Er ist ein Vertreter des Königlich Niederländischen Warmblutpferdes KWPN und königlich war auch sein heutiger Auftritt – nachdem Red Viper 2024 mit Bart Veeze Weltmeister der fünfjährigen Dressurpferde geworden war, wurde er nun unter seiner neuen Reiterin Dinja van Liere Weltmeister der Sechsjährigen.
Von wegen Dressur ist vorhersehbar! Das Finale bei den Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde hat die Rangierung noch einmal durcheinandergeschüttelt. Bei allen vorne platzierten Pferden gab es Wow-Momente, aber auch kleine Abers, die am Ende über die Rangierung entschieden.
Gold ging mit 90,4 Prozent in die Niederlande, an den Drittplatzierten der Qualifikation, Red Viper unter Dinja van Liere. Knapp geschlagene Zweite war mit heute mit genau 90 Prozent wie schon am Mittwoch die dänische Stute Brandtbjergs Divya unter Anders Sjöbeck Hœck. Rang drei sicherten sich Greta Heemsoth und der Hannoveraner Hengst Endorphin mit 88,6 Prozent.
Red Viper, der König
Erhaben, elastisch, kraftvoll – das sind die Attribute, die einem durch den Kopf gehen, wenn der hünenhafte Dunkelfuchs Red Viper das Viereck in Besitz nimmt. Als Sohn des Blue Hors Romanov (Mutter v. Sir Sinclair) hält er die die Linie des Rubinstein lebendig. Gezogen wurde er von Coen Herbert. Besitzer ist die Reesink Stallions B.V., und wie alle Hengstes dieses Stalls, geht auch Red Viper nun mit Dinja van Liere. Unter der zierlichen Reiterin sieht der imposante Hengst gleich noch beeindruckender aus, gibt ihr reiterlich allerdings auch etwas zu tun. Die Lektionen im versammelten Trab waren eine Augenweide, heute in den Seitengängen auch besser in Stellung und Biegung als noch in der Qualifikation. In den Verstärkungen wurde der Hengst etwas eilig, die Schwebephase nicht länger, sondern eher kürzer. Auch hätte man sich Rahmenerweiterung gewünscht.
Im starken Schritt marschierte er groß los und ließ sich auch zurückführen. Vor der ersten Schrittpirouette zackelte er kurz an.
Im Mittelgalopp auf dem Zirkel wurden die Sprünge eher schneller als erhabener. Der erste fliegende Wechsel war sicher durchgesprungen, der zweite noch besser. Ingesamt hätte man sich im Galopp mehr Versammlung gewünscht. Der vierte fliegende Wechsel war nicht auf die Hilfe gesprungen. Doch alles in allem muss man sagen: qualitativ ein würdiger Weltmeister. Auf Sicht wäre mehr Leichtigkeit wünschenswert. Allerdings sind Reiterin und Pferd auch erst seit einem guten halben Jahr ein Team.
Im Trab habe der Hengst alles gezeigt, was sie sehen wollen, lautete der begeisterte Kommentar der Richter, 9,8. Im Schritt gaben sie wegen des Versehens im versammelten Schritt (dass sie als Anpiaffieren interpretierten) eine 8,5. Der Galopp („mehr Lastaufnahme“) war ihnen eine 9,0 wert. Aufgrund der bereits erwähnten Haken gingen die Richter in der Durchlässigkeit auf eine 8,4 runter. Aber was die Perspektive angeht: „Er hat alles, was ein Championatspferd braucht. 9,5.“
Auch Red Vipers Reiterin, Dinja van Liere, glaubt an den Hengst. Und das felsenfest: „Er ist unglaublich – nicht nur mit seinen Grundgangarten, sondern überhaupt. Er ist so groß, aber dabei Gottseidank mit allem so unkompliziert. Ich fühle definitiv, dass er ein Grand Prix-Pferd für die Zukunft ist!“
Was sie so sicher macht, sei seine Einstellung. „Sein Wille ist beeindruckend“, sagt van Liere. Und obwohl er so groß ist, sei er unglaublich leichtrittig und könne mit seinem Körper umgehen. Sie ist überzeugt, „er wird hundertprozentig ein Grand Prix-Pferd“.
