Auf dem Weg von der Basis in die höheren Klassen des Springsports gibt es Einiges zu beachten. Foto: Rebecca Thamm
Auf dem Weg von der Basis in die höheren Klassen des Springsports gibt es Einiges zu beachten. Foto: Rebecca Thamm

Hoch hinaus im Parcours 

Die Starterzahlen in E- und A-Springen auf dem Turnier beweisen: Reiter und Pferde, die eine gute Basis im Springen haben, gibt es viele. Erst, wenn die Sprünge höher werden, trennt sich irgendwann sprichwörtlich die Spreu vom Weizen. Doch wie schafft man mit seinem Pferd den Schritt von der Basis in die schwereren Klassen? Wie trainiert man gezielt höhere Sprünge, was muss man dabei beachten und welche Voraussetzungen braucht es dazu? RRP-Experte Otmar Eckermann verrät, wie Reiter und Pferde im Parcours hoch hinauskommen. 

Ganz gleich, welcher Sparte der Reiterei man sich verschrieben hat: Eine vielfältige Ausbildung von Reitern und Pferden ist wichtig. Während in der Vielseitigkeit per se Können in drei unterschiedlichen Disziplinen verlangt wird, sollten auch Springreiter einer dressurmäßigen Grundausbildung ihrer Pferde nicht absprechen, ebenso, wie es Dressurreitern sicherlich guttut, auch mal den ein oder anderen Sprung in ihren Trainingsalltag zu integrieren. Denn ein abwechslungsreiches Training bringt nicht nur Spaß, sondern fördert auch den Zusammenhalt zwischen Reiter und Pferd sowie deren gemeinsame Entwicklung. So kommt es, dass viele Reiter mit ihren Pferden dazu in der Lage sind, kleinere Sprünge manierlich zu überwinden. Wer sich geschickt anstellt und einen verlässlichen Sportpartner hat, muss nicht unbedingt der geborene Springreiter sein, um sauber durch einen E- oder A-Parcours zu kommen. Eine solide Grundausbildung, eine gewisse Routine und eine gute Basis im Springen reichen im Einsteiger- und Anfängerbereich in der Regel aus, um auch auf dem Turnier erfolgreich mit dabei zu sein. Kriterien, die erfreulicherweise viele zwei- und vierbeinigen Teilnehmer in solchen Springen erfüllen. Doch längst nicht alle von ihnen schaffen schließlich auch den Sprung in die höheren Klassen. Wie dieser gelingen kann, verrät der erfolgreiche Springreiter und Ausbilder Otmar Eckermann aus Kranenburg. 

Auch der Reiter braucht, neben Talent, Ehrgeiz und Mut für höhere Hindernisse. Foto: Rebecca Thamm

Voraussetzungen von Reiter und Pferd 

Zunächst einmal gibt es bestimmte Voraussetzungen, die sowohl der Mensch als auch das Pferd mitbringen müssen, um in Springen der höheren Klassen bestehen zu können. „In der Regel geben die Möglichkeiten und die Veranlagung des Pferdes schon einen gewissen Rahmen vor, in dem man sich bewegen wird”, weiß Otmar Eckermann. „Nicht jedes Pferd, das erfolgreich L- und M-Springen geht, hat beispielsweise auch die Qualität für Klasse S.” Potenzial und Vermögen sind zwei Faktoren, die für die Laufbahn des Vierbeiners eine wichtige Rolle spielen – aber nicht nur. Mindestens ebenso bedeutsam sind der Mut und die Einstellung des Pferdes: „Um höhere Sprünge zu absolvieren, braucht das Pferd auch eine gewisse Portion Leistungsbereitschaft und den nötigen Willen dazu.” Der vierbeinige Sportpartner muss also sowohl körperlich als auch geistig dazu imstande sein, anspruchsvolle Aufgaben im Parcours zu bewältigen – mit genügend Springvermögen und der passenden Arbeitseinstellung. „Im Optimalfall hat das Pferd sogar das Vermögen für eine Klasse mehr, als der Reiter reiten möchte”, so Otmar Eckermann. „Während ein Profi das Pferd eigentlich immer optimal zum Sprung bringt und ihm so zu der nötigen Sicherheit und sogar noch mehr Vermögen verhelfen kann, profitieren gerade im Amateurbereich die Reiter natürlich davon, wenn sie ein Pferd haben, das die Anforderungen der gewünschten Klasse bereits beherrscht und von dem sie lernen können.” 

