26. EM Gold für Deutschland in Crozet. Foto: sportfotos-lafrentz.de
26. EM Gold für Deutschland in Crozet. Foto: sportfotos-lafrentz.de

EM Crozet: 26. Mannschaftsgold für Deutschland

Mit knapp 80 Prozent belohnten die Richter heute den Ritt von Isabell Werth und Wendy, der die Goldmedaille für Deutschland sicherte. Foto: Sportfotos-Lafrentz.de
Mit knapp 80 Prozent belohnten die Richter heute den Ritt von Isabell Werth und Wendy, der die Goldmedaille für Deutschland sicherte. Foto: Sportfotos-Lafrentz.de

Es ist vollbracht. Zum 26. Mal in der Geschichte der Dressureuropameisterschaften ging der Mannschaftstitel nach Deutschland. Es war spannend bis zur letzten Minute in Crozet. Und Cathrine Dufour und Mount St. John Freestyle melden Ansprüche auf den Einzeltitel an.

Mit 229,644 Punkten wurden die deutschen Dressurreiter 26. Mal Mannschaftseuropameister vor den Briten mit 226,785 Zählern und den Dänen mit 223,385 Punkten. Selbstverständlich war das nicht. Zwar hatten Katharina Hemmer und Denoix gestern bei ihrer Championatspremiere eine tolle Runde abgeliefert, die das Team schon vor Tag zwei in Führung gebracht hatte. Aber kleine Fehler von Frederic Wandres und Bluetooth ließen die Tür für die Briten offen, die das zunächst auch für sich zu nutzen wussten. Vor der Mittagspause führten die Dänen. Die Einzelrangierung sah zu diesem Zeitpunkt so aus: Hester (GBR) vor Hemmer (GER) vor Moody (GBR) vor Wandres (GER). Alles kam auf die beiden Schlussreiterinnen an, Isabell Werth mit Wendy und Charlotte Fry mit Glamourdale. Doch der Reihe nach.

Bluetooth

Frederic Wandres und Bluetooth. Foto: Sportfotos-Lafrentz.de
Frederic Wandres und Bluetooth. Foto: Sportfotos-Lafrentz.de

Um 12.27 Uhr läutete die Glocke für Frederic Wandres und Bluetooth. Die beiden begannen prima mit gutem Halten, weit unter den Schwerpunkt fußenden Verstärkungen und fließenden Traversalen. Doch in den beiden ersten – sehr im Vorwärts angelegten – Piaffen fußte der 15-jährige Oldenburger Bordeaux-Sohn nicht ganz gleichmäßig, trat hinten links weiter unter als hinten rechts. Auch in den Passagen hat man ihn schon besser im Gleichmaß gesehen. Dann schlichen sich Fehler in der Galopptour ein, in den Zweierwechseln, in der zweiten Pirouette – doppelt teuer – und auch die Einerwechsel hat man schon selbstverständlicher gesehen bei dem Paar. Auf der Schlusslinie konnten sie dann noch einmal punkten. Insgesamt fehlte den beiden heute die letzte Leichtigkeit. Fazit: 74,721 Prozent, schlussendlich Rang neun der Gesamtwertung.

Ein semi zufriedener Frederic Wandres sagte später: „Die Prüfung war so mittel, würde ich sagen. Es gab viele schöne Sachen, aber auch ein paar, wo ich weiß, das können wir besser. Trotzdem alles in allem eine gute Nummer. Aber ich sage mal, da ist noch Luft nach oben.“

Hester und Fame

Der Brite Carl Hester und sein KWPN-Wallach Fame, der übrigens ebenfalls 15-jährig ist und von Bordeaux abstammt, betraten das Viereck um 12.46 Uhr als letztes Paar vor der Mittagspause. Die beiden hat man zum letzten Mal bei den Olympischen Spielen in Paris auf dem Kontinent gesehen. In England erhielten sie diese Saison regelmäßig Bewertungen von 77 Prozent und besser. So viel wurde es heute nicht. Der Wallach war fast immer zu hoch und zu eng aufgerichtet, was auf Kosten der Rückentätigkeit ging, so dass der Ablauf in der Trabtour auch nicht immer im Gleichmaß und in den Verstärkungen keinerlei Rahmenerweiterung erkennbar war. Trotzdem gab es hier keine Wertnote unter 7. Bis zur Galopptour lag das Paar etwa gleichauf mit Wandres und Bluetooth. Doch Carl Hester ist ein Reiter, der keinen Punkt liegen lässt. Das konnte er in der Galopptour voll ausspielen und die Pirouetten gehörten zu den Höhepunkten der Prüfung. Mit 76,087 Prozent setzten sie sich an die Spitze des Feldes vor der Pause.

