Finger weg von Leckerlis - zumindest, wenn sie Zucker enthalten
Finger weg von Leckerlis - zumindest, wenn sie Zucker enthalten

Nur das Beste für Magen und Darm

Pferdebesitzer wollen nur das Beste für ihr Tier und füttern mit Liebe. Doch genau darin liegt oft das Problem. Im Gespräch mit Expertin Bianca Flemm wird deutlich, wie alltägliche Fehler in der Fütterung zu ernsthaften Gesundheitsproblemen führen können.

Neben orthopädischen Problemen liegen die bei Pferden am häufigsten gestellten Befunde im wahrsten Sinne des Wortes schwer im Magen: Erkrankungen des Verdauungstraktes sind keine seltene Diagnose. Dabei geht es nicht allein um Koliken oder Magengeschwüre, auch Stoffwechselstörungen oder ein geschwächtes Immunsystem können ihre Ursache im Darm haben. Nicht selten werden sie ausgelöst durch gut gemeinte, aber falsch verstandene Fütterung des Pferdes.

Ein zentrales Thema ist das Raufutter. Bianca Flemm beschäftigt sich seit Jahren intensiv mit den Themen Fütterung und Verdauung von Pferden und entwickelte mit ihrem Unternehmen BB Horses ein wissenschaftlich geprüftes Ergänzungsfuttermittel, das gezielt das Wohlbefinden steigern und das Immunsystem unterstützen soll. Sie hat festgestellt: „Einer der größten Fehler, die in der Pferdefütterung gemacht wird, betrifft die Menge und Verfügbarkeit von Raufutter. Pferde brauchen rund um die Uhr Zugang zu Raufutter, zumindest so, dass Fresspausen vier Stunden nicht überschreiten.“ Heu sollte nicht als Beiwerk, sondern als Hauptnahrungsquelle gesehen werden. „Viele Pferde bekommen morgens Kraftfutter, erst später Heu.“ Für den Magen sei es jedoch besser, es genau andersherum handzuhaben, da Heu leichter verdaulich sei und so eine bessere Grundlage für das stärkehaltigere Kraftfutter bilde. Flemm zählt weiter auf: „Abends um fünf oder halb sechs gibt es die letzte Ration – doch oft reicht diese nicht bis zum Morgen. Dann stehen sie die ganze Nacht ohne Futter da.“

Zu lange Fresspausen schaden dem Magen

In ihrer natürlichen Umgebung fressen Pferde rund 18 Stunden täglich kleine Mengen. Dieses Dauerfressverhalten ist tief in ihrer Physiologie verankert. „Auch wenn sich Zucht und Nutzung verändert haben, die Verdauungsphysiologie ist gleichgeblieben,“ betont die Expertin. Die permanente Produktion von Magensäure ist ein typisches Merkmal des Pferdemagens. Bleibt Futter aus, wirkt die Säure ungebremst auf die Schleimhaut. Das Resultat: Magengeschwüre. „Diese Säure ist hochaggressiv. Und wenn nichts mehr im Magen ist, was sie neutralisieren könnte, schadet sie dem Tier.“

Gerade bei Pferden mit wiederkehrenden Magen-Darm-Problemen sei es wenig sinnvoll, sich auf die Gabe von Säurepuffern oder Leinsamenschleim zu verlassen. „Das ist nur eine Symptombehandlung. Stattdessen sollte genau geschaut werden: Wie kann ich die Haltung und Fütterung pferdegerechter gestalten?“ Das bedeute nicht, dass jedes Pferd rund um die Uhr Zugang zu Heu brauche. „Ad-libitum-Heu ist nicht für alle Pferde geeignet. Meins würde davon krank werden. Deshalb steht es in einem Stall, in dem mithilfe eines Futterautomatens alle zwei Stunden für 40 Minuten Heu gefüttert wird.“

Neben Fütterungsfehlern ist auch Stress ein Mitauslöser für Magenprobleme. Haltungsbedingungen, die nicht zur Natur des Herdentiers Pferd passen, erzeugen psychische Belastungen. Isolation in der Box, ständige Wechsel in Herden oder Konkurrenz am Futterplatz sind massive Stressoren. „Viele unterschätzen, wie belastend selbst scheinbar harmlose Dinge wie Transport oder ein Turnierwochenende sein können,“ erklärt Bianca Flemm. „Selbst wenn ein Pferd problemlos auf den Hänger geht, bedeutet das nicht, dass die Fahrt keinen Stress bedeutet.“

Die Rolle des Darms beim Pferd

Der Pferdedarm ist rund 25 bis 30 Meter lang, also fast zwölfmal so lang wie das Pferd selbst. Dabei umfasst der Dünndarm umfasst eine Länge von ca. 20–25 Meter setzt sich zusammen aus dem Zwölffingerdarm (Duodenum – ca. ein Meter lang), dem Leerdarm (Jejunum – ca. 18 bis 22 Meter) und dem Krummdarm (Ileum – ca. 0,7 bis ein Meter)
Der Dickdarm ist rund sieben bis acht Meter lang. Er besteht aus dem Blinddarm (Caecum – ca. ein Meter lang und ein Fassungsvermögen bis 30 Liter), dem Grimmdarm / Colon ascendens (großer Kolon – ca. drei bis vier Meter lang) und dem Kleinen Kolon (Colon descendens – ca. 2–3 Meter lang). Der Mastdarm (Rectum) macht nur rund 30 Zentimeter aus.