Doch egal, wie weit ein Pferd ausgebildet ist: Was es zusätzlich braucht – und das ist keinesfalls zu unterschätzen – ist Vertrauen zum Reiter. „Bei höheren Sprüngen besteht die Gefahr, dass das Pferd ängstlich wird, wenn es ein paar Mal unpassend zum Hindernis kommt und dabei schlechte Erfahrungen macht”, erklärt Otmar Eckermann. Deshalb spielen natürlich auch die reiterlichen Fähigkeiten eine beträchtliche Rolle bei der Weiterentwicklung im Springsport. „Ebenso, wie das Pferd uns mit seinen körperlichen und charakterlichen Eigenschaften einen Rahmen vorgibt, tut das natürlich auch der Mensch”, betont der erfahrene Ausbilder. „Und zwar zum einen durch sein reiterliches Talent und zum anderen durch sein Gemüt. Denn auch der Reiter braucht, wenn die Sprünge höher werden, die dazugehörige Portion Mut und Willenskraft.” Wird der Reiter beim Anreiten höherer Sprünge ängstlich, überträgt sich sein Gefühl schnell auf das Pferd und Probleme sind quasi vorprogrammiert. Ehrgeiz und Talent sind somit die zwei wichtigsten Voraussetzungen, die es aus Reitersicht zu erfüllen gilt, wenn man im Parcours hoch hinaus möchte. Wobei: „Ehrgeiz kann in gewisser Weise auch etwas Talent wettmachen, wenn man sehr fleißig und regelmäßig trainiert”, weiß Otmar Eckermann. Aber übertreiben sollte man es dabei auch nicht. 


„Mindestens ebenso wichtig wie das Potenzial eines Pferdes ist seine Einstellung.” 
Otmar Eckermann 

Balance zwischen Training und Turnier 

Wer den Einstieg in die nächsthöhere Klasse schaffen will, muss dafür trainieren. Aber bitte mit Bedacht, rät Otmar Eckermann. „Es ist wichtig, den Schritt von einer Klasse in die Nächste nicht zu schnell zu machen, um alle Beteiligten nicht zu überfordern”, so der Ausbilder. „Normalerweise dauert so eine Entwicklung mehrere Monate. Das muss dem Reiter klar sein und das sollte er, auch bei noch so viel Ehrgeiz, akzeptieren.” Denn regelmäßiges und fleißiges Trainieren bedeutet nicht, das Pferd nun jeden Tag zu springen, um möglichst schnell weiterzukommen. „Gerade während der Turniersaison kann es sonst schnell zu viel werden. Je nach Intensität der Saison reicht es völlig, ein- bis maximal dreimal pro Woche Parcours zu springen.” Der erfolgreiche Reiter, der selbst nahezu wöchentlich Pferde auf Turnieren vorstellt, weiß: “Vor einem Turnier sollte ich mein Pferd zuhause keinesfalls an seine Grenzen bringen, um nicht mit Anspannung oder gar Angst loszufahren. Ich sollte vielmehr darauf achten, meinen Sportpartner zwischen den Turnierstarts einfach ein bisschen bei Laune zu halten und ihn zu gymnastizieren. Es ist sehr wichtig, dass das Pferd auch bei hoher Beanspruchung auf dem Turnier den Spaß am Springen behält.” Grundsätzlich empfiehlt Otmar Eckermann daher, das Training für die nächsthöhere Klasse eher in der turnierfreien Zeit anzugehen – entweder in einer Turnierpause während der Saison oder über die Wintermonate. „Für viele Reiter und Pferde ist das Turnierreiten an sich schon mit einer gewissen Anspannung verbunden, sodass man während der Saison vielleicht nicht noch zusätzlich den Druck erhöhen sollte, weil man eine Klasse höher starten möchte.”


„Das Pferd muss auch bei vielen Turnierstarts den Spaß am Springen behalten.” 
Otmar Eckermann 

Höhere Sprünge richtig trainieren 

Für das Trainieren von Sprüngen aus einer schwereren Klasse ist der richtige Zeitpunkt ebenso wichtig, wie eine geschickte Herangehensweise. „Wer zum ersten Mal einen höher gebauten Sprung überwinden möchte, sollte das zunächst aus einer gewohnten Distanz heraus tun”, rät Otmar Eckermann. „Ich würde empfehlen, eine Distanz mit einer bestimmten Zahl von Galoppsprüngen ein paarmal in der gewohnten Höhe zu reiten, sodass man sicher sein kann, passend zum Sprung zu kommen. Dann bleibt der erste Sprung unverändert und der zweite Sprung wird höher gebaut. So haben sich Reiter und Pferd im Vorfeld bereits mit der Linie und den Abständen vertraut gemacht und können sich dann in Ruhe an das Gefühl des höheren Sprungs gewöhnen.” Das Ganze funktioniert natürlich auch mit einer Kombination. Zum ersten Mal völlig unvermittelt gegen einen freistehenden, höheren Sprung zu reiten, hält der Trainer aber nicht für eine gute Idee. „Das wäre meines Erachtens zu schwierig. Eine bekannte, passende Distanz zum Sprung gibt dem Reiter-Pferd-Paar dabei erstmal die nötige Sicherheit. Später kann man dann immer noch einzelne Sprünge höher bauen und schließlich den ganzen Parcours.” Auch hierbei ist aber vor allem eines wichtig: Es langsam und mit Bedacht angehen zu lassen. „Bevor ich meine Schüler in einen kompletten Parcours aus der höheren Klasse schicke, kann ich mich auch gut am Konzept der Springprüfungen mit steigenden Anforderungen orientieren und zunächst nur die letzten Sprünge entsprechend hoch aufbauen”, gibt Otmar Eckermann als Tipp. Eine solche Prüfungsform eignet sich übrigens auch hervorragend für den Einstieg in die neue Klasse auf dem Turnier. 

