Dr. Matthias Beggerow

Turniersport – quo vadis?

Der Turniersport steht aktuell vor großen Herausforderungen und erheblichen Veränderungen. Wie wird sich die Turnierlandschaft weiter verändern? Ein Kommentar von Dr. Matthias Beggerow zur aktuellen Situation. 

Die Deutsche Reiterliche Vereinigung hat längst überfällige Neuerungen im deutschen Turniersport zum Thema einer Workshop-Reihe gemacht, die bereits 2018 an den Start ging. Ende letzten Jahres dann erhöhte die FN eher zaghaft den Beitrag pro Startplatz für Reiter um ca. 0,52 Euro – und senkte entsprechend die FN-Gebühr für Veranstalter. Begleitet wurde der Prozess der Neuorganisation  auch medial  – bis durch den nie für möglich gehaltenen Lockdown im Frühjahr auch der Turniersport beinahe zum Erliegen kam. 

Erst im Mai 2020 wurden wieder erste Veranstaltungen durchgeführt, wenn auch mit erheblichen Einschränkungen und natürlich unter Beachtung der Hygienebestimmungen. Alle großen deutschen Turnierevents aber mussten abgesagt werden, weil Veranstaltungen in dem gewohnten Umfang mit vielen Zuschauern coronabedingt nicht zulässig waren. Ein Status quo, der andauert: Sie sind es  bis heute leider immer noch nicht.  

Der Sport kam zum Glück wieder in Schwung, Late Entry war der Schlüssel zum Wiedereinstieg. Mit unterschiedlich hohem Kostenaufwand für teilnehmende Reiter. Inklusive Corona-Zuschlag kamen diese mitunter auf das doppelte Nenngeld. Manchen Veranstaltern gelang es aber sogar, ein normales Turnier mit den üblichen Vorlaufzeiten für Nennungen und den vorgegebenen Nenngeldern zu organisieren. Siegprämien freilich mussten reduziert werden bis auf null, Schleifen und Siegerehrung waren gestrichen, Zuschauer sowieso.  

Auch auf Sponsoren mussten die Turnierveranstalter teilweise verzichten. Dabei werden Geldgeber zur Finanzierung von Reitsportveranstaltungen mehr denn je gebraucht. Aber es ist in diesen Zeiten nicht einfach, Sponsoren für ein Reitturnier zu begeistern und ihnen als Werbetreibende den passenden Rahmen zur Präsentation ihrer Produkte zu bieten. Viele Veranstalter haben, weil ihnen die notwendigen Mittel fehlen, frühzeitig die Absage ihrer Turniere beschlossen.  

Momentan scheint alles möglich 

Die Veranstalterwelt ist durch die neuen Notwendigkeiten kräftig durcheinander gewirbelt worden. Dabei ist vieles seitens der Verbände in den letzten Monaten möglich geworden. Die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) und der Rheinische Pferdesportverband haben – aus der Not geboren – hohe Flexibilität bewiesen. Während manche Veranstalter das Wagnis, ein Turnier zu organisieren, gar nicht erst eingehen wollten, entwickelten andere ganz neue Ansätze: Wo in der Vergangenheit sechs oder acht Turniertage pro Jahr Standard waren, wurden es nun 20 oder mehr Turniertage und ein Dutzend Veranstaltungen. Parallelen zu den Turnierbedingungen in den Niederlanden oder Belgien, deren Beweglichkeit unseren Verbänden ja immer als nachahmenswert vorgehalten wurde, sind durchaus erkennbar. Alles scheint im Moment möglich: Die Anzahl der Turniere pro Veranstalter, die Flexibilität bei Nenngeldhöhen plus Zuschlägen, Reduzierung der Geldpreise auf 70 Prozent,  50 Prozent bis herunter auf null, ja sogar Geldpreise in Abhängigkeit von der Anzahl der Nennungen verbunden mit einem Verzicht auf Schleifen und Siegerehrung – alles denkbar. In einem solchen Umfeld Turniere mit einem positiven Kassenergebnis abzuschließen ist möglich, wenn auch nicht die Regel.  

In diesem freien Wettbewerb rückt für Turnierteilnehmer die Infrastruktur vor Ort ins Zentrum. Auf welche Bedingungen er auf dem Turniergelände stößt, diese Frage wird mehr denn je ein Entscheidungsfaktor. Wie ist die Bodenbeschaffenheit für die Pferde bei gutem aber auch bei schlechtem Wetter, wie komfortabel sind die Parkmöglichkeiten und wie das Turniermanagement? Der Faktor Atmosphäre auf einem Reitturnier, wo etwa ein großes Publikum für super Stimmung sorgt, hat  bis auf weiteres wohl zwangsläufig an Stellenwert verloren. Das ist im Übrigen aber das Prinzip vieler Turnierevents in Holland und Belgien. Auf Wettbewerben zum Beispiel in Lanaken oder Peelbergen regiert allein der Reitsport – bei optimalen Bedingen für Pferd und Reiter.  Alles andere spielt keine große Rolle. Und viele Reiter sind gerne bereit, dafür entsprechend zu zahlen. Die  Durchführung von internationalen Turnieren mit hohen Nenngeldern ist ein Trend, der schon aus der Vor-Coronazeit bekannt ist. Turnierveranstalter in Spanien bestätigen diese Entwicklung: Teilnehmende Reiter treffen im Gegenzug auf beste sportliche Bedingungen. 

