Welcome Home – das ist das Motto der diesjährigen Weltmeisterschaften in Aachen. Und genau danach fühlte sich die heutige Kür der Dressurreiter an. Im großen Springstadion tanzten 18 Reiter und ihre vierbeinigen Sportpartner zur Musik. Angefeuert von fast 40.000 Zuschauern fühlte man sich zwischendurch wie in einem Fußballstadion – nur mit deutlich mehr Gänsehautmomenten.
Nach dem Grand Prix Special war bereits klar, dass es erneut eine Gruppe aus mehreren Spitzenreitern gibt, die die Prüfung genauso emotional wie spannend machten. Es hat wohl selten eine Prüfung gegeben, in der die Zuschauer fast enttäuscht waren, wenn die Noten unter 88 Prozent lagen, so sehr genossen sie die Ritte. Jeder Teilnehmer wurde beim Verlassen des großen Stadions gefeiert. Besonders laut wurde es dann in der letzten Gruppe. Doch auch vorher schon konnten Reiter wie der deutsche Raphael Netz und die Britin Becky Moody die Zuschauer zu Standing Ovations motivieren.
Publikumslieblinge Becky Moody und Jagerbomb

Moody und ihr selbstgezogener Jagerbomb waren so etwas wie Shootingstars bei den Olympischen Spielen in Paris. Seitdem kann das Paar sich zuverlässig in der Spitzengruppe behaupten. Heute begeisterten die Beiden dann nochmal ein bisschen mehr. Frisch und motiviert, dennoch hochkonzentriert bei seiner Reiterin zog der Braune seine Runden über das Viereck. Harmonische Übergänge zwischen den Lektionen und den Gangarten prägten das Bild in der gesamten Kür. Wohlwissend, dass die nachfolgenden Reiter mit hohen Prozentzahlen aufwarten werden ritt Moody durchaus mit Risiko verlor dabei aber nie die Harmonie und Verbindung zu Jagerbomb. Und der tanzte zum Takt der perfekt auf die Beiden zugeschnittenen Musik. Auf der letzten Linie brandete bereits der Applaus auf und Jagerbomb schien dadurch nur noch stolzer zu werden. Becky Moddy und der Dante Weltino-Sohn trabten mit dieser Runde ein wenig in den Fußstapfen des Vaters, denn auch er konnte bei der letzten Weltmeisterschaft in Herning zahlreiche Zuschauer auf ganzer Linie begeistern, blieb aber bei den Punkten ein wenig „unter dem Radar“. Natürlich sind 87,479 Prozent ein Weltklasseergebnis, in diesem Starterfeld reichten sie aber „nur“ zu Rang fünf. Mit dieser Rangierung zeigten sich zahlreiche Zuschauer nicht zufrieden. Viele hätten das Paar ganz klar weiter vorne platziert.
Rheinländer auf Rang vier

Von vielen wurden Zonik Plus und Justin Verboomen im Vorfeld als die Favoriten auf den Weltmeistertitel gehandelt. Am Ende müssen sie aber ohne Medaille zurück ins heimische Belgien fahren. In der Kür zeigte der schmucke Rappe sich zwar in deutlich besserer Form als im Grand Prix, bei kritischer Betrachtung darf man sich aber bei seiner Vorstellung die Frage stellen, welchen Stellenwert die Punkte Takt und Reinheit der Gänge in einer Prüfung auf diesem Niveau haben. Die Beiden präsentierten sich harmonisch zur Musik und beendeten die Kür zwar ohne großen Fehler, das Pferd bewegt sich aber beispielsweise im Galopp wenig im Bergauf und ohne viel Bodengewinn. In der Piaffe fußt das Hinterbein immer wieder in Richtung rückwärts, wenn es eigentlich in Richtung unter den Schwerpunkt gehen sollte. Am Ende reihte er sich mit 88,439 an vierter Stelle ein.
Beste Runde ihres Lebens

Als Titelverteidiger waren Lottie Fry und Glamourdale nach Aachen gereist. So richtig auf dem Zettel hatten viele sie aber in Bezug auf die Goldmedaillen nicht. Der Hengst zeigte sich im Gegensatz zur letztjährigen Europameisterschaft aber in einer klar verbesserten Form. Er schien sich über jeden klatschenden Zuschauer zu freuen und genoss die atemberaubende Atmosphäre in der Arena deutlich. Das Motto der Kür war Glamourdale-Airlines und dem wurde das Paar auch gerecht. „Wir haben seit letztem Jahr viel geändert. Glammy bekommt alles was er möchte und unser ganzes Team kümmert sich die ganze Zeit um sein Wohlbefinden. Hier in Aachen fühlt er sich unglaublich wohl und das heute war die beste Prüfung, die wir bisher zusammen hatten. Auf die Frage ob sie Angst vor Isabell Werth hatte, die als letzte Starterin in das Stadion ritt lautete die prompte und mit einem Lachen begleitete Antwort: „Ich habe immer Angst vor Isabell! Sie darf man niemals unterschätzen und wir wissen Alle, wozu sie fähig ist. Aber ich war so zufrieden mit meiner Runde. Ich habe das wirklich genossen.“ Getragen von der großartigen Atmosphäre und frenetisch von den fast 40.000 Zuschauern gefeiert, sicherten Charlotte Fry und Glamourdale mit starken 91,907 Prozent erneut den Platz ganz oben auf dem Treppchen.
Silber gewonnen

