pferd dort gearbeitet habe, gewesen ist.“
Sein Bauch habe ihm gesagt, die beste Herangehensweise sei es, sie auf dem Schlaufzügel zu reiten. Aber sein Kopf habe ihm nicht gesagt, dass das die falsche Entscheidung ist. „Was sie aber gewesen ist“, stellte er klar. „Das habe ich jetzt verstanden, das tut mir leid, dass sich mein Kopf da nicht eingeschaltet hat und dass ich in den 30 Sekunden meine Vorbildrolle sehr unglücklich aussehen lassen. Da gibt es keine zwei Meinungen.“
„Sie hat mir verziehen“
Er wolle die Situation nutzen, um die Zukunft positiver zu gestalten. Als Beispiel nannte er, dass die Regeln klarer formuliert werden sollten. „Aber ich möchte auch, und das ist mir ganz wichtig zu sagen, dass Regeln alleine in unserem Sport nicht funktionieren. Wir arbeiten hier mit einem Lebewesen zusammen. Das geht nur über eine Beziehung. Es müssen Regeln aufgestellt sein in einer Beziehung. Aber am Ende kommt es immer noch auf das Gefühl und auf das Einfühlungsvermögen an. Es geht darum, eine Beziehung zu dem Pferd aufzubauen. Und in Beziehungen gehört es auch dazu, dass beide Seiten mal einen Fehler machen. Das gehört dazu, das muss auch akzeptiert werden. Das muss man dann einsehen, man muss es verstehen und man muss daraus lernen, das ist das wichtigste, glaube ich.“
Er hält es für „schwierig, ja sogar fast gefährlich“, eine Beziehung zwischen zwei Lebewesen auf 30 Sekunden „herunter zu reduzieren“ und demjenigen dann „eine Zielscheibe aufzusetzen“. Er wünscht sich, „dass wir wieder da hinkommen, eine Situation zu verstehen und zu analysieren und dann drauf hinzuweisen und vielleicht einen Fehler anzusprechen und nicht sofort in Aktionismus zu verfallen.“
Beziehungsfragen
Er habe zu Just Be Gentle in den vergangenen drei Jahren „eine tolle Beziehung“ aufgebaut und weist daraufhin, dass man das am Sonntag (als sie Platz drei im Weltcup-Springen belegten, Anm. d. Red.) auch gesehen habe. „Sie hat mir das (die Trainingseinheit mit dem Schlaufzügel) verziehen“, ist er überzeugt.
„Am Ende muss auch immer die jeweilige Person in der Lage sein, individuell auf das Gegenüber, was in diesem Fall das Pferd ist, einzugehen. Das geht nicht nur Schwarz oder Weiß. Da gibt es nicht nur Richtig oder Falsch. Und da werden auch Fehler gemacht. Und das, finde ich, muss und darf auch gesagt werden. Wichtig ist nur, dass man aus diesen Fehlern die richtigen Schlüsse zieht. Und lernt. Und nach vorne guckt. Wenn das das ist, was man am Ende aus dieser Situation herausnimmt, gucken wir in eine bessere Zukunft und vor allem in eine bessere Zukunft für unseren Sport.“
„Ich möchte den Sport so gut wie möglich in der Öffentlichkeit repräsentieren. Mir tut es schrecklich leid, dass das in diesen 30 Sekunden nicht der Fall gewesen ist. Ich werde alles dafür tun, dass das in der Zukunft nicht wieder vorkommt. Und gleichzeitig hoffe ich, dass wir alle auch wieder ein Stück weit dazu zurückkommen, den anderen zu verstehen und vielleicht auch darüber nachdenken, bevor wir reagieren und bevor wir jemanden in die Ecke stellen, eine Zielscheibe draufstehen und im Grunde nur draufhauen.“
„Was sollte das bewirken?“
Warum hat Kukuk sein Pferd überhaupt nur mit Schlaufzügel allein geritten? Das ist vielleicht die Frage, die sich jeder gestellt hat, der das Video gesehen hat. Seine Erklärung:
„Weil ich mit dem mit dem normalen Zügel und dem Schlaufzügel, also mit zwei Zügeln in der Hand, habe ich am Ende eine begrenzte Wirkung für das Pferd. Und ich habe bei Just Be Gentle die Erfahrung gemacht, bei dieser Herangehensweise eine zu sprunghafte Verbindung zu haben. Das heißt, mein Zügel im Trensenring hat keine kontinuierliche Verbindung zum Maul gehabt, sondern war sehr sprunghaft, und sie hat am Ende nur den Schlaufzügel angenommen. Und deswegen hab ich gesagt: Okay, um diese sprunghafte Verbindung nicht zu haben, weil es gerade ganz wichtig ist, mit dem Pferd wirklich kontinuierlich zu kommunizieren und ich bei ihr sein muss, ich ja Anlehnung geben muss, um die Anspannung rauszubekommen und nicht rein – was wirklich falsch rübergekommen ist –, deswegen habe ich mich dafür entschieden, den Zügel abzumachen um ihr so meines Erachtens nach in dem Moment eine bessere Anlehnung geben zu können.“
In diesen 30 Sekunden des Videos sei nicht zu sehen gewesen, dass das Pferd sich „darauf eingelassen“ habe. Kukuk: „Am Ende hätte man gesehen, dass der Druck rausgekommen ist, dass sie entspannt gewesen ist, dass sie am langen Hals im Takt ausgetrabt ist.“
Dennoch würde er in Zukunft einen anderen Weg wählen.
Das vollständige Video finden Sie auf dem YouTube-Kanal von spring-reiter.de.