Schlechte Erfahrungen können zu Verunsicherung und Angst führen. Foto: Equipics/Zachrau

Sprünge, die erst in den hohen Klassen dazukommen, gibt es laut Otmar Eckermann nicht viele. Natürlich verändern sich die Abmessungen der Hindernisse und die Linienführung sowie Distanzen werden schwieriger. Hier wachsen Reiter und Pferde bei entsprechendem Training aber mit der Zeit fast schon automatisch rein. Zu einer wirklich neuen Herausforderung im gehobenen Springsport werden daher wahrscheinlich nur Wasserhindernisse und Triplebarren. „Zwar finden sich überbaute Wasser auch schon in Springprüfungen für junge Pferde sowie A- oder L-Springen. Aus der altbekannten, blauen Matte, die unter dem Hindernis liegt, wird aber irgendwann womöglich ein offener Graben”, erklärt der Ausbilder. „Hier besteht natürlich die Gefahr, dass das Pferd guckig wird und scheut. Daher sollte ich auch solch ein Hindernis erst einmal wieder aus der Distanz heraus trainieren und im Zweifelsfall vielleicht links und rechts begrenzen, um das Pferd zu unterstützen.”  

Eine Triplebarre findet man hingegen tatsächlich erst in Springprüfungen der Klassen M oder S. Hierbei handelt es sich um einen mächtigen Sprung, der nach hinten höher und weiter wird. „Dadurch besteht die Gefahr, dass das Pferd ins Straucheln gerät, wenn es zu früh abspringt. Eine Triplebarre muss daher wirklich optimal angeritten werden. Auch hier hilft zunächst eine bekannte Distanz, bei der man weiß, dass man passend zum Sprung kommt”, so Otmar Eckermann. Eine weitere Herausforderung dieses Hindernisses besteht darin, nach der Landung das Pferd schnell wieder an die Hilfen zu bekommen, um die nachfolgenden Hindernisse korrekt anreiten zu können. „Aufgrund ihrer ausladenden Maße wird die Triplebarre gerne mit viel Schwung angeritten und das Pferd muss wirklich einen großen Sprung machen. Danach muss der Reiter es aber möglichst schnell wieder bei sich haben, denn in einem M- oder S-Springen vergeht nicht viel Zeit bis zum nächsten Sprung.” Grundsätzlich empfiehlt Otmar Eckermann, „alles Neue oder Spezielle erstmal aus einer passenden Distanz heraus zu üben, bevor man sich an Einzelsprünge wagt. Wichtig ist auch, die Sprünge erst einmal freundlich und nicht gleich schockierend zu bauen.” 


Alles Neue oder Spezielle sollte zunächst aus einer bekannten Distanz heraus geübt werden.” 
Otmar Eckermann 

Der Trainer ist gefragt 

Eine entscheidende Rolle bei der Weiterentwicklung von Reiter und Pferd hat nicht zuletzt der Trainer. Der- oder diejenige muss das Vermögen des Pferdes beurteilen, das Talent seines Reitschülers erkennen und in dieser Konstellation einschätzen, wohin der gemeinsame Weg gehen kann. „Es ist natürlich wichtig, ein talentiertes Paar zu motivieren und zu fördern”, betont Otmar Eckermann. „Aber ebenso liegt es in der Verantwortung des Trainers, Grenzen zu erkennen und besonders ehrgeizige Schüler vielleicht auch mal ein bisschen zu bremsen. Wir als Ausbilder müssen schließlich dafür sorgen, dass das Training immer gerecht und angemessen abläuft und weder das Pferd, noch der Reiter überfordert werden.” Reiter, die in den schwierigsten Springprüfungen auf dem Turnier an den Start gehen, haben in aller Regel einen jahrelangen Lernprozess hinter sich, während dem sie ein immer besseres Verständnis für die Anforderungen im Parcours entwickelt haben und in dem ihre reiterlichen Fähigkeiten entsprechend ausreifen konnten. „Der Sprung von der Basis bis in die höchsten Klassen unseres Sports ist enorm und definitiv nichts, was von heute auf morgen gelingen kann. Es ist vielmehr ein langer Prozess, in dem sich das Reiten verändert. Wir kommen dabei weg von einem mal mehr, mal weniger kontrollierten Anreiten des Sprungs hin zum wirklichen Sehen von Distanzen und der Fähigkeit, ein Pferd passend zum Sprung zu bringen”, erklärt Otmar Eckermann.  

