Michael Jung und Sam – zwei Legenden. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Michael Jung und Sam – zwei Legenden. Foto: sportfotos-lafrentz.de

King Sam – Michael Jungs dreifacher Olympiasieger ist tot

Michael Jung und Sam – zwei Legenden. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Michael Jung und Sam – zwei Legenden. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Man nennt die Vielseitigkeit die Krone der Reiterei. Der König, zu dem sie passte wie zu keinem zweiten, ist Michael Jungs Sam. Seit dem 16. Februar 2026 muss man sagen: Es war Sam. Denn der Olympiasieger, Welt- und Europameister ist gestern mit 26 Jahren gestorben.

Sam und Michael Jung – die beiden haben sich gegenseitig groß gemacht. Im Jahr 2000 brachte die Heraldik xx-Tochter Halla S ein Hengstfohlen v. Stan the Man xx zur Welt, einem irischen Vollblüter, der einen guten Ruf als Vielseitigkeitsvererber genoss. Züchter Günter Seitter gab das Fohlen ins Haupt- und Landgestüt Marbach zur Aufzucht. Er wollte ihn kören lassen, doch die Körkommission befand ihn für nicht gut genug. Was für ein Glück, muss man im Nachhinein sagen. Günter Seitter glaubte an sein Pferd und war überzeugt, Michael Jung wäre der richtige Reiter für seinen „Sam the schwäbisch Man“, wie er ihn nannte. Wie Sam war Jung ein Kind der Alb. Er galt damals als großes Talent in der Vielseitigkeit, hatte sich schon bei diversen Nachwuchschampionaten in Szene gesetzt. Es war der Beginn einer kongenialen Partnerschaft.

Erfolge

Zu Anfang war noch nicht damit zu rechnen, dass dieses Pferd eines Tages das erfolgreichste Vielseitigkeitspferd der Welt werden sollte, das nicht nur in Deutschland den Beinamen „King Sam“ erhielt. Fünf- und sechsjährig zeigte Jung Sam beim Bundeschampionat, wurde Fünfter und Sechster. Ein brauner Wallach, eher klein, das Bewegungspotenzial überschaubar, Galoppade und Springen eher rationell als spektakulär – Sam war nie ein Showmaker. Aber er hatte alle Qualitäten, die es braucht, um in einem harten Sport wie der Vielseitigkeit auf Dauer bestehen zu können. Vor allem einen nie enden wollenden Willen zur Leistung. Da hatte er etwas mit seinem Reiter gemeinsam. Sie arbeiteten an ihrer Dressur, holten sechs- und siebenjährig jeweils die Silbermedaille bei den Weltmeisterschaften der jungen Vielseitigkeitspferde. Zwei Jahre später gehörten sie erstmals zu einem deutschen Championatsteam, eine Premiere für Reiter und Pferd. Am Ende waren die beiden das einzige Paar der deutschen Mannschaft, dass im Cross von Fontainebleau das Ziel sah. Sie gewannen Bronze in der Einzelwertung. Das waren die einzigen Male, bei denen die Medaillen eine andere Farbe hatten als Gold.

Die Liste der Erfolge der beiden ist schier unendlich. Und doch lässt sie sich kurz zusammenfassen: Bei allen Championaten, bei denen sie nach Fontainebleau an den Start gingen, holten sie den Titel bzw. häufig auch zwei für Einzel- und Mannschaftswertung: Weltmeister 2010 in Kentucky, Doppel-Europameister 2011 in Luhmühlen, Doppelolympiasieger 2012 in London, Einzelolympiasieger und Mannschaftssilbermedaillengewinner in Rio.

Die Arbeit bei Welt- und Europameisterschaften hatten seine Stallkollegen Sam zu diesem Zeitpunkt bereits abgenommen. King Sam konzentrierte sich auf die Fünf-Sterne-Events. 2016 war seine erfolgreichste Saison. Zu diesem Zeitpunkt war er bereits 16 Jahre alt. Er wurde in diesem Jahr nicht nur zum zweiten Mal Einzel-Olympiasieger – etwas, das vor und nach ihm nur Mark Todds Charisma geschafft hatte (1984 und 1988) –, er gewann auch die beiden Klassiker des Vielseitigkeitssports, Badminton und Burghley. Nachdem seine Weidefreundin Rocana ihren Reiter in Kentucky zum Sieg getragen hatte, verhalf Sam Michael Jung mit dem Burghley-Sieg zum Grand Slam Titel der Vielseitigkeit. Das war vor ihnen nur Pippa Funnell gelungen.

Streit um Sam

Fast sein ganzes Leben hat Sam an der Seite seines Reiters in der Reitschule Jung in Horb verbracht, die einst von Michael Jungs Vater Joachim aufgebaut worden war. Das war alles andere als selbstverständlich. Als Jung und Sam in Kentucky spektakulär Weltmeister wurden, war der Wallach zehn Jahre jung und es war Halbzeit auf dem Weg zu Olympia – da steigt der Handel mit Spitzenpferden regelmäßig sprunghaft an. Auch Sams damalige Mitbesitzerin (sie hielt 60 Prozent der Anteile) wollte den neuen Stern am Buschhimmel gerne zu Geld machen. In einer Nacht- und Nebelaktion holte sie den Wallach aus dem Stall. Die Sache ging vor Gericht und schließlich musste sie Sam zurückbringen. Mit Hilfe des DOKRs und insbesondere großzügigen Förderern gelang es schließlich, Sam für Jung und damit für Deutschland zu sichern.

Verabschiedung mit 18 Jahren

Im Frühjahr 2018 wurde Sam mit 18 Jahren noch einmal Zehnter in Badminton. Wieder einmal war er einer der Schnellsten im Gelände, hatte aber zwei Abwürfe im Springen. Das war eigentlich sehr untypisch für ihn. Es war sein letztes Turnier.

Im Herbst wurde Sam bei den Stuttgart German Masters noch einmal gefeiert und dann offiziell verabschiedet. Er selbst bekam davon allerdings nichts mit. Solche Zeremonien waren nicht seine Sache. Er stand entspannt daheim auf der Weide, während in der Schleyer-Halle die Tränen flossen. Dieses Pferd mit den intelligenten braunen Augen, dem Gameface und den gekreuzten Vorderbeinen über den Hindernissen im Gelände ließ niemanden kalt. Michael Jung selbst hat gestern sein Ableben gemeldet. „Ich habe meinen besten Freund verloren“, schrieb er auf Instagram. Was bleibt, sind die Erinnerungen. Und Sam gehört zu jenen Pferden, die im kollektiven Gedächtnis bleiben.

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