Eine mögliche Goldmedaille für Cathrine Laudrup-Dufour ist schon seit Tagen Gesprächsthema in Aachen. „Sie hat die Stute so gut in Schuss.“ „Sie hätte Gold wirklich verdient.“ – hörte man bei vielen Gesprächen. „Heute habe ich nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen“, fasste die Reiterin das Geschehene selbst zusammen. Gestern war sie zwar mehr als zufrieden mit Mount St. John Freestyle, nicht aber mit ihrer eigenen Leistung. In der Kür waren die Beiden ganz bei sich. Konzentriert und losgelassen präsentierten sie sich auf dem Viereck. Das Maul der Stute war heute deutlich besser als in bisherigen Prüfungen. Sie klapperte zwar zwischendurch mit der Unterlippe, das wirkte aber eher konzentriert als nervös. Es wirkt fast ein wenig unfair, wenn man mit 91,236 Prozent „nur“ Silber gewinnt. Diese Medaille war aber mehr als verdient. „Was wir hier in Aachen erlebt haben ist wirklich unbeschreiblich“, zeigt sich Cathrine Laudrup-Dufour anschließend begeistert von diesem besonderen Turnier. Es gab wohl noch nirgends eine so laute Dressurprüfung wie bei diesen Weltmeisterschaften in Aachen. Die Zuschauer feierten die Paare schon während ihrer Küren und Laudrup-Dufour ist sich sicher: „Da müssen wir in
Dänemark nächstes Jahr wirklich schauen, dass wir da mithalten können.“ Gemeint sind die Europameisterschaften, die im Heimatland der Reiterin ausgetragen werden. „Ich denke wir müssen die Tribünen erweitern und die Zuschauer aus Aachen unbedingt einladen“, schmunzelt sie mit Blick auf das kommende Championat. Beim Gedanken an „zu Hause“ fand sie dann auch noch lobende Worte für ihr ganzes Team: „Es sind ja so viele Menschen, die diese Erfolge überhaupt erst möglich machen. Unser tolles Team hier vor Ort, aber auch die Teammitglieder, die sich zu Hause um die anderen Pferde und die Hunde kümmern, während wir hier Medaillen gewinnen dürfen.“
Bronze bei der Heim-WM


Die einzige der Medaillengewinner, die die Atmosphäre in diesem Stadion eine Kür zu reiten bereits kannte, war Isabell Werth. Für sie war es wirklich ein „Welcome Home-Auftritt“. Mit dem unvergessenen Satchmo gewann sie vor 20 Jahren in Aachen WM-Gold. Als letzte Starterin ritt sie heute in das Stadion und wusste schon vorab: „Ich musste nach den großartigen Leistungen der Anderen volles Risiko gehen!“ Es ist allerdings kein Geheimnis, dass solche Situationen die Rheinbergerin in der Regel nicht aus der Ruhe bringen können. Und auch die anderen Reiter wissen genau: Wenn Isabell als letzte Starterin einreitet, ist kein anderer Platz auf dem Podium sicher bis sie zum zweiten Mal gegrüßt hat. Das Wechsel-Thema verfolgte das Paar jedoch auch in dieser Prüfung. Die Einleitung der Zweierwechsel misslang. „Aber wenigstens waren die Einer heute fehlerfrei“, kann die Rekordreiterin nach der Prüfung aber darüber lachen. Sie wusste vermutlich schon nach der Galopp-Tour, dass sie die Rangierung nicht anführen wird. Die Schlusslinie genoss sie aber auf ganzer Linie. Sie feierte sich und die Stute und zelebrierte die Piaff-Passage-Tour, wie es nur wenige Reiter auf diesem Niveau können. 88,65 Prozent bedeuteten am Ende Bronze. „Ich hoffe, dass wir diese Atmosphäre hier auch bei den Olympischen Spielen erleben dürfen – Aachen ist definitiv bereit dafür“, schaut sie motiviert in die Zukunft. Sich selbst sieht sie dann zwar nicht mehr im Sattel, sie wolle aber Cathrine Laudrup-Dufour und Lottie Fry motivieren dann noch einmal Alles in Aachen zu geben.