Werth und Wendy

Isabell Werth hatte ihr Gameface aufgesetzt, als sie mit Wendy zur Grußaufstellung einritt. An der langen Seite ritt sie noch einmal ein paar Einerwechsel, die Lektion, die ihr und ihrer Stute bei den letzten Auftritten Probleme bereitet hatte. Der Auftakt war stark mit guten Traversalen und sicherer Piaffe-Passage-Tour. Daraus dann der vielleicht beste starke Schritt der Prüfung mit maximaler Dehnung zur Hand, fleißig, losgelassen und raumgreifend. Die zweite Piaffe-Passage-Tour brachte den beiden noch mehr Punkte als die erste. Das Angaloppieren aus der Passage kam nicht ganz prompt. Der Galopp selbst wirkte etwas abgehackt, die Zweierwechsel waren knapp im Durchsprung. Es folgte eine gute Verstärkung und Rückführung. In den Zick-Zack-Traversalen wurde die Anlehnung fest, aber es passierte kein Fehler – ebenso wenig wie in den Einerwechseln und dem Rest der Aufgabe. Isabell Werth und Wendy hatten ihr Möglichstes getan. Die Richter griffen hoch in die Notenkiste: 79,224 Prozent. Ob es reichen würde, sollte sich um 16.17 Uhr entscheiden.

Fry und Glamourdale, die Entscheider

Charlotte Fry und Glamourdale. Foto: Sportfotos-Lafrentz.de
Charlotte Fry und Glamourdale. Foto: Sportfotos-Lafrentz.de

Das war die Startzeit von Charlotte Fry und Glamourdale. Etwas mehr als 78 Prozent mussten die Weltmeister von 2022 liefern, damit die Briten ihren Titel von 2023 verteidigen konnten. Bis zur ersten Piaffe sah es auch danach aus, als würde ihnen das gelingen. Es wäre nicht das erste Mal gewesen. Bei der EM in Riesenbeck 2023 kamen sie mit 81,258 Prozent aus dem Grand Prix. Was dann aber nicht gelang, waren die Piaffen, weder die erste noch die zweite. Einen mittelmäßigen starken Schritt hatten sie noch durch einen guten versammelten Schritt wettmachen können. Doch als sich dann in der Galopptour teure Fehler einschlichen (ein Umspringen nach dem Angaloppieren, Spannung in den Einerwechseln, die ersten Pirouette, in der Glamourdale ganz die Balance verlor, die zweite, die auch eher gestemmt als gesprungen war) und der Rappe immer unzufriedener zu werden schien, war die Sache praktisch entschieden. Mit 75,869 Prozent landeten sie in der Gesamtwertung auf Rang sechs hinter Carl Hester, aber noch vor Katharina Hemmer und Denoix.

Damit war die Mannschaftswertung entschieden. Für Isabell Werth war es ihre 13. EM-Mannschaftsgoldmedaille. Sie weiß also, wovon sie spricht wenn sie sagt: „Es war noch nie so offen. Ich glaube, wir haben alle bis zuletzt gefiebert.“ Wohl wahr. Und morgen geht es weiter mit der Einzelwertung im Grand Prix Special. Auch hier gilt: Medaillenverteilung offen. Isabell Werth sagt: „Man darf ja nicht vergessen, wo wir herkommen. Ich habe sie seit Januar letzten Jahres und mir fehlt noch das eine oder andere Turnier, um die letzte Sicherheit zu haben. Deshalb bin ich super happy heute. Morgen ist ein neuer Tag. Das wichtige war erstmal, dass wir unsere Mannschaft nach Hause gebracht haben und morgen geht’s neu los. Wir haben es in der Hand, ganz vorne mitzumischen, aber wir müssen die Leistung und die Sicherheit ins Viereck bringen.“

Traumrunde von Dufour

Cathrine Dufour und Freestyle. Foto: sportfotos-lafrentz.de
Cathrine Dufour und Freestyle. Foto: sportfotos-lafrentz.de

Leicht wird es für Werth jedenfalls nicht, ihre zehnte Einzelgoldmedaille bei Europameisterschaften zu gewinnen. Denn da ist zum einen das Paar aus Dänemark, das heute als einziges eine insgesamt „gute“ Runde von über 80 Prozent drehte: Cathrine Laudrup-Dufour und Freestyle. Mit voll verdienten 80,823 Prozent sicherten sie ihrer dänischen Heimat (bzw. Dufours Heimat, denn die 16-jährige Hannoveraner Fidermark-Tochter Freestyle kam in Deutschland zur Welt und wuchs in England auf) die Bronzemedaille und sich selbst den Sieg in der Prüfung.