So er denn nicht vorher verkauft wird. Sein Besitzer, Eugene Reesink, hat Red Viper einst auf einer Fohlenauktion entdeckt. Als erstes habe ihn die Farbe überzeugt. „Ich liebe Dunkelfüchse!“ Dann das königliche Auftreten, dass die Züchtergattin schon erkannt hat, als der Kleine gerade mal zwei oder drei Stunden alt war. Und schließlich die Abstammung. Red Vipers Mutter Zolena war mit der Züchtertochter nämlich selbst Teilnehmerin an der WM der jungen Dressurpferde und damals bestes niederländisches Pferd. Und dass sie sich vererbt, sieht man ja schon daran, dass nicht nur Red Viper zweimal Weltmeister wurde, sondern sein ein Jahr jüngerer Bruder Roman Empire gestern nachträglich noch das Ticket fürs Finale der Fünfjährigen löste. Eugene Reesink: „Das Gesamtpaket stimmt!“ Das fällt natürlich auch anderen auf und Reesink ist nicht nur Hengsthalter, sondern auch Händler. Er sagt, er habe zwei Engel auf seiner Schulter, den einen, der sagt, er habe Gehälter zu zahlen, den anderen, der den Hengst behalten will. Was Dinja van Liere will, ist klar. Aber ihr Pferdebesitzer sagt auch: „Momentan ist der, der sagt, er solle bleiben, lauter. Dass er auch deckt, hilft.“
Silber für die dänische Ballerina
Zart, schmal, elegant, leichtfüßig – so kommt die Silbermedaillengewinnerin Brandtbjergs Divya daher. Über Hesselhøj Donkey Boy und Don Olymbrio entspringt sie einem hannoverschen Mutterstamm, demselben, der vier Generationen zuvor schon den erfolgreichen Vererber Don Romantic hervorgebracht hat. Gezogen wurde die hübsche Braune von der Familie Buhl. Inzwischen gehört sie dem Stutteri Søbakkehus und Anders Sjöbeck Hœck hat die bisherige Ausbildung übernommen.
Die Stute verbindet im Trab Kadenz und Mechanik mit Leichtfüßigkeit und das alles geschmeidig im Fluss durch den Körper. Ein Tritt war wie der andere und in den Traversalen kreuzte sie wie kaum ein anderes Pferd an diesem Tag. Ihr Schritt ist einfach nur Wow! Größer kann ein Pferd nicht losmarschieren. Und da das alles durch den Körper ging, ließ sie sich auch gut zurückführen.
Der Galopp ist deutlich im Bergauf angelegt, jedoch nicht ganz so bedeutend wie Trab und Schritt. Die fliegenden Wechsel sprang sie alle durch, allerdings mit viel reiterlicher Unterstützung.
Im Trab vergaben die Richter eine 9,6, im Schritt die 9,2, im Galopp eine 9,0. Die fliegenden Wechsel berücksichtigten sie in der Bewertung der Durchlässigkeit: 8,2. Für die Perspektive gab es ein glattes Sehr gut und damit 90,0 Prozent und die Silbermedaille.
Auf die Frage nach seinem Lieblingsmoment in der Aufgabe hat Anders Sjöbeck Hœck schnell eine Antwort parat: „Das letzte Abwenden auf die Mittellinie nach der fehlerfreien Prüfung!“ Er und Divya kennen sich schon lange. Er bekam sie dreijährig unter den Sattel, um sie auf die Stutenleistungsprüfung vorzubereiten. Dann hatte sie ein Fohlen und kehrte wieder zu ihm zurück. Und wie sieht die Zukunft aus?
