Fohlen und Jährlinge sind durch Würmer besonders gefährdet. Foto: Equipics/Zachrau
Fohlen und Jährlinge sind durch Würmer besonders gefährdet. Foto: Equipics/Zachrau

Entwurmen – aber richtig 

In Deutschland, auch hier im Rheinland, sind Pferde verschiedenen gastrointestinalen Parasiten ausgesetzt, deren Befall zu ernsthaften gesundheitlichen Problemen führen kann. Wurmkuren helfen nicht nur den betroffenen Tieren, sondern schützen – richtig angewendet – auch die anderen Pferde eines Bestandes vor Wurmbefall. Warum das so wichtig ist und was es bei der Anwendung zu beachten gibt, verrät Dr. Nina Rödig, Fachtierärztin für Pferde. 

Zu den hierzulande bekannten gastrointestinalen, sprich den Magen-Darm-Trakt eines Wirts befallenden Parasiten, zählen insbesondere kleine und große Strongyliden sowie Spulwürmer, in selteneren Fällen aber auch Bandwürmer oder Oxyuren beziehungsweise Pfriemenschwänze. Eines haben sie alle gemeinsam: Sie stellen eine potenzielle Gefahr für Pferde dar und können mitunter schwerwiegende gesundheitliche Probleme verursachen, die im schlimmsten Fall sogar zum Tod führen können. Umso wichtiger ist es, sich immer wieder bewusst mit dem Entwurmen der Pferde auseinanderzusetzen und die diesbezüglichen Gesundheits- und Hygienemaßnahmen im heimischen Stall zu hinterfragen. Denn auch wenn ein Wurmbefall per se jedes Pferd treffen kann, haben Besitzer und Stallbetreiber durchaus verschiedene Möglichkeiten, um die Parasiten in Schach zu halten. 

Symptome und Folgen von Wurmbefall 

Zunächst einmal kann man sich fragen: Woran erkenne ich denn einen potenziellen Wurmbefall? Fest steht, wenn bereits Würmer in den Hinterlassenschaften eines Pferdes zu sehen sind, wird es höchste Zeit, zu handeln. „Dann ist die Wurmlast im Pferdekörper bereits so hoch, dass zu viele Würmer an den typischen Stellen, wie zum Beispiel der Darmschleimhaut oder der Darmwand, haften, sodass einige von ihnen einfach abfallen und mit dem Kot ausgeschieden werden”, erklärt Tierärztin Dr. Nina Rödig. Das Problem: Vorher sind die Symptome von Wurmbefall sehr unterschiedlich – und noch dazu „ähnlich unspezifisch wie Kopfschmerzen beim Menschen”, so die Expertin. Zu den Leitsymptomen gehören jedoch besonders weicher Kot und Durchfall. „Auch eine Abmagerung des Pferdes kann damit einhergehen, wenn der Appetit gleichbleibend ist und weitere Faktoren wie die Futtermenge und die Zahngesundheit berücksichtigt wurden.” Nicht zuletzt zeigen verwurmte Pferde unter Umständen auch Symptome wie Mattigkeit und eine verminderte Leistungsbereitschaft. „Auch das können natürlich Anzeichen für die verschiedensten Erkrankungen sein. Als Tierarzt sollte ich, unter Berücksichtigung aller anderen Faktoren, in solchen Fällen aber einen möglichen Wurmbefall im Hinterkopf haben”, so Dr. Nina Rödig. 

„Der unsachgemäße oder ausbleibende Einsatz von Anthelmintika kann zu starkem Wurmbefall führen und schwerwiegende Erkrankungen verursachen.“ 
Dr. Nina Rödig

So vielfältig wie die Symptome sind auch die Schäden, die durch Wurmbefall verursacht werden können – häufig, aber längst nicht nur im Magen-Darm-Trakt, einem besonders empfindlichen Bereich des Pferdekörpers. Beispielsweise besteht bei einem starken Befall durch Spulwürmer die Gefahr einer Dünndarmverstopfung, während Magendasseln massiv die Magenschleimhaut schädigen können. Auch Koliken sind nicht selten die Folge: „Kleine Strongyliden kapseln sich in der Darmwand ein und können bei Massenfreisetzung, zum Beispiel wenn sie im Frühjahr schlüpfen, schwere Entzündungen und Koliken verursachen. Dies gilt auch für Bandwürmer, die die Übergangszone zwischen Dünn- und Dickdarm besiedeln”, erklärt Dr. Nina Rödig. 