Eine gute Mineralisierung als Basis

Die Mineralstoffversorgung ist ebenfalls ein Knackpunkt. „Eine gute Mineralisierung ist das A und O“, weiß Bianca Flemm. Dabei sei ganz klar zu unterscheiden, ob die Pferde im Sport laufen und Leistung erbringen oder ob sie als Freizeitpferd die meiste Zeit auf der Wiese verbringen. „Bei letzteren muss in der Regel gar nicht viel zugefüttert werden.“ Dennoch gebe es häufig eher zu viel als zu wenig Futter und besonders schwierig werde es, wenn das Futter zudem bereits mineralisiert sei. „Dann wird es umso komplizierter, den tatsächlichen zusätzlichen Bedarf zu ermitteln.“

Häufig würden zudem Monoprodukte wie Zink oder Selen auf Verdacht zugefüttert – so manches Mal sogar, ohne zu wissen, ob sie überhaupt gebraucht werden. „Selen kann bei Überversorgung toxisch wirken. Trotzdem füttern viele es prophylaktisch oder weil ein Blutwert bei einer Analyse am unteren Rand ist.“ Das bedeute aber nicht gleich, dass das Pferd Selen pur als Zusatzfutter benötige. Zudem lohne es sich, die Inhaltsstoffe von Zusätzen genau zu überprüfen, bevor sie gegeben werden. „Häufig sind es gar nicht nur Monoprodukte, sondern eine Kombination aus verschiedenen Nährstoffen, die das Pferd vielleicht gar nicht alle braucht.“ Auch ein zu viel des Guten kann sich nachteilig auf den Verdauungstrakt und damit das Immunsystem auswirken. 

Nicht immer ist jedes Zusatzfuttermittel tatsächlich sinnvoll.
Nicht immer ist jedes Zusatzfuttermittel tatsächlich sinnvoll. Foto Equipics

Der Pferdemagen – eine anatomische Einbahnstraße

Aus anatomischer Sicht ist der Magen des Pferdes wie eine Einbahnstraße aufgebaut. Grund dafür ist die besonders stark ausgebildete Kardia, der Übergang zwischen Speiseröhre und Magen. Dieser Ringmuskel lässt zwar Futter in den Magen, verhindert aber zuverlässig, dass es wieder zurückfließt. Zusätzlich mündet die Speiseröhre in einem sehr flachen Winkel in den Magen – auch das erschwert ein Zurückrutschen des Mageninhalts. Die Muskulatur der Speiseröhre ist zudem ausschließlich darauf spezialisiert, Futter nach unten zu transportieren.
Auch physiologische Faktoren spielen eine Rolle: Bei den meisten Tieren löst eine Reizung des Magens über das Nervensystem und das Gehirn den Brechreiz aus. Pferde besitzen diesen Schutzmechanismus nicht. Evolutionsbedingt war er für sie auch nicht nötig – ihre Nahrung bestand in freier Wildbahn ausschließlich aus Gräsern und Kräutern, giftige Pflanzen waren in den Steppen selten.
Problematisch wird diese Einbahnstraßen-Funktion jedoch, wenn ein Pferd zu viel oder ungeeignetes Futter frisst. Gase und Druck können sich im Magen aufbauen, ohne durch Erbrechen abgebaut zu werden. Im schlimmsten Fall drohen Koliken oder sogar ein Magendurchbruch. Während andere Tiere Giftstoffe oft durch Erbrechen loswerden, können Pferde nur über Leber und Niere entgiften.
Die häufigste Erkrankung des Magens ist eine Gastritis: Wird zu viel Magensäure produziert – sei es stressbedingt oder aufgrund von zu langen Fresspausen – können Magenschleimhautentzündungen und Magengeschwüre die Folge sein.

Unabhängige Futterberatungen helfen

Bianca Flemm plädiert daher für eine unabhängige Rationsberechnung durch qualifizierte Futterberater als optimale Lösung, um den Ist-Zustand und den tatsächlichen Bedarf fürs jeweilige Pferd zu ermitteln. „Damit meine ich keine Wochenendkurs-Experten, sondern Menschen, die sich wirklich auskennen und markenunabhängig arbeiten.“ Ein Blutbild könne hilfreiche Hinweise geben, ersetze jedoch nicht die Analyse der Gesamtsituation. Fellstruktur, Verhalten, Verdauung, Stoffwechsel – all das müsse in die Bewertung mit einfließen, damit eine optimale Versorgung vorgenommen werden könne. Am Ende steht für sie fest: Weniger ist oft mehr. „Die Fütterung wird einerseits unterschätzt, andererseits mit zahllosen Produkten überladen.“ Statt auf das nächste Trendfutter zu setzen, sollten Pferdebesitzer den Mut zur Reduktion auf das Wesentliche haben: Gutes Heu, sauberes Wasser, sinnvolle Mineralien und ein realistischer Blick auf Haltung und Bedarf.

Die RRP-Expertin: Bianca Flemm

Bianca Flemm ist Journalistin und Geschäftsführerin einer Kreativagentur, die hauptsächlich für Unternehmen aus der Veterinärmedizin tätig ist. 2017 etablierte sie ein biologisches Insektenabwehrspray, kurze Zeit später folgte mit der Unterstützung von unabhängigen Experten aus der Wissenschaft die Entwicklung eines einzigartigen Ergänzungsfuttermittels, das die Darmflora stärkt und somit das Immunsystem unterstützt und das Wohlbefinden fördert.

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