„Ich weiß es nicht. Der Besitzer ist ein guter Freund meines Vaters. Ich hoffe natürlich, dass ich sie behalten kann.“ Sie wäre jedenfalls nicht sein erstes Grand Prix-Pferd. „Ich bin mit 14 meinen ersten Grand Prix geritten!“, so der 22-jährige Profi.
Bronze an Endorphin
Schon als Greta Heemsoth und ihr Escolar-Don Nobless-Sohn Endorphin das Viereck betraten, grüßte der hübsche Dunkelbraune lautstark seine Fans auf der Tribüne. Das waren einige. Als Hannoveraner aus der Zucht und im Besitz von Ingo Pape in Hemmoor hat er in Verden quasi Heimspiel.
Die beiden legten toll los – pünktlich ab der ersten Grußaufstellung war Endorphin konzentriert bei der Sache, trabte wunderbar elastisch durch den Körper mit Energie und Fleiß. Die Seitengänge waren zu beiden Seiten geschmeidig gestellt und gebogen, das alles in sehr schönem Rahmen von der ebenso gefühlvoll wie effektiv einwirkenden Heemsoth in Szene gesetzt. In den Verstärkungen wurde der Hengst allerdings eilig.
Im starken Schritt marschierte Endorphin munter drauflos, sicher im Takt und mit viel Vor- und Übertritt. Der versammelte Schritt war dann allerdings phasenverschoben.
Die fliegenden Wechsel gehörten zu den Highlights der Aufgabe, zumindest die ersten drei – alle sicher auf die Hilfe durch den Körper. Dass der Hengst wirklich losgelassen seinen Rücken gebrauchte, konnte man auch in den Übergängen zwischen den unterschiedlichen Tempi gut erkennen.
Für den Trab gaben die Richter eine 9,4, im Schritt aufgrund des Taktthemas in der Versammlung eine 7,9, für den Galopp die 9,3. Der Takt im Schritt wirkte sich auch auf die Durchlässigkeitsnote aus: 8,5, wobei die Richter das gute Seitenbild explizit lobten. Und in der Perspektive sahen sie Endorphin sogar noch vor der Silbermedaillengewinnerin: 9,2. Das war die Bronzemedaille mit 88,6 Prozent.
Greta Heemsoth sagte später: „Ich war superduper motiviert, hier vor meinen Leuten zu reiten und es war einfach schön, dass so viele gekommen sind, um uns die Daumen zu drücken. Und ich glaube, Endorphin war auch ziemlich motiviert. Er hat heute wirklich gut zugehört und ich glaube, er hat es echt genossen.“
Was die Zukunft angeht, sagt auch sie, man wisse ja nie, was kommt. Aber: „Wir lieben ihn sehr!“ Außerdem ist auch er gekört, im Deckeinsatz und zudem noch Ingo Papes erster selbstgezogener WM-Medaillengewinner …
Platz vier für die wunderbare Saffron
Der undankbare vierte Platz wurde es mit 87,60 Prozent für die Siegerin der Qualifikation, Slangerupgaards Saffron v. Secret-Scolari, gezogen und im Besitz von Slangerupgaard A/S, vorgestellt von Anne Troensegaard.
In der Trabtour sahen die beiden noch wie die sicheren Sieger aus – so geschmeidig, so kadenziert, erhaben, fleißig ab- und vorfußend, dabei immer im richtigen Tempomaß und ein Tritt wie der andere, egal ob gerader oder gebogener Linie, ob in Versammlung, mittlerem Tempo oder starkem Trab. Es war eine Augenweide. In der Linksvolte kippte die Stute einmal hinter die Senkrechte. Das wusste Troensegaard in der Rechtsvolte geschickt zu verhindern und die Stute zeigte das berühmte „wie auf Schienen“ gehen in der Wendung. Das war eine richtige Lehrstunde. Auch der Schritt – durch den Körper zur Hand, viel Vor- und Übertritt, sicheres Aufnehmen, toll! Die Richter sahen im versammelten Schritt allerdings unregelmäßiges Fußen und gaben hier nur eine 7,9.