Die Zukunft von Reitvereinen als Turnierausrichter 

Was heißt das für die Zukunft in den Reitervereinen als Ausrichter von Turnieren? Bei den bisher üblichen Nenngeldern war es dem Ausrichter in der Regel jedenfalls kaum möglich, die Kosten für ein Turnier inklusive der erforderlichen Infrastruktur, die damit verbunden ist, zu decken. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder sind Sponsoren und Werbetreibende zur Mitfinanzierung bereit oder die Unkostenbeiträge der Teilnehmer müssen dafür sorgen, dass die Gesamtfinanzierung stimmt. Das bedeutet, jeder einzelne, der zum Turnier antritt, wird mit erhöhtem Beitrag zur Kasse gebeten. Man muss kein Prophet sein, um die Sponsorensituation für 2021/22 vorhersagen zu können. Es wird mit Sicherheit nicht leichter in den nächsten Monaten, Spenden- oder Werbegelder für ein Reitturnier zu erhalten. Die Corona-Krise sorgt dafür, dass zahlreiche Branchen am Limit sind. Ein Autohaus, eine Fluglinie als Sponsor oder ein größeres Geldinstitut wird die Organisatoren von Turnierveranstaltungen nicht ruhiger schlafen lassen, da sie wissen, dass zugleich die Zuschauereinnahmen wegbrechen.  

Wenn es den Profis  in der Reitsportszene so ergeht, was machen dann erst die kleineren Vereine im ländlichen Bereich, die den Turniersport in der Vergangenheit stets mitgeprägt haben? Im Wettbewerb mit den Großen werden sie leicht ins Hintertreffen geraten. Und mal Hand aufs Herz: Warum sollen diese Vereine auch das Risiko eingehen, sich mit einer Turnierveranstaltung in die wirtschaftliche Verlustzone zu manövrieren? Es darf also niemanden wundern, wenn angesichts solch schwieriger Bedingungen mancher Veranstalter die Freude an der Organisation eines Turniers verliert. Auf jeden Fall darf man sich Sorgen machen – um die Veranstalter und um die Turnierlandschaft, die wohl um einige Adressen ärmer werden wird.  

Das einstweilige Fazit für den Turniersport sieht wohl für die nähere Zukunft so aus: 

  1. Reitsportveranstaltungen mit sehr guten Bodenverhältnissen und guter Infrastruktur sind nachgefragter denn je. 
  1. Professionelle oder semiprofessionelle Ausrichter, die über die genannten Voraussetzungen verfügen, werden ihr Angebot noch stärker ausweiten. 
  1. Turnierreiter orientieren sich vermehrt an guten Bodenverhältnissen und umfassenden Ausschreibungen. Der Fokus liegt auf der sportlichen Seite, der Faktor Rahmenprogramm und Publikum entfällt.  
  1. Das Interesse an internationalen Turnieren mit höheren Startgeldern nimmt zu. Die Chancen für den Veranstalter auf wirtschaftliche Rentabilität stehen gut, er trägt aber auch das größere Risiko. 
  1. Sponsorengelder sind immer schwerer zu generieren. Zur Gegenfinanzierung wird es notwendig sein, dass Turnierreiter einen höheren Eigenbeitrag leisten.  
  1. Das erste Corona-Jahr hat gezeigt: Eine Flexibilisierung der Nenngelder  –  bis zur Grenze der Regelungen für Late-Entry-Turniere  –  ist notwendig und möglich.  
  1. Eine Reduzierung der Geldpreise dient nicht der Gewinnmaximierung, sondern sichert die Durchführung einer Turnierveranstaltung wirtschaftlich ab.  
  1. Kleinere Veranstalter behalten hoffentlich eine treue Gruppe von Turnierreitern im regionalen Bereich. Dennoch muss man sich um diese Turniere Sorgen machen. Mancher Reiter nimmt nämlich für bessere Startbedingungen andernorts ein paar Anfahrtskilometer mehr in Kauf.  
  1. Wünschenswert ist eine Turnierlandschaft, die Reitsportlern ein breites Spektrum bietet. Die Pandemie hat dem Trend zu  rein sportlich ambitionierten Veranstaltungen Vorschub geleistet. Auf Reiterfeste mit glanzvollem Rahmenprogramm vor ausverkauften Zuschauerrängen sowie Gastronomie- und Shoppingmeile müssen wir wohl noch eine Zeit lang verzichten. 

Dr. Matthias Beggerow

Dr. Matthias Beggerow (63) ist seit 28 Jahren Vorsitzender des Reitervereins Hebborner Hof in Bergisch Gladbach, seit über 25 Jahren ist er zusammen mit Peter Lautz Turnierleiter der Bergisch Classics. Er ist Mitglied im FN-Workshop Turniersport 3.0. Seit 2021 ist er Vorsitzender des Schiedsgerichts im Pferdesportverband Rheinland. 

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