Wurmbefall kann bei Pferden schwerwiegende Krankheiten, darunter auch Koliken, auslösen. 
Foto: Equipics/Bölts 

„Bei verschiedenen Wurmarten gibt es außerdem Larvenwanderungen durch den Körper, wodurch Leber, Lunge und andere Organe geschädigt werden können. Bei der Körperwanderung kann es zudem zu Gefäßentzündungen kommen und die wiederum können Thrombosen verursachen.” Unangenehm wird es auch, wenn Oxyuren das Pferd befallen: Diese auch als Pfriemenschwänze bekannten Endoparasiten bleiben mit ihrem Haftmechanismus in der Nähe von After und Schweifrübe kleben und verursachen dort massiven Juckreiz. Kurzum: Wurmbefall kann bei Pferden schwerwiegende Probleme und sogar lebensbedrohliche Komplikationen zur Folge haben. Umso wichtiger ist es, sie dahingehend regelmäßig zu untersuchen und gegebenenfalls zu entwurmen – wer das verpasst, riskiert einen starken Wurmbefall mit allen möglichen Konsequenzen. „Der unsachgemäße oder ausbleibende Einsatz von Anthelmintika kann zu starkem Wurmbefall führen und entsprechend schwerwiegende Erkrankungen verursachen”, betont auch Dr. Nina Rödig.

Jungtiere besonders gefährdet

„Fohlen und Jährlinge sind durch Würmer besonders gefährdet”, sagt Dr. Nina Rödig. Denn ob und wie stark ein Pferd von Würmern befallen wird, hängt auch von seiner Immunitätslage ab: „Ältere Pferde haben in der Regel schon eine gewisse Immunität entwickelt, die den jüngeren Tieren noch fehlt. Diese sind den Parasiten schutzlos ausgeliefert.” Doch gerade für den vierbeinigen Nachwuchs kann der Wurmbefall fatale Folgen haben: „Neben den genannten Komplikationen kann es bei Jungtieren auch zu Wachstumsstörungen kommen”, so die Tierärztin. „Bis sie mindestens zwei Jahre alt sind, sollten Pferde daher wirklich konsequent und regelmäßig entwurmt werden – ohne Ausnahme.”

Vorsicht, Ansteckungsgefahr 

Kommt es zum Wurmbefall eines Pferdes, kann dies nicht nur für den betroffenen Vierbeiner Konsequenzen haben, sondern auch für alle anderen Pferde im gleichen Bestand. „Pferde können bis zu einer Millionen Wurmeier pro Tag ausscheiden”, weiß Dr. Nina Rödig. „Da kommt es schnell zu einer Kontamination der Weiden, Paddocks und anderer Gemeinschaftsflächen. Dementsprechend hoch ist die Ansteckungsgefahr für die anderen Pferde”, so die Tierärztin. „Besonders dann, wenn die Flächen ganzjährig von den Pferden genutzt werden, gibt es kaum die Möglichkeit, die Wurmeilast nachhaltig zu reduzieren.” Regelmäßiges, gründliches Misten hilft zwar – „in der Praxis kann man Weiden und Paddocks aber kaum sauber genug halten, egal, wie gründlich man ist”, sagt Dr. Nina Rödig. „Gerade in der regnerischen Jahreszeit werden die Pferdeäpfel durch Nässe aufgeschwemmt und die darin enthaltenen Wurmeier vermischen sich mit dem schlammigen Boden, worin sie wunderbare Lebensbedingungen finden.” Pferde, die viel zusammen mit Artgenossen auf Paddocks und Weiden stehen, müssen daher in der Regel häufiger entwurmt werden als solche, die beispielsweise in Boxenhaltung mit Einzelpaddocks stehen. „Aber auch dann kommen sie natürlich trotzdem mit den Exkrementen anderer Pferde in Kontakt, das lässt sich im Stallalltag ja kaum vermeiden. Eine fachgerechte Entwurmung ist daher für jedes Pferd wichtig, unabhängig von der Haltungsform”, so Dr. Nina Rödig. 

„Pferde können bis zu einer Millionen Wurmeier pro Tag ausscheiden und damit ihre Artgenossen anstecken.” 
Dr. Nina Rödig