Leider kam dann im Galopp Spannung auf, und die fliegenden Wechsel machten es nicht besser. Das Paar fing toll an mit einem fantastisch ausbalancierten Mittelgalopp auf dem halben Zirkel. Doch beim ersten fliegenden Wechsel auf der halben Diagonale machte die Stute sich fest und sprang gegen die Hand. Er war zwar noch durchgesprungen, aber eben nicht wirklich gut. Das gleiche galt für den zweiten. Der dritte war besser, der vierte auch. Aber in der Durchlässigkeit waren die ersten beiden Wechsel und die Spannung teuer, 8,2. Schade!
Vier deutsche Paare unter den Top Ten
Aktiv, kraftvoll, durch den Körper, kadenziert, vom Boden weg – das gilt alles auch für den großrahmigen Oldenburger Schatzmeister v. Secret-De Niro (Z.: Ewald Grotelüschen, B.: Mandy Zimmer) mit Ann-Christin Wienkamp im Sattel. Im Trab sah er aus wie ein Medaillenkandidat, erhielt auch eine 9,4. Im Galopp konnte er das allerdings noch nicht auf dem Hinterbein halten, kam etwas auf die Vorhand und wurde stark (8,5). Alles in allem wurden es 86,40 Prozent und Rang fünf.
Greta Heemsoth war heute die einzige Reiterin, die zwei Pferde im Finale vorstellen konnte, beide direkt qualifiziert. Neben Bronzemedaillengewinner Endorphin war das auch die ebenfalls hannoversch registrierte Fürst Samarant-Riverside-Tochter Felice FRH. Wie ihr Stallkollege kam sie bei Ingo Pape zur Welt, allerdings ist René Janzen der offizielle Züchter. Im vergangenen Jahr hatte die elegante, elastische Braune Endorphin beim Bundeschampionat noch auf den Silberrang verwiesen, während sie selbst sich Gold sicherte. Heute wurde es Rang sieben mit 84,40 Prozent. Die Stute begann mit einer tollen Trabtour, doch Fehler in den fliegenden Wechseln und ein Umspringen bei der Rückführung waren in der Durchlässigkeit teuer. Auch hätten die Richter sich im Schritt mehr Vor- und Übertritt gewünscht.
Direkt dahinter platzierte sich ein weiterer Hannoveraner auf dem achten Platz: der im Rheinland bei Tobias Schult gezogene Escaneno v. Escamillo-Veneno mit Lisa Lindner im Sattel. Noch immer gehört der einstige Prämienhengst der NRW-Hauptkörung Tobias Schult, inzwischen in Besitzergemeinschaft mit der Familie Wahler vom Klosterhof Medingen. Die Richter hoben besonders die Natürlichkeit des Bewegungsablaufs hervor, die ihnen gefallen habe. Darauf würden sie überhaupt viel mehr Wert legen als früher, erklärte Knut Danzberg (DEN), der die Kommentierung für die Jury übernommen hatte, nach der Prüfung im Rahmen der Pressekonferenz. Darauf, und auf eine gute Anlehnung und zufriedene Mäuler.
An beidem gab es auch bei dem deutschen Paar auf Rang zehn nichts auszusetzen. Das waren die Oldenburger Stute La Jolie SW v. Escamillo-Londonderry (für Züchterin und Besitzerin Sabine Wehle) und Carina Scholz. Scholz stellte die energiegeladene hoch elastische kleine Stute mit viel Geschick und Gefühl vor. Leider hat die Stute noch etwas Probleme mit der Balance in den fliegenden Wechseln. Doch das dürfte nur eine Frage der Zeit sein, bis sie auch hier sicherer wird. Außerdem drückte die erste Grußaufstellung die Durchlässigkeitsnote, wo die Stute zunächst ein paar Tritte rückwärts ging, ehe sie antrabte. Daher wurden es heute nur 82,20 Prozent. Aber da ist definitiv Perspektive für mehr.





