Weltklasse Ritte, Gänsehaut, Tränen, ehrliche Worte und eine Entscheidung pro Pferd. Das war die Einzelentscheidung der Dressurreiter im Grand Prix Spezial. Doch diese kurze Zusammenfassung wird dem, was die 35.000 Zuschauer im großen Stadion in der Soers heute erlebt haben, nicht gerecht.

Die letzte Gruppe im Grand Prix Spezial ließ schon beim Blick auf die Starterliste darauf schließen, dass der Nachmittag in Aachen nicht nur wegen des Wetters heiß werden wird. Zahlreiche Top-Paare, die allesamt die Medaillen fest im Blick hatten, präsentierten sich den Richtern und den Zuschauern. Die Stimmung im Stadion wechselte zwischen prickelnder Anspannung und lautstarker Euphorie. Und die Pferde und ihre Reiter lieferten Spitzensport, der selten so spannend war. „Es waren so viele Paare dabei, die diese Prüfung hätten gewinnen können“, fasste Lottie Fry die Prüfung später zusammen. Schon im Vorfeld wurden gleich mehrere Reiter als mögliche Weltmeister gehandelt. „Wenn ich an den Grand Prix von Katharina Hemmer denke, bekomme ich auch jetzt noch Gänsehaut“, erzählt eine Zuschauerin und zeigt ihren Unterarm. Doch auch die anderen Top-Reiter hatten im Grand Prix und auch in den Trainingseinheiten zwischen den Prüfungen gezeigt, wo die Reise hingehen kann.
Cathrine Laudrup-Dufour selbstkritisch

Die Siegerin des Grand Prix – Cathrine Laudrup-Dufour – war die erste der Medaillenfavoriten, die in das große Stadion einritt. Die Prüfung begann vielversprechend. Mit viel Energie begann die Trabtour und die 17-jährige Stute zeigte sich kraftvoll und motiviert. Weit kreuzende Traversalen, eine aktive Passage und gut gesetzte Piaffen. Trotz der scheinbar guten Anlehnung öffnet die Stute das Maul immer wieder. Insgesamt wirkte das Paar aber sehr harmonisch. Der starke Schritt, gut schreitend und mit der entsprechenden Gelassenheit, lieferte weitere hohe Punkte. In der Galopptour unterliefen dem Paar dann teure Fehler. In den Zweierwechseln gab es schon eine Unsicherheit, ein Fehler in den Einerwechseln und eine Störung beim Rausreiten aus der zweiten Pirouette sorgten dann dafür, dass die Reiterin nach ihrem Ritt sehr selbstkritisch wurde: „Ich war ehrlich gesagt unzufrieden mit meinem Reiten heute. Mit fehlte die letzte Konzentration und ich konnte mein Pferd heute nicht in der Form präsentieren, in der sie es verdient hätte. Sie ist in einer so tollen Form. Sie ist fit, sie liebt die Arena und ich hoffe wirklich, dass ich meine Konzentration morgen wiederfinde. Sie hätte es heute verdient gehabt, dass ich so gut performed hätte, wie sie es getan hat.“
Für die Kür hat Laudrup-Dufour sich vorgenommen, den heutigen Tag abzuhaken. Sie freut sich auf die Kür morgen, denn Freestyle liebt die neue Musik und sie hofft, dass sie die Chance nutzen kann, die tolle Form der Stute entsprechend in Szene zu setzen. Doch bei aller Selbstkritik, darf die gute Leistung des Paares nicht in Vergessenheit geraten. Unter den Augen der dänischen Königin, die sich nach dem Ritt akribisch alle Einzelergebnisse von Dufour notierte, und dem begeisterten Publikum tanzte das Paar mit 80,917 Prozent zur Silbermedaille.
In der Form seines Lebens

Als Glamourdale und Charlotte Fry in die Arena kamen, konnte man bereits sehen – diese beiden sind voll im Fokus. Schon vorher hatte die Reiterin erzählt, wie sehr der fünfzehnjährige Deckhengst Aachen liebt. „Ich habe vorher schon gescherzt, dass ich noch nie eine schlechte Runde in Aachen hatte, und Gott sei Dank ist es auch so gewesen“, schmunzelt die Reiterin später. Bei der letzten Weltmeisterschaft waren die beiden die Shootingstars, gewannen Einzelgold und begeisterten die Massen. Bei den folgenden Championaten waren sie zwar immer in der Spitzengruppe gut platziert, fanden aber nicht an die Spitze zurück. Bereits nach dem Grand Prix in Aachen waren Fry und der beeindruckende Hengst wieder Gesprächsthema. Die beiden haben zu einer noch nicht dagewesenen Form gefunden. Und diese konnten sie dann auch im Grand Prix Spezial abrufen. Der Hengst wirkte deutlich weniger angespannt und seine Reiterin konnte seine Stärken voll und ganz ausspielen. Die 35.000 Zuschauer konnten sich schon während des Ritts nicht mehr zusammenreißen. Bereits nach der zweiten Pirouette gab es Zwischenapplaus und auf der Schlusslinie wurde das Paar klatschend zum Gruß begleitet. Glamourdale genoss diese Atmosphäre und präsentierte sich bis zum Ende der Prüfung stolz und konzentriert. „Ich hatte eigentlich geplant, ein wenig auf Sicherheit zu reiten, aber er hat mir zu verstehen gegeben: Nein, wir gehen auf Risiko! Ich kann kaum glauben, was da vorhin passiert ist. Das war wirklich etwas, wovon man eigentlich nur träumt. Wir hatten noch nie eine solche Prüfung und ich habe einfach keine Worte für ihn. Er liebt es, sich zu zeigen und es ist einfach ein unbeschreibliches Gefühl“, schwärmt die Reiterin nach ihrem Ritt. Der Hengst scheint mit seinen 15 Jahren in der Form seines Lebens zu sein. „Wir haben aus den letzten Championaten gelernt, an den Kleinigkeiten und Grundlagen gearbeitet. Und wir sind weniger Turniere geritten. Er gibt immer alles und deshalb setzen wir ihn nur sehr ausgewählt ein“, verrät Fry ihr Erfolgsrezept. Am Ende war sie gerührt, weil sie ihren Weltmeistertitel mit 82,295 Prozent in einem solch starken Starterfeld verteidigen konnte.
Das Pferd im Fokus