Systematische vs. strategische Entwurmung 

In der Praxis gibt es zwei verschiedene Arten, um Pferde zu entwurmen: Die systematische und die strategische Entwurmung. „Die systematische Entwurmung folgt einem festen Zeitplan, nach dem alle Pferde eines Bestandes in regelmäßigen Abständen entwurmt werden, und zwar unabhängig von ihrem individuellen Gesundheitszustand oder Wurmbefall”, erklärt Dr. Nina Rödig. Nach diesem Prinzip werden die Pferde in wiederkehrenden Intervallen, meist alle drei bis vier Monate, entwurmt. „Viele Stallbetreiber orientieren sich dabei auch am Beginn der Weidesaison im Frühjahr und der Umstellung auf Paddocks oder Winterweiden im Herbst”, so die Tierärztin. Grundvoraussetzung ist ein entsprechendes Management, da alle Pferde gemeinsam entwurmt werden sollten, um rund drei Tage nach Gabe der Wurmkur mit der kollektiven, gründlichen Reinigung des Stalls beginnen zu können. Wer hier jedoch einmal einen gut funktionierenden Rhythmus gefunden hat, setzt mit der systematischen Entwurmung auf eine gründliche, zeiteffiziente und leicht umzusetzende Methode. Doch hat diese auch einen entscheidenden Nachteil – man bekämpft eventuell Endoparasiten, die gar nicht vorhanden sind. Das Problem dabei: „Je häufiger man ein Wurmmittel anwendet, desto öfter kann es zu Resistenzen führen”, so Dr. Nina Rödig. „Und das Problem mit Resistenzen ist wiederum, dass es eben nur eine bestimmte Anzahl an Wirkstoffen gibt und es in Zukunft wohl erstmal auch keine Neuen geben wird. Wir müssen mit dem arbeiten, was wir haben”, erklärt sie. „Deshalb ist es wichtig, die angewandten Entwurmungsstrategien immer sorgfältig zu planen und regelmäßig zu überprüfen.” 

Die strategische Entwurmung ist eine gezielte, bedarfsgerechte Vorgehensweise, bei der in regelmäßigen Abständen Kotuntersuchungen gemacht und die Pferde nur bei entsprechenden Ergebnissen entwurmt werden. „Hierfür braucht man in regelmäßigen Intervallen, circa drei- bis viermal im Jahr, eine Kotprobe von jedem Pferd aus einem Bestand. Das Problem dabei ist, dass die Wurmeier, nach denen man sucht, nicht regelmäßig, sondern nur intermittierend ausgeschieden werden. Das bedeutet, es muss an drei aufeinanderfolgenden Tagen der Kot von jedem einzelnen Pferd gesammelt werden.” Folglich ist diese Methode deutlich zeitaufwändiger als die systematische Entwurmung. Und sie ist fehleranfälliger: „Bei einer Sammelkotprobe kann es natürlich passieren, dass ein betroffenes Tier falsch-negativ getestet wird, zumal bei dieser Methode erst ab einer bestimmten Wurmeilast entwurmt wird”, erklärt Dr. Nina Rödig. „Die strategische Entwurmung ist außerdem nicht geeignet für Jungtiere, da diese zu anfällig sind. Und sie macht nur in stabilen Beständen mit wenig bis gar keiner Fluktuation wirklich Sinn”, betont die Tierärztin. 

Ein Vorteil der strategischen Entwurmung ist hingegen, dass sich die Immunitätslage der Pferde gut bestimmen lässt. „In einem festen Bestand sind manche Pferde beispielsweise immer betroffen und andere seltener, das ist individuell abhängig von ihrer Immunität. Mit der Zeit kennt man dann aber die typischen Ausscheider und kann speziell diese Pferde regelmäßig entwurmen”, so Dr. Nina Rödig. Zudem wird durch das gezielte Entwurmen das Risiko von Resistenzen minimiert – denn neben dem ausbleibenden Einsatz von Wurmkuren, ist auch die übermäßige Anwendung problematisch: „Ein unsachgemäßer oder übermäßiger Einsatz von Anthelmintika kann zu Resistenzen in der Wurmpopulation führen”, erklärt Dr. Nina Rödig. „Vor allem aber ist dieser individuelle Ansatz natürlich sehr positiv für das einzelne Pferd, das eben nur dann eine Wurmkur bekommt, wenn es sie auch wirklich braucht.” 

„Ein unsachgemäßer oder übermäßiger Einsatz von Anthelmintika kann zu Resistenzen in der Wurmpopulation führen.” 
Dr. Nina Rödig 

Bei der strategischen Entwurmung wird eine Kotprobe jedes Pferdes aus dem Bestand benötigt. 
Foto: Equipics/Bölts 

Wurmkuren richtig anwenden 

„In Deutschland sind nur Entwurmungspräparate zur oralen Applikation zugelassen”, weiß Dr. Nina Rödig. Das heißt: Die Wurmkur wird oral verabreicht und gelangt so in den Magen-Darm-Trakt des Pferdes. „Es handelt sich dabei um eine klebrige, mitunter auch gelartige Paste, die ins Maul eingegeben wird. Wichtig ist, dass das Maul vor der Gabe auch wirklich leer ist, da das Pferd die Paste sonst einfach wieder ausspucken kann.” Die Tierärztin empfiehlt, die Wurmkur beispielsweise nach dem Reiten zu verabreichen. Alternativ sollte darauf geachtet werden, dass das Pferd rund 15 bis 20 Minuten vor der Gabe kein Heu mehr zu sich genommen hat. 