Das ist auch wichtig, denn mit steigender Höhe der Sprünge wird es für das Pferd irgendwann immer schwieriger, Fehler des Reiters auszugleichen. “Ich würde nicht unbedingt sagen, dass es im Springen gefährlicher wird, wenn die Hindernishöhe steigt, denn in den anspruchsvolleren Klassen ist meistens ein gewisses Leistungsniveau erreicht, sodass die Reiter in der Regel wissen, was sie tun”, so der Ausbilder. „Für das Pferd wird es aber zunehmend schwieriger, seinen Reiter aus einer unpassenden Distanz heraus zu retten. Das geht bis L-Niveau noch ganz gut, aber ab der Klasse M muss der Reiter das Pferd schon einigermaßen gut zum Sprung bringen. Das bedeutet, in angemessenem Tempo und mit passendem Abstand.” Fest steht: Ein höherer Parcours verlangt Reitern und Pferden mehr ab. „Der Reiter muss sich hier definitiv besonders gut konzentrieren. Auch, wenn sein Pferd bis zu einem gewissen Punkt immer noch ausgleichen kann, sollte er die passende Distanz möglichst sehen. Denn wenn ein Pferd dann doch ein paarmal ungünstig zum Sprung kommt, ins Straucheln gerät oder verweigert, besteht die Gefahr, dass es sich diese schlechten Erfahrungen merkt und zunehmend ängstlicher wird. Das kann dann sogar so weit gehen, dass das Paar auch in einer niedrigeren Klasse plötzlich Probleme bekommt, obwohl es hier vorher einwandfrei zusammengearbeitet hat. Aber das Vertrauen muss für solche Aufgaben einfach da sein und wenn es weg ist, muss es erst behutsam wieder aufgebaut werden.” 

Nicht zuletzt deshalb ist Otmar Eckermanns Credo: Nicht zu früh zu viel wollen – lieber langsam an die neuen Aufgaben herantasten. „Man muss auch nicht immer die Höhe trainieren, die man auf dem Turnier reiten möchte. Mit einer gewissen Routine reicht es aus, das Pferd spielerisch zu gymnastizieren und dann dosiert anspruchsvolle Sprünge zu üben. Natürlich gibt es hierbei kein Patentrezept und jede Trainerin oder jeder Trainer werden es ein bisschen anders machen. Trotzdem, Überforderung sollte unbedingt vermieden werden”, so der Ausbilder. „Zwischen Motivation, die Reiter und Pferd buchstäblich dazu bringen kann, über sich hinauszuwachsen, und Überforderung, die nachhaltig Probleme mit sich bringt, liegt oft nur ein schmaler Grat. Und es ist unsere Aufgabe als Trainer, genau an dieser Stelle die richtigen Entscheidungen zu treffen.” 


„Der Sprung von der Basis in die höheren Klassen ist ein langer Prozess und nichts, was von heute auf morgen gelingen kann.” 
Otmar Eckermann 

Der RRP-Experte: Ottmar Eckermann

Otmar Eckermann stammt aus Kranenburg und führt dort einen eigenen Zucht- und Ausbildungsbetrieb. Er ist seit über 45 Jahren Springtrainer und hat zahlreiche Schülerinnen und Schüler von A- bis S-Niveau unterrichtet. Bestes Beispiel: Seine Tochter Katrin Eckermann, die derzeit von einem internationalen Erfolg zum Nächsten springt. Auch Otmar Eckermann kann auf eine beachtliche Karriere im Springsattel zurückblicken, von der Rheinischen Meisterschaft bis hin zu internationalen Siegen und Platzierungen. Seine Sammlung ergänzt der Träger des Goldenen Reitabzeichens auch heute noch regelmäßig in Springprüfungen der schweren Klasse. Doch nicht nur als Trainer und Reiter hat Otmar Eckermann einen Namen, sondern auch als Züchter. Chao Lee, eines der Erfolgspferde seiner Tochter, stammt aus eigener Zucht. Auch einige erfolgreiche Teilnahmen am Bundeschampionat und an der Weltmeisterschaft für junge Springpferde unterstreichen die erstklassige Qualität der Pferde aus dem Stall Eckermann. 

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