Es war ein wunderbarer Ritt, in reeller Selbsthaltung und so mit steter weicher Anlehnung, hervorragend in der Balance und immer den Eindruck vermittelnd, dass die beiden allen Anforderungen, die diese Aufgabe an Reiter und Pferd stellt, voll gewachsen sind. Die beiden strahlten die Harmonie und Leichtigkeit aus, die man sich wünscht. Das riecht nach einer Medaille, in der heutigen Form auch nach der goldenen.

Zonik Plus mit Luft nach oben

Justin Verboomen und Zonik Plus. Foto: Sportfotos-lafrentz.de
Justin Verboomen und Zonik Plus. Foto: Sportfotos-lafrentz.de

Das Paar, auf das alle gewartet haben, waren Belgiens Justin Verboomen und Zonik Plus, die Shooting Stars der Saison, die in Aachen Isabell Werth und Wendy hinter sich gelassen hatten. Der wunderschöne Rappe v. Zonik, deutlich von Muttervater Hohenstein geprägt und als Rheinländer eingetragen, ist neun Jahre jung. Mit dem ganzen Esprit und der ganzen Elastizität seiner Jugend begann er heute seinen Job, die Ohren gespitzt, das Genick meist der höchste Punkt. Doch in die ganze Parade vor dem Rückwärtsrichten bremsten die beiden abrupt hinein und das Rückwärtsrichten selbst war zu eilig. Beim Antraben ging kurzzeitig die Balance verloren und der Hengst trat gegen die Vierecksbegrenzung. Die Harmonie war jedoch rasch wiederhergestellt. Was die beiden Piaffe- und Passage-Reprisen vor und nach dem Schritt angeht – aktiver und leichtfüßiger als Zonik Plus kann ein Pferd nicht piaffieren. Aber er dürfte weiter in Richtung Schwerpunkt untertreten und zeitweise zieht er das Sprunggelenk hoch. Vielleicht eine Frage der Kraft. Die Übergänge von der – ebenso aktiven – Passage in die Piaffe sind Spielerei für ihn, dass er danach gelassenen Schritt geht, scheint wie eine Selbstverständlichkeit. Fehler in den Einerwechseln kamen die beiden doppelt teuer zu stehen. Doch die Pirouetten waren ein Highlight, vielleicht die besten des Tages. 79,084 Prozent wurden es, Rang drei in der Einzelwertung hinter Werth und Wendy an zweiter Stelle. Aber im Grand Prix von Aachen hatten die beiden auch noch nicht alles gezeigt, was sie können.

Apropos Einzelwertung – auch Ingrid Klimke und Vayron haben morgen noch einmal die Chance, sich mit dem EM-Viereck anzufreunden. Die besten 30 des Grand Prix qualifizieren sich für den Special. Mit ihren knapp 70 Prozent sind sie nun 28. und damit dabei.

Toller Auftritt von João Pedro Moreira und Fürst Kennedy

Eine richtig tolle Runde gelang dem Portugiesen João Pedro Moreira, der für den RV Graf von Schmettow Eversael reitet. Mit 72,578 Prozent platzierte er sich mit seinem selbst ausgebildeten Oldenburger Hengst Fürst Kennedy v. Fürsten-Look an 13. Stelle. Damit haben auch sie ganz locker den Cut für den Einzug ins erste Einzelfinale geschafft.

Moreira und Fürst Kennedy verbindet eine lange gemeinsame Geschichte, die quasi mit dem Anreiten begann. Sie waren zusammen beim Bundeschampionat am Start, haben aufsehenerregende Runden bei den Weltmeisterschaften der jungen Dressurpferde gedreht, und sind seit letztem Jahr im internationalen Grand Prix-Sport unterwegs. Der Rappe mit dem Ponycharme ist erst zehnjährig, Crozet ist sein erstes Championat. Aber sie haben dieses Jahr schon einen historischen Erfolg in Wiesbaden für sich verbuchen können, als dort zum ersten Mal die portugiesische Hymne für einen Sieg auf dem Viereck erklang, erst im Grand Prix, dann auch im Special.

Die beiden Vereinskollegen Werth und Moreira waren nicht die einzigen Rheinländer in Crozet. Aus Mönchengladbach war der Ungar Matz Garai angereist, der mit seinem zwölfjährigen Vitalis-Sohn Vitus 68,323 Prozent erhielt. Er wurde damit 39. Damit ist das Turnier für ihn leider bereits vorbei. Das gilt auch für Gabriele Kiefer und Cyprus Ophelia, die bereits gestern am Start waren und 65,450 Prozent bekommen hatten.

Alle Ergebnisse finden Sie hier.

Der Grand Prix Special beginnt morgen wieder um 10 Uhr.

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