Wichtig ist auch die richtige Dosierung – diese richtet sich nach dem Körpergewicht des Pferdes. „Eine Wurmkur sollte auf keinen Fall unterdosiert werden, da sie dann nicht richtig wirken kann und wiederum nur Resistenzen fördert”, so Dr. Nina Rödig. „Es schadet nicht, bei der Dosierung mit rund 50 Kilo mehr Gewicht zu kalkulieren – besonders, weil bei der Verabreichung meistens ja doch ein bisschen was von der Paste daneben geht oder nur oberflächlich an der Maulseite kleben bleibt.” Eine zu starke Überdosierung des Präparats sollte jedoch ebenfalls vermieden werden – problematisch wird es laut der Expertin bei der zehnfachen Menge. „Das bedeutet, je leichter ein Pferd ist, desto genauer muss man sich an das tatsächliche Gewicht halten”, so die Tierärztin. „Grundsätzlich”, sagt sie, „vertragen gesunde Pferde Wurmkuren in der Regel ohne Probleme. „Ja – sie enthalten Nervengifte, aber nein – diese schaden den Pferden im Normalfall überhaupt nicht. Die Dosis ist so gering, dass die Würmer eine kurzzeitige Nervenlähmung bekommen, dadurch ihre Festhaltemechanismen erschlaffen, sie loslassen und dann aus dem Magen-Darm-Trakt ausgeschieden werden – so wie das Entwurmungspräparat ja auch.” 

„Gesunde Pferde vertragen eine Wurmkur in der Regel ohne Probleme.” 
Dr. Nina Rödig

Nichtsdestotrotz kann eine Wurmkur gewisse Nebenwirkungen mit sich bringen. „Bei sehr stark verwurmten Pferden kann es nach der Verabreichung durch das massive Absterben der Wurmpopulation zu einer Intoxikation oder auch starken Koliken kommen, weil die absterbenden Würmer Toxine freisetzen. Pferde, die regelmäßig entwurmt werden, haben da in aller Regel aber keine Probleme mit”, erklärt Dr. Nina Rödig. „Es kann allerdings auch zu Ausschlägen an der Maulschleimhaut kommen, die auf die dort klebenbleibende Paste zurückzuführen sind. Die Reste sollten daher immer gut entfernt werden.” Defacto haben Entwurmungspräparate selbst aber kaum negative Begleiterscheinungen – viel gefährlicher ist der eigentliche Wurmbefall für das Pferd. Dieser kann nicht nur beim betroffenen Tier zu Komplikationen führen, sondern auch zur Ansteckung anderer Artgenossen, weshalb es so wichtig ist, alle Pferde eines Bestandes mit den entsprechenden Maßnahmen zu schützen. 

Was ist drin?

In Deutschland gibt es vier verschiedene Wirkstoffgruppen bei Entwurmungspräparaten: Benzimidazole, Makrozyklische Laktone, Pyrimidine und Praziquantel – einen Wirkstoff, der gezielt gegen Bandwürmer eingesetzt wird. „Gegen Bandwürmer gibt es tatsächlich nur ein einziges Monopräparat, bei den anderen Mitteln handelt es sich in der Regel um Kombinationspräparate”, erklärt Dr. Nina Rödig. „Es ist wichtig, die Wirkstoffe regelmäßig zu wechseln, da sich die Wurmpopulationen an sie anpassen und Resistenzen entwickeln können.” Eine echte Geheimwaffe ist übrigens Moxidectin: „Die Wirkstoffe töten in der Regel die adulten Würmer ab, aber nicht die Larven. Eine Besonderheit ist Moxidectin, das sich nach der Gabe innerhalb von zehn Tagen circa dreimal aktiviert und so auch neu geschlüpfte Würmer abtötet. Dieses Präparat ist hocheffektiv, wird genau deshalb aber auch nur sehr gezielt eingesetzt, um Resistenzen zu vermeiden”, so die Tierärztin. 

Die RRP-Expertin: DR. NINA RÖDIG

Foto: Privat

Dr. Nina Rödig ist Fachtierärztin für Pferde mit Schwerpunkt auf Augenheilkunde und orthopädischer Diagnostik. Nach ihrem Studium an der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig sammelte sie umfassende praktische Erfahrung in renommierten Pferdekliniken. Heute leitet sie eine Pferdepraxis in Meerbusch mit Spezialisierung auf Orthopädie, Atemwegsdiagnostik und Augenheilkunde. Sie ist regelmäßig als Referentin auf Fachveranstaltungen tätig und setzt sich für eine fundierte, pferdegerechte Diagnostik und Therapie ein. 

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