Als letztes Paar der Prüfung ritten Katharina Hemmer und ihr bester Freund Denoix PCH in das große Stadion ein. Der Fuchs, der sich in der Vergangenheit als sehr sensibel erwies, konzentrierte sich voll auf seine Reiterin und schenkte ihr sein ganzes Vertrauen. Die beiden zeigten eine der harmonischsten Runde der Prüfung. Dabei punkten sie auf einer anderen Ebene als zum Beispiel Glamourdale und Lottie Fry. Während die späteren Weltmeister besonders durch ihre Energie und Kraft in Erscheinung treten, stimmen Katharina Hemmer und Denoix PCH eher die leisen Töne an. Der Wallach setzte sein ganzes Vertrauen in seine Reiterin und diese präsentierte ihn mit genau der richtigen Mischung aus Risiko und Besonnenheit. Gleichmäßig in der Anlehnung, fein an den Hilfen und gut durch den Körper arbeitend, zeigten die beiden, wie Dressursport aussehen soll und kann. Katharina Hemmer hat sich mit ihren beiden Traumrunden einen neuen Spitznamen erritten: Katharina the hammer Hemmer. Mit vollem Fokus auf die Teamwertung hatte sie selbst im Vorfeld nicht mit einer Medaille gerechnet. „Ich war schon nach dem Grand Prix so dankbar für das, was wir geschafft haben. Ich wollte dieses Turnier einfach nur genießen. Ich bin sicher – so etwas erlebt man nicht oft im Leben und ich bin dankbar, was dieses so besondere Pferd für mich gegeben hat. Er ist wirklich ganz besonders für mich“, erzählt sie sichtlich gerührt. Auch bei diesen beiden konnte das Publikum den Schlussgruß nicht abwarten. Es wurde bereits geklatscht, bevor der Fuchs zum Stehen kam. Ein spannender Moment für Katharina Hemmer: „Im Grand Prix hatten wir ehrlich gesagt am Ende kein richtiges Halten. Heute wusste ich, dass man bei den Leistungen der anderen Starter nicht einen Punkt verschenken darf. Deshalb habe ich mich sehr auf dieses letzte Halten konzentriert.“ Mit Erfolg – insgesamt 80,866 Prozent bedeuteten am Ende die Bronzemedaille bei ihrem Debüt auf einer Weltmeisterschaft. Damit gewann Hemmer auch ihre erste Einzelmedaille auf einem Championat. In der anschließenden Pressekonferenz beeindruckte sie dann mit einer Entscheidung pro Pferd. „Denoix und ich werden morgen nicht in der Kür an den Start gehen. Er hatte sich ja vor kurzem verletzt und dadurch hatten wir keine Zeit, die Kür entsprechend vorzubereiten. Er hat in beiden Prüfungen sein Bestes für mich gegeben und ich möchte ihn nicht in der Kür reiten, wenn er nicht 100 Prozent darauf vorbereitet ist. Ich finde, das ist, was er verdient“, erklärt sie und unterstreicht, dass auch die Bundestrainerin diese Entscheidung unterstützt. Das gesamte deutsche Team war sich einig, dass es nur fair gegenüber dem Pferd ist.
Werth und Wendy auf Rang vier

Ebenfalls in guter Form zeigten sich Isabell Werth und Wendy de Fontaine. Die Rangierung der Richter reichte am Ende von Rang zwei bis Rang sechs. Mit Blick auf die Prüfung spiegelt das ein wenig wieder, was sich auf dem Viereck zeigte. Die beiden hatten Highlights mit weit kreuzenden Trab-Traversalen, kadenzierten Passagen und guten Übergängen von der Piaffe in die Passage. Der starke Schritt war gelassen und schreitend, der Versammelte hingegen festgehalten und taktgefährdet. Diese Spannung zog sich dann auch in den Übergang vom versammelten Schritt in die Piaffe. In der Piaffe selbst zeigte die Stute dann wieder ihr Talent für diese Lektion. Die 15 Einerwechsel sind wahrlich nicht die Lieblingslektion dieses Paares und auch heute sorgten sie für Punktverlust. Die Stute scheint in dieser Lektion die Luft anzuhalten und findet hier nicht zu der nötigen Kombination aus Losgelassenheit und Konzentration. Im starken Galopp riskierte Werth dann viel und wurde hier mit hohen Noten belohnt. Auf der Schlusslinie sammelte das Paar dann noch einmal einige Neunen und für den Übergang von der Piaffe in die Passage auch eine